1892 - 1918 1892

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Das Mittelalter hatte 1892 noch ein allerletztes Mal zugeschlagen mit einer der Seuchen, die plötzlich Groß und Klein, Reich und Arm ins Massengrab brachte: Die Cholera wütete in Hamburg. Die Abrechnung der Hanseaten mit dem Tod ist aufschlussreich:


“Kapitalverlust aus 8.605 Todesfällen 143.000.000 Mark
Verdienstverlust der 16.956 Erkrankten 1.900.000 Mark
Verdienstausfall des Gastgewerbes 3.900.000 Mark
Abnahme der Einfuhr durch Handelssperre 159.000.000 Mark
Abnahme der Ausfuhr 122.000.000 Mark
Verluste insgesamt 429.800.000 Mark”


Der Direktor des Reichsgesundheitsamtes, Robert Koch, schrieb entsetzt: “Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen ... Ich vergesse, dass ich mich in Europa befinde.” Auf dem Ohlsdorfer Friedhof arbeiteten – stark alkoholisiert - 250 Arbeiter in Tag- und Nachtschichten, um Massengräber auszuheben und die Toten zu bestatten.


Andere Städte hatten Probleme mit ihrem Wachstum. Das kam durch die Industrialisierung. Konzerne, Gesellschaften und Industrieimperien wuchsen rapid. Die Männer, die sie regierten, waren nicht selten vom Schlage des Saar-Industriellen Freiherr von Stumm-Halberg, der nicht nur keine Sozialdemokraten unter seinen Arbeitern duldete, sondern auch entschied, ob sie heiraten durften. Über diesen kapitalistischen Absolutismus staunte sogar der Kaiser. Bewundernd nannte er ihn “König Stumm von Saar-abien.”


Solchen Industrie-Diktatoren, aber auch ihren Arbeitern, die ja durch sie ihren Lebensstandard sichtbar heben konnten, erschien es unausweichlich, dass sich der Himmel über der Saar, der Ruhr, in Lothringen und Oberschlesien verfinsterte, ständig Asche vom Himmel rieselte und die Chemie-Werke an Rhein und Elbe ihre Abwässer dorthin fließen ließen, wo andere badeten, ja manchmal Trinkwasser entnahmen. Ein SPD-Abgeordneter glossierte: “Die Wupper ist unterhalb Solingens so schwarz, dass, wenn Sie einen Nationalliberalen darin untertauchen, Sie ihn als Zentrumsmann wieder herausziehen können.”


Die SPD hätte die Politik mitgestalten können. Einen Ansatz hätten die Arbeiterschutzgesetze von 1890/91 geboten. Sie wurden von den Betroffenen und von der SPD begrüßt. Trotzdem hatten ihre Abgeordneten dagegen gestimmt. Zustimmung hätte nach ihrer Meinung auch Zustimmung zu dieser Monarchie und ihrer Politik bedeutet. Sie machten es dadurch dem Kaiser leicht, sie als “Umsturzpartei” anzufeinden. Sie bestärkten auch die Angst des Bürgertums vor ihnen.


In Österreich hatte dagegen die Sozialdemokratie versucht mitzuhelfen, das Nationalitätenproblem zu entschärfen, sie hat die Krone sogar zum Widerstand gegen die ungarischen Feudalen ermuntert und sie bestärkt, den Widerstand des Besitzbürgertums gegen das allgemeine Wahlrecht zu brechen. Anders auch in Baden, wo die SPD manchmal sogar für den Landeshaushalt stimmte und in Bayern, wo der SPD-Führer Freiherr von Vollmar nicht die Vorurteile Bebels hatte. Während seine Funktionärskollegen noch immer davon redeten, dass das kapitalistische System eine zunehmende Verelendung der Massen bringe, sah jeder die jährlichen Lohnanstiege. Man solle mit der Regierung verhandeln, der Widerstand sei nicht mehr zeitgemäß. Dieses Abrücken von überholten Ansichten hat Vollmar den Vorwurf “direkter Arschkriechereien vor Wilhelm” eingetragen. Seine Aufforderung, “dem guten Willen die offene Hand, dem schlechten die Faust!”, wurde nicht befolgt. Andererseits waren Kaiser und Establishment nicht zur Einsicht fähig, dass Zugeständnisse an die Arbeiterschaft versöhnlich hätten wirken können. Für die SPD-Führung war Mitarbeit an den Aufgaben der Reichsführung undenkbar. Infolgedessen ist die SPD-Politik des nächsten Jahrzehnts keine, die die Masse des Volkes vorangebracht hätte.


Stattdessen wurden die, die von der Parteilinie abwichen, als Opportunisten und als Feinde der Arbeiterklasse verfemt. Die „Revisionisten“ glaubten an die Befreiung der Arbeiterklasse durch soziale Errungenschaften, auch durch Genossenschaften und Gewerkschaften. Dorthin war der Weg noch weit. In Hamburg konnte das Stadtparlament nur wählen, wer das Bürgerrecht hatte. Das aber bekam nur, wer ein Jahreseinkommen von mindestens 1.200 Mark versteuerte. 1893/94 waren von den 660.000 Hamburgern nur 23.000 für die Bürgerschaft wahlberechtigt. An der Reichstagswahl konnten sich dagegen 190.000 Wähler beteiligen. Das damalige Hamburg ähnelte darin dem klassischen Athen: Nur wenige Hamburger waren auch Hamburger Bürger.


Um die Jahrhundertwende ist die soziale Struktur noch sehr “von gestern”. Fast alle, Arbeiter und Dienstboten eingeschlossen, blicken bewundernd zum Kaiser und seinem Adel auf. Von ihnen verlangt man glänzende Selbstdarstellung. Auch die reichen Bürger wünschen sich nichts sehnlicher, als wenigstens einmal in den Dunstkreis “hoher, höchster und allerhöchster Herrschaften” zu kommen. Brennendster Wunsch der Industrieherren sind die drei Buchstaben v o n vor ihrem Namen. Noch immer belohnten die Kaiser treue Dienste mit Adelsprädikaten. Zwischen 1871 und 1918 verliehen sie 1.129 neue Adelsprädikate. Davon mussten sich mehr als 98 Prozent mit dem einfachen “von” begnügen. Fast alle waren Protestanten, die meisten Preußen. Nur Ausnahmemenschen verschmähten das Geadeltwerden: etwa die Schwerindustriellen Thyssen und Stinnes und auch General Ludendorff, der in der Spätphase des Ersten Weltkrieges der eigentliche Lenker der deutschen Politik sein wird. Parlamentarier adelte “Willi Zwo” nicht. Er fühlte sein Gottesgnadentum durch das Parlament, das “Reichsaffenhaus”, diese “Quatschbude”, beschnitten. Im österreichischen Kaiserreich war ein hoher Prozentsatz der Adelsverleihungen nicht erblich. Das persönliche Verdienst wurde so besser belohnt. Andererseits waren aber die Offiziersstellen in den Eliteregimentern dem Adel und die höchsten Ränge in Heer und Diplomatie dem Hochadel vorbehalten.


Wie der Hochadel sich vom Kleinadel abhob und der sich gegen das Bürgertum abgrenzte, schaute auch der Bürger auf den Arbeiter herab. Es war eine Klassengesellschaft. Sogar die Beamtenschaft war geteilt in Akademiker und Nichtakademiker. Heiraten zwischen solchen Familien waren undenkbar.


Diese Gesellschaft liebte den schönen Schein: Bälle und Einladungen, Pferderennen und Spielkasinos waren die gesellschaftlichen Treffpunkte, an denen man sich sehen zu lassen, bei denen man mitzumachen hatte. Jeder drängte in diese Kreise, wenn er es “sich leisten” konnte. Viele konnten es sich nicht leisten. Ein “Lebemann”, der eine “gute Partie” gemacht hatte, also etwa eine reiche Fabrikantentochter geheiratet hatte, konnte ihr Geld verspielen oder es in dieser moralinsauren Zeit mit Mietmädchen durchbringen. Mit der Eheschließung hatte die Ehefrau ihr Geld an ihn verloren. Sie konnte ihn nicht hindern, Schulden zu machen und Geld zu pumpen. Wenn er es nicht zurückzahlen konnte, hielt es so ein “Mann von Ehre” für die einzig mögliche Lösung, sich zu erschießen. Seine Familie war dann gesellschaftlich ausgegrenzt. Wenn die Witwe Glück hatte, unterstützte sie die reiche Verwandtschaft. Aber die Töchter bekamen wohl keinen Mann ihrer Gesellschaftsschicht mehr, die Söhne konnten nicht mehr studieren, sondern mussten ihr Leben am geringen Lohn eines kaufmännischen Angestellten oder eines Postsekretärs orientieren. In den ersten Jahren war dann an Heiraten nicht zu denken. Die Frau im Beruf war in bürgerlichen Familien noch undenkbar, und der Mann konnte die Familie, die meist bald zwei, drei oder mehr Kinder bekam, nicht ernähren. Erst wenn er nach langem Warten eine höher dotierte Planstelle bekam, hatte er einige Sicherheit. Es blieb aber ein kleines Leben in Unterwürfigkeit. Denn noch waren die Rechte der Arbeitnehmer embryonal und der Firmeninhaber oder der Amtschef wirkte oft bestimmend auf das Leben seiner Untergebenen samt deren Familien ein.


Den Mühen um das Einkommen folgten die Beschränkungen des Auskommens. In der bürgerlichen Gesellschaft, das waren die Nachbarn, die unter diesen kollektiven Zwangsvorstellungen ebenso litten, und die “Kreise”, in denen man “verkehrte”, musste man “standesgemäß” leben. “Aber gerade das Standesgemäße war das Übergehaltsmäßige.” Den Kindern wurde schon früh klargemacht, “wer Marmelade auf Butterbrote streiche, treibe Verschwendung.”


Viele Frauen versuchten sich ein kleines Zubrot zu verdienen. Für ihre Heimarbeiten, meist Gesticktes oder Gehäkeltes, bekamen sie jedoch fast nichts. Trotzdem waren die “besseren” Familien verpflichtet, ihren jährlichen Hausball zu geben. Auch diese Aktionen waren Imitationen der Bälle “bei Hofe”. Die Mädchen von dazumal schwammen in Seligkeit, wenn sie sich tanzend in den Armen eines guten und gutaussehenden Tänzers wiegen konnten. Und wenn er dann noch Fabrikantensohn oder Jurist war und noch Reserveleutnant, dann stimmte wirklich alles, dann war er auch als Schwiegersohn begehrt. Noch immer waren die Mädchen darauf angewiesen, dass sie einer nahm, denn einen Beruf erlernen und ausüben durften sie noch immer nicht, auch nicht studieren. Ein Anatom “bewies” damals “wissenschaftlich”, dass das Gehirn der Frau zu geistigen Fähigkeiten nicht imstande sei.


Der Urlaub war noch nicht erfunden. Nur die wohlhabenden Besitzbürger fuhren während der Schulferien ihrer Kinder in die “Sommerfrische”. Man hatte in einer schönen Gegend ein Landhaus oder mietete eins. Das Dienstmädchen wurde ebenso mitgenommen wie der Hausrat. Weniger Begüterte quartierten sich in einer Pension ein.


Die Anti-Gesellschaft waren die “Kohlrabi-Apostel” vom Monte Verità, die Ascona zum “seltsamsten Dorf der Welt” machten. Es waren „Aussteiger“. Auf dreieinhalb Hektar wollten sie mit Früchten und Frischluft zurück zur Natur. Diese Künstler und Kinder des betuchten Bürgertums lebten dort nach ihren Vorstellungen: Freie Liebe, Frauenemanzipation, Freikörperkultur, unpolitischer Kommunismus und Kriegsdienstverweigerung.


Andere Besitzbürger-Kinder entdeckten den Wintersport. Briten gründeten 1885 den “St. Moritz Tobogganing Club”. Bei diesem Rodelrennen raste man bäuchlings auf dem Schlitten liegend einen Eiskanal hinunter. Im gleichen Jahr besichtigte ein norwegischer Ingenieur den gerade eröffneten Arlberg-Eisenbahntunnel. Die noch armen Einwohner von St. Anton sahen ihm entgeistert zu, wie er auf zwei an die Füße geschnallten Brettern über den Schnee glitt. Auch nach Cortina, der damals noch österreichischen “Königin der Dolomiten”, brachte ein Fachschullehrer die zwei Bretter. Er sauste auf ihnen ins Tal, nachdem er sich mit einer Stange abgestoßen hatte. Die Ampezzaner bekreuzigten sich.


Die Welt des Arbeiters sah anders aus. Der Industriearbeiter hatte 1860 80 bis 85 Stunden in der Woche arbeiten müssen. Über 78 Stunden 1870 und 72 Stunden 1880 fiel die Arbeitszeit 1890 auf 66 Stunden. Im Jahre 1900 waren es “nur noch” durchschnittlich 62 Stunden. Das Jahr hatte 300 Arbeitstage, selbstverständlich wurde Samstag gearbeitet.


Geld und Besitz schienen bleibende Werte zu sein. Inflationen, Enteignungen und Vertreibungen waren noch nicht vorstellbar. Also lohnte es sich, für die Kinder zu sparen, denn der gesellschaftliche Aufstieg war ohne Geld nicht zu schaffen. Der “mäßig hungernde Beamtenstand” - so Bismarck - war geachtet und begehrt, weil er Sicherheit bot, denn ein “soziales Netz” gab es noch nicht. Doch ein Beamter war, selbst wenn er die höchsten Sprossen der Hierarchie erklommen hatte, ein “Zivilist”. Ein Offizier stach ihn allemal aus.

Weil das so war, konnte ein entlassener Zuchthäusler in Hauptmannsuniform in Berlin ein paar Soldaten befehlen, mit ihm in das Städtchen Köpenick zu fahren. Er marschierte mit ihnen ins Rathaus und befahl, ihm die Kasse zu übergeben. Die beim Trödler geliehene Uniform genügte, um anscheinend legal eine Masse Geld zu erbeuten. “Das macht uns auf der Welt keiner nach”, soll der Kaiser dazu fast bewundernd gesagt haben. Dieses militaristische Lebensgefühl ging durch alle Klassen. Die beim Kommiss eingebleute Ordnung war Richtschnur des Lebens. Diese Ordnung, zu der man auch die Unter-Ordnung zählte, wurde nicht selten zum Witz. Im aufrührerischen Berlin konnten es sich 1919 weder die revoltierenden Kommunisten, noch die Polizei vorstellen, dass man im Tiergarten die Kieswege verließ. So liefen die Revoluzzer der Polizei direkt in die Arme.


Militär und Adel, die ihre Weltsicht in Kadettenanstalten, auf dem Kasernenhof und im Offizierskasino vermittelt bekommen hatten, waren der Meinung, dass es allein nach ihnen zu gehen habe. Als der ostpreußische Rittergutsbesitzer von Oldenburg-Januschau dem Reichstag drohte “Der Deutsche Kaiser muss jeden Moment imstande sein, zu einem Leutnant zu sagen: ‘Nehmen Sie zehn Mann und schließen Sie den Reichstag!’”, hatte er für große Teile des Volkes gesprochen.


Dazu gehörten auch etwa gleichviele Juden wie Adelige: weit weniger als ein Prozent der Bevölkerung. Mit dem Tross der Römer waren sie an den Rhein gekommen und hatten in den alten Städten Worms, Mainz und Köln ihre Gemeinden gegründet. In der Zeit der Kreuzzüge, die den Hass auf die “Ungläubigen” predigte, hatte man sie bezichtigt, die Mörder des Heilands zu sein, und sie verfolgt. Sie mussten in umgrenzten Stadtvierteln leben, die eine eigene Rechtsprechung hatten, sie mussten sich mit besonderen Abzeichen - spitzem Hut und gelbem Fleck - kenntlich machen. Obwohl sie der Kaiser - kostenpflichtig - schützte, hatte sie das nicht immer geschützt. Bei den häufigen Seuchen hatte man ihnen vorgeworfen, Brunnenvergifter zu sein, Hexenmeister und Teufelsbrut, was stets Gefahr für Leib und Leben bedeutet hatte. Deshalb war ein großer Teil nach Litauen und Weißrussland, nach Galizien und in die Ukraine ausgewichen. Sie hatten ihren mittelalterlichen Dialekt mitgenommen, sie sprachen “jiddisch”. Als sie in ihren Fluchtgebieten wiederum Schikanen ausgesetzt waren, zog, wer konnte, wieder nach Westen. Seit 1848 waren sie in den deutschen Staaten gleichgestellt. In Österreich-Ungarn hatte bereits Joseph II. 1781 die Juden “befreit”. Die rasche Zunahme des Wohlstandes sog jetzt viele aus der Ukraine, der Bukowina und Galizien in die Metropolen.


Seit der Gründerzeit hatten die Juden auch in den akademischen Berufen, in Wissenschaft und Kunst einen überproportionalen Einfluss. Der Antisemitismus, der schon für Luther, Kant, Hegel und Fichte und ihre Zeitgenossen selbstverständlich gewesen war, wurde jetzt oft genährt aus dem Erstaunen über ihre Cleverness und den Neid auf ihr schnelles Hochkommen.


Das Wien der Gründerjahre und die Zeit danach wird das Mekka des jüdischen Großbürgertums, in dem die Geistigkeit der Schnitzler, Freud, Mahler und Zweig gedeiht. Um 1910 ist fast jeder zehnte Wiener Jude. Auch die Familie Herzl zieht nach Wien. Sohn Theodor wird Mitglied eines Vereins alldeutscher Studenten, deren Idole Bismarck, Nietzsche und Wagner sind. Er tritt in eine deutschnationale schlagende Studentenverbindung ein. Der Ausschluss aus ihr und der Dreyfus-Prozess in Frankreich machen ihn zum “Zionisten”. Dieses Wien “assimiliert” Juden dieser Klasse wie sonst keine Stadt. “Unbewusst war jeder Wiener übernational, Kosmopolit und Weltbürger”, berichtete Stefan Zweig.


Während in Paris das Volk vor dem Gefängnis, in dem gegen den angeblichen Spion Dreyfus verhandelt wurde, “Tod den Juden” brüllte, fühlten sich die Juden in Deutschland und in Österreich sicher. Deutsche Sprache und Kultur übten eine solche Faszination aus, dass die meisten ihr “Anderssein” vergessen wollten. Dazu verhalf der “Übertritt”, die christliche Taufe. Heinrich Benedikt  beschreibt einen Sederabend  bei seinem Urgroßvater: “Die Männer, die um den Tisch saßen, den Zylinder aufgesetzt ... waren zum größten Teil bereits getauft, was Urgroßvater nicht wissen durfte.” Wenn möglich, entledigte man sich auch seines Namens, denn Namen wie Kohn, Katz oder Rosenzweig waren ein Stigma.


Auch “die Juden” waren eine Klassengesellschaft. Die arrivierten jüdischen Deutschen waren peinlich berührt von den “Ostjuden”, die vor und nach dem Ersten Weltkrieg bettelarm und noch im schwarzen Kaftan und Judenhut, mit Vollbart und Schläfenlocken, einwanderten. Man wollte durch sie nicht mehr an die eigene Herkunft erinnert werden. Theodor Wolff, Chefredakteur des BERLINER TAGBLATTES und Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei, beschrieb sie als “lichtfeindlich wirkende Gestalten”, und für Walther Rathenau, Industrieller und deutscher Außenminister, waren sie eine “asiatische Horde”, die die deutsche Kultur bedrohe. Da so Juden über Juden sprachen, verwundert es nicht, dass Deutschland zur Verhinderung ihrer Einwanderung 1916 seine Ostgrenze sperrte und sie in schon 1920 so bezeichneten “Konzentrationslagern” - kurzzeitig - festhielt.

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