1892 - 1918 1895

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Im Welthandel hat Deutschland um die Jahrhundertwende alle europäischen Rivalen überholt. In der Industrieproduktion ist Britannien bereits 1895 überholt. Anfang 1896 konnten die Briten in einem ihrer Wochenblätter lesen: “Weil die Deutschen den Engländern so ähnlich sind, sind sie unsere natürlichen Nebenbuhler. Überall auf der Welt ... stoßen Engländer und Deutsche aufeinander ... Hier wird der erste große Artenkampf der Zukunft sichtbar. Hier sind zwei wachsende Nationen, die aufeinander drücken ... Eine von beiden muss das Feld räumen, … Macht Euch fertig zum Kampf mit Deutschland, denn Germania esse delendam.”  England müsse entschlossen auftreten, wenn “irgendeine Macht ... einen übermäßigen Zuwachs erreicht”, riet auch Premier Gladstone.


In Deutschland sah man die Lage ähnlich. Caprivi vor dem Reichstag: “Wir müssen exportieren. Entweder wir exportieren Waren oder wir exportieren Menschen. Mit dieser steigenden Bevölkerung ohne eine gleichmäßig zunehmende Industrie sind wir nicht in der Lage weiterzuleben.” Dass es weiterging, ist seinen Handelsverträgen zu danken. Die Einfuhrzölle für Getreide, Vieh, Futtermittel, Holz und Rohstoffe sanken, und die deutschen Industrieerzeugnisse konnten billiger ausgeführt werden. Das war lebenswichtig für Deutschland, das sich vom Agrarland zum Industriestaat wandelte. In den zwölf Jahren, in denen die Verträge galten, stieg die deutsche Ausfuhr von drei auf sieben, die Einfuhr von vier auf neun Milliarden. Die Sozialdemokraten hatten zum ersten Mal für eine Regierungsvorlage gestimmt. Die Handelsverträge brachten der Arbeiterschaft sichere Beschäftigung und steigende Verdienste. Der soziale Frieden war gesichert. Caprivi wurde Graf.


Er hat noch mehr getan: Die Katholiken versöhnt, die Polen Westpreußens von Repressalien befreit, die Sozialistengesetze auslaufen lassen, den Arbeitsschutz verbessert, die Steuerpolitik etwas gerechter gemacht. Deshalb war er den Besitzenden suspekt und der “kornbauenden Ritterschaft" wegen der verbilligten Agrarimporte verhasst. Sie diffamierten den Kanzler als “Mann ohne Ar und Halm”. Caprivi musste sich fragen: “Lohnt es dem Staat noch, für diese Klasse Opfer zu bringen?”


Die Stärke der Armee betrug nun 589.000 Mann. Der Kaiser wollte jedoch noch immer die dreijährige Dienstzeit. Die war jetzt noch überflüssiger als zu Zeiten seines Großvaters. Er gab dem Kanzler die Schuld am Nein des Reichstages. Die Sozialdemokraten blieben Gegner der Regierung, die Außenpolitik eingeschlossen. Die beste sei gar keine, war ihr Credo. Der Kaiser wollte Ausnahmegesetze gegen die “Staatsfeinde”, die er in Anspielung auf die “Internationale” und die Parole “Arbeiter aller Länder vereinigt Euch!” als “vaterlandlose Gesellen” bezeichnete. Der Kanzler lehnte ab. So ein Widerspruch forderte den selbstherrlichen Wilhelm heraus, denn: “Einer nur ist der Herr im Reiche, und das bin ich, keinen anderen dulde ich!”


Caprivi musste das Kanzleramt räumen. Er war zwischen den Mühlsteinen der Politik zerrieben worden: zwischen den Sozialdemokraten, dem Zentrum und den Großagrariern, zwischen dem pfauenhaften Kaiser und Bismarck, der anonym seine Politik als “Capriviolen” lächerlich machte.
Auf der Jagd gestand der Kaiser seinem Duzfreund Eulenburg , dass er nicht wisse, wen er als neuen Kanzler berufen solle. “Phili”, ein kultivierter, unmilitärischer Schöngeist, der die Politik als “Brutanstalt für Schlangeneier” ansah, riet ihm zum Statthalter des “Reichslandes” Elsass-Lothringen, Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst , schon fast sechsundsiebzig, daher als Übergangskanzler geeignet.


Deutschland hätte Reformen nötig gehabt. Doch selbst wenn Hohenlohe ein Kämpfer gewesen wäre, wäre er am Kaiser gescheitert, der in alles hineinregierte. Wilhelm, intelligenter und beschlagener als die meisten Minister, hätte zurückhaltender sein sollen. Auch seine künstlerische Spannweite war imponierend. Missgünstige vermiesten ihn zum “Universaldilettanten”. Vor allem hielt er sich für einen vorbildlichen Monarchen mit einer Überzeugung in sein Gottesgnadentum, die schon sehr komisch wirkte. Die Person des bewusst martialisch auftretenden Kaisers sammelte wie ein Brennglas die drohenden Eindrücke, die besonders Ausländer von Deutschland bekommen mussten.


Dabei hatte Deutschland dieses entstellende Bild nicht verdient. War das Spitzweg-Deutschland eines der Dichter und Denker gewesen, so war das jetzige mit seinen Naturwissenschaftlern, Technikern und Medizinern wegweisend für Zivilisation und Fortschritt. Anfang der neunziger Jahre nimmt Emil von Behring der Diphtherie, dem “Würger der Kinder", und dem Wundstarrkrampf, dem Killer der Kriegsverwundeten, ihren Schrecken. Dafür bekommt er den ersten Medizin-Nobelpreis. Dafür konnte man damals über sechzig Kilo Gold kaufen. 1893 beginnt Rudolf Diesel seinen Motor zu entwickeln, 1895 entdeckt Röntgen die nach ihm benannten Strahlen und 1900 stellt Max Planck seine Quantentheorie auf, die die Physik revolutioniert.


“Der gewöhnliche Mensch lebt heute leichter, bequemer und sicherer als früher der Mächtigste. Was schert es ihn, dass er nicht reicher ist als andere, wenn die Welt es ist und ihm Straßen, Eisenbahnen und Hotels, Telegraph, körperliche Sicherheit und Aspirin  zur Verfügung stellt”, schrieb Ortega y Gasset .- Der Physiker Ernst Abbé tat 1896 etwas Sozialrevolutionäres: Er schenkte sein Unternehmen, das sich aus der Werkstatt des Carl Zeiß entwickelt hatte, seinen Arbeitern.

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