1892 - 1918 1900

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Bernhard von Bülow war der neue Kanzler, der das Flottenbauprogramm durchsetzen sollte. Die Größe dieser Flotte schien den Bedürfnissen Deutschlands mit seinen Kolonien angemessen. Die Genehmigung der Flottenvorlage war geglückt, weil Tirpitz mit zu niedrigen Kosten die öffentliche Meinung getäuscht hatte. Der Marineminister schuf sich mit dem “Deutschen Flottenverein” ein Propagandainstrument, das eine Massenbewegung für die deutsche Seegeltung hochbrachte. Ihr Erfolg wurde bald sichtbar; Deutschlands Kinder mussten es sich gefallen lassen, als Matrosen verkleidet zu werden. Der “Matrosenanzug” bleibt bis in den Zweiten Weltkrieg der Sonntagsanzug eines großen Teils von Deutschlands Jungen und sogar von Mädchen.


Minister Joseph Chamberlain hatte in einer Rede für ein Bündnis mit Deutschland und den USA geworben. Die Briten gingen davon aus, dass die “germanischen” Völker als führende Industrie- und Handelsnationen und als Inhaber der “Kultur“ für die nächsten hundert Jahre den Frieden sichern könnten. Angesichts der Schwierigkeiten, die England mit Buren und Indern, mit den Franzosen am Nil und mit den Russen in Afghanistan hatte, mag der Brite erkannt haben, dass hilfreiche Bündnisse die Welt umspannen müssten. In der Tat hätte dieses Bündnis die Weltlage stabilisieren können. Kanzler von Bülow erteilte ihm jedoch vor dem Reichstag eine herablassende Absage. Er glaubte, dass man England nicht entgegenkommen dürfe, solange es nicht Zugeständnisse mache. Die Befürchtung, dass sich England mit Frankreich oder Russland oder gar mit beiden gegen Deutschland verbünden könnte, war nach seiner Meinung einfach lächerlich, da Frankreich und England eine jahrhundertelange Feindschaft auseinanderhalte und “Bär und Walfisch” sich “nicht verheiraten” könnten.


Die Briten waren dabei, Südafrika zu erobern. Erst als sie 30.000 Farmen niedergebrannt, das Vieh abgeschossen, die Brunnen vergiftet, 120.000 Frauen und Kinder in “Concentration Camps” gesperrt hatten und über 25.000 darin umgekommen waren, gaben die “Kapholländer” auf.


Die britische öffentliche Meinung war deutschfeindlich, die deutsche nicht englandfreundlich. Ein Grund des deutschen Misstrauens war, dass England Deutschland etwas anbot, was ihm gar nicht gehörte: die atlantische Hälfte von Marokko. An Nichteinmischung und Selbstbestimmung der “Eingeborenen” wurde auch an der Themse kein Gedanke verschwendet.


Das Faustrecht des Stärkeren “erwarb” riesige Gebiete: “England hatte zwischen 1884 und 1896 seinen Kolonialbesitz um 2,5 Millionen Quadratmeilen vermehrt, ein Gebiet, das einundneunzigmal so groß war und neunmal so viele Einwohner besaß wie das Mutterland.” Russland vergrößerte sich im Jahrhundert vor dem Ersten Weltkrieg um 80 Quadratkilometer pro Tag. Frankreich verfügte über einen 21fach größeren Kolonialbesitz, die Niederlande besaßen das 22fache des eigenen Territoriums, Belgien das 82fache. Japan, das China überfallen hatte, die USA, die nach Kuba und den Philippinen griffen, waren ebenfalls dem Imperialismus erlegen.


“Wie äußerst bescheiden, verglichen mit England, Frankreich, Russland und den USA, die sich riesige Gebiete mit Gewalt aneigneten, blieben seine (Deutschlands; H.D.) ... kolonialen Erwerbungen”, bemerkt ein Historiker. Die Deutschen wollten nur, wie Kanzler Bülow sagen wird, “ihren Platz an der Sonne, ohne jemanden in den Schatten zu stellen“. Nicht nur in dieser Hinsicht litt die „verspätete Nation“ unter dieser Verspätung. Diese Verspätung meinten sie nun mit Macht kompensieren zu können.


Im Jahre 1900 brach in China ein Aufstand aus. Die nationalistischen “Boxer” wehrten sich gegen die Ausbeutung ihres Landes durch die imperialistischen Mächte. Als der deutsche Gesandte durch das aufständische Peking ritt, traf ihn eine Kugel. Der Kaiser forderte die Beteiligung des Reiches am Rachefeldzug der Großmächte. Deutschland bekam daraufhin den Oberbefehl. Bei der Einschiffung des deutschen Kontingents hielt der Kaiser die erwähnte Rede, mit der er die Deutschen rhetorisch zu Hunnen machte. Die waren sehr stolz, dass ein britischer Admiral befohlen hatte “The Germans to the front”. In der bloßen Anforderung frischer Kräfte sahen sie die Bestätigung der Welt für ihre Einzigartigkeit.


England hatte mit Japan 1902 ein Bündnis geschlossen, das sich gegen Russland richtete. Sie garantierten einander den ostasiatischen Besitzstand. Als die zaristische Regierung einen Ausgleich ablehnte, schickten die Japaner ein Ultimatum nach Moskau, die Mandschurei zu räumen und Japans Herrschaft über Korea anzuerkennen. Ohne Kriegserklärung begann darauf der Russisch-Japanische Krieg. Er wurde anders als die bisherigen: Die Schlachten dauerten länger, es kämpften mehr Menschen gegeneinander. Auch der starke Artillerieeinsatz der Japaner und das Niedermähen ganzer Kompanien mit Maschinengewehren war neu. Was kaum jemand für möglich gehalten hatte, war plötzlich Wirklichkeit: Japan besiegte das Zarenreich.


In der Kunst war der Umbruch zur Moderne schon Vergangenheit. Bei den Malern hatte es “Sezessionen” gegeben: Die, die nicht mehr nur Hehres und Erhabenes malen wollten, malten nun auch Banales, Armut und Not. Der Umbruch begann in München, er setzte sich in Wien und Berlin fort. Dort hatte Adolf von Menzel schon 1875 ein Eisenwalzwerk mit seinen Arbeitern gemalt. Max Liebermann malte eine arme Frau mit zwei Ziegen, ihrem wertvollsten Besitz.


Gegen solche Kunst dekretierte der Kaiser: “Eine Kunst, die sich über die von Mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr!” Und: „Wenn die Kunst weiter nichts tut, als das Elend noch scheußlicher hinzustellen, wie es schon ist, dann versündigt sie sich damit am deutschen Volke.” Deutsche Maler sollten auch nicht auf der Pariser Weltausstellung von 1900 ausstellen, doch Menzel und Liebermann ignorierten den Kaiser-Wunsch. Noch weniger ließen sich Literatur und Theater reglementieren.

Offizieren war der Besuch von Sudermanns “Ehre” im königlichen Schauspielhaus verboten, und nach der Aufführung von Hauptmanns “Webern”, in denen er die Hungerrevolte der schlesischen Heimarbeiter dramatisierte, kündigte der kaiserliche Hof seine Loge im Deutschen Theater. Das bewirkte das Gegenteil.


Das platte Land wurde davon kaum berührt. Es war mehr als je zuvor das Reservoir, das die Städte und Ballungsräume füllte. 1871 gab es im Reichsgebiet acht Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern, zwanzig Jahre später 26, zur Jahrhundertwende schon 33. Das Ruhrgebiet zog Arbeiter an. Es kamen viele Polen. Millionen wanderten von Ost nach West. Mit den Lebensbedingungen, die noch nicht im entferntesten an die heutigen heranreichten, war nach einer Zeitungsumfrage die Mehrheit der 56 Millionen Deutschen zufrieden.


Bülow hätte die dunklen Wolken, die heraufzogen, sehen müssen. Doch der Kanzler war ein Blender, der dem Kaiser schmeichelte. Er blieb bei seiner Meinung, dass sich Deutschland nicht binden dürfe. Verbündet war man mit Österreich-Ungarn. Österreich hatte zwar den Balkan aus der türkischen Knechtschaft befreit und zivilisiert. Aber jetzt wollten die Balkanvölker ihre Eigenständigkeit. Ihre Schutzmacht war Russland. Weil sich der Gegensatz zu Russland zuspitzte, geriet auch das verbündete Deutschland in die Konfrontation mit dem Zarenreich. Für Deutschland war Österreich mit seinen Vielvölkerproblemen keine Stütze.


Ganz untauglich war das Bündnis mit Italien. Italien betrachtete das österreichische Trentino als “unerlöstes Gebiet”. In einem Krieg würden Italiens Küstenstädte von französischen und britischen Flotten zusammengeschossen werden können. Daher schloss es 1902 einen Rückversicherungsvertrag mit Frankreich. Faktisch war damit Italien zum Gegner der “Mittelmächte” Deutschland und Österreich-Ungarn übergegangen. Frankreich hatte seit 1891 mit Russland ein Militärabkommen, das Deutschland von Ost und West bedrohte.


Was Bismarck nicht gelungen war, wurde Deutschland jetzt fast aufgedrängt. Von 1895 bis 1901 hatte es von England vier Bündnisangebote bekommen. Großbritannien brauchte einen “Festlandsdegen”, vor allem gegen Russland. Das konnte nur Deutschland sein. Doch Deutschland wollte nicht. Dabei hätte England wohl auch noch die Niederlande und Japan ins Bündnis gebracht. Die Bedrohung, die von Frankreich und Russland ausging, wäre gebannt gewesen, und Italien hätte wegen seiner gefährdeten Küsten an der Seite der stärksten Seemacht und somit im Dreibund bleiben müssen. Außerdem hätte der von Bismarck herbeigewünschte italienische Trommler auf den Alpen gegen Frankreich gestanden.


Wegen der katastrophalen Folgen muss man sich die wichtigsten Etappen nochmals vor Augen halten: 1891 schließen Russland und Frankreich ein Militärabkommen. 1901 enden die britischen Bemühungen um ein Bündnis mit Deutschland. 1902 garantiert Italien Frankreich Neutralität. 1904 kommt ein französisch-britisches Abkommen zustande und 1907 wird in Petersburg Persien vertraglich in eine russische und eine britische Einflusszone geteilt. Im folgenden Jahr treffen Eduard VII. und Zar Nikolaus II. in “herzlichem Einvernehmen” noch weiträumigere Absprachen.


Beide Monarchen waren genervt von ihrem Berliner Verwandten, der sich bei einem Besuch in Jerusalem als Schutzherr des Islam ausgegeben hatte. Sie waren beunruhigt, dass mit deutschem Kapital die Bagdad-Bahn gebaut wurde, die in ihre Interessengebiete fahren sollte. Die deutsche Presse machte das Maß voll, indem sie Anatolien als künftigen deutschen Siedlungsraum ausgab. Rührend, aber untauglich war auch der Versuch von “Willi”, mit seinem russischen Vetter “Nicki” zu einem “little agreement” zu kommen. Sie waren sich auf ihren Jachten vor der Ostseeinsel Björkö begegnet, und Wilhelm hielt die Zustimmung des sanften Nikolaus zu seinen Gedanken für den “Wendepunkt in der Geschichte Europas”. Aber ihre Regierungen ignorierten das verwandtschaftliche Einvernehmen.

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