1919 - 1933 1923

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In Frankreich hatte im Januar 1922 Poincaré die Staatsführung übernommen. Er beginnt Anfang 1923 das, was man den “Ruhrkampf” nannte: Deutschland war mit 1,6 Prozent der Reparationslieferungen im Rückstand. Poincaré schob diese Geringfügigkeit vor, um das zu erpressen, was Clemenceau in Versailles nicht gelungen war. Frankreich und Belgien besetzten mit zuletzt 100.000 Soldaten das Ruhrgebiet, die wichtigste deutsche Industrieregion. Plötzlich war die Lage für das Reich ernster als bei Kriegsende. Denn jetzt stand der Feind mitten in Deutschland. Noch am Tag der Besetzung rief der Reichspräsident die Revier-Bevölkerung zum passiven  Widerstand auf. Berlin ordnete den Stopp der Kohlelieferungen nach Frankreich und Belgien an. Dem Generalstreik schloss sich die Post und die Bahn an.


Poincaré  erpresste die deutsche Regierung: Das Ruhrgebiet würde erst nach Begleichung aller Reparationen geräumt und das besetzte Rheinland wirtschaftlich an Frankreich angegliedert werden. Die Besatzer sperrten das Ruhrgebiet mit einer Zoll- und Passgrenze ab. Alle Waren mussten mit 10 Prozent verzollt werden. Der Zoll musste mit französischem oder belgischem Geld bezahlt werden. Dazu kam noch ein 25-prozentiger Aufschlag. Weil die Mark schon sehr schwindsüchtig war, konnte das niemand bezahlen.


Da man den Streikenden Unterstützung versprochen hatte, musste die Reichsbank das Geld in Autos mit falschen Passierscheinen und mit doppeltem Boden einschmuggeln.

“Teilweise sind unsere Beamten als Bergleute verkleidet und im unbesetzten Gebiet zu Tale gehenden und im besetzten Gebiet zu Tage kommenden Schächten mit Geldsummen gewandert.” Sabotage wurde nicht nur geduldet, sondern sogar gebilligt. Für diese Notwehr wurde Albert Leo Schlageter, ein klerikal-militanter Patriot, zum Synonym. Die Franzosen erschossen ihn. Selbst die Kommunisten verherrlichten ihn als Märtyrer und Nationalhelden. Die Deutschen froren, denn es war ein Winter ohne die Kohle von der Ruhr. Ende März erschossen die Franzosen bei Zusammenstößen dreizehn Krupp-Arbeiter. 46.000 Beamte wurden mit ihren Familien ausgewiesen, dazu noch weitere 100.000 Einwohner. England und Amerika rückten von Frankreich ab.


Da das Revier abgesperrt war, kam nichts heraus und der Staat verlor sichere Einnahmen. Es durfte aber auch nichts hinein, das Volk hungerte. Weil man die streikenden Arbeitermassen nur durch die schnellere Rotation der Notenpresse bezahlen konnte, wurde die Mark auf eine rasende Talfahrt geschickt. Die Nutznießer dieser Verelendung wurden die Kommunisten. Jetzt wurden sie zur Massenpartei.


Mit der Besetzung des Ruhrgebietes wollten die Franzosen nicht nur ihre Reparationen sichern, sie wollten sich dabei vielmehr im Ruhrgebiet festsetzen, um es bei Gelegenheit zu annektieren.


Kanzler Cuno  ging, Stresemann kam. In den letzten Jahren des Kaiserreiches war er Führer der Nationalliberalen und ein Verfechter imperialistischer Kriegsziele gewesen. Jetzt beendete er den aussichtslosen Ruhrkampf und war den Gegnern gegenüber verhandlungs- und zahlungsbereit.


In München politisierten Offiziersgrüppchen vom Schlage der Röhm, Göring und Heß. Auch Ludendorff hatte seine rassistische Ideologie hierhergebracht. Und ein noch wirkungsmächtigerer Demagoge war zum Führer einer Partei aufgestiegen, die sich “nationalsozialistisch” nannte.


Die bayerische Regierung warf der Reichsregierung vor, dass sie nicht energisch genug gegen die von Frankreich gesteuerten Separatisten in der damals noch bayerischen Pfalz und gegen die  kommunistischen Regierungen Sachsens und Thüringens vorging. München erklärte deshalb im September 1923 den Ausnahmezustand. Der Reichswehrbefehlshaber in Bayern wurde von Berlin ab-, von der bayerischen Regierung wieder eingesetzt. Er erklärte, er werde mit seiner Division gegen Berlin marschieren, wenn Wahrscheinlichkeit für einen Regierungsumsturz bestünde. Um das auszuloten, sprach Generalstaatskommissar v. Kahr am 8. November im Bürgerbräukeller zu einer großen Versammlung. Nach etwa dreißig Minuten wird er unterbrochen von hereinstürmender SA , der Kampftruppe Hitlers. Hitler steigt auf einen Tisch und feuert einen Pistolenschuss in die Decke. Die Versammlung ist eingeschüchtert, und in einem Nebenraum werden Kahr, Generalmajor v. Lossow und Oberst v. Seißer, der Münchner Polizeipräsident, überredet, sich mit ihm “an die Spitze der Bewegung” zu stellen. Als der hinzukommende Ludendorff erklärt, er gehe mit Hitler, ist der Putsch der Kahr, Seißer und Lossow der Putsch Hitlers.


Hitler  kann ohne den bekannten Ludendorff an so einen Putsch noch gar nicht denken. Er ist erst seit kurzem der Erste Vorsitzende der NSDAP, der National-Sozialistischen Deutschen Arbeiter-Partei, die Anfang 1919 von einem Münchner Werkzeugschlosser gegründet worden war und jetzt 56.000 Mitglieder hat. Bald ist Hitler der Agitator dieser Partei. Sie hat Erfolg, weil sie unterschiedlichen Gruppierungen nationale Kontinuität und soziale Veränderung verspricht.


Am Morgen des 9. November 1923 marschieren Hitler, Ludendorff und Göring  an der Spitze von einigen tausend Mann von der Isar in die Innenstadt. Kahr, Lossow und Seißer hatten in der Nacht ihre Meinung geändert. Sie befahlen daher der Polizei die Niederschlagung des Putsches. Als der Zug Hitlers in die enge Residenzstraße einbiegt, trifft er auf Polizei. Hitlers Leibwächter springt vor und ruft: “Nicht schießen! Exzellenz Ludendorff und Hitler kommen!” Doch die Polizei schießt. Vierzehn Tote bleiben neben der Feldherrnhalle. Hitler, der geschworen hatte, dass er in vierundzwanzig Stunden deutscher Kanzler oder tot sein werde, flieht in das Landhaus einer Bewundererin.


Seine fünf Jahre Festungshaft braucht Hitler nicht abzusitzen. Bereits nach einigen Monaten wird er entlassen, bald hat er ein Vieraugengespräch mit dem Ministerpräsidenten. “Der Marsch zur Feldherrnhalle” hat ihn prominent gemacht. Bekanntmachen wird ihn zudem sein Buch “Mein Kampf”, das er während seiner Haft seinem Stellvertreter Heß diktiert hat. Darin nennt er seine Ziele. Seitdem konnte niemand mehr behaupten, er wusste nicht, was Hitler wollte.


In den emotionsgeladenen Augusttagen 1914 hatte der Zufall das Schicksal Deutschlands mit dem des berufs- und wohnsitzlosen Österreichers verkoppelt. Ihm war es gelungen, gegen alle Vorschriften beim bayerischen Infanterieregiment 16 als Freiwilliger angenommen zu werden. Ein weiterer Zufall war es, dass er die vierjährige Hölle überlebte, denn bereits Ende Oktober 1914 waren von seinem Regiment von 3.600 Mann nach vier Tagen nur noch 611 einsatzfähig. Seine Kompanie war mit 250 Mann in die Schlacht von Ypern marschiert, Anfang Dezember waren davon nur noch 42 übrig.


Endlich hatte man die Währung stabilisiert. Am 5. November 1923 hatte 1 Kilo Roggenbrot 78 Milliarden Mark gekostet, 1 Kilo Kartoffeln 6,4 Milliarden, 1 Kilo Butter 420 Milliarden Mark. Es gab eine Reichsbanknote für zehn Billionen – 10.000 Milliarden. Außerdem gab es örtliches Geld. So gab der Stadt- und Landkreis Aachen Gutscheine über eine Milliarde aus, die AG der Spiegelmanufaktur und chem. Fabriken St. Gobain ließ Scheine für 25 Milliarden drucken. Die Preise waren etwa 1,42-billionenmal so hoch wie vor dem Weltkrieg.

Zuletzt waren 4.200.000.000.000 Mark – vier Billionen zweihundert Milliarden - nur noch einen Dollar wert. Jetzt wurden 1.000 Milliarden Reichsmark in eine “Rentenmark” umgetauscht. Man fragt sich, warum die Regierung das nicht schon früher machte. Jetzt waren viele Vermögen und alle Ersparnisse kaputt, das Vertrauen in die Regierung ebenfalls. Die Kaufkraft der Mark blieb auch nach der Stabilisierung geringer als die der Vorkriegsmark. Gleichzeitig vergrößerte sich die Schicht mit geringem Einkommen.


Am gleichen 9. November, an dem Hitler putschte, hätte das deutsche Proletariat revoltieren und die Macht übernehmen sollen. Das Ziel waren “die Vereinigten Staaten der Arbeiter- und Bauernrepubliken von Europa”, so Sinowjew, Generalsekretär der “Komintern”, des Weltbundes aller Kommunisten. Stalin schrieb im Parteiorgan ROTE FAHNE: “Der Sieg des deutschen Proletariats wird das Zentrum der Weltrevolution von Moskau nach Berlin versetzen.” Einige hundert eingeschleuste Sowjet-Offiziere sollten die “Proletarischen Hundertschaften” zum Sieg führen. Der Sowjet-General Skoblewski wurde “Militärpolitischer Reichsleiter” der KPD. 2,3 Millionen Sowjetsoldaten waren in Bereitschaft, 20 neue Divisionen waren aufgestellt worden. Für die rote Machtergreifung riskierte Moskau sogar den Krieg. Stalin notierte: “Revolution in Deutschland und unsere Hilfe ... bedeutet Krieg”* mit dem Durchmarschland Polen, mit England und Frankreich. Aber dazu kam es nicht. Am 23. Oktober hatte nämlich in Hamburg der Revolutions-Experte Kippenberger, geführt von Politbüro-Mitglied Radek und Sowjet-General Lazar Stern, etwa 300 Kommunisten 17 Polizeireviere stürmen lassen. Doch die KP musste erkennen, dass die proletarischen Massen nicht zu aktivieren sein würden. Wie würde die Welt aussehen, wenn Deutschland damals Haupt und Herz des Weltkommunismus geworden wäre?

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