1892 - 1918 1914

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“Da kommt man zu Besuch und wird mit Bomben empfangen”, erregte sich Franz Ferdinand von Österreich-Este, der Thronfolger Österreich-Ungarns, am 28. Juni 1914 im Rathaus der bosnischen Hauptstadt Sarajewo.


Bei der Fahrt durch die Stadt war eine Handgranate nach ihm geworfen worden. Sie hatte ihn verfehlt, aber zwei Offiziere verwundet. Der Thronfolger will sie im Krankenhaus besuchen. Die Fahrtroute wird geändert, aber der Fahrer biegt in die falsche Straße ein, weil ihm niemand die Änderung mitgeteilt hatte. Er stoppt, um nach dem Zurücksetzen des Autos geradeaus weiterzufahren. Der kurze Stopp genügt dem Attentäter. Der Thronfolger und seine Frau verbluten. “Beide Pferde gut verkauft”, telegrafiert ein Mit-Attentäter nach Belgrad.


Der Erfolg der Verschwörer war zu erwarten gewesen, "denn die bewaffneten Serben, alle mit Zyankalikapseln zum Selbstmord versehen, hatten an jenem Sonntagmorgen bereits sieben Gelegenheiten verpasst, ehe der Mord gelang."


Damit begann "eine Kettenreaktion, die in den Ersten Weltkrieg und zu einem menschenvernichtenden europäischen Bürgerkrieg führte, der 1945 (manche sagen sogar: erst 1990) zu Ende ging. Sarajewo steht am Anfang einer bis dahin kaum vorstellbaren Lawine der Gewalt, die ... Europa als Zentrum der Weltpolitik und Weltwirtschaft unter sich begrub." Dieser Erste Weltkrieg wird zum Schlüsselereignis des 20. Jahrhunderts werden. Ohne ihn wäre es ganz anders verlaufen: Durch ihn werden die  USA und die Sowjetunion auf die Weltbühne kommen, die europäischen Staaten ihre Großmachtstellungen verlieren. Seine Folge wird die Ära der Ideologien und der Diktaturen sein.
Der Todesschütze war ein Bosnier serbischer Nationalität. Er und seine Komplizen hassten Österreich-Ungarn. Sie wollten aus Serbien ein Großserbien machen, dem außer Albanien auch Bosnien und die Herzegowina angehören sollten. Nach ihrer Meinung hatte Österreich 1908 diese Gebiete Serbien “weggenommen”.


Franz Ferdinand war für sie der Initiator dieses “Raubes”. Er galt ihnen als Feind der Südslawen, die unter dem Schutz Russlands vereint werden sollten. Die treibenden Kräfte hatten auch den Mord des eigenen Königspaares nicht gescheut. Die nachfolgende Dynastie musste sich ebenfalls fürchten. Die Königsmörder gründeten nämlich einen terroristischen Geheimbund: “Die Schwarze Hand”. Nicht die Regierung, sondern die Schwarze Hand, geführt von Geheimdienstchef Oberst Dimitrijević, Deckname “Apis”, regierte Serbien. Da die vom serbischen Geheimdienst missbrauchten jungen Terroristen Staatsbürger der k.u.k. Monarchie waren und der Mord auf deren Gebiet geschah, war das alles eine innere Angelegenheit Österreich-Ungarns - oberflächlich betrachtet. Dort kannte man die Hexenküche.


Der Thronfolger war kein Feind Serbiens. Er wollte den Slawen neben den Deutschen und den Ungarn gleiche Rechte im Staat geben. Die serbischen Nationalisten fürchteten diese Entwicklung: Wahrscheinlich wären die Bosnier und Herzegowiner, die Kroaten und Slowenen dann lieber im alten Österreich geblieben als in einem von diesen Serben beherrschten Staat zu leben. Diese Vermutung wurde nach dem Érsten Weltkrieg durch die Tatsache bestätigt, dass das als Jugoslawien, d.h. Südslawien, verwirklichte Großserbien bei seinen Mitgliedsvölkern keine ungeteilte Zustimmung fand, auch wenn noch niemand ahnen konnte, dass die Serben auch sehr viel später nicht davor zurückschrecken würden, Kroaten, Slowenen, Bosnier und Albaner zu bekriegen und zu vertreiben.


Österreich hatte das Mitgefühl der Welt. Aber: Nach dem damaligen Prestigedenken konnte sich eine Großmacht nach den unzähligen serbischen Provokationen nicht auch das noch gefallen lassen. Zwar waren gerade damals nicht wenige Könige, Fürsten und Staatsmänner und auch die österreichische Kaiserin umgebracht worden, ohne dass es Krieg gab. Jetzt war es anders. Hinter dem kleinen Serbien stand das große Zarenreich. Für Deutschland, das mit Österreich-Ungarn verbündet war, war die Ermordung des Thronfolgers kein Kriegsgrund, sondern nur eben “der Balkan”, von dessen völkerpsychologischen Verhältnissen man zu wenig wusste. Selbstverständlich müsse Serbien gezüchtigt werden. Kaiser Franz Josef, so der deutsche Kanzler, “könne sich aber darauf verlassen, dass Seine Majestät (Kaiser Wilhelm) ... treu an der Seite Österreich-Ungarns stehen würde.” Anfang Juli 1914 konnte man dabei noch immer an eine bloße Strafaktion Österreichs denken.


Andererseits: Die “Mittelmächte” Deutschland und Österreich fühlten sich eingekreist. Russland drängte nach Westen, die Franzosen wollten die Revanche mehr als je zuvor und die Briten wollten die Deutschen nicht auf die Weltmeere und die Weltmärkte lassen. Deutschland aber wollte nur “einen Platz an der Sonne”. Jetzt schien der Angriff der Feinde bevorzustehen. Die beiden Kaiserreiche aber würden “in Nibelungentreue” zusammenstehen “gegen eine Welt von Feinden”. Solche Vorstellungen hatten eine Stimmung geschaffen, die die Deutschen einen Krieg geradezu herbeisehnen ließ. Österreich hatte von Deutschland den “Blankoscheck”, gegen Serbien zu tun, was es für richtig hielt. Deutschland war mit seinem Kaiser der Ansicht, dass man jetzt nicht “kneifen” dürfe. Die Gelegenheit schien günstig, den Verteidigungskrieg jetzt zu führen. Spätestens 1917 würden die Anderen über Deutschland herfallen. “Die Anderen” waren Russland, dessen Eisenbahnen erst ab 1916 die erforderlichen Truppentransporte nach Westen ermöglichen würden, und Frankreich, das ebenfalls noch nicht “kriegsbereit” war. Nur England war mit seinen Rüstungen fertig.


Österreich hätte sein Vorgehen vielleicht nochmals überdacht, wenn ihm Deutschland die Folgen vor Augen gestellt hätte. Es hätte dann erkennen müssen, dass es nicht nur allein gegen Serbien würde Krieg führen müssen und wahrscheinlich auch gegen Italien, sondern auch gegen Russland alleinstehen würde, weil Deutschland alle seine Truppen gegen Frankreich benötigen würde. Österreich stand vor einem Dreifrontenkrieg.


Erst am 23. Juli überreichte der österreichisch-ungarische Gesandte in Belgrad ein Ultimatum. Es war auf 48 Stunden begrenzt und praktisch nur mit “ja” oder “nein” zu beantworten. Die serbische Regierung nahm alle Forderungen an bis auf eine: an der Untersuchung zur Aufdeckung der Hintermänner des Thronfolger-Mordes Organe der k.u.k. Regierung zu beteiligen. Dass dies jedoch der einzige Weg zur Aufdeckung der Verschwörung war, konnte Wien nicht beweisen.


Obwohl gerade die imperialistischen Vorreiter England, Frankreich und Russland sich bisher kaum um die Souveränität kleiner Staaten geschert hatten, stärkten sie jetzt Serbien den Rücken. Serbien mobilisierte, der russische Außenminister erklärte dem deutschen Botschafter, dass Russland Serbien in einem Konflikt mit Österreich nicht alleinlassen werde. Die Trinksprüche, die man am Zarenhof mit dem französischen Präsidenten wechselte, der zu einem Staatsbesuch gekommen war, ließen bereits die Ungeduld spüren, mit der man dort dem Krieg entgegenfieberte.


Am 28. Juli 1914, einen Monat nach den Todesschüssen, erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Die Kriegserklärung an Serbien war jedoch derart katastrophenschwanger, dass sie von einem Tag auf den anderen Europa in Flammen setzte. Serbien hatte das Ultimatum nur ablehnen können, "weil es am 25. Juli von Russland eine Unterstützungserklärung erhalten hatte. Und Russland konnte diese Erklärung nur abgeben, weil es sich Frankreichs sicher war. Die österreichischen Forderungen an Serbien spielten dabei keine Rolle mehr. Der russische Außenminister hatte bereits ohne Kenntnis des Wortlautes der österreichischen Note erklärt: 'C'est la guerre européenne.'" Der Zar ordnete einen Tag später die Mobilmachung an. In der Nacht nahm er sie wieder zurück, um sie am Morgen neuerlich zu befehlen. Am 31. Juli wurde morgens die russische Mobilmachung in Berlin bekannt. Der deutsche Generalstabschef telegrafierte an den österreichischen: “Für Österreich-Ungarn zur Erhaltung Durchhalten des europäischen Krieges letztes Mittel. Deutschland geht unbedingt mit.” Dieses Telegramm, von dem weder der Kaiser noch der Kanzler wussten, löste in Wien Irritationen aus. Außenminister Graf Berchtold: “Wer regiert?, Moltke oder Bethmann?” Erst jetzt war klargeworden, dass sich die politische und die militärische Führung nicht über das abgestimmt hatten, was im Falle eines Krieges geschehen müsse. Jetzt konnte die politische Führung und selbst der Kaiser nur noch zusehen, wie der Plan des Generalstabes abrollte. Am Mittag des 31. Juli stellte die Reichsregierung ein 12-stündiges Ultimatum an Russland. Wenn Russland nicht alle Kriegsvorbereitungen einstelle, werde Deutschland mobilisieren. Gleichzeitig wurde von Frankreich binnen 18 Stunden Antwort verlangt, ob es in einem deutsch-russischen Krieg neutral bleiben werde. In diesem Fall sollte es als Garantie die deutsche Besetzung seiner Festungen Toul und Verdun zusagen. Der deutsche Botschafter wagte gar nicht, diese Forderung zu übermitteln, denn ganz Frankreich schrie schon “La guerre, la guerre!” - der Tag der “Revanche” war gekommen. Russland antwortete nicht. Also erging am Nachmittag des 1. August die deutsche Kriegserklärung an Russland. Die Franzosen erklärten nur, sie würden so handeln, wie es ihre Interessen erforderten. Infolgedessen erklärte das Deutsche Reich am 3. August auch Frankreich den Krieg.


“Wir haben uns so nach dieser Stunde gesehnt”, schrieb eine Zeitung, und eine andere berichtete, die Deutschen “frohlocken vor Glück.” Die Hysterie war vollkommen. In Whitehall sagte der britische Premier zu einem Freund, als die Straßenlampen angezündet wurden: “In ganz Europa gehen die Lichter aus; wir werden es nicht mehr erleben, dass sie wieder angezündet werden.”


Bereits 1912 war "Der Untergang des Abendlandes" fertig geworden, ein Werk, das bereits mit der ersten Zeile sein Ziel proklamiert: "In diesem Buche wird zum erstenmal der Versuch gewagt, Geschichte vorauszubestimmen. Es handelt sich darum, das Schicksal einer Kultur, und zwar der einzigen, die heute auf diesem Planeten in Vollendung begriffen ist, der westeuropäisch-amerikanischen, in den noch nicht abgelaufenen Stadien zu verfolgen." Oswald Spengler, der Autor, sah bereits unser Ende: "Es wird in wenigen Jahrhunderten keine westeuropäische Kultur, keinen Deutschen, Engländer, Franzosen mehr geben, wie es zur Zeit Justinians keinen Römer mehr gab." Und: "Es wird eines Tages das letzte Bildnis Rembrands und der letzte Takt Mozartscher Musik aufgehört haben zu sein, obwohl eine bemalte Leinwand und ein Notenblatt vielleicht übrig sind, weil das letzte Auge und Ohr verschwand, das ihrer Formensprache zugänglich war."


“Irgendeine ganz lächerliche Angelegenheit auf dem Balkan” werde den Krieg auslösen, hatte Bismarck gesagt. Nur: Es waren schon zwei Kriege - einer im Osten und einer im Westen. Und das war nur der Anfang. Als der große Weltbrand vorbei war, haben die Sieger Deutschland am schwersten belastet. Aber “der Begriff ‘Kriegsschuld’ ist für die Zeit von 1914 völlig unangemessen. Krieg war damals ein legitimes Mittel der Politik; jede Großmacht rechnete jederzeit mit Kriegsmöglichkeiten, ... und wenn sich eine günstige Kriegsmöglichkeit ergab, galt es nicht als unmoralisch oder gar verbrecherisch, davon Gebrauch zu machen.”


Lenins Ansicht darüber war: “Wir wissen, dass seit Jahrzehnten die drei Lumpen (England, Frankreich, Russland; H.D.) Vorbereitungen getroffen haben, Deutschland anzugreifen. Warum sollten wir uns wundern, wenn die zwei andern Lumpen dem Angriff zuvorkommen, bevor die bestellten Waffen den ersteren geliefert worden sind?”
Wie es zum Krieg kam, sagte auch Lloyd George, der Organisator der britischen Kriegswirtschaft und Premier von 1916 bis 1922: “Je mehr ... man liest, ... desto deutlicher erkennt man, dass keiner von den führenden Männern den Krieg wirklich gewollt hat. Sie schlitterten sozusagen hinein, aus Torheit!” Ein heutiger Historiker sieht es ähnlich: „Kein ernstzunehmender Historiker irgendeines am Weltkrieg beteiligten Landes würde heute noch die Alleinschuldthese oder die Allein-Unschuldthese vertreten wollen.“ Später hat ein geistreichelnder Journalist die österreichische Entscheidung für den Krieg gegen Serbien als "Entschluss zum Selbstmord aus Angst vor dem Henker" gedeutet. Doch für das damalige Österreich war sie "die mörderische Antwort auf eine mörderische Provokation."


Auf deutscher Seite herrschte die Zwangsvorstellung, dass man Frankreich nach dem Schlieffen-Plan angreifen müsse: durch Luxemburg und Belgien. Bevor es dazu kam, depeschierte der deutsche Botschafter aus London, Premier Asquith werde die französische Neutralität gewährleisten, wenn Deutschland im Westen defensiv bleibe. In einer eiligen Besprechung erklärte daher der Kaiser dem Kanzler und dem Generalstabschef: “Also marschieren wir mit der ganzen Armee einfach im Osten auf!” Moltke eröffnete dem Kaiser, dass dann an der Ostgrenze nur ungeordnete Haufen von Soldaten ohne Verpflegung und Munition eintreffen würden. Kaiser und Kanzler mussten hinnehmen, dass auf veränderte politische Situationen gar nicht mehr reagiert werden konnte. Der Krieg war, noch ehe er angefangen hatte, bereits außer Kontrolle geraten. Das war das Verschulden der drei Hauptfiguren dieser Besprechung: Der Generalstabschef hatte den Krieg gegen Russland nicht aktualisiert, sein Plan für den Westen lieferte England und der halben Welt den Vorwand für den Krieg gegen Deutschland. Kanzler Bethmann Hollweg, der den Schlieffen-Plan kannte, hatte den Militärs nicht klargemacht, dass sich Planungen von Kriegen den politischen Erfordernissen unterordnen müssten. Und der Kaiser hätte wenigstens die politische und die militärische Führung koordinieren müssen. Als er vom Balkon des Berliner Schlosses der Menschenmenge den drohenden Krieg mit den Worten verkündete “Man drückt uns das Schwert in die Hand”, war jeder überzeugt, dass man damit zurückschlagen müsse. Und als am Schlosstor die Mobilmachung verkündet wurde, stimmte gar die Menge den Choral “Nun danket alle Gott!” an. Einschließlich der SPD billigte der Reichstag die Mittel für die Kriegführung. Die Sozialdemokraten wollten während des Krieges “Burgfrieden” halten. Vor dem Plenum lobte der Kaiser die nationale Entschlossenheit: “Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!” In Österreich war es ähnlich. Die Kriegsbereitschaft war sogar bei den meisten Nicht-Deutschen der k.u.k. Monarchie da. Auch Frankreich war berauscht. Die jungen Franzosen, egal ob Proletarier oder Bourgois, reihten sich in die umjubelten Bataillone ein. Die Massen weinten und schrien „Vive l’Alsace“. In den Restaurants spielten die Orchester die französische, russische und britische Nationalhymne.


In Deutschland jubelte man seinen Soldaten zu, steckte ihnen Blumen in die Gewehrläufe und sang “Die Wacht am Rhein” bis zum Heiserwerden. Ganze Gymnasialklassen meldeten sich freiwillig. “Wer einigermaßen bei Kräften war, eilte zur Fahne, zu Fuß, auf dem Pferd, mit der Eisenbahn oder auf einer Lok, wie der nachmalige Bundespräsident Lübke.” Sie fürchteten, zum Krieg zu spät zu kommen. Anders Thomas Mann: Während er markige Kriegsschriften verfasste erkundigte er sich bei Bekannten, "wie man es am besten anstellt, nicht zum Kriegsdienst eingezogen zu werden. Da er das Glück hatte, verschont zu bleiben, konnte er sich mit großer Erleichterung darauf beschränken, 'soldatisch zu leben aber nicht als Soldat'. Darunter verstand er den 'Gedankendienst mit der Waffe.' " So gelang es ihm, während andere von feindlichen MGs umgemäht wurden, "ein Dionysiker mit Bügelfalte und gestärktem Kragen" zu bleiben.


“Ihr werdet wieder zu Hause sein, ehe das Laub von den Bäumen fällt”, versprach der Kaiser seinen Soldaten. Der eine General tippte auf 8, der andere Diplomat auf 6 Wochen - bis zum totalen Sieg. Der Generalstab hatte vier Monate vorgesehen. In 6.010 Eisenbahnwagen, die in 140 Züge und ebensoviele Nachschubzüge aufgeteilt waren, war die Masse des deutschen Heeres nach Westen transportiert worden.


Am 3. August um 19.00 Uhr sollte der Krieg gegen Frankreich losgehen. Doch der Kanzler beschwor den Kaiser, nicht in das neutrale Luxemburg einmarschieren zu lassen, bevor das Antworttelegramm aus London da sei. Also ließ der Kaiser an die 16. Division in Trier telegrafieren, der Einmarsch sei einzustellen. Generalstabschef Moltke bekam einen Weinkrampf. Für ihn waren die luxemburgischen Bahnlinien eine Voraussetzung für den Einmarsch in Belgien. Sein Zusammenbruch war unnötig, denn das kaiserliche Halt war nicht rechtzeitig angekommen. Punkt 19 Uhr hatte Leutnant Feldmann mit seiner Kompanie das luxemburgische Ulflingen eingenommen. Um 19.30 Uhr traf eine motorisierte Einheit ein, um die Eroberer zurückzuholen. Doch auch dieser Rückzug wurde widerrufen, nachdem der Botschafter aus London telegrafiert hatte, England werde Frankreich nicht neutral halten. “Jetzt können Sie machen, was Sie wollen”, sagte der Kaiser zu Moltke und legte sich ins Bett.


Als England Gewißheit hatte, dass Deutschland in Belgien einmarschierte, forderte es eine “zufriedenstellende” Antwort. Deutschland antwortete nicht. Deshalb erklärte am 4. August, 23 Uhr deutscher Zeit, Großbritannien Deutschland den Krieg. Seither wird als Englands Kriegsgrund immer der Bruch der belgischen Neutralität durch Deutschland genannt. Kriegsminister Haldane hatte aber schon zwei Jahre zuvor einen triftigeren Grund genannt: England könne wegen des europäischen Gleichgewichts “unter keinen Umständen eine Niederwerfung Frankreichs dulden.” Später schrieb die britische Presse ganz ungeniert, dass der deutsche Durchmarsch durch Belgien keineswegs der Kriegsgrund für England gewesen sei. Vielmehr bekannte der Leitartikel der TIMES am 19.3.1915, "dass England durch seine Ehre und sein Interesse gezwungen gewesen sei," mit Frankreich und Russland den Krieg zu beginnen, "auch wenn Deutschland die Rechte seines kleinen Nachbarn gewissenhaft geachtet und sich den Weg nach Frankreich durch die französischen Ostfestungen gebahnt hätte." Die britische Erklärung lautete: "Weshalb verbürgten wir uns für die Neutralität Belgiens? Wegen eines gebieterischen Grundes des Selbstinteresses, aus dem wir von jeher verhinderten, dass eine Großmacht sich unserer Ostküste gegenüber festsetzte, wegen des Grundes, der uns bewog, die Niederlande gegen Spanien und gegen das Frankreich der Bourbonen und Napoleons zu verteidigen." Schließlich hat 1998 auch der britische Historiker Ferguson klargestellt: "Wenn Deutschland diese (die belgische Neutralität; H.D.) 1914 nicht verletzt hätte, würde Großbritannien es getan haben."


Sieben deutsche Armeen mit 1,5 Millionen Soldaten traten längs der belgisch-französischen Grenze an. Die 1. Armee auf dem rechten Flügel gegenüber Lüttich bis zur 7. Armee im Elsass. Moltke hatte den linken Flügel zulasten des rechten verstärkt. Doch noch immer hatten die drei Armeen des rechten Flügels, der durch Belgien marschieren sollte, 34 Divisionen, jede etwa 20 000 Mann stark.


Das Tor nach Belgien war Lüttich, 150 Meter über der 200 Meter breiten Maas. Der Eisenbahnknotenpunkt, der für alle weiteren Aktionen unabdingbar war, war von zwölf modernen Forts mit 400 Geschützen umgeben. Der ganze Kriegsplan hing von der schnellen Eroberung dieser Festung ab. Man hatte erwartet, dass die Belgier keinen Widerstand leisten würden. Die Hoffnung trog.


General Ludendorff , vor kurzem noch Chef der Mobilisierungsabteilung im „Großen Generalstab“, erlebte das Scheitern der Infanterieangriffe bei der 14. Brigade. Auch ihr Kommandeur war tot. Ludendorff übernahm das Kommando und stieß mit ihr durch den Festungsgürtel. Er fuhr mit seinem Adjutanten zur Zitadelle hoch. Mit dem Säbelknauf hieb er an das Haupttor. Die Besatzung ergab sich. Der vom Glück begünstigte Eroberer bekam dafür als erster in diesem Krieg die höchste Tapferkeitsauszeichnung, den Pour le mérite, den “blauen Max”. Dieser Handstreich machte Ludendorff bekannt.


Die Forts von Lüttich hielten aber noch immer stand. Erst die Beschießung mit schwerster Artillerie zerschlug sie. Ein Beobachter schildert den Transport eines 42-Zentimeter-Mörsers: Er war “ein so kolossales Geschütz, dass wir unseren Augen nicht trauen wollten ... Das Ungeheuer ... wurde von 37 Pferden gezogen ... Hannibals Elefanten können die Römer nicht mehr verblüfft haben.”


Frankreichs Armeen standen südlich und nördlich von Toul und Verdun. Aus diesen Räumen stießen sie nach Osten. Deutsche und Franzosen bewegten sich wie in einer riesigen Drehtür aneinander vorbei. Die Briten begannen am 9. August mit der Einschiffung ihres Expeditionskorps von 80.000 Mann. Der Kriegsminister Lord Kitchener wies den Oberkommandierenden French an, die Truppen mit einem “Minimum an Verlusten und Verbrauch” einzusetzen.


Mit dem Eingreifen Großbritanniens war der weltweite Krieg Wirklichkeit. Vorher hatte man argumentiert, ein großer Krieg könne nicht lange dauern, weil ja niemand auf ihn vorbereitet sei. Tatsächlich hatte Deutschland nur für sechs Monate Pulver. Die Franzosen ließen Lothringen an die Deutschen fallen, wodurch sie achtzig Prozent ihrer Eisenerzförderung verloren. Als ein Beamter vom deutschen Generalstabschef auch einen Generalstab für die Wirtschaft forderte, schnauzte der: “Lassen Sie mich mit der Wirtschaft in Ruhe, ich bin damit beschäftigt, einen Krieg zu führen.”


Moltke erkannte bald, dass der Krieg nicht nach Plan lief. Während vier deutsche Armeen nach Frankreich stürmten, griffen die Franzosen im Oberelsass und zwischen Metz und den Vogesen an. Sie kamen bis Saarburg. Der dortige Armeebefehlshaber forderte die Gegenoffensive. Eigentlich hatte Moltke von hier Truppen zugunsten des rechten Flügels abziehen wollen.


Am äußersten rechten Flügel kam die 1. Armee bis 50 Kilometer an Paris heran. In zehn Tagen hatte Frankreich Lille, Valenciennes, Laon und Soisson verloren, dazu Kohlenlager und Erzminen, Weizen- und Zuckerrübengebiete, sowie ein Sechstel seiner Bevölkerung.
Die Nachrichtenverbindungen waren miserabel; die Belgier und Franzosen schnitten zu oft die Telefondrähte durch, Funk gab es noch kaum. Moltke sah, dass zwischen 1. und 2. Armee eine Lücke klaffte, dass der rechte Flügel bedroht war. Dass sich bei den Franzosen etwas tat, berichtete man ihm aus dem Mittelabschnitt. Von dort zog man Truppen ab und brachte sie mit der Bahn nach Paris. Der Befehlshaber der 2. deutschen Armee zog seine Truppen zurück. Aber die 1. Armee marschierte weiter. Am Abend des 5. September kam Oberstleutnant Hentsch als Bote Moltkes in das Hauptquartier des Generalobersten von Kluck und überzeugte ihn von der Notwendigkeit des Rückzugs. Weder die Oberste Heeresleitung, die OHL, noch die 1. Armee ahnten, dass die französische Gegenoffensive unmittelbar bevorstand.


Der Militärgouverneur von Paris hatte Oberbefehlshaber Joffre zur Offensive gedrängt. “Meine Herren, wir kämpfen an der Marne”, entschied er schließlich. Zwei Stunden nachdem Moltke den Befehl zum Anhalten des rechten Flügels unterzeichnet hatte, unterschrieb Joffre den Angriffsbefehl. Im britischen Hauptquartier richtete er an Feldmarschall French und seinen Stab einen flammenden Appell: “Das Leben des französischen Volkes, der Boden Frankreichs, die Zukunft Europas” hingen von dieser Offensive ab. “Ich kann nicht glauben, dass die britische Armee sich weigert, in dieser äußersten Notlage ihre Aufgabe zu erfüllen ...” Er schlug auf den Tisch: “Monsieur le Maréchal, die Ehre Englands steht auf dem Spiel!” French musste mitziehen.


“Die östlich von Paris vorgedrungenen Heeresteile sind von überlegenen Kräften angegriffen worden. Als der Vormarsch neuer feindlicher Kolonnen gemeldet wurde, ist ihr Flügel zurückgenommen worden”, meldete der deutsche Heeresbericht am 10. September. “Die Schlacht an der Marne wurde für uns so verloren, dass sie in den deutschen Heeresberichten nicht zu finden ist.” Nach der Siegesgewißheit und dem weiten Vordringen wäre es "der Heimat” als Verrat erschienen, dass die OHL selbst den Rückzug befohlen hatte. Franzosen und Briten tasteten sich ungläubig in die von den deutschen Armeen aufgegebenen Räume vor.


Der Schlieffenplan war gescheitert. Was Franzosen und Briten später als “Marnewunder” bezeichneten, hatten die Deutschen für sie inszeniert. Jede der drei Armeen des rechten Angriffsflügels hatte ihren eigenen Krieg geführt. Die 1. und die 2. Armee hatten sich gegenseitig nicht abgestimmt, sie hörten nur gegenseitig ihre Funksprüche an den Generalstabschef ab, der zu weit hinten, in Luxemburg, saß. Zu dürftig unterrichtet, hatte er die selbstherrlichen Armee-Führer kaum geführt.


Daran war auch die schlechte Nachrichtenübermittlung schuld. Anfangs ist der Krieg noch altertümlich, manchmal pittoresk: Die legendären Marne-Taxis etwa. Der  Pariser Militärgouverneur hatte 600 beschlagnahmt, die pro Fahrt fünf Soldaten aus Paris an die Front brachten. Oder der deutsche Pilot, der aus seinem “Flugapparat” aus Leinwand, Sperrholz, Blech und ein paar Drähten seinen Gegner in der Luft mit Pistole und Handgranaten bekämpft. Als er eine scharf gemacht hat und zum vernichtenden Wurf ausholt, fällt sie ihm aus der Hand und rollt unerreichbar in seinen Fußraum. Bevor die Explosion den klapprigen Äroplan zerfetzt, grüßt er seinen Gegner militärisch. Schon bald verdrängt jedoch die Perfektionierung der Tötungsgeräte solche ritterlichen Verhaltensweisen. Ausnahmen sind selten: An einem Heiligen Abend stiegen in Flandern deutsche und britische Soldaten aus ihren Schützengräben und spielten gegeneinander Fußball.


Da die deutsche Strategie mit dem Schlieffenplan den schnellen Sieg im Westen erreichen wollte, fehlten für die Verteidigung der Ostgrenze die erforderlichen Kräfte. Nur ein Landwehrkorps bewachte Schlesien mit seinem Industriegebiet und hielt die Verbindung zu den Österreichern. Ihnen und einer deutschen Armee in Ostpreußen standen fast drei Millionen Russen gegenüber.


Wie Österreich gegen Serbien, Deutschland gegen Frankreich und Frankreich gegen Deutschland die Kriegsentscheidung durch eine große Offensive versucht hatten, hatte auch Russland angegriffen. Die deutsche 8. Armee sah mehr als die doppelte Übermacht auf sich zukommen. Die Armee des Generals Rennenkampf hatte im August mit 246.000 Mann die ostpreußische Grenze überschritten und von Süden rückte die Armee Samsonows mit 289.000 Mann an.


Armeebefehlshaber von Prittwitz wollte sich bis hinter die Weichsel zurückziehen. Er wurde gefeuert. Man brauchte schnell einen Mann, der den deutschen Osten retten konnte. Man kam auf Ludendorff, der ein erstklassiger Generalstäbler war. Zum Armee-Befehlshaber machte man den General von Beneckendorff und Hindenburg . Er war für seine “Unerschütterlichkeit” bekannt. Später hieß man ihn oft “Marschall Was-sagst-Du”. Bei wesentlichen Fragen wandte er sich nämlich an Ludendorff und fragte ihn so. Der sagte wohl auch nicht grundlos: “Ich habe den Ruhm Hindenburgs geschaffen!” Als “Tannenberg” schon Legende war, bekannte der damalige erste Generalstabsoffizier der Ostpreußen-Armee: “Wir hatten allerdings einen Verbündeten, den Feind. Wir wussten alles, was er vorhatte.” Die Russen funkten nämlich fast alles unverschlüsselt. Einer dieser Funksprüche ermöglichte es der Hindenburg-Armee, nacheinander die beiden Russen-Armeen zu schlagen, die sich auf sie zuwälzten: Rennenkampf ließ seine Armee nämlich volle sechzig Stunden rasten. Er dachte, die deutsche Armee wäre in schleunigem Rückzug zur Weichsel. Davor würde ihr die Samsonow-Armee den Rückzug abschneiden. Deshalb trieb Samsonow seine Truppen auch so an, um den Sack zuzumachen. Stattdessen marschierten sie in die deutsche Umklammerung, so dass die deutschen Korps, von Rennenkampfs Armee nicht gestört, Zeit hatten, die Samsonow-Armee bei Tannenberg zu vernichten und wenig später in Gegenrichtung anzugreifen und die Armee Rennenkampfs an den Masurischen Seen zu schlagen. “So viel Glück war keinem Kommandeur in den Schoß gefallen, seit die Perser mit Hilfe eines griechischen Verräters den Thermopylenpass hatten umgehen können.” Die Schlacht von Tannenberg im August 1914 galt sehr bald als einer “der größten Siege, die die Geschichte kennt.”


Wenn die Deutschen die russischen Funksprüche nicht hätten mithören können; wäre die Armee Hindenburgs wohl vernichtet worden. Niemand hätte die Russen hindern können, weit nach Westen vorzudringen. Tannenberg hinderte aber wohl auch die Deutschen, im Westen weiter vorzudringen. Um die Ostpreußen-Armee zu verstärken, hatte nämlich die schon jenseits der Marne stehende 2. Armee zwei Armeekorps nach Osten abgeben müssen.


Österreich hatte Serbien angegriffen. Der Feldzug scheiterte. Auch ein zweiter Feldzug wird an dem von Läusen übertragenen Fleckfieber scheitern. Allein im Winter 1915/16 werden in serbischen Lagern 30.000 österreichische Gefangene daran sterben. Dass die “Strafexpedition” scheiterte, ruinierte das Ansehen Österreichs beim deutschen Bundesgenossen und auch bei den eigenen Bürgern. In Galizien wurde im August die 3. Armee bei Lemberg geschlagen. Als in Frankreich die deutschen Angriffs-Armeen zurückgenommen wurden, befahl auch der österreichische Generalstabschef den Rückzug bis vor Krakau und bis hinter die Karpathenpässe. Immerhin hatte die k.u.k. Armee die Masse der Russen auf sich gezogen und von der Straße nach Berlin abgelenkt. Doch die Niederlage kostete fast einer Viertelmillion österreichischer Soldaten das Leben. 100.000 mussten in Gefangenschaft. Von diesen Verlusten erholte sich die k.u.k. Armee nicht mehr.


Alle Kriegspläne waren gescheitert. Schon jetzt war offensichtlich, dass der Krieg bei allen Beteiligten nicht mehr nach den Generalstabsplänen verlief, sondern sich in ein Produkt aus Irrtümern, Fehleinschätzungen, mangelnder Information und Kooperation, Dummheit und Zufall verwandelt hatte.


„Der jetzige Krieg“, hatte der französische Botschafter in Sankt Petersburg notiert, „ist ein Krieg auf Leben und Tod, in dem jeder Kämpfende seine nationale Existenz aufs Spiel setzt.“ Tatsächlich sah jede Nation ihr Überleben in Frage gestellt. Auch der deutsche Kanzler „erwartet von einem Krieg, wie er auch ausgeht, eine Umwälzung alles Bestehenden.“ Und Admiral Tirpitz, der mit seinem Flottenbau England zum Gegner Deutschlands gemacht hatte, fürchtete gar: „Mit dem bisherigen Kasten- und Klassenwesen ist es vorbei. Sieg oder Niederlage, wir bekommen die reine Demokratie.“


In der Tat veränderte der Krieg die Gesellschaft tiefgreifend: Das technisierte Massensterben schafft an der Front eine Gemeinschaft des Kriegserlebens. In der Heimat reglementiert der Staat zunehmend selbst das Private, um den allgegenwärtigen Mangel zu regeln. Rathenau, einer der mächtigsten Wirtschaftsmagnaten, organisiert die deutsche Kriegswirtschaft. Weil die Männer „in Stahlgewittern“ kämpfen, müssen die Frauen sie in den Fabriken ersetzen. Sozialdemokratie und Gewerkschaften sind bereits ein kriegsentscheidender Faktor, denn ohne ihr Stillhalten wäre der Krieg gar nicht mehr weiter zu führen gewesen. Die sozialen Gräben aber verbreitern sich, neben Opferbereitschaft gedeiht Gewinnsucht. Doch der fast schon totale Krieg hält alle noch zusammen.


Diese Totalität zeigte sich auch in der von den Briten verhängten Seeblockade gegen Deutschland, die auf den Nerv der deutschen Volkswirtschaft und darüberhinaus durch das Aushungern auf die Demoralisierung der Zivilbevölkerung zielte.


Die ideologische Einfärbung dieses Krieges vergiftete sogar den verbalen Umgang der Gegner miteinander. Verunglimpfungen, Lügen und Hetze waren gängige Propagandamethoden. Selbst der lyrische Romain Rolland  entgleiste mit der Frage, ob die Deutschen „die Enkel Goethes oder Attilas“ wären. Worauf Gerhart Hauptmann , der Vormann des deutschen Naturalismus, zurücktrotzte: „Weit besser, Sie nennen uns Söhne Attilas ... und bleiben außerhalb unserer Grenzen, als dass Sie uns eine empfindsame Inschrift, als den geliebten Enkeln Goethes, auf das Grab unseres deutschen Namens setzen.“


Selbstverständlich wollte Deutschland noch immer den Sieg. Erringen sollte ihn der bisherige Kriegsminister Generalleutnant von Falkenhayn, den der Kaiser zum Nachfolger Moltkes gemacht hatte. Doch er hatte nur noch unzureichend ausgebildete Einheiten, die zumeist aus Kriegsfreiwilligen bestanden. Sie griffen bei Ypern an. Am 11. November 1914 gab der OHL-Bericht bekannt: “Westlich Langemarck brachen junge Regimenter unter dem Gesang ‘Deutschland, Deutschland über alles’ gegen die erste Linie der feindlichen Stellungen vor und nahmen sie.” Danach lautete die Verlustmeldung eines Regimentes: “I. Bataillon erledigt bis auf den Regimentskommandeur, Adjutant und ein paar Mann.”


Der Krieg wurde bewegungslos. Freund und Feind gruben sich ein. Die Fronten erstarrten im zermürbenden Grabenkrieg. Er wird geprägt von Materialschlachten, in denen explodierende Granaten keinen Quadratmeter heil lassen. Die Möglichkeit der Vervielfachung des Mordens bekommt durch das Maschinengewehr eine nicht gekannte Dimension: Bei Angriffen sollen rund 80 Prozent aller Verluste von Maschinengewehren verursacht worden sein. Die Schlachtenlenker hatten noch die Bajonettangriffe der Infantrie und schneidige Kavallerieattacken der Kaiser-Manöver ihrer Jugend vor Augen. Sie wollten nicht sehen, dass jetzt der Angreifer im Nachteil, der Verteidiger im Vorteil war.


In Pattsituationen sind rettende Einfälle gefragt. Fritz Haber, Direktor des Kaiser-Wilhelm-Institutes für physikalische Chemie, baldiger Organisator der chemischen Kriegswirtschaft und Nobelpreisträger, hatte einen: Mit Chlorgas, das man Richtung Feind blies, könne man die Besatzung der gegnerischen Schützengräben “vergasen”. Im Frühjahr 1915 erprobten die Deutschen vor Ypern das Vernichtungsverfahren. Doch „des Kaisers chlorreiche Siege” blieben aus. Beide Seiten kamen auf neue Scheußlichkeiten, obwohl die Haager Landkriegsordnung das alles verboten hatte. Die Franzosen schossen mit Phosgen-Granaten, die Deutschen Lommel und Steinkopf fanden das Senfgas Lost. Die Militärs zählten darauf, dass jeder Gasvergiftete wochenlang gepflegt werden musste und damit den Gegner belastete. Der prominenteste Überlebende der 35.000 deutschen Gasvergifteten war der Gefreite Adolf Hitler. Möglich, dass die Idee des Juden Haber das Opfer Hitler auf den Gedanken brachte, auch die Juden zu “vergasen”.


Zur Ehrenrettung Habers ist hinzuzusetzen, dass er auch die Ammoniak-Synthese erfunden hatte. Carl Bosch hatte sie in der BASF großtechnisch verwirklicht. Durch die katalytische Ammoniak-Verbrennung gewann man Salpeter. Habers Erfindung machte damit dem Hunger, der die Menschheit seit Anbeginn gequält hatte, ein Ende . Sie machte es möglich, letztenendes mit Luft die Ernten zu vervielfachen: Erntete der Bauer um 800 nur das Drei- bis Vierfache der Getreideaussaatmenge und lagen um 1800 die Erträge noch immer bei nur 8 Doppeltonnen pro Hektar, so ernten wir heute 80 und mehr.- Das Haber-Bosch-Verfahren verlängerte allerdings auch den Krieg. Schon nach den ersten Wochen hatten die Truppen nämlich ihr Pulver verschossen. Zu Katastrophen kam es nur deshalb nicht, weil auch die gegnerischen Generalstäbe nicht daran gedacht hatten, dass man zum Schießen Munition braucht.


Das Ostasiengeschwader der deutschen Flotte saß bei Kriegsbeginn in Tsingtau, der Hauptstadt des deutschen Pachtgebietes Kiautschou, fest. Auf der Flucht vor der übermächtigen englischen Kriegsmarine gelang es den zwei Panzerkreuzern und drei kleinen Kreuzern, vor der chilenischen Küste ein etwa gleichstarkes britisches Geschwader zu versenken. Jedoch schon bei den Falklandinseln bereiteten ihnen die Briten das gleiche Schicksal. Im Mittelmeer war die deutsche Seemacht im August 1914 nur mit dem Schlachtschiff “Goeben” und dem kleinen Kreuzer “Breslau” präsent. Konteradmiral Souchon sah sich von einer britisch-französischen Übermacht bedrängt. Er wollte durch die Dardanellen ins Schwarze Meer. Um diplomatischen Schwierigkeiten zu entgehen, kaufte die Türkei die Schiffe. Souchon wurde Befehlshaber der türkischen Kriegsmarine. Die “Goeben” und die “Breslau” bereiteten der russischen Schwarzmeerflotte eine vernichtende Niederlage. Damit war die noch große, aber sterbensschwache Türkei im Krieg an der Seite der Mittelmächte. Hatte man in Berlin gehofft, dass die Söhne Allahs von Indien bis Marokko, vom Sudan bis Taschkent Engländer, Franzosen und Russen in einem heiligen Krieg aus ihren Heimatgebieten jagen würden, geschah das Gegenteil: Man benutzte die Gelegenheit, die türkische Fremdherrschaft abzuschütteln. Die Türkei wurde für die Mittelmächte zu einer zusätzlichen Belastung.

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