1919 - 1933 1920

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Aus “völkischen” Kreisen kam ein Umsturzversuch, der “Kapp-Putsch”. Der eigentliche Putschist war General von Lüttwitz. Weil man eines seiner Freikorps, die “Brigade Ehrhardt”, auflöste, meuterte er. Die schwache Regierung empfing ihn zu einer Aussprache. Dabei stellte er weitgehende Forderungen. Er ließ die Brigade in Berlin einmarschieren. Sie hatte Befehl, das Regierungsviertel zu besetzen und das “rote Pack” davonzujagen. Erst nachdem Lüttwitz diese Befehle gegeben hatte, verständigte er Ludendorff und den ostpreußischen Landschaftsdirektor Kapp, der Reichskanzler werden sollte. Militär und Polizei setzten den Putschisten keinen Widerstand entgegen, weil der Chef der Reichswehr, General v. Seeckt, befohlen hatte: “Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr!” Reichspräsident und Reichsregierung flohen nach Stuttgart. Nach vier Tagen brach der Putsch zusammen. Lüttwitz und Kapp durften ungestraft in Pension gehen.


Im roten Sachsen und in Thüringen stellte die Reichswehr Ruhe und Ordnung wieder her. In Bayern löste ein Kabinett des “Ordnungsblocks” unter v. Kahr die SPD-Regierung Hoffmann ab. Im Ruhrgebiet bildete sich eine rote Armee, die auch Düsseldorf in ihre Hand bekam. Der neue SPD-Kanzler Hermann Müller forderte die Aufständischen zur Wiederherstellung gesetzmäßiger Zustände auf. Als die Roten und die Gewerkschaften nicht nachgaben, gab die Regierung der Reichswehr den Einsatzbefehl. Die Spartakisten hatten schätzungsweise tausend Tote, viele wurden zu Zuchthaus- und Gefängnisstrafen verurteilt.


Die Franzosen besetzten Frankfurt und Darmstadt mit der Forderung, das Aufruhrgebiet zu entmilitarisieren. Das wirkte sich auf die Reichstagswahl 1920 aus: Die Weimarer Koalition verlor die Mehrheit, USPD und Kommunisten, die Deutschnationalen und die Deutsche Volkspartei gewannen dazu. Außerdem nahm das Gewicht der Reichswehr noch mehr zu. Zum Staat, dem sie hätte dienen sollen, achtete man auf Abstand. Für viele Offiziere war das Staatsoberhaupt nur eines auf Abruf: “Friedrich der Vorläufige”.
Die “goldenen Zwanziger” hatten damit unheilschwanger angefangen. Golden waren sie nur für einige Spekulanten des In- und Auslandes. Neben Künstlern von Klasse bildete sich in der Metropole eine halbseidene Subkultur mit allen Merkmalen der Halbwelt, Kokainschnupfen inklusive.


Auf der Verliererseite standen fast sechshunderttausend Kriegs-”Krüppel” und über vier Millionen mehr oder weniger schwer Verwundete. Die Kriegerwitwen mussten sich und ihre Kinder kümmerlich durchbringen, denn der Staat zahlte nur unzureichende Renten. Fast jede Arbeit musste für Hungerlöhne angenommen werden. Für die Masse der 63 Millionen Deutschen wurden die Zeiten immer trister. Der Mittelstand verarmte. Er verkam zum “Stehkragenproletariat”. Man hielt sich noch immer für etwas Besseres als die “Proleten".


Der Krieg hatte Aberwitziges gekostet: Österreich-Ungarn 99, das Deutsche Reich 194 Milliarden Goldmark. Den Staat drückten ungeheure Schulden. Die Gold- und Devisenbestände schmolzen weg. Das Kapital floss ins Ausland ab. Der Vertrauensverlust in die Währung führte zu einer Flucht in die Sachwerte. Die Warenknappheit sog Importe ins Land. Da im Krieg keine Konsumgüter produziert worden waren und man gespart hatte, um sich nach dem Krieg etwas leisten zu können, gab es jetzt einen Geldüberhang, der die Preise in die Höhe trieb. Weil die Reichsbank nicht gegensteuerte, verschlechterte sich der Wert der Papiermark. Anfang 1922 hatte die Mark noch ein Fünfzigstel ihres Vorkriegswertes, ein Jahr später kein Zehntausendstel mehr. Die Regierung wollte ja den Alliierten beweisen, dass der Ruin der Währung Reparationen unmöglich mache. Doch die Sieger ließ das kalt. Ebensowenig waren die Industriellen an einer harten Mark interessiert. Sie nahmen Anleihen auf in Geld, das noch etwas wert war und zahlten es zurück mit Geld, das kaum mehr etwas wert war. So schuf Hugo Stinnes sein Schwerindustrie-Imperium, und auch die Thyssen, Krupp, Flick und die anderen Großen profitierten kräftig. Dieses System, das ihren Besitz vermehrte, trieb ihre Arbeiter zur Verzweiflung. Die Löhne waren schon am Auszahlungstag nur noch die Hälfte oder noch weniger wert. Grundstücke, Häuser, Bergwerke und Fabriken blieben dagegen wertbeständig. Die Reichen wurden schnell reicher, die Armen schnell noch ärmer. Noch mehr erbitterte die arm Gewordenen, dass sie mit ansehen mussten, wie ausländische Spekulanten mit ihren Dollars und Pfunden Aktien, Fabriken und Häuserblocks an sich bringen konnten.


Der Würgegriff der Reparationsforderungen potenzierte die Nöte. Der neue Reichskanzler Fehrenbach vom Zentrum, “vom Scheitel bis zur Sohle würdige Ohnmacht”, hatte zur Konferenz von Spa im Juli 1920 außer Rathenau  den robusten Hugo Stinnes und General v. Seeckt mitgenommen. Natürlich mussten sie schockiert sein von den Forderungen der Sieger, ihrer Feindseligkeit und Arroganz. Sie mussten es als Demütigung empfinden, dass die alliierte Kommission sie nicht verhandeln, nur reden ließ. Dies taten sie dann in ganz törichter Weise. Stinnes, der 1924 2.888 Fabriken, 57 Banken und eine Südseeinsel hinterlassen wird, trumpfte auf: “... und die Alliierten werden keine Kohlen bekommen.”

Seeckt trug hochmütig militärische Forderungen vor. Die Alliierten konnten sich in ihrer Überzeugung bestätigt sehen, dass diese Deutschen noch immer die von gestern waren.

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