1892 - 1918 1911

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1911 wird der Südpol erreicht, das Vitamin B 1 und die Supraleitfähigkeit entdeckt und der “Rosenkavalier” komponiert. Es hätte auch beinahe gekracht.  Es gab nämlich die Zweite Marokko-Krise. Frankreich besetzte Fez und einen Teil des Landes. Deutschland schickte das Kanonenboot “Panther”. England mobilisierte seine Flotte und erwog die Landung von 150.000 Soldaten in Belgien, der General French inspizierte nordfranzösische Festungen. Weil sich Russland zurückhielt, kam es zum Ausgleich. Deutschland erhielt ein sumpfiges Stück des französischen Kongo zu seiner Kolonie Kamerun. Für die Franzosen war selbst die Abtretung dieses wertlosen Gebietes eine nationale Schmach.


Noch immer waren die Löhne kein angemessenes Entgelt für die Schufterei der Arbeiter. 1896/97 hatten 18.000 Hamburger Hafenarbeiter drei Monate gestreikt. Sie wollten 1,50 Mark mehr Wochenlohn. Sie verdienten brutto 61 Mark. Das würde etwa einer Kaufkraft von 160 Euro entsprechen. Sie wollten auch nicht mehr 13 bis 14 Stunden, sondern nur noch 12 Stunden täglich arbeiten. Da es kein Streikgeld gab, sammelte die deutsche Arbeiterschaft über 1,6 Millionen Mark zu ihrer Unterstützung. Es nützte nichts. 1903 streikten 9.000 Textilarbeiter des sächsischen Städtchens Krimitschau. Sie wollten nur noch 10 Stunden arbeiten und 10 Prozent mehr Lohn. Für sie wurden 1.270.000 Mark gesammelt. Anfang 1912 streikten dann im Ruhrgebiet 250.000 von 330.000 Bergleuten - wieder ohne Erfolg.


Wie die wirtschaftliche Not suchte sich auch die gesellschaftliche Zurücksetzung der Massen ein Ventil. Am 10. April 1910 demonstrierten allein in Berlin 25.000 Menschen gegen das Dreiklassenwahlrecht, das in Preußen noch immer galt. Zur Verhinderung der Prügel, die die berittene Polizei austeilte, ließen die Arbeiter ihre Frauen und Kinder vorneweg marschieren.


Für die Kinder der “gehobenen Stände” hatte der Kaiser das Erziehungsziel gewiesen: “Wir müssen als Grundlage für das Gymnasium das Deutsche nehmen; wir sollen nationale junge Deutsche erziehen und nicht junge Griechen und Römer.” So weit, so gut, denn bis dahin hatte man Latein und Griechisch überbewertet. 1913 schrieb man jedoch in ein Programm der Realschule Oschersleben: “Vor allem gebe man Abschied der alten deutschen Untugend ..., dem kosmopolitischen Weltbürgertum, ..., das die fremde Nationalität mehr achtet als die eigene, man weine nicht über die Vergewaltigung der Polen, Dänen und verwelschten Elsass-Lothringer, sondern halte sich an den alten englischen Grundsatz: Right or wrong - my country!” Die Elsässer behandelte man tatsächlich nicht gut. In Zabern hatte ein Leutnant nach Unfreundlichkeiten zwischen Einwohnern und Militär einen Schuster verprügelt. Der Reichstag missbilligte zwar die Verhaftungen durch das Militär nach dem folgenden Tumult, der Kronprinz jedoch schickte ein Glückwunschtelegramm: “Immer feste druff!” So verließen denn von 1 554 000 Elsass-Lothringern bis 1914 461 000 ihre Heimat.


Man kann es noch für Schwachsinn halten, wenn man lesen muss: “Ein einziger Kanonenschuss ist mehr wert als tausend theoretische Bücher und Reden.” Ernst nehmen sollen hätte man dagegen das Buch “Deutschland und der nächste Krieg”, das 1912 erschien und binnen kurzem sechs Auflagen erzielte. Darin gab es Kapitelüberschriften wie “Das Recht, Krieg zu führen”, “Die Pflicht, Krieg zu führen” und “Weltmacht oder Untergang”. Erschrecken hätte man müssen, weil der Autor Friedrich von Bernhardi General und Abteilungschef im deutschen Generalstab war.


Die Waffen, zu denen sich Deutschlands Jugend bald drängen wird, sind in den “Waffenschmieden” bereits in Arbeit. Hatten die deutschen Rüstungsausgaben 1902 schon 965 Millionen Goldmark betragen, so waren sie 1913 auf 2.111 Millionen geklettert. Der Krieg, so der “junge” Moltke , werde ein anderer sein als die bisherigen. “Es wird ein Volkskrieg werden, der nicht mit einer entscheidenden Schlacht abzumachen sein wird, sondern ein langes, mühevolles Ringen mit einem Lande, das sich nicht eher überwunden geben wird, als bis seine ganze Volkskraft gebrochen ist, und der auch unser Volk, selbst wenn wir Sieger sein sollten, bis aufs äußerste erschöpfen wird.” Auch der nun schon alte Engels malte seine apokalyptische Vision an die Wand: "Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen und ganz Europa so kahlfressen wie noch nie ein Heuschreckenschwarm. ... Hungersnot, Seuchen, ... Zusammenbruch der alten Staaten ... derart, dass die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und niemand ... sie aufhebt; absolute Unmöglichkeit, vorherzusehen, wie das alles enden wird;..." Nur eines war für ihn "sicher: die allgemeine Erschöpfung und ... Bedingungen des Sieges der Arbeiterklasse."


Noch immer brannte „Sedan“ im Herzen eines jeden Franzosen wie Salz in einer Wunde. “Niemals davon sprechen, immer daran denken!”, hatte Gambetta  gemahnt. “Über vierzig Jahre war der Gedanke an Revanche der einzige grundlegende Faktor der französischen Politik.” Der “Élan vital”, der alles besiegende Wille, würde die Grande Nation befähigen, die Schmach von 1870/71 zu tilgen. Seit 1913 hatte man für den Krieg den “Plan 17”. Sein Konzept war der Stoß aus dem Raum Nancy über Mainz nach Berlin.


Der “alte” Moltke hatte in einem Zweifrontenkrieg zuerst Russland ausschalten wollen. Aber bald änderte man das Konzept, weil Russland sechs Wochen brauchen würde, bevor es offensiv werden könne, Frankreich aber nur so lange wie Deutschland: vierzehn Tage. Während nur ein Achtel der deutschen Streitkräfte gegen die Russen sichern und die Österreicher den Stoß aus dem Osten aufhalten sollten, sollten sieben Achtel des deutschen Heeres Frankreich in sechs Wochen niederwerfen. Der überstarke deutsche rechte Flügel sollte die französische Armee im Rücken fassen. Die Franzosen kannten diesen “Schlieffen-Plan”  seit 1904. Dreimal traf sich ein deutscher Generalstäbler - mit bandagiertem Kopf, um unerkannt zu bleiben - mit einem französischen. Die Franzosen glaubten ihm nicht. Sie rechneten sich aus, dass die Deutschen gar nicht so viele Soldaten hätten, um so große Räume zu erobern. Dass auch die Reservisten vorn mitmarschieren würden, war für die Franzosen unvorstellbar.


Wenn alles so gekommen wäre wie geplant, hätten sich die feindlichen Armeen verfehlt: Die Deutschen hätten nach ihrem raumgreifenden Kesseltreiben einen leeren Kessel vorgefunden, weil die Franzosen unterdessen den größten Teil Deutschlands samt dessen Hauptstadt erobert hätten.


Den Militärs war klar, dass das neutrale Belgien Kriegsschauplatz werden würde. Für Generalstabschef Schlieffen war die Besetzung Belgiens “militärische Notwendigkeit”. Ein französischer General hat dies bestätigt: “Der, der den Krieg stärker wünschte als der andere, musste die belgische Neutralität verletzen.” Und dass die Briten mit den Franzosen kämpfen würden, weil sie die Deutschen nicht auf dem gegenüberliegenden Kanalufer haben wollten, war für Schlieffen ebenso wahrscheinlich. Auch deshalb plante er den rechten Flügel so stark, um ein britisches Expeditionskorps gleich mit umzingeln zu können.


“Im Frühjahr 1914 war das gemeinsame Werk der Generalstäbe Frankreichs und Englands bis zur letzten Unterkunft für jedes Bataillon vollendet, selbst bis zu den Punkten, wo die Kaffeeausgabe erfolgen sollte.” Das alles war nur einem halben Dutzend Offizieren bekannt, aber keinem Politiker. Wie in Deutschland, war auch in England und Frankreich der Primat des Militärs selbstverständlich.


Über die deutsche Rüstung wurden die Briten von einem der wichtigsten deutschen Politiker informiert: von August Bebel, dem Vorsitzenden der SPD. Über den britischen Generalkonsul in Zürich teilte er ihnen beispielsweise mit, dass Tirpitz bis zum Ausbruch des Krieges 300.000 Seeleute ausgebildet haben wollte, dass die deutschen Soldaten vier Stunden länger gedrillt wurden und dass der Kriegsschatz des Kaiserreiches nur 800 Millionen Mark betrage*. Bebel hoffte, dass Deutschland den von ihm für unvermeidlich erachteten Krieg verlieren werde. Dagegen hatte Hugo Stinnes  zur Vermeidung des Krieges einen unorthodoxen Rat. Man könne doch „nach und nach die Aktienmehrheit von diesem oder jenem“ kriegswichtigen „Unternehmen erwerben … und ich sichere die deutsche Vorherrschaft im stillen.“ Es ist gar nicht auszudenken, was der Menschheit erspart geblieben wäre, hätte man den Plan des Ruhr-Konzernherrn verwirklicht. Aber die säbelrasselnden Klassen jedes Landes hätten solche Gedanken nur verächtlich gefunden.


“Europa war ein Haufen von Schwertern”, schreibt Barbara Tuchman , “die wie Mikadostäbchen übereinanderlagen; keines konnte herausgezogen werden, ohne dass die anderen sich bewegten.”

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