1892 - 1918 1896

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Herzls Vision vom “Judenstaat” war: “Für Europa würden wir dort (im damaligen Palästina; H.D.) ein Stück des Walles gegen Asien bilden, wir würden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen.” “Unter dem Protektorat eines starken, großen, sittlich prachtvoll verwalteten, streng organisierten Deutschland zu stehen, kann nur die heilsamsten Wirkungen für den jüdischen Volkscharakter haben.” Auch die jüdische Elite huldigte dem Pangermanismus, der im k.u.k.-Reich die Reaktion auf den agressiven Panslawismus war.


Wien war auch die größte tschechische Stadt. Die fürstlichen Familien, die Liechten- und Dietrichstein, die Schwarzenberg und Lobkowitz hatten sie von ihren Latifundien in Böhmen und Mähren mitgebracht als Lakaien und Kutscher, als Zimmermädchen, Köchinnen und Wäscherinnen. Andere kamen als Bau-, Straßen- oder Ziegeleiarbeiter. Fast jeder, der in der Provinz zu Geld gekommen war, übersiedelte in die Haupt- und Weltstadt. Sie alle brauchten Dienstboten. Noch heute beanspruchen allein die Novaks und die Nowaks im Wiener Telefonbuch viele eng gedruckte Spalten. Die Kohout, Musil, Svoboda und Nowotny, die Marek, Pluhar und Tomaschek sind lebende Erinnerung an damals, “als Behmen noch bei Ehstreich war.”


In diesem Österreich machten sich jetzt die Folgen des Ausschlusses aus dem Deutschen Zollverein und des Ausgesperrtseins aus dem nationalen Verband bemerkbar. Immerhin konnte der Sozialdemokratenführer Victor Adler auf dem Internationalen Sozialistenkongress 1891 feststellen, dass “Österreich neben England und der Schweiz das beste Arbeiterschutzgesetz der Welt” habe.


Ministerpräsident Graf Taaffe wollte das allgemeine Wahlrecht einführen. Doch die Katholisch-Konservativen fürchteten, die Sozialdemokraten könnten in den Reichstag einziehen. Dort zankten sich die Deutschliberalen mit den Deutschnationalen. Die Tschechen wollten nationale Eigenständigkeit, wie sie die Ungarn hatten. Auch die Slowenen probten den Aufstand. Der Kaiser berief den polnischen Grafen Badeni zum Regierungschef, um den Nationalitätenstreit zu schlichten. Vor allem die Gegensätze der Tschechen und Deutschen in Böhmen belasteten die Innenpolitik immer mehr. Badeni erließ 1897 eine Sprachenverordnung, die für Beamte Zweisprachigkeit verordnete. Als Folge der historischen Entwicklung konnten zwar die Beamten tschechischer Herkunft deutsch, aber nicht alle Beamten deutscher Muttersprache verstanden auch tschechisch. Im Reichstag wurden Dauerreden von zwölf und dreizehn Stunden dafür und dagegen gehalten, gestört jeweils von der Gegenpartei.


Der giftige Nationalismus war in kurzer Zeit zum Monstrum hypertrophiert: Ein Amerikaner hat es erklärt: "Besonders nach 1850 führte rasches großstädtisches Wachstum zusammen mit den verheerenden Auswirkungen ... der Cholera ... zu einer Verschiebung des althergebrachten kulturellen Lebens. Die bäuerlichen Zuwanderer in die Städte Böhmens und Ungarns waren es seit jeher gewöhnt gewesen, deutsch zu lernen. Nach wenigen Generationen sprachen und fühlten ihre Nachkommen deutsch. Dieser Prozess geriet im 19. Jahrhundert ins Stocken. Als die Zahl der Slawisch bzw. Ungarisch sprechenden Zuwanderer ... einen bestimmten Punkt überschritten hatte, brauchten neue Zuwanderer ... nicht mehr Deutsch zu lernen. Schon bald fassten nationalistische Ideale Fuß und ließen eine deutsche Identität unpatriotisch erscheinen. Die Folge war, dass innerhalb eines Jahrhunderts Prag zu einer tschechisch und Budapest zu einer ungarisch sprechenden Stadt geworden waren.” Tatsächlich hatten sich noch 1856 73.000 der Prager als Deutsche bekannt, nur 40.000 als Tschechen.


Der Wirrwarr der Ansichten, Hoffnungen und Ziele war der Ausdruck der vielen Probleme der Donaumonarchie. Für manche gab es keine ”Lösung”, weil sich die Zeiten schneller verändert hatten, als der Staat verändert werden konnte. Die Österreicher bekamen daher Identitätsprobleme, die von den Deutschen des Bismarck-Reiches nicht mehr verstanden wurden, weil es sie dort nicht gab.


Die bizarre Polit-Szenerie spiegelt sich in den Parteiführern. Karl Lueger führte die Christlichsozialen. Erst als er zum fünften Mal zum Bürgermeister von Wien gewählt worden war, musste der Kaiser diesen Abgott des Volkes einsetzen. Lueger schuf schon damals soziale Wohnstätten und privatisierte Stadtbesitz.- Wie viele Juden war Dr. Adler deutschnational gewesen, bevor er Sozialdemokrat wurde. Es gelang ihm zwar, die Sozialisten zu vereinen, aber nicht, die tschechischen Sozialdemokraten in der Fraktion zu halten. Anders als ihre deutsche Schwester wird sich die österreichische Sozialdemokratie bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges eindeutig dagegen erklären.


Gefährlicher waren die deutschnationalen Bewegungen. Da gab es zunächst die Alldeutschen unter Ritter von Schönerer. Anders als die Alldeutschen Deutschlands, die möglichst viele Kolonien wollten, wollten sie den Anschluss der deutschsprachigen Gebiete der k.u.k. Monarchie an Deutschland. Die Aggressivität Schönerers wirkte am stärksten, wo deutsche Gebiete an das Deutsche Reich grenzten. Das waren die Randgebiete Böhmens und Mährens. Die Deutschradikalen bejahten das Bündnis mit Deutschland und auch die Erhaltung der Donaumonarchie. Sie sollte aber fest in deutscher Hand sein. Beide Parteien waren antisemitisch und antikatholisch. Schönerer entfesselte mit Blick auf den erträumten Anschluss Deutsch-Österreichs eine “Los-von-Rom”-Bewegung, um dem protestantisch dominierten Deutschland genehm zu sein. Es gibt auch eine Deutschnationale Arbeiterpartei, die sich im Weltkrieg in Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei umbenennt . Hitlers Ideologie wird diesem nationalistischen Klima “Kakaniens”  entspringen.- Man sollte annehmen, dass Berlin zur Entspannung riet. Doch als Ministerpräsident Fürst Thun den Tschechen Zugeständnisse machen wollte, wurde er von Deutschland gerüffelt.

Ungut waren auch andere deutsche Aktivitäten: 1895 zwang man Japan, alle Eroberungen in China herauszugeben. Anstelle der Japaner nahmen nun die Russen die Mandschurei ein und bauten den Kriegshafen Port Arthur. Damit hatten sie den lang erstrebten eisfreien Zugang zum Pazifik. Im Jahr darauf fühlte sich England angerempelt. Cecil Rhodes, der Premier der britischen Kapkolonie, wollte die südafrikanischen Burenrepubliken Transvaal und Oranje-Freistaat dem Empire eingliedern. “I would annex the planets, if I could”, war sein Wahlspruch. Sein Freund Jameson fiel mit 800 Freischärlern in die Buren-Gebiete ein, die mit ihren Goldfeldern und Diamantenminen die Begehrlichkeit dieser Abenteurer anheizten. Alle Welt verurteilte den Piratenstreich. Als er misslang, schickte der Kaiser dem Präsidenten ein Glückwunschtelegramm. Diese “Krüger-Depesche” bejubelten die Deutschen, aber sie empörte England. Man hatte sogar die Entsendung von Truppen erwogen. Das ging aber nicht, Deutschland hatte keine Kriegsflotte, die den Truppentransport hätte schützen können. Der Kaiser hatte nun einen Grund mehr, auf den Bau einer Kriegsflotte zu dringen. Ausschlaggebend war jedoch, dass nach der allgemeinen Meinung ein Staat ohne Seemacht keine Weltmacht sein konnte. Dieses Postulat des US-Admirals Mahan hatte sich Wilhelm zu eigen gemacht. In seinen Seemacht-Träumen wurde er bestärkt von Alfred von Tirpitz. Der glaubte, eine starke deutsche Flotte würde Britannien gefügig machen, weil es die Verluste fürchten müsste, die die deutschen Schlachtschiffe den britischen zufügen würden. Wilhelms Pläne waren kaum kriegerisch, mehr angeberisch. Sein britischer Vetter sollte angesichts der deutschen Schlachtschiffe “vor Neid platzen”.

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