1892 - 1918 1917

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Der Kaiser und die OHL wollten nun die britische Insel aushungern. Das würden die neuen “Tauchboote” besorgen. Sie würden rund um England, aber auch auf allen Ozeanen jedes feindliche und auch jedes neutrale Schiff versenken, das die Insel versorgen könnte. 1914 hatte die “U 9” drei britische Panzerkreuzer versenkt. Dieser Auftakt verführte zu verhängnisvollen Hoffnungen in die scheinbare Wunderwaffe. Die deutsche Seekriegsleitung behauptete, mit ihren 200 U-Booten monatlich mindestens 600.000 Tonnen auf den Meeresgrund schicken zu können. Schon nach einem halben Jahr würde der Schiffsraum für die britische Versorgung nicht mehr ausreichen. England würde in die Knie gehen, Frankreich sich dann auch nicht mehr halten können, Russland ebenfalls nicht. Bedenken, auch neutrale Schiffsbesatzungen zum nassen Tod zu verurteilen, wurden zurückgewiesen. Nicht nur die Seekriegsleitung, sondern auch Ludendorff setzten Kaiser und Kanzler unter Druck und spielten gegen den verzweifelten Widerstand Österreichs diese letzte Karte aus.

Am 1. Februar 1917 begann Deutschland den uneingeschränkten U-Bootkrieg. Drei Monate lang machten die U-Boote tatsächlich alle Hoffnungen wahr. Dann griff die britische Marineleitung auf eine alte Abwehrmethode zurück. Zum Schutz gegen Piraten hatten die Spanier das Silber aus der Neuen Welt in zusammengefassten Schiffsverbänden transportiert, die von Kriegsschiffen begleitet worden waren. Das System bewährte sich, weil ein “Geleitzug” in den Wasserwüsten der Ozeane genauso schwer auffindbar ist wie ein einzelnes Schiff. Von da an fielen die Versenkungsziffern rapide, die Zahl der versenkten U-Boote aber stieg. Am wichtigsten aber war: Deutschland hatte Amerika provoziert. Der von ihm aus dem Kanzleramt intrigierte Bethmann Hollweg sagte, Falkenhayn habe den Krieg strategisch verloren, Ludendorff politisch.

 

Bald spürte man das Erstarken der Gegner durch den Kriegseintritt der USA, der am 6. April erfolgt war. Die Briten hatten mit einem schmutzigen Trick nachgeholfen: Die Admiralität lenkte - wahrscheinlich auf Befehl des Marineministers Churchill - den britischen Dampfer “Lusitania” vor die Torpedorohre eines deutschen U-Bootes. Dafür spricht, dass die Unterlagen im British Naval Intelligence Department noch immer geheimgehalten werden. Mit dem größten und schnellsten Passagierschiff versanken 1.198 Menschen, unter ihnen 124 Amerikaner. Doch die “Lusitania” war ein Hilfskreuzer der englischen Marine, der eigens für diesen Zweck gebaut worden war. Bevor er auslief, hatte die deutsche USA-Botschaft die Passagiere in 50 Zeitungen gewarnt. Die “Lusitania” lud nämlich ausweislich ihrer seit 1986 einsehbaren Ladelisten 1.248 Kisten mit Granaten, 4.927 Kisten mit Patronen, 2.000 Kisten mit Pistolenmunition und legte mit Kurs auf Südirland ab. Dort traf der deutsche Torpedo sein Ziel.*


Der Kriegseintritt der USA initiierte eine weltgeschichtliche Wende, wie sie Europa seit eineinhalb Jahrtausenden nicht mehr erlebt hatte: seine Deplazierung vom Zentrum des Weltgeschehens zu einem bloßen Teilschauplatz – eine Entwicklung, die die USA zur alleinigen weltbeherrschenden Macht werden ließ.


Die deutsche Hochseeflotte, die das halbe Volksvermögen gekostet hatte, wollte die Grand Fleet, obwohl 1:3 unterlegen, herausfordern. Als die deutsche Flotte auslief, liefen auch drei Geschwader der britischen aus, auch sie mit Kurs Nordjütland - Südnorwegen. Die Briten kannten das Ziel aus den deutschen Funksprüchen. Bereits seit August 1914 hatten sie nämlich den geheimen Schlüssel. Er war ihnen bei der Kaperung eines deutschen Kreuzers in die Hände gefallen und niemand hatte sich getraut, den katastrophalen Verlust zu melden. So hatte Flottenchef Scheer keine Ahnung, dass die ganze Grand Fleet auf ihn zukam. Die Skagerrak-Schlacht war für die Deutschen ein halber Sieg, für die Briten eine halbe Niederlage. 7.000 Briten und 3.000 Deutsche hatte die Schlacht das Leben gekostet. Im Schutze der Nacht setzten sich die Flotten voneinander ab. Da sich die Schlachtschiffe nicht als Siegbringer erwiesen hatten, wurden ihre Besatzungen ausgedünnt – in die U-Boote.


Ende 1916 starb Österreichs Kaiser Franz Josef. Damit war das Band gelöst, das die Mehrvölkermonarchie und ihre Armee zusammengehalten hatte. Wie er, wollte auch sein Nachfolger Karl I . Frieden. Aber er hatte weder im eigenen Staat, noch beim deutschen Bündnispartner die nötige Autorität. Auch die Feindmächte wollten keinen Verständigungsfrieden mehr. Der junge Kaiser - nach dem französischen Dichter Anatole France der einzige anständige Mensch im ganzen Krieg - wollte baldmöglichst Frieden. Über seinen Schwager, der französischer Staatsbürger war, lancierte er einen Brief an den französischen Präsidenten. Der gab ihn an die Presse. Karl wurde als Verräter gebranntmarkt, denn beide Seiten rechneten sich noch Siegeschancen aus.


“Kakanien” aber fiel fast lautlos auseinander. Tschechische Nationalisten, mit dem Reichstagsabgeordneten Masaryk und seinem Vertrauten Beneš an der Spitze, hatten bereits 1915 im Ausland mit allen Mitteln gegen Österreich-Ungarn agiert. Noch vor dem Waffenstillstand wird England den künftigen tschechoslowakischen Staat als “kriegführende Macht” anerkennen. Gleichzeitig wird sich in Laibach  ein “Nationalrat” konstituieren, der staatliche Souveränität beansprucht und sich mit einem in Zagreb gebildeten jugoslawischen (= süd-slawischen) Nationalrat zusammentut.


Bei den Mittelmächten war die Siegesgewissheit von ehedem nicht mehr so gewiss. Die Einschätzungen reichten inzwischen von 'très bien' bis zu 'très beschissièn'. Doch da keine Seite nachgab, ging der Krieg 1917 mit umso größeren Anstrengungen weiter. Die Heere waren nun ganz erdbraun oder feldgrau, jeder hatte einen Stahlhelm auf und eine Gasmaske gegen die Kampfgase, die von der Artillerie verschossen wurden.


Die Alliierten griffen im April/Mai mit stärkstem Kräfte- und Materialeinsatz an der Aisne, in der Champagne und bei Arras an. Überall vergeblich. Ebensowenig konnten die Briten in der dreieinhalbmonatigen Schlacht in Flandern Erfolge erzielen. Ende November kamen sie bei Cambrai überraschend mit einer neuen Waffe, mit “Tanks”. Hinter diesem Decknamen verbargen sich Panzerkampfwagen mit Maschinengewehren. Auf breiten Gliedketten konnten sie über Gräben und bergauf fahren. Die deutschen Soldaten waren schreckensstarr, als die Stahlungeheuer unbeeindruckt von ihrer Gegenwehr die schützenden Drahtverhaue niederwalzten. Nur wenn ein Todesmutiger ein Handgranatenbündel unter eine Laufkette brachte, konnte man den Riesenkäfer bewegungslos sprengen.


In Russland war am 12. März die Revolution ausgebrochen. Zar Nikolaus II. dankte ab. Dabei hatte Großbritannien die Hand im Spiel gehabt. Es brauchte eine Regierung, die den Krieg fortsetzte. Die neue demokratisch-sozialistische wurde von der Entente zu einer neuen Offensive gedrängt. Sie war erfolglos, aber verlustreich, und sie provozierte einen Gegenstoß, der die Russen aus Ostgalizien und der Bukowina warf. Die Eroberung Rigas und baltischer Inseln vollendete den russischen Zusammenbruch. Damit war die demokratische Regierung erledigt, von der das zerrüttete Russland den Frieden erwartet hatte.


In dieser Lage hielt es Ludendorff für einen guten Einfall, den russischen Berufsrevolutionär Uljanow, Kampfname Lenin , mit Frau, Geliebter und 31 Genossen aus dem Züricher Exil im Sonderzug durch Deutschland ins feindliche Russland zu transportieren. Lenin sollte das Kuckucksei sein, aus dem nach einer neuerlichen Revolution der deutsche Sieg über Russland kommen sollte. Die Regie des Transportes besorgte der in der Türkei zu einem Riesenvermögen gekommene Israel Lazarewitsch, der sich Alexander Helphand nannte.

Die deutsche Abwehr führte ihn unter dem Decknamen Parvus. Ihm verdankte Lenin später auch die 82 Millionen Goldmark, mit denen Berlin bis 1918 seine Bolschewiki großzog.*
Die folgenreiche Reise, von der der Kaiser erst aus der Presse erfuhr, hatte mit einem Spektakel begonnen: Auf dem Züricher Bahnsteig sangen etwa hundert Russen die "Internationale", andere schimpften und fluchten. Die Fahrt ging über Berlin nach Sassnitz auf Rügen und mit der Fähre nach Trelleborg. Nach einer Pause in Stockholm ging es beim schwedisch-finnischen Haparanda über die russische Grenze. Die provisorische Regierung hatte die Einreise erlaubt. Deshalb konnten die Revolutionäre von Gesinnungsgenossen am 16. April 1917 gegen 23 Uhr auf dem geschmückten Bahnsteig in Petrograd mit Musik empfangen werden. Der deutsche Geheimdienst meldete : "Lenin Eintritt in Russland geglückt. Er arbeitet völlig nach Wunsch."


Lenins väterliche Vorfahren waren tschuwaschische Nomaden an der Wolga gewesen. Seine Mutter Maria Blank war eine Deutsche aus jüdischer Familie, sein Vater Bezirks-Schulinspektor, der geadelt worden war. Sein Bruder war wegen revolutionärer Machenschaften hingerichtet worden. Noch in der Emigration lebte Lenin von den Einkünften des Grundbesitzes seiner Mutter, die 84 Bauernfamilien erwirtschafteten. Er war also ein “Bourgeois” und “Dworjanin” - Edelmann - dazu.* Nie hat er seinen Lebensunterhalt selbst verdienen müssen. Er hatte legal ins Ausland gehen können, nach Berlin, London, Paris, Wien und München. Der Kriegsausbruch hatte ihn im österreichischen Galizien überrascht. Die Fürsprache des SPÖ-Vorsitzenden Adler ermöglichte ihm die Ausreise in die Schweiz. Jetzt war der Marx-Anhänger mit den 97 Decknamen nach Russland zurückgebracht worden, um Deutschland den “Siegfrieden” im Osten zu bringen.


Im November führte er, verkleidet mit einer Perücke, etwa 500 Berufsrevolutionäre und meuternde Matrosen des Kriegshafens Kronstadt bei der “Oktober”-Revolution an. Ein Kanonenschuss des Kreuzers Aurora hatte das Signal zur Besetzung des zaristischen Winterpalastes gegeben, in dem die demokratische Kerenskij-Regierung residierte, die das zaristische Regime abgelöst hatte. Lenin stürzte sie und verfügte die Verteilung des Großgrundbesitzes an Landarbeiter, eine Arbeiterkontrolle über die Fabriken und die Gleichberechtigung der Nationalitäten. Seine Utopie von einem besseren Leben im Kommunismus verbreitete sich über alle Grenzen hinweg.- Jetzt forderte sein Genosse Trotzki die Kriegführenden zum Waffenstillstand auf. Die Entente lehnte ab, nur Deutschland und Österreich nahmen an.


Der Kaiser entließ seinen Kanzler Bethmann Hollweg. Die OHL und die Parteien hatten es gewollt. Nach Herrn von Michaelis kam der bayerische Ministerpräsident und Philosophie-Professor Graf Hertling .


Das Spätjahr brachte einen gemeinsamen Sieg der Deutschen und Österreicher. Angegriffen wurde aus dem heutigen Slowenien am mittleren Isonzo, Richtung Cividale. Die italienischen Divisionen wurden weggespült. Der spätere Weltkriegs-II-Marschall Rommel nahm mit seiner Kompanie den beherrschenden Monte Matajur. Mehr als 1000 kriegsunwillige Verteidiger ließen sich gefangen nehmen. Er schrieb: „Im Handumdrehen bin ich umringt, sitze auf italienischen Schultern. ‚Eviva Germania!‘ hallt es aus tausend Kehlen.“ Die Italiener räumten die karnische Front, die Dolomitenfront und die Fleimstaler Berge. Erst an der Piave konnten sie mit Amerikanern, Franzosen und Briten eine Widerstandslinie halten. Italien drohte aus dem Krieg auszuscheiden. Der spätere britische Außenminister Samuel Hoare bestach deshalb den baldigen Faschistenführer Mussolini, damit er mit seiner Zeitung POPOLO D’ITALIA die Kriegsstimmung weiter anheize.


Seit Dezember 1917 herrschte im Osten Waffenstillstand. Die Feinde tauschten Tabak und Schnaps, und die Muschiks gingen nach Hause. Die OHL fürchtete, dass der bolschewistische Revolutionsbazillus die deutschen Soldaten infizieren könnte. Daher eröffnete man noch vor Weihnachten die Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk. Gastgeber war Prinz Leopold von Bayern als Oberbefehlshaber Ost. Um ihn Herren aus altem Adel und generationenaltem Beamtenadel. Auf der Gegenseite remigrierte Revolutionäre und Anarchisten. “Ein Gymnasiast trat als Wirtschaftsexperte auf, ein Bauer markierte das Volk.” Doch das auch nur zufällig: Erst auf dem Weg zur Bahn war einem der Abgeordneten aufgefallen, dass ihnen ein Bauer fehlte. "Dort ist ein Bauer", sagte einer und zeigte auf eine bärtige Gestalt unter einer Laterne. "Mit Drohungen und Schmeicheleien überredeten sie den demütigen Alten zum Mitkommen. Es gelang ihnen jedoch nie, ihm das Dienern und Katzbuckeln abzugewöhnen. Außerdem nannte er jedermann 'Barin', was 'Herr' bedeutete." Sein Nutzen blieb daher problematich.


In diese Szene platzten Wilsons “Vierzehn Punkte”, über die Clemenceau  giftete Gott habe sich mit zehn begnügt. Der US-Präsident verkündete folgende Kriegsziele: 1. Öffentlichkeit der Friedensverträge, 2. Freiheit der Schiffahrt, 3. Beseitigung aller Wirtschaftshemmnisse, 4. Herabsetzung der Rüstungen, 5. Ausgleich der Kolonial-Ansprüche, 6. Wiederherstellung Russlands, 7. Wiederherstellung Belgiens, 8. Wiederherstellung des Besitzstandes Frankreichs von vor 1870, 9. Berichtigung der italienischen Grenzen nach nationalem Besitzstand, 10. Selbstbestimmung der Völker Österreich-Ungarns, 11. Räumung Rumäniens, Serbiens, Montenegros, 12. Selbständigkeit der türkischen Teile des Osmanischen Reiches, 13. Errichtung eines polnischen Staates mit Zugang zur See, 14. Bildung eines Völkerbundes.


Deutschland und Österreich waren einverstanden, Frankreich und England nicht. Sie forderten, dass die politischen und militärischen Machthaber Deutschlands erst gestürzt werden müssten. Auch die Verhandlungen in Brest-Litowsk kamen nicht vom Fleck. Die Sowjets benutzten diese Bühne, um die Weltrevolution zu predigen.
Front und Heimat glaubten kaum noch an die Siegesparolen. Man wollte Frieden und man wollte sich wieder einmal satt essen können. Die bolschewistische Agitation bekam Gewalt über die hohlwangigen Gestalten mit den knurrenden Mägen. Es gab Streiks in der Rüstungsindustrie. Der Kaiser war nicht mehr populär. Ludendorff setzte in den preußischen Provinzen Militär-Kommandeure über die zivilen Oberpräsidenten.

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