1892 - 1918 1905-1906

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Reichskanzler Bülow hatte dem Kaiser, der wieder auf Seereise war, im März 1905 fünfmal telegrafiert, er müsse in Tanger an Land gehen, um Briten und Franzosen die Souveränität des Sultans zu demonstrieren. Vor allem sollte der Kaiser-Besuch die Macht Deutschlands zeigen und Wirtschaftsinteressen schützen. Das ging daneben. Durch solche Aktionen erschien Deutschland als Provokateur. Als Folge dieser Ersten Marokkokrise war es Deutschlands Ziel gewesen, Frankreich auf der Algeciras-Konferenz zu isolieren. Plötzlich war es selbst isoliert. Zudem verkündete der in Frankreich ans Ruder gekommene Clemenceau überall, dass es zwanzig Millionen Deutsche zuviel gäbe.


Die Briten nervte die deutsche Konkurrenz auf den Weltmärkten, und das deutsche Flottenbauprogramm werteten sie als Provokation. Die Antwort des Ersten Seelords Fisher war zuerst der nicht ganz ernst gemeinte Vorschlag gewesen, die deutsche Flotte einfach zu “kopenhagenen”, sie zu überfallen und zusammenzuschießen, wie es Nelson 1801 mit der dänischen Flotte getan hatte. Jetzt ließ er geheim und in Rekordzeit die “Dreadnought” - Fürchte nichts -  bauen, 160 Meter lang, 17.900 Tonnen schwer, 1,78 Millionen Pfund Sterling teuer. Es war ein moderner Schlachtschifftyp, der wirklich nichts zu fürchten brauchte. Seine Panzerung schützte ihn besser und seine zehn 30,5-Zentimeter-Geschütze schossen weiter als die anderer Schiffe. Sie war das erste Kriegsschiff mit Dampfturbinen, deshalb war sie 21 Knoten schnell. Auch für den Landkrieg traf man Vorsorge: Britische und französische Generalstäbler trafen sich von jetzt an regelmäßig.


Als in Frankreich der Hauptmann Dreyfus rehabilitiert wird, in Deutschland der Schuster Voigt als Hauptmann von Köpenick Lacherfolge erzielt, die Gartenstadt Hellerau bei Dresden gegründet wird, Henrik Ibsen  stirbt und San Francisco von einem Erdbeben zerstört wird, treten neue Akteure auf. In Berlin löst der Neffe des großen Moltke Schlieffen  als Chef des Generalstabs ab. Der Kaiser war der Ansicht, dass allein der legendäre Name einige Armeekorps aufwiege. Der Namensträger aber meinte, der Kaiser könne doch nicht annehmen, zweimal in der gleichen Lotterie den Haupttreffer zu gewinnen. In Österreich wurde Conrad von Hötzendorf  Generalstabschef. Auch der Wiener Ballhausplatz bekam einen neuen Außenminister, den Baron Aehrenthal.


Hinter dem österreichischen Kaiser stand schon der "Thronfolger" Erzherzog Franz Ferdinand . Er hatte eine “nicht ebenbürtige” Frau geheiratet. Die Kinder aus dieser “morganatischen” Ehe hatten auf den Thronanspruch verzichten müssen. Der Erzherzog wollte eine stärkere Föderalisierung, Eindämmung des ungarischen Einflusses, mehr Rechte für die Tschechen in Böhmen und für die Südslawen in der ungarischen Reichshälfte. Auch er musste sich fragen, ob die k.u.k. Monarchie einen künftigen Krieg überstehen würde.

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