1919 - 1933 1919

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Vor Weihnachten war es in Berlin zu Straßenkämpfen gekommen. Am 4. Januar eskalierten die Unruhen zum “Spartakusaufstand”. Liebknecht und sein Anhang riefen zum Regierungssturz auf: “Kameraden! Arbeiter! Die Regierung Ebert-Scheidemann ... ist ... für abgesetzt erklärt. Der ... Revolutionsausschuss hat die Regierungsgeschäfte vorläufig übernommen.” Jeden Moment konnten sich die radikalisierten Massen Berlins gegen die Regierung in Bewegung setzen. Gustav Noske, jetzt “Volksbeauftragter”, also Minister, schreibt in seinen Memoiren: “Ich forderte, dass ein Entschluss gefasst werde. Darauf sagte jemand: ‘Dann mach’ Du doch die Sache!’ Worauf ich ... erwiderte: ‘Meinetwegen! Einer muss der Bluthund werden.’”


Die Gefühle der “nationalen” Kreise waren eindeutig. Eine Zeitung schrieb: “Die Regierung braucht nichts weiter zu tun, als die ... notwendigen Waffen zu liefern ... Das deutsche Bürgertum hat denn doch keine Lust, zum Schluss von Marodeuren totgeschlagen zu werden, weil die Regierung aus Furcht  ... vor der Gegenrevolution ... dem Bolschewismus zum Opfer fällt.”


Aber nicht die Rechten standen gegen die Linken, sondern die Linken gegen die ganz Linken. Der SPD-VORWÄRTS leitartikelte: “Die Abrechnung naht.” In der Wohnung des Kaufmanns Siegfried Markensohn verhaftete man die Parteiführer. Hauptmann Papst befahl, die beiden “politischen Verführer” auf dem Weg ins Moabiter Untersuchungsgefängnis zu “liquidieren”. Papst später auf die Frage, wie sein Chef Noske reagiert habe: “Er hat mir lange die Hand gedrückt.”* Die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts war keine Eigenmächtigkeit der Soldaten. Beide Opfer waren im Auftrag der SPD-Spitzen Wels und Noske überwacht worden, und von Scheidemann und von Georg Sklarz, einem reichen Freund Scheidemanns, war für den Doppelmord eine Belohnung von 50.000 Mark ausgesetzt worden.*


Unruhen auch andernorts: In Düsseldorf hatten Kommunisten den Oberbürgermeister verschleppt und 125.000 Mark mitgenommen, es gab 14 Tote. In Bottrop hatten die Spartakisten die Schachtanlagen besetzt, in vielen Städten die Rathäuser und die Zeitungshäuser. In Hamburg hatten sie vergeblich den Freihafen gestürmt, in Magdeburg die Gefangenen aus dem Justizpalast geholt und die Altstadt geplündert. In Duisburg wurde das Rathaus, in Nürnberg das Generalkommando, in Mannheim das Landgericht und das Theater besetzt. In Bremen ließ Noske schießen: 28 Arbeiter und 46 Soldaten waren tot. Daraufhin kündigte der Soldatenrat des Armeekorps in Altona an, es sei “Vorsorge getroffen, dass beim ersten Kanonenschuss alle Lebensmittelschiffe in die Luft fliegen und alle Brücken gesprengt werden.” Aus dem Ruhrgebiet drohte es, man werde die Kohlengruben unter Wasser setzen.


In Bayern hatten Anfang Dezember 1918 Linksradikale Zeitungsredaktionen besetzt, waren in die Wohnung des SPD-Vorsitzenden Auer eingedrungen und hatten ihn gezwungen, ein Rücktrittsgesuch zu unterschreiben. Der hinzukommende USPD-Vorsitzende Eisner versuchte Auer einzureden, “das Ganze” sei “mehr faschingsartig”.  “Nachdem Eisner in dem jungen Freistaat ein unbeschreibliches Chaos angerichtet hatte, ...” erlitt seine USPD bei den Landtagswahlen eine totale Niederlage. Als er in den Landtag gehen wollte, erschoss ihn der 21jährige Leutnant Graf Arco-Valley. Vorher hatte sich Arco gerechtfertigt: “Eisner erstrebt die Diktatur der Anarchie. Er ist Bolschewist. Er ist Jude. Er ist kein Deutscher ... Er verrät das Vaterland ….” - Der Räte-Sozialist erhielt gleich zwei Denkmale; eine Gedenktafel auf dem Grün des Promenadenplatzes, so dass man denken könnte, er sei “bedauerlicherweise von der Linie 4 oder 21 überfahren worden”, das zweite unsichtbar an der Mordstelle: Ein Aktionskünstler  versenkte sein Bild unter einem Pflasterstein. Dieses Denkmal sei “unsichtbar, billig und pflegeleicht.”


Eisners Leute dachten, die SPD habe ihn umgebracht. Im Landtag wurden deshalb der SPD-Chef Auer, ein Major und ein Volkspartei-Abgeordneter niedergeschossen. In zwei Monaten gab es dann fünf linke Machtergreifungen, unter anderen durch den Anarchisten Toller, der ausgesuchte Phantasten um sich versammelte: Finanzminister wurde Silvio Gesell, der das “Schwundgeld” erfand, das wöchentlich ein Tausendstel seines Wertes verlieren sollte. Dadurch wollte er Zinsgewinne und Wirtschaftskrisen verhindern.

Bayerischer Außenminister wurde Dr. Lipp. Er war “zweimal wegen Größenwahns im Irrenhaus untergebracht” gewesen. Er funkte nach Moskau: “Das Proletariat Oberbayerns” sei “glücklich vereint.” Bamberg sei Refugium des “Flüchtlings Hoffmann, welcher aus meinem Ministerium den Abtrittschlüssel mitgenommen hat.” Es war der “Karneval des Irrsinns”, so Noske. Ebert telegrafierte an Ministerpräsident Hoffmann: “Wiederherstellung früheren Zustandes in Bayern baldigst” erforderlich, sonst sei “militärisches Vorgehen einzig mögliche Lösung.”


Die Münchner Revolutionäre waren meist Anarchisten und alle „Zugewanderte“. Im Hofbräuhaus wählte eine Versammlung von Arbeiter- und Soldatenräten den KP-Chef Leviné zum Vorsitzenden des “Vollzugsrates”. Auf Flugblättern verkündete er: “Heute hat endlich Bayern die Diktatur des Proletariates errichtet. Die Sonne der Weltrevolution ist aufgegangen.” Trotz der bayerischen “Roten Armee” von 15.000 Mann - unter ihnen entlassene russische Kriegsgefangene - gab sich Lenin am 1. Mai auf dem Roten Platz in Moskau falschen Hoffnungen hin, als er verkündete: “Die Arbeiterklasse ... feiert ihren Tag ... auch in ... Sowjetbayern.”


Am 1. Mai schickte SPD-Noske Militär zur “Reichsexekution” nach München. Es gab 557 Tote. In Berlin waren es 1.200 gewesen. Die Regierung ließ derlei auch von “Freikorps” erledigen. Das waren Einheiten aus Soldaten, die nicht nach Hause konnten oder wollten. Es gab damals rund 85 solche Einheiten mit etwa 400.000 Mann. Aus ihren Gewehrläufen kam die Macht der Regierung. “Die Freikorps befriedeten das Reich und erhielten dessen Integrität, soweit es möglich war. Sie sorgten für den inneren Frieden, der so notwendig war, wenn das zerstörte soziale und ökonomische Gefüge wiederhergestellt werden sollte”, schrieb der Amerikaner Gordon.


Die regierende SPD ließ das Vermögen der bislang regierenden Fürsten unangetastet. Auch die Schwerindustrie wurde nicht verstaatlicht. Für die Radikalen wurde die SPD zu “Verrätern der Revolution”, zu “Blutsozialisten“. Doch für den meinungsgebenden Teil der Bevölkerung war das, was sich seit dem 9. November 1918 ereignet hatte, der Beweis, dass der Feind links stehe. Man schrieb der SPD keineswegs gut, dass sie am Kriegsende, als die OHL auf Waffenstillstand drängte, die Verantwortung auf sich genommen hatte. Aus den roten Patrioten machte man wieder die vaterlandlosen Gesellen von ehedem. Die Regierung war in der Wilhelmstraße “wie gefangen”, so Scheidemann. Auch im Reich hatte die Regierung kaum Autorität.


Am 11. Februar 1919 hatten die Deutschen - erstmals auch die Frauen - eine “Nationalversammlung” gewählt. Sie wich nach Weimar aus, weil man fürchtete, in Berlin könnten Aufwiegler ”Hunderttausende von Menschen auf die Straße bringen”. In Weimar aber seien Gewalttaten “der Straße” nicht zu befürchten.


Die deshalb nach Weimar benannte Republik fand zu keinem Zeitpunkt die Unterstützung der Eliten. Die Weimarer Republik, schrieb Rudolf Augstein , “war eine einzige Zeitbombe. Sie steckte so voller Sprengsätze, dass viel Selbsttäuschung nötig war, an ihre Lebensfähigkeit zu glauben. Sie war, anders als die Bundesrepublik, niemandes Staat, war so, wie sie sich von Beginn entfaltete, von Niemandem gewollt. Viel Optimismus, wenn nicht Aberglaube gehört zu der Annahme, ohne einen Hitler hätte das Deutsche Reich als parlamentarische, den Frieden sichernde Republik überlebt. Dieser Staat präsentierte sich als Wechselbalg, weil die ihm eingeborenen Widersprüche unauflösbar nicht schienen, sondern waren.” Die Weimarer Demokratie wird denn auch in nur vierzehn Jahren 20 Regierungen und 14 Kanzler verschleißen.


Der Anfang vom Ende dieses Staates begann schon mit seiner Geburt: Die ihn tragende “Weimarer Koalition” aus Katholiken, Demokraten und Sozialdemokraten verlor bereits bei der ersten Reichstagswahl 1920 ihre Mehrheit. Sie konnte sie nie mehr zurückgewinnen. Schon für die Verfassung hätte sie Dank verdient, denn sie erhielt das Reich, sie vergrößerte sogar dessen Befugnisse. Aus den Bundesstaaten wurden Länder.


Die “Republik Deutsch-Österreich” hatte weit größere Nöte. Nach dem militärischen Zusammenbruch war das k.u.k. Imperium zerfallen. Es war ein Reich von über 50 Millionen gewesen. Die neue Republik zählte kaum 6 Millionen, davon ein gutes Drittel in der Hauptstadt. Das neue Österreich war ein Ländchen ohne Bodenschätze und ohne nennenswerte Industrie, durch enge Grenzen von allen Ressourcen getrennt, über die es seit Jahrhunderten verfügt hatte. Im November 1918 hatte die junge Republik sich noch definiert: “Der Staat Deutschösterreich übt die volle Gebietshoheit über das geschlossene Siedlungsgebiet der Deutschen innerhalb der bisherigen im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder aus.” Selbstverständlich hatten die “Deutschböhmen” und die “Deutschmährer” gleich im Oktober ihren Anschluss an Deutschösterreich erklärt. In Wien wurde für Deutschböhmen ein Staatsamt geschaffen und in Reichenberg, dem jetzigen Liberec, richtete sich eine deutschböhmische Landesregierung ein. Aber Truppen der neuen tschechoslowakischen Republik besetzten nach dem österreichischen Waffenstillstand die Sudetengebiete, und die Prager Regierung erklärte die Teilnahme sudetendeutscher Vertreter an der österreichischen Nationalversammlung zum Hochverrat. Als sie am 4. März 1919 zusammentrat, demonstrierten die Sudetendeutschen gegen das Teilnahmeverbot und für ihr Selbstbestimmungsrecht, das Wilson versprochen hatte. Tschechisches Militär schoss die Demonstrationen zusammen. Es gab 51 Tote und 84 Verletzte. Der neue Staat demonstrierte damit der Minderheit, wie er sie zu behandeln gedachte.


Die Alpenländer befiel die Psychose von Ertrinkenden. Vorarlberg wollte in die Eidgenossenschaft. Tirol glaubte, es würde Südtirol behalten können, wenn man sich von Österreich trenne. Es erklärte sich zu einem neutralen Staat. Danach wollte es den Anschluss an Deutschland. Kärnten stand zu Österreich. Aber jugoslawische Freischaren besetzten Klagenfurt. Daraufhin wurde dem südlichen Kärnten von den Siegern eine Volksabstimmung verordnet. Dabei stimmten auch die Slowenen für Österreich, doch Jugoslawien ignorierte das Ergebnis. In der Südsteiermark wurde eine Kundgebung in Marburg, heute Maribor, von den Jugoslawen mit Waffengewalt zerschlagen. Das bisher ungarische Burgenland schlug man zu Österreich.


Südtirol hatten sich die Italiener als Belohnung für ihren Kriegseintritt verschreiben lassen. Die Verkörperung dieser Annexionsgelüste war der Trentiner Lehrer Tolomei. Im Sommer 1904 meißelte er auf den Gipfel des Glockenkarkopfes in den Zillertaler Alpen ein überdimensionales I - für Italia. Damit reklamierte er den Berg als „Scheitel Italiens“ für Italien. Tolomei hatte 7.000 italienisch klingende Namen für Berge, Städte und Dörfer erfunden. Sie sollten den Anspruch Italiens auf Südtirol belegen, in dem nicht einmal drei Prozent Italiener lebten. Mit manipulierten Landkarten überzeugte man die Siegermächte von der “Italienità” Südtirols.- Das Gesamtergebnis hatte Clemenceau bereits vor dem Friedensvertrag verkündet: “Österreich ist das, was übrigbleibt.”


Tatsächlich: Das Gebiet dieses ehemaligen Imperiums teilten sich dreizehn Staaten. Die Donaumonarchie war nach der Definition eines Literaten eine "Hinternationale" gewesen, "ein Reich, das hinter den Nationen mit ihrem Nationalismus zurückblieb, weil es viele Völker und Nationen vereinte und damit in die Zukunft wies, in eine Zukunft, in der Mannigfaltigkeit und Einheit, nicht Vereinheitlichung, einander ergänzten. Die Donaumonarchie glich einem Anachronismus und war zugleich eine Verheißung."


Der Nationalrat Deutschösterreichs hatte mit der Ausrufung der Republik auch den “Anschluss” an das Deutsche Reich verkündet. Die österreichische Nationalversammlung bekräftigte das Anschlussbegehren gleich im ersten Artikel der Verfassung. Auch die Verfassung von Weimar sah den Anschluss Deutsch-Österreichs vor. Der Vizepräsident, der Sozialdemokrat Paul Löbe, verlangte statt des Bismarckschen “Großpreußen” ein “Großdeutschland”. Doch das Selbstbestimmungsrecht, das die Sieger zwar Polen, Tschechen, Serben, Kroaten, Slowenen und Slowaken zubilligten, behielten sie Deutschen und Österreichern vor: Der Friedensvertrag von St. Germain vom September 1919, den Österreich binnen sieben Tagen anzunehmen hatte, zwang Deutsch-Österreich auch, das “Deutsch” aus seinem Namen zu streichen.


Die Friedensbedingungen wurden als Katastrophe empfunden. Die Deutschen hatten Wilson vertraut. Aber seine Rede vor dem US-Kongress am 23.8.1918 hätte sie warnen müssen: “Kein Friede, der Deutschland in irgendeiner Weise zufriedenstellen könnte, kann uns zufriedenstellen. Es muss ein diktierter Friede sein.”
Clemenceau war es gelungen, Paris zum Konferenzort zu machen. Er selbst übernahm den Vorsitz. Die Sieger waren sich einig, dass Deutschland “ausgequetscht werden sollte wie eine Zitrone, bis die Kerne quietschen.”


Das Produkt, schrieb Golo Mann , “war widerwärtig”. Es war “ein ungeheures Instrument zur Unterdrückung, Ausräuberung und dauernden Beleidigung Deutschlands.” Ministerpräsident Scheidemann trat zurück: “Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in solche Fesseln legt.” Die nachfolgende Regierung Bauer musste binnen fünf Tagen unterschreiben. Dieser “Vertrag” war für die meisten Deutschen das “Schand-Diktat”, der “Schmach-Friede” von Versailles.


Die Alliierten drohten einzumarschieren, wenn Deutschland nicht unterschreiben würde. Die OHL ließ wissen, dass man bei einer Besetzung des Reichsgebietes nicht erfolgreich Widerstand leisten könne. In München wurden schon Pläne zur Loslösung von Berlin diskutiert und in Mainz und Wiesbaden arbeiteten die französischen Besatzer bereits auf eine vom Reich loszulösende Rheinische Republik hin.


Dass die Friedensbedingungen so gnadenlos ausfielen lag nicht zuletzt an der militärischen Machtlosigkeit Deutschlands und seiner Verbündeten. Deutschland hatte erst im Moment seiner Kampfunfähigkeit kapituliert. Für die Sieger war es kein Verhandlungspartner mehr, der zur Wiederaufnahme von Kampfhandlungen fähig gewesen wäre. Heute weiß man: Hätte Deutschland die Bedingungen der Sieger abgelehnt, wären ihre Armeen in Deutschland einmarschiert. Der alliierte Oberbefehlshaber Marschall Foch hatte sich hierfür seinen Plan von der Siegerallianz ausdrücklich billigen lassen. Er sah vor, Norddeutschland bis zur Weser zu besetzen und entlang des Mains vorzurücken, so dass Süd- von Norddeutschland getrennt worden wären. Mit den süddeutschen Ländern sollten separate Friedensverträge, deren Entwürfe bereits vorbereitet waren, abgeschlossen werden. Auf diese Weise wäre die Reichseinheit zerschlagen worden. Nicht nur Marschall Foch hoffte, dass Deutschland den Friedensvertrag ablehnen würde, um so einen noch größeren Machtgewinn für Frankreich zu erreichen.


Die Deutschen waren auch deshalb gezwungen die Friedensbedingungen anzunehmen, weil die Sieger noch immer kein Weizenkorn ins ausgehungerte Deutschland ließen, in dem bereits in den letzten beiden Kriegsjahren schätzungsweise 750.000 Menschen verhungert waren. Jetzt gab es in Hamburg pro Person wöchentlich 2.200 Gramm Brot, 5 Pfund Kartoffeln, 60 Gramm Margarine, 150 Gramm Butter, 500 Gramm Marmelade, 160 Gramm Fleisch und 60 Gramm Nährmittel. Häufig gab es nicht einmal diese Hungerrationen.

Einmal versuchten 2.000 Verzweifelte ein Magazin zu stürmen. Sie wurden mit Maschinengewehren zurückgeschlagen. Viele der Hungergeschwächten wurden Opfer der Grippe, die 1918 mit amerikanischen Soldaten nach Europa gekommen war. Hatte der Krieg weltweit 10 Millionen Tote gekostet, forderte die Grippe weltweit 50 Millionen.


Die Unterzeichnung des Friedensvertrages erfolgte am 28.6.1919 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles, in dem das Bismarck-Reich proklamiert worden war. Der “Vertrag” verstümmelte Deutschland, presste es aus und demütigte es so, dass das “Weimarer System” auch daran zugrunde ging. Die “nationale Bewegung” verketzerte die “Verzicht-” und “Erfüllungspolitiker”. Hitler wird auch von dieser Welle hochgetragen werden. “Versailles” gab ihm in den Augen Vieler die Berechtigung, das Diktat im Sinne des Wilsonschen Selbstbestimmungsrechtes zu revidieren und alle Deutschen in einem Staat zu vereinigen.


Teil 1 des Friedensvertrages enthielt die Satzung des “Völkerbundes”, Wilsons Lieblingsprojekts. Deutschland durfte nicht hinein. Wie sich bald zeigte, war er auch nur ein Hebel der französischen Revanchepolitik. Bezeichnend war, dass die USA niemals dem Völkerbund beitraten. Auch den Versailler Friedensvertrag ratifizierten die USA nicht. Sie zogen sich in die Isolation zurück.


Elsass-Lothringen kam wieder zu Frankreich, Eupen und Malmedy gab man Belgien. Das Saargebiet durfte Frankreich 15 Jahre wirtschaftlich ausbeuten. Danach sollte abgestimmt werden. Die enteigneten Zechen und Stahlwerke sollten dann von den Deutschen wieder zurückgekauft werden können. Luxemburg musste aus dem deutschen Zollverband ausscheiden. Polen erhielt die Provinzen Posen und Westpreußen. Danzig wurde “Freie Stadt”. Ostpreußen wurde vom Reichsgebiet durch einen polnischen „Korridor“ abgetrennt, es verlor das Memelgebiet. Die deutschen Kolonien bekam schließlich das Empire.


Deutschland verlor 75 Prozent seiner Zink- und Eisenerzförderung, 28 Prozent der Steinkohle und ein Sechstel seiner Ernte an Kartoffeln und Getreide. Die großen Flüsse wurden internationalisiert. Das linksrheinische Gebiet mit den rechtsrheinischen Brückenköpfen gegenüber Köln, Koblenz und Mainz wurde besetzt, das Landheer auf 100.000  Mann beschränkt, die Kriegsflotte auf wenige alte Schiffe reduziert, der Generalstab, U-Boote, Panzer, schwere Artillerie und Luftwaffe verboten. Fast die gesamte Handelsflotte war auszuliefern, das Auslandsvermögen wurde enteignet. Auch Sachlieferungen waren zu leisten, darunter Hammel, Schweine, Zuchthengste, 140.000 Milchkühe und eine Unzahl Bienenvölker. Deutsche Erzeuger durften Weinbrand nicht mehr Cognac und Schaumwein nicht mehr Champagner nennen. Außerdem schrieb man die alleinige Kriegsschuld Deutschland zu. Schließlich sollten 800 “Kriegsverbrecher”, unter ihnen der Kaiser, ausgeliefert werden. Ihn wollten die Sieger nach Curacao deportieren. Erst 1920 akzeptierten die Sieger, dass die Beschuldigten vom deutschen Reichsgericht abgeurteilt werden sollten. Ergebnis: sechs Freisprüche und vier Straferkenntnisse, alle übrigen Verfahren wurden eingestellt.


Deutschland verlor zwar ein Fünftel seines Staatsgebietes, es blieb aber als Gesamtstaat erhalten. Das hatte es hauptsächlich Großbritannien zu verdanken, das gegen das bolschewistische Sowjetrussland und gegen das hegemoniebesessene Frankreich Deutschland als Balancemasse für das europäische Gleichgewicht haben wollte. Urteilte zurückschauend der ehemalige US-Außenminister Kissinger: Deutschland befand sich "strategisch in einer weitaus stärkeren Position , als es sie vor dem Krieg besessen hatte."*
Österreich nahm man neun Zehntel seiner Fläche, der Anschluss an Deutschland wurde ihm verboten. Hitler wird sich brüsten können, ihn verwirklicht zu haben.


Schon bei der Unterzeichnung der Verträge war klar, dass dies für Europa und seinen Frieden nicht gut sein konnte. Man hatte die internationalen Beziehungen neuerlich beträchtlich gespannt. Aus Österreich-Ungarn schuf man Nachfolgestaaten, deren Zerfall schon programmiert war, weil sie wieder Mehrvölkerstaaten waren. Die Sieger gingen einfach davon aus, dass die völkischen Minderheiten zu assimilieren seien.


Der Brite Lentin kommentierte: “Es dient schwerlich historischer Aufhellung, wenn heute  westdeutsche Historiker, ihrer Nation offenbar völlig entfremdet, nur noch vom ‘vermeintlichen Unrecht von Versailles’ sprechen ... Man brauchte nicht deutscher Nationalist zu sein, um das Versailler System für dringend revisionsbedürftig zu halten. Eine ganze Hundertschaft prominenter Ausländer von Lenin bis Harold Nicolson tat es ebenso und bestätigte ... das Diktum des Marschalls Foch : ‘Friede? Das ist kein Friede. Das ist ein Waffenstillstand für zwanzig Jahre!’”


Die britischen Liberalen hatten ähnlich geurteilt. Für den Südafrika-Ministerpräsidenten Smuts war “dieser reaktionäre Frieden der reaktionärste, seit Scipio Africanus mit Carthago zu tun hatte.” Ebenso konnte Amerikas Präsident Wilson, der sich von le tigre Clemenceau so schmählich hatte überfahren lassen, nur noch knirschen: "If I were a German, I think I shoud never sign it." Auch für den Ökonomen Keynes, damals Chefbeauftragter des britischen Schatzamtes, war der Vertrag “schändlich und unmöglich ... Ich würde anstelle der Deutschen lieber sterben, als einen solchen Frieden unterzeichnen.” Keynes zeichnete die "Geschichte der Friedens-Konferenz als die warnende Geschichte vom scheinheiligen Presbyterianer (Wilson), der vom französischen Chauvinisten (Clemenceau) und der Waliser Sirene (Lloyd George) hereingelegt wurde, ... und das Ergebnis als ‘karthagischen Frieden’,..., ‘eine der abscheulichsten Handlungen eines grausamen Siegers in der zivilisierten Geschichte.’”


Das schlechte Gewissen eines großen Teiles dieser britischen Politikergeneration trug zur Abkehr vom revanchistischen Frankreich bei, und es führte zur "Appeasement"-Politik gegenüber Hitler. Theodor Heuss, das erste Staatsoberhaupt unserer Bundesrepublik, urteilte: “Die Geburtsstunde der nationalsozialistischen Bewegung ist nicht München, sondern Versailles.”

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