1892 - 1918

postheadericon Die Kaiser-Zeit

oder: Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen


Während eines Festes in der deutschen Botschaft in Paris betrachtete der französische Kriegsminister ein großes Bild des deutschen Kaisers in Paradeuniform. “Gefällt Ihnen das Porträt?” fragte ihn der Botschafter. Darauf der Franzose: “Porträt? Das ist kein Porträt! Das ist eine Kriegserklärung!”


Dabei war der Kaiser friedliebend. Nur riss ihn seine Begeisterung zu oft zu Formulierungen hin, die schockierten. So, wenn er Soldaten ermahnte, sie müssten auf Vater und Bruder schießen, wenn er es befehle. Die Soldaten, die 1900 nach China zur Niederschlagung des Boxer -Aufstandes abgingen, forderte er auf, mit der Brutalität der Hunnen zu kämpfen. Die Briten verteufelten darum die Deutschen bis in den Zweiten Weltkrieg als Hunnen. Mehrere seiner Formulierungen verursachten diplomatische Schocks. Schon beim Aufruf “Völker Europas, schützt Eure heiligsten Güter!” fühlten sich die anderen bevormundet. Dazu ließ er eine Allegorie der asiatischen Gefahr malen, wodurch sich Japan beleidigt fühlte. Zudem wirkte seine bramarbasierende Großsprecherei oft unkultiviert. So, als der britische Kriegsminister Lord Haldane, der gelernter Philosoph war und Hegel übersetzt hatte, 1912 nach Berlin kam, um Deutschland bei der Flottenrüstung zu mäßigen. Er hatte die Gräber von Hegel und Fichte verwahrlost gefunden. Beim abendlichen Festbankett sagte er das dem Kaiser. Der antwortete ihm lächelnd-schnarrend: "Ja, in meinem Reiche ist für Kerle wie Hegel und Fichte kein Platz."


Aber die Deutschen waren stolz auf ihn und damit auch auf sich, wenn er beispielsweise im Brandenburger Landtag schmetterte: „Zu Großem sind wir noch bestimmt, und herrlichen Zeiten führe ich euch noch entgegen.” Tatsächlich müssen die dreißig Jahre “Kaiserzeit” mit Ausnahme der Weltkriegszeit wenn auch nicht herrlich, so doch für die meisten zufriedenstellend gewesen sein - verglichen mit vorher.


Deutschland wuchs in jeder Hinsicht: Die 41 Millionen von 1870 auf 67 Millionen 1914. Handel und Industrie wuchsen so stark, dass sich viele Konzerne, Kartelle und Syndikate bildeten. Es wurde verdient. Für die Arbeiter reichte es jetzt immerhin zu einer bescheidenen Häuslichkeit. Ihre Fabrikherrn wurden wohlhabend, manche sogar reich. Das Geld des Großbürgertums vermehrte rasch das Bankenkapital. 1890 verbuchten die deutschen Kreditbanken 3,15 Milliarden Mark, 1910 schon mehr als 15 Milliarden.


Die sozialen Veränderungen waren enorm. Der Kleinadel auf seinen Rittergütern ist keine wirtschaftliche Größe mehr. Er liefert zwar weiter Kadetten und sein 1893 gegründeter “Bund der Landwirte” kann im Parlament Druck machen. Neu ist die Gruppe der Angestellten. Sie brauchen sich die Finger nicht mehr schmutzig zu machen. Die Arbeiter akzeptieren diesen Staat infolge ihrer Besserstellung. Auch das katholische Zentrum und die Sozialdemokratische Partei werden immer “staatstragender”. Als es in den Weltkrieg geht, wird der Kaiser sagen: “Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche!”


Der Kaiser lag voll im Trend: “Wilhelm II. hat ... tatsächlich die Aufgabe eines Königs vollkommen erfüllt, indem er fast immer der Ausdruck der erdrückenden Mehrheit seiner Untertanen gewesen ist, ... der Repräsentant ihres Weltbildes. Die meisten Deutschen der Wilhelminischen Ära waren nichts anderes als ... verkleinerte Kopien ... Kaiser Wilhelms.” Seine Taktlosigkeit, seine Eitelkeit, sein großtuerisches Gehabe “wäre völlig harmlos geblieben, wenn Wilhelm ein bloßer Bürger ... und eben nicht Kaiser gewesen wäre. Trotz allem ist die deutsche Nation geradezu verpflichtet, diesem Herrscher eine gewisse Pietät zu bewahren; und zwar aus Pietät gegen sich selbst”, mahnte Egon Friedell . Seine Taktlosigkeit charakterisierte man spasshaft mit dem ihm angehängten Ausspruch: Wo kann ich mich hier unbeliebt machen? Und in Wien kommentierte man, Wilhelm wolle eben auf jeder Jagd der Hirsch, auf jeder Hochzeit die Braut, auf jeder Beerdigung die Leiche sein. Unglücklicherweise verführte ihn seine Schauspielernatur dazu, "Politik als Kostümfest zu inszenieren." Diese seine Gefallsüchtigkeit wurde noch verstärkt durch die Schmeichelei seiner Hofschranzen. Der österreichische Außenminister Graf Czernin fand so viel Servilität unvergleichlich: "Allein das Faktum, dass hohe Würdenträger dem Kaiser Wilhelm die Hand küssten, wäre in Wien ein ganz unmögliches Verhalten gewesen."

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