1919 - 1933

postheadericon Von Versailles über Weimar nach Potsdam

oder: Demokratie ohne Demokraten


Vor dem Reichstag hatten sich am Morgen des 9. November 1918 viele Demonstranten angesammelt. Es wurden immer mehr. Ein paar Arbeiter und Soldaten kamen in den Speisesaal des Reichstags, wo einige SPD-Führer eine dünne Suppe löffelten. Sie holten Scheidemann an ein Fenster, wo er erschrocken auf die Massen hinunterschaute. Sie wollten feiern; denn sie hatten eben die Nachricht von der Abdankung des Kaisers gehört. Scheidemann musste eine Rede halten: “Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt. Das alte Morsche ist zusammengebrochen, der Militarismus ist erledigt. Die Hohenzollern haben abgedankt! Es lebe die deutsche Republik!” Ebert, “vor Zorn dunkelrot im Gesicht”, griff Scheidemann an: “Du hast kein Recht, die Republik auszurufen. Was aus Deutschland wird, entscheidet eine Konstituante.”


Scheidemann hat seine Republik-Ausrufung begründet: “Nun sah ich die Situation klar vor Augen ... Deutschland also eine russische Provinz, eine Sowjet-Filiale? Nein! Tausendmal nein! Kein Zweifel: Wer jetzt die Massen vom Schloss her ‘bolschewistisch’ oder vom Reichstag zum Schloss hin ‘sozialdemokratisch’ in Bewegung bringt, der hat gesiegt! Ich sah den russischen Wahnsinn vor mir, die Ablösung der zaristischen Schreckensherrschaft durch die bolschewistische. Nein! Nein! Nur nicht auch das noch in Deutschland nach all dem Elend!” Um der Proklamation der “Sowjet-Republik Deutschland” durch den Spartakistenführer Liebknecht zuvorzukommen, habe er die Republik ausgerufen. Tatsächlich proklamierte der Gefürchtete zwei Stunden später von einem Balkon des Hohenzollernschlosses “die freie sozialistische Republik Deutschland”. Am nächsten Tag erläuterte das Kampfprogramm des “Spartakus”, was das heißen sollte: “Ihr müsst in der Durchführung eines sozialistisch-revolutionären Programms ganze Arbeit machen. ... Denn euer Ziel ist die ... Umwandlung der Gesellschaft in eine sozialistische ... Nieder mit dem Kapitalismus und seinen Agenten! Es lebe die Revolution! Es lebe die Internationale!”


“Nun hatten die Deutschen, die in der Mehrheit überhaupt keine Republik wollten, gleich zwei: eine ‘deutsche’ und eine ‘sozialistische’.” Diese Linke zerfällt in drei Gruppen: Rechts die SPD, die Mehrheitssozialisten, die schon in das kaiserliche Kabinett eingetreten waren, links davon ihr Spaltprodukt USPD, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei, und ganz links der Spartakusbund, die spätere Kommunistische Partei, die KPD. Die Spartakisten, mit Liebknecht und Rosa Luxemburg an der Spitze, waren die Parteigänger Lenins und seiner Bolschewisten. “Alle Macht den Räten” forderten sie, ebenso die Ablösung der bisherigen Führungsschichten. Lenin schickte ihnen seine rechte Hand Radek als Berater. Mit ihm kam ein anderer Lenin-Vertrauter, der sich Friesland nannte. Jahrzehnte später wurde dieser Ernst Reuter Berlins anti-sowjetischer Bürgermeister.


Die sozialdemokratische Führung hasste die bolschewistische Revolution “wie die Sünde”. Sie hatte das Erbe der kaiserlichen Regierung nur widerstrebend angetreten. Sie wollte kein Chaos, sondern den Staat erhalten. Für die Aufrechterhaltung von “Ruhe und Ordnung” hatte die SPD ihren Wehrexperten Noske zur Besänftigung der Matrosenmeutereien nach Kiel geschickt, und er wird aus der gleichen Einstellung auch bald in Berlin den “Bluthund” machen. In diesem Bewusstsein schloss Ebert auch ein “Bündnis” mit der Obersten Heeresleitung. Als er sich nämlich am 10. November hinter Bismarcks Schreibtisch niederließ, klingelte das Telefon. Es meldete sich der zweite Mann der OHL, General Groener: “Das Heer stellt sich Ihrer Regierung zur Verfügung.” “Und was erwarten Sie von uns?” Groener: “Das Offizierskorps erwartet, dass die Reichsregierung den Bolschewismus bekämpft, und ist dafür zum Einsatz bereit.”


Ebert und seine Regierung meinte, dass man die OHL und die Generäle brauche. Das Heer musste in kürzester Frist aus Frankreich hinter den Rhein zurückgeführt und abgerüstet werden. Jede Verzögerung würde Sanktionen der Sieger zur Folge haben. Außerdem sprach man im Rheinland schon von Separatismus, und auch in Bayern überlegten einige, ob man nicht lieber mit Österreich zusammengehen solle. In Oberschlesien und in Westpreußen wollten die Polen die Gunst der Stunde nutzen. Als die Spartakisten die Sozialisierung forderten, erinnerte die Ebert-Partei an die veraltete Industrie, die harten Reparationsforderungen der Sieger und deren Anti-Sozialismus. Ebert meinte auch, dass man einen Trümmerhaufen nicht sozialisieren könne.


Die USPD schied am 29. Dezember aus dem “Rat der Volksbeauftragten”, wie die Regierung mit der SPD hieß, aus. Tags darauf trennte sich der Spartakus-Flügel von der USPD und gründete die KPD, die “Kommunistische Partei Deutschlands”.


Nach Meinung der SPD-Spitze konnte nur eine handlungsfähige Regierung die vielen Nöte und Gefahren meistern, wenn die Verwaltung funktionierte. Daher ließ man die Kommunal-, die Landes- und Reichsbeamten auf ihren Posten. Selbst die kaiserlichen Staatssekretäre  blieben Chefs der Reichsministerien.

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