1870 - 1890 1890

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Bismarcks Entlassung kam mit einer Formalität. Der Kaiser wollte sich von den Ministern unmittelbar informieren lassen. Der Kanzler verweigerte es ihm. Er scheute sich nicht, seine Feindin, die Kaiserin, zu bitten, ihren Sohn zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Die von ihm so oft Gedemütigte antwortete ihm, dass sie keinen Einfluss auf Wilhelm mehr habe. “Und Sie, Fürst Bismarck, sind es, der ihn zerstört hat.” Jetzt kam die Machtdemonstration des Souveräns. Er behandelte Bismarck nicht einmal wie einen alten Diener, sondern ließ ihn auffordern, sein Rücktrittsgesuch umgehendst abzugeben.


Im Jahr zuvor hatte in Österreich der “Fall Mayerling” gezeigt, dass es hinter den glanzvollen Fassaden der Kaiser- und Königshäuser sehr "menschelte". Auch in der Donaumonarchie wollte der Kaisersohn anders regieren. Die Bindung an das Deutsche Reich lehnte er ab. Ein Zusammengehen mit Frankreich schien ihm besser. Auch innenpolitisch lag er auf Gegenkurs. Thronfolger Rudolf war mit seinen dreißig Jahren am Ende. Er war Alkoholiker, Morphinist, geschlechtskrank, seine Ehe war kaputt. Jetzt wurde seine Misere aussichtslos: Seine Geliebte, die siebzehnjährige Baronin Vetsera, war schwanger. Im Jagdschlösschen Mayerling, nahe Baden bei Wien, erschoss er sie und dann sich selbst. Das Kaiserhaus hatte den Skandal zu vertuschen versucht. Die Existenz des Mädchens wurde nicht erwähnt. Der Thronfolger sollte sich “im Zustande der Geistesverwirrung” umgebracht haben, damit er in der Kapuzinergruft bestattet werden konnte. Schon den Zeitgenossen erhellte “Mayerling” die doppelbödige Moral der Zeit. Der schöne Schein musste aufrecherhalten werden.


Nietzsche erlag 1900 seiner Syphilis. Er hatte Strindberg geschrieben, er habe einen Fürstentag nach Rom einberufen, um den jungen Kaiser erschießen zu lassen. Er unterschrieb mit “Nietzsche Cäsar, der Gekreuzigte”. Der Adressat antwortete als “Strindberg, Deus optimus maximus”.


Bis dahin war der Krieg eine Art Herrensport gewesen. 1889 erschien der Anti-Kriegs-Roman “Die Waffen nieder” von Berta von Suttner, einer geborenen Gräfin Kinsky. Ihr Buch wird in Deutschland verboten, als der Erste Weltkrieg beginnt. Auf ihren Vortragsreisen hatte sie den Erfinder der schrecklichen Kriegswaffe Dynamit, Alfred Nobel , kennengelernt. Auf ihre Anregung hat er den Nobelpreis gestiftet. 1905  ist  ihr der Friedens-Nobelpreis verliehen worden.


Die Kraftgestalt Bismarcks wirkte weit über seine Zeit. Viele Denkmäler, Türme, Schulen und Lieder, unzählige Straßen und Plätze bekamen seinen Namen. Tatsächlich wäre die von den europäischen Mächten beargwöhnte Einigung Deutschlands ohne ihn und sein oft waghalsiges Taktieren wohl kaum zustande gekommen. Doch gerade wegen seiner Monumentalisierung kann nicht verschwiegen werden, dass der “Eiserne Kanzler” am Ende seiner Regierungszeit auch am Ende seiner Regierungskunst war. Nicht erst sein Nachfolger, schon er selbst konnte nicht mehr mit den “fünf Kugeln”, den fünf Großmächten, jonglieren. Auch innenpolitisch hatte er sich festgefahren. Im Reichstag hatte er zwei Drittel der Abgeordneten gegen sich. Deshalb spielte er mit dem Gedanken, den Reichstag abzuschaffen - ein Staatsstreichplan gegen den Staat, den er selbst geschaffen hatte.

Ein Parteiführer kommentierte: “Gewiß war es ein Glück, dass Fürst Bismarck entlassen wurde. Aber dass es ein Glück war, das ist eben das Unglück.” Die FRANKFURTER ZEITUNG wurde deutlicher: “Möge auch von Bismarck gelten, dass nicht wiederkehrt, was einmal gegangen ist; die Nation wird dann den 18. März 1890 bald zu den Tagen zählen, derer man mit Freuden gedenkt.”


Der Entlassene saß nun in Friedrichsruh und diktierte seine “Gedanken und Erinnerungen” keineswegs so, wie es gewesen war, sondern wie sie ihn am besten darstellten.

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