1919 - 1933 1932

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Im Gespräch Brünings mit Hitler war es um die Wiederwahl Hindenburgs gegangen. Man schlug ihn vor, weil nur er die Wahl Hitlers verhindern konnte. So warben die Republikaner mit der SPD mit einem markigen Hindenburg-Kopf auf den Plakaten mit der Unterschrift “einen Bessern find’st du nicht”. Hindenburg wurde gewählt. Der alte Feldmarschall, die “ehrwürdige Null”, der den Kaiser zurückholen wollte, war wieder Reichspräsident. Von den Junkern, den Unternehmern und der Mehrheit des Bürgertums war er nicht gewählt worden. Die hatten Hitler gewählt. Er war der Kandidat des “Reichsblocks”. Hindenburg hatte nicht nur den ungeliebten Roten und ihren Gewerkschaften zu danken, sondern auch erzkatholischen niederbayerischen Bauern und tiefschwarzen Westfalen. Die Fronten hatten sich verkehrt.


Bei der Präsidentenwahl ahnte Brüning noch nicht, dass ihn Hindenburg, für den er sich so eingesetzt hatte, bald entlassen würde. Brüning hatte alle unpopulären Maßnahmen auf sich genommen. Weil fast alle seine Maßnahmen die Lohn- und Gehaltsempfänger trafen, verschrien sie ihn als “Hungerkanzler”. Seine Absicht war es, das Massenelend und den Massenradikalismus zu beseitigen, “aber er erhöhte - gewollt - die Not des Einzelnen und trug so - ungewollt - zu weiterer Radikalisierung bei.”* Als er im März 1930 Kanzler wurde, war es düster. Als er im Mai 1932 gehen musste, war es finster. Als er kam, saßen erst zwölf Braunhemden im Reichstag. Als er entlassen wurde, hatte der Reichstag 107 „braune“

Abgeordnete, die sich bereits zwei Monate später auf 230 vermehrten. Während seiner Kanzlerzeit fielen Löhne und Gehälter um rund 25 Prozent, der Export um 30 Prozent. Bei seiner Amtsübernahme gab es rund drei Millionen Arbeitslose, am Ende seiner Kanzlerschaft offiziell 6,2 Millionen, etwa ein Drittel der Arbeitnehmer. Die wahre Zahl lag jedoch weit über 7 Millionen, denn Not versteckt sich.

Die Arbeitslosen von 1932 bekamen pro Woche weniger als 16 Mark Unterstützung, aber höchstens ein Jahr lang. Hungernde Menschenschlangen standen stundenlang vor öffentlichen Notküchen. Manche sparten sich von dem 10-Pfennigs-Mittagessen noch etwas für den Abend auf. Die Unterstützung reichte nicht zum Leben, besonders, wenn kinderreiche Familien daranhingen. Meist war der Familienvater der einzige Verdiener. Frauenarbeit bestand meist nur im Waschen und Putzen für “bessere” Leute. Ein amerikanischer Journalist hat die Tagesration eines Unterstützungsempfängers überliefert: Fünf Scheiben Brot, ein Stückchen Margarine, sechs kleine Kartoffeln, ein faustgroßer Kohl, dreimal im Monat konnte er sich einen Hering (der damals noch billig war; H.D.) leisten. Die Selbstmordrate stieg steil und es kam vor, dass ein Vater seine Kinder erschlug, weil er sie nicht ernähren konnte.  1931 gab es 550.000 arbeitslose Jugendliche. Einer schrieb an eine Zeitung: “Wenn wir gegen dieses Leben rebellieren, sind wir nicht schuld daran, schuld seid Ihr!” So gingen die einen zu den Jungkommunisten, andere gingen in Hitlers SA. Dort hatten sie Unterkunft und Verpflegung, bekamen eine Uniform, konnten ab und zu schießen und dann und wann gab es eine Schlägerei mit den Kommunisten.

 

Brüning betrieb die ruinöse Deflationspolitik für eine erfolgreiche Außenpolitik. Für die Einschränkung der Reparationen im Rahmen des Youngplanes war die Ordnung der deutschen Finanzen Bedingung. Er gewann so das Vertrauen der ausländischen Gläubiger, er verlor aber das der Deutschen. Im Mai 1932 konnte er im Reichstag sagen, die Regierung stehe “100 Meter vor dem Ziel.” Diesen Erfolg dankte ihm niemand. Er wurde entlassen, wenig später errangen die Radikalen ihre größten Erfolge bei der Reichstagswahl: Die KPD erhielt 14,3 Prozent der Wählerstimmen, die NSDAP 37,4 Prozent.


Später schrieb Brüning, der von Hindenburg zuvor als „bester Kanzler nach Bismarck“ bezeichnet worden war, darüber: Ende November 1931 “kam ... jemand und teilte mir ... mit, dass ... eine sehr bekannte Persönlichkeit aus Ostpreußen eine ihn ... erschütternde Unterhaltung mit dem Reichspräsidenten erzählt habe. Der alte Herr habe ... gefragt: ‘Sie sind doch auch Ostpreuße und Protestant?’ Als das bejaht wurde, habe der alte Herr gefragt: ‘Was halten sie denn vom Reichskanzler?’ Der Gefragte habe eine sehr gute Meinung über mich geäußert, worauf der Reichspräsident erwidert habe, er habe das selbe Urteil. Es sei keine Frage, dass ich in wenigen Monaten in der Reparationsfrage und auch in der Abrüstungsfrage einen vollen Erfolg erringen würde, den er noch vor einem halben Jahr für völlig unmöglich gehalten habe. Aber das sei für ihn als protestantischen Ostpreußen eben untragbar, dass diese Erfolge vor der Geschichte mit dem Namen eines katholischen Zentrumsmannes verknüpft seien.”

Brüning wollte auf bankrottem Großgrundbesitz in Hinterpommern und in Ost- und Westpreußen einige hunderttausend Großstädter ansiedeln. Für ihn war diese “Ostsiedlung” eine “aus sozialen und politischen Gründen dringend nötige Reform”, für die junkerlichen Großgrundbesitzer war es “Agrarbolschewismus”. Der Rufmord kam aus den Kreisen des Hindenburg-Gutsnachbarn Oldenburg-Januschau, der sich für die rund 621.000 Mark, die er vom Steuerzahler “zur Entschuldung der notleidenden Landwirtschaft” erhalten hatte, noch ein viertes Rittergut dazukaufte. Die mittleren und kleinen Bauern dagegen kamen schlecht weg: 1932 hatten 722 Großgrundbesitzer 60 Millionen, 12.000 Bauern nur 69 Millionen Mark erhalten. Als der “alte Herr” auf seinem Gut Pfingsturlaub machte, stimmten ihn Vertreter der ostpreußischen Großlandwirtschaft gegen Brüning ein. Sie wussten, dass Brüning sein Sozialprogramm nicht aufgeben würde. Damit würde man ihn stürzen können.Brüning hatte beinahe die Aufhebung der deutschen Rüstungsbeschränkungen erreicht. Die USA, Großbritannien und Italien wären dazu bereit gewesen, doch ohne Frankreich wollten sie nicht ja sagen. Der französische Außenminister war nicht zur Genfer Konferenz gefahren, weil seine Berliner Botschaft mitgeteilt hatte, Brünings Sturz stehe kurz bevor. Der Kanzler war dann auch in dreieinhalb Minuten entlassen.


Noch am gleichen Tag ernannte Hindenburg einen Nachfolger, über den der französische Botschafter schrieb: “Papen hat das Sonderbare an sich, dass weder seine Freunde noch seine Feinde ihn ganz ernst nehmen ... Man bezeichnet ihn als oberflächlich, händelsüchtig, eitel, falsch, ehrgeizig, verschlagen und intrigant.” Ein eleganter Poseur, über den ein Bekannter zu Schleicher sagte: “Er ist kein Kopf”, worauf der Kanzlermacher erwiderte: “Aber er ist ein Hut!” Auch für Adenauer ein Mann von "abnormer Beschränktheit".

Er war der Schwiegersohn des Eigentümers des saarländischen Keramik-Konzerns Villeroy & Boch und Zentrumsabgeordneter im preußischen Landtag. In seiner Partei galt er als monarchistischer Ausleger mit guten Verbindungen zu Industrie, Reichswehr und Geistlichkeit. Papen gab sich “überparteilich”, er bildete ein “Kabinett der Barone”, das hauptsächlich aus Deutschnationalen bestand. “Ist dieses Schießbudenfiguren-Kabinett der Dank des Hauses Hindenburg an seine Wähler?”, fragte eine SPD-Zeitung. Schon nach kurzer Zeit schlug Papens Regierung die Wut weiter Volkskreise entgegen: Sie hatte die Sozialleistungen nochmals gekürzt und neue Steuern eingeführt.


Weil er keine Mehrheit im Reichstag hatte, löste Papen ihn auf. Hindenburg und er versprachen sich von der Reichstagswahl Ende Juli 1932 eine Stärkung der konservativen Parteien. Die Nazis fühlten sich stark genug, gleich gegen zwei Gegner zu kämpfen: gegen die Kommunisten, und gegen die Regierung Papen, deren letzte Stütze der Reichspräsident war. Hitler betrieb als erster Wahlkampf mit dem Flugzeug. So konnte er auf bis zu drei Massenveranstaltungen täglich sprechen. Wenn sie ihn wählten, würden die Arbeiter höhere Löhne, die Bauern höhere Preise, die Kriegerwitwen höhere Renten bekommen, jeder würde Arbeit haben und billigere Lebensmittel bekommen, alle würden ein sorgenfreies Leben, ein einiges, starkes Vaterland bekommen, größer als das vor 1914.


Die Massenkundgebungen, auf denen Hitler mit heiserer, sich manchmal überschlagender Stimme diese Verheißungen auf seine Anhänger niederschrie, waren perfekt inszeniert, von Marschmusik und Aufmärschen seiner SA umrahmt. Das dabei nie fehlende Horst-Wessel-Lied, das später zum zweiten Teil der Nationalhymne gemacht wurde, zielte auf den Gegner. Horst Wessel, Pastorensohn und Jurastudent, dann Führer eines Berliner SA-Sturmes - der einer Kompanie entsprach -, war ein Opfer dieser Polit-Kämpfe geworden. Er war von einem Kommunisten, einem arbeitslosen Tischler und Zuhälter, angeschossen worden. Wessel hatte sein Lied “der Kommune” geklaut. Die Verhaltensmuster, die Uniformen, die Sprüche und Lieder von links- und von rechts-außen waren fast identisch.


In Preußen verloren in den ersten drei Juni-Wochen des Jahres 1932 bei 461 „Straßenschlachten“ 82 Menschen das Leben. Etwa 400 wurden gefährlich verletzt. Bis Mitte Juli gab es nochmals 76 Tote und 350 Verletzte. Nach diesen Ausschreitungen gab der Kanzler bekannt, dass er die Tatenlosigkeit der Regierung Preußens nicht länger hinnehmen könne. Sie war eine Minderheitsregierung der SPD mit dem Zentrum, die ohne Mehrheit im Amt blieb, weil die Kommunisten und Nationalsozialisten zwar gemeinsam gegen sie brüllten, sich aber an keiner Regierung beteiligten. Bei der Absetzung dieser Regierung berief sich der Reichspräsident wieder auf Artikel 48 der Verfassung, auf sein Recht, bei Gefährdung der öffentlichen Sicherheit Länder-Regierungen abzusetzen. Eigentlich war es ein Staatsstreich gegen Preußen, aber ursprünglich gehörte das Projekt in den Kontext einer geplanten Reichsreform, die die erheblichen Größenunterschiede zwischen den einzelnen Ländern sowie die doppelte Verwaltung von Preußen und Reich beseitigen sollte und die auch von den Sozialdemokraten unterstützt wurde.


Dass Hitler nicht mehr zu bremsen war, ergab die Reichstagswahl elf Tage später. Seine Partei war zur weitaus stärksten Partei geworden. Diese Welle, die ihn derart hoch trug, war auch durch die mangelnde Durchschlagskraft seiner Kontrahenten verursacht worden, "die, ... endlich am Rubikon angelangt, sich hinsetzten, um dort zu angeln."


Der größte Verlierer war Papen. Jetzt hatte er neun Zehntel des Reichstags gegen sich. Dabei hatte er Erfolge vorweisen können, die freilich noch Brüning erarbeitet hatte: die Streichung der Reparationsforderungen – schätzungsweise hatte Deutschland 53,16 Milliarden Goldmark gezahlt - und die Anerkennung der Gleichberechtigung Deutschlands.

Die Kommunisten bekamen aus Moskau die Parole, die SPD habe das Proletariat verraten und sei der schlimmste Feind. Ex-Kommunist Wittfogel: “Stalins Politik ermöglichte es Hitler, an die Macht zu kommen.”* Die Konservativen und Gemäßigten wollten nicht mit den Sozis koalieren, mit den Kommunisten schon gar nicht. Der Führer des Zentrums, Prälat Kaas, sondierte bereits ein schwarz-braunes Bündnis. Gleich in der ersten Sitzung des neuen Reichstags verlangten die Kommunisten die Aufhebung der Notverordnungen. Ihr Antrag wurde angenommen. Wieder wurde der Reichstag aufgelöst und am 6. November 1932 neu gewählt. Die Mandatsverhältnisse veränderten sich kaum. Nichts ging mehr.

 

Die Regierung Papen wurde entlassen. Schon gab es starke Kräfte, die Hindenburg drängten, “den Führer der größten nationalen Gruppe” zum Kanzler zu machen. Doch Hindenburg wollte Hitler nicht. Schließlich schlug Papen dem Reichspräsidenten den General von Schleicher als Kanzler vor. Er wurde es am 2. Dezember 1932.


Arbeitsbeschaffung, das war Hoffnung für die sieben Millionen verzweifelter Arbeitsloser. Diese Hoffnung hatten die Nationalsozialisten geweckt. Sie hatten ein Arbeitsbeschaffungsprogramm des Staates gefordert. Dieser Gedanke stammte von Gregor Strasser, dem “Reichsorganisationsleiter” der NSDAP. Der glaubte unterdessen, dass Hitler für die Partei schädlich sei. Schleicher wollte deshalb ein Bündnis des Strasser-Flügels der NSDAP mit der SPD und den Gewerkschaften.


Sein Arbeitsbeschaffungsprogramm durch Vergabe von öffentlichen Arbeiten erregte den Unmut vieler Unternehmer. Sie sprachen von “Staatssozialismus”. Papen hatte verordnet, sie dürften bei “Gefährdung der Weiterführung des Betriebes” die Löhne kürzen. Schleicher stellte die Tarifbindung wieder her. Er verdarb es sich auch mit den Großagrariern. Er wollte nämlich Brünings “Ostsiedlung” wieder aufnehmen. Schleicher scheiterte endgültig, als ihm die Spaltung der NSDAP missglückte. Hitler hatte Strasser mit seinen “Nationalbolschewisten” ausgestoßen.

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