1919 - 1933 1933

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Mitte Dezember sprach Papen im vornehmen “Herrenklub” und lobte die Nationalsozialisten. Danach arrangierte der Kölner Bankier Baron von Schröder ein Frühstück Papens mit Hitler mit der Absicht, ihn in ein Kabinett Schleicher einzubinden. Doch der ließ sich nicht einbinden. Am 10. Januar 1933 traf sich Papen erneut mit Hitler in der Villa des Papen-Kameraden und Hitler-Gefolgsmannes Joachim von Ribbentrop. Hitler forderte die Kanzlerschaft, Papen, der selbst wieder Kanzler werden wollte, erklärte das für unmöglich. Ein weiteres Gespräch sagte Hitler ab, erst müssten die Wahlen in Lippe vorüber sein. Hitler wollte im kleinsten deutschen Ländchen mindestens einen Achtungserfolg erringen. Er und sein Propagandachef Goebbels  warben deshalb mit allen Mitteln um die Stimmen der nur etwa 100.000 Wähler. Es lohnte sich. Die NSDAP gewann 39,5 Prozent. Den Zugewinn blies Goebbels kräftig auf: “Hitlersieg! Das Volksurteil von Lippe.”


Mit gestärktem Selbstvertrauen forderte nun Hitler von Papen wiederum die Kanzlerschaft – vergebens. Da kam Ribbentrop auf die Idee, den Hindenburg-Sohn einzuspannen. Schleicher hatte inzwischen beim „alten Herrn“ ausgespielt. Dass ein preußischer General sich als Sozialist aufspielte, war für den Feldmarschall unfassbar. Dass er auch noch die Wirtschaftsgewaltigen bekämpfte und unter Verleugnung seiner Herkunft den Adel seines angestammten Bodens “berauben” wollte, war zuviel. Alarmierend aber muss schließlich auf Hindenburg das verleumderische Gerücht gewirkt haben, sein bisheriger Protegé "wolle mit der Reichswehr putschen und ihn auf sein Gut Neudeck" abschieben.


Noch immer wollte Hindenburg Hitler nicht zum Kanzler machen. Was ihn an dem Mann störte, waren nicht die Prügeleien seiner SA. Diese “nationale Bewegung” hatte nach seinem Verständnis die Eroberung Deutschlands durch den Bolschewismus verhindert. Schade nur, dass die meisten dieser Leute nicht “salonfähig” waren. Den Generalfeldmarschall störte am kommenden Reichskanzler eigentlich nur dessen niedriger Militärdienstgrad. Der “böhmische Gefreite” - der gar nicht aus Böhmen kam - gehörte für ihn nicht zu den “Kreisen”, denen ein so hohes Amt zustand. Was ihm dagegen imponierte, war Hitlers Eisernes Kreuz I. Klasse, das fast ausschließlich Offizieren vorbehalten gewesen war. Für einen Gefreiten war das etwas Besonderes. Nicht weniger erstaunte ihn, dass dieser Gefreite über Gefolgsleute gebot, die größtenteils Offiziere gewesen waren: Strasser wie Ribbentrop, Heß wie Röhm und Göring. Sie gehorchten ihm nicht nur, sie hingen ihm an und ordneten sich ihm widerspruchslos unter. Sogar sein ehemaliger Vordenker, General Ludendorff, hatte für Hitler die Galionsfigur gemacht. Neben Hitler hatte er im Prozess nach dem Münchener Putsch blass gewirkt.


Wichtiger war jetzt, dass dieser staatenlose Österreicher nun deutscher Staatsbürger war. Das Land Braunschweig hatte ihn zum Regierungsrat gemacht und ihm damit den Weg zu deutschen Staatsämtern geebnet. Die Taktik zum endgültigen Gewinn der  Kanzlerschaft Hitlers soll am 24. Januar beim Tee bei Ribbentrop von Papen, Göring und Frick, dem NS-Fraktionsführer im Reichstag, erdacht worden sein. Hitler solle dem Reichspräsidenten ein “Kabinett der nationalen Konzentration” vorschlagen, das von der Mehrheit aller Rechtsparteien getragen würde. Papen solle Vizekanzler werden. Am nächsten Tag wurde Hindenburg-Sohn Oscar eingeweiht. Am wichtigsten war jedoch, dass Hindenburg Papen sein Einverständnis signalisierte, vorausgesetzt, die Nazis würden im Kabinett von Konservativen in Schach gehalten und die Reichswehr bliebe auf seiner Seite. Schleicher war am 28. Januar mit seinem Kabinett zurückgetreten. Hindenburg schwankte. Sein Staatssekretär sagte ihm aber, dass ohne Hitler als Kanzler die Wut seiner “Bewegung” eine Regierung Papen-Hugenberg hinwegfegen würde.


Um 12 Uhr 40 des 30. Januar 1933 erfuhren es die Deutschen durch ein Kommunique: “Der Reichspräsident hat Herrn Hitler zum Reichskanzler ernannt.”
Aufgeregte Freunde hatte Papen beruhigt: “Wir haben uns ihn engagiert.” Das war eine instinktlose Fehleinschätzung. Die Menge, die sich zwischen dem Sitz des Reichspräsidenten und Hitlers Hotel “Kaiserhof" drängt, jubelt ihm zu, als er im Mercedes stehend vorbeifährt. Hitler stammelt mit Tränen in den Augen immer wieder: “Wir haben es geschafft!”


Nach demokratischer Praxis hätte Hitler bereits nach den Wahlen von 1932 als Führer der stärksten Partei den Auftrag zur Regierungsbildung erhalten sollen. Da der Reichspräsident nun nicht länger “anders entscheiden konnte und durfte, wäre es einem Verfassungsbruch gleichgekommen, Hitler nicht mit der Regierungsbildung zu betrauen.”
“Es gab viele, die über Hitlers Ernennung verwirrt und entsetzt waren. Doch ... wildfremde Menschen umarmten sich auf den Straßen und küssten sich und weinten, als sei ein neues Zeitalter angebrochen. ... ‘Gab es in Deutschland jemals einen solchen Ausbruch hochgestimmter Erregung, Glück und Triumph?’ fragt ein Historiker."*


Es war nicht nur die Goebbels-Propaganda, die den späteren Hitler-Attentäter Graf Stauffenberg “bewegte, sich ... an die Spitze eines Hitler huldigenden Demonstrationszuges zu setzen, ..., es war kein Befehl, der Tausende von Beamten dazu bestimmte, sich das Parteiabzeichen an den Revers zu heften, kein Zwang, der bewirkte, dass Millionen wider alle Vernunft Hoffnung und Lebensmut zurückgewannen. Es war auch mehr als nur die Befolgung von Befehlen, was am Abend dieses Tages 25.000 SA- und SS-Männer und Tausende von Stahlhelmern  (und auch viele Zivilisten; H.D.) zum Marsch durch die Innenstadt Berlins vereinigte.”* Mit ihrem stundenlangen Fackelzug gratulierten sie Hitler mit triumphierendem “Heil, Sieg Heil” zu seiner Machtübernahme.


Hitler war klar, dass er die Macht nur behalten konnte, wenn er die Reichswehr auf seiner Seite hatte. Es war ein Glücksfall für ihn, dass sie ihm auf halbem Weg entgegenkam. Er war gebeten worden, die Wehrkreisbefehlshaber über die Lage zu informieren. Nach seiner zweistündigen Rede hatte er die Mehrzahl mit seinem Programm gewonnen. Nach den Notizen eines Generals hatte er in Aussicht gestellt: “1. Im Innern. Völlige Umkehrung der gegenwärt. innenpolitischen Zustände. Ausrottung des Marxismus mit Stumpf und Stiel. 2. Nach außen. Kampf gegen Versailles. Gleichberechtigung in Genf ; aber zwecklos, wenn Volk nicht auf Wehrwillen eingestellt ... Aufbau der Wehrmacht wichtigste Voraussetzung für Wiedererringung der politischen Macht. Wehrmacht wichtigste u. sozialistischste Einrichtung d. Staates. Sie soll unpolitisch u. überparteilich bleiben. Der Kampf im Innern nicht ihre Sache, sondern der Nazi-Organisationen. Anders wie in Italien keine Verquickung v. Heer u. SA beabsichtigt.” Das war ja auch ganz die Linie der Reichswehr.


Jetzt konnte Hitler nur noch von einem Generalstreik gestoppt werden. Er erwirkte deshalb Verordnungen des Reichspräsidenten zum “Schutze des deutschen Volkes” gegen Streiks in “lebenswichtigen” Betrieben. Auch Versammlungen und Umzüge konnten verboten werden, wenn “eine unmittelbare Gefahr für die öffentliche Sicherheit zu besorgen” sei. Ebenso konnten Zeitungen und Bücher beschlagnahmt und für begrenzte Zeit verboten werden, “deren Inhalt geeignet ist, die öffentliche Sicherheit oder Ordnung zu gefährden.”


Nun suchte der neue Kanzler den Kontakt mit der Wirtschaft. Er traf führende Industrielle in Görings Reichstagspräsidentenpalais. Auch ihnen gefiel, was er sagte: Beseitigung der Gewerkschaften, keine Sozialisierungen, das Ende des “Parteienhaders”. Außerdem kündigte er an: “Wir stehen jetzt vor der letzten Wahl. Sie mag ausfallen, wie sie will, einen Rückfall gibt es nicht mehr.” Die Aussicht auf Gewinne ohne Lohnkämpfe und Streiks entlockte den Herren drei Millionen Mark Spendengelder.


Das meiste Geld für Hitler kam noch immer durch die Partei-Mitgliedsbeiträge. Dagegen weiß man von seinem Stellvertreter Heß, „dass Hitler bei den Industriellen wenig ernsthafte Unterstützung genoss“, zumindest vor 1933. Eine Ausnahme machte Fritz Thyssen. Thyssen hatte auch Ludendorff 1923 vor dem Hitler-Putsch 100.000 Goldmark für Hitler und für das Freikorps Oberland gegeben. Nicht wenig Geld kam demgegenüber aus dem Ausland. Der erklärte Judengegner Henry Ford I. hatte sechsstellige Dollarbeträge gespendet und der Shell-Mogul Sir Henri Deterding schickte zehn Millionen Mark. Nach heutiger Kaufkraft gab das US-Kapital Hitler mindestens dreiviertel Milliarden Euro. Aber auch Großfürstin Victoria von Russland und russische Exilanten, ungarische Magnaten, rechte Franzosen, Austro-Faschisten und spanische Latifundienbesitzer waren gebefreudig. Geld floss auch aus Nord- und Südamerika, aus Schweden, der Schweiz und der Tschechoslowakei, weil für die Geber Hitler die wirksamste Waffe gegen den Bolschewismus war.


In Preußen konnte Ministerpräsident Göring bereits seine Machtmittel benutzen, “um dem Treiben staatsfeindlicher Organisationen mit den schärfsten Mitteln entgegenzutreten.” Der Bock wurde vollends zum Gärtner, als Göring SA, SS und “Stahlhelm”, den antirepublikanischen Frontkämpferbund, zur Hilfspolizei machte. Zusammenstöße und Schlägereien mit Linken waren die Folge. Dabei war der Terror ganz unnötig, denn 60 Prozent der Wähler lehnten die Demokratie ohnehin ab, bis zu 40 Prozent der NS-Wähler waren Arbeiter.
Hitlers Partei agierte mit zwei Themen: “Kampf dem Bolschewismus” und “Arbeit und Brot für alle”. Millionen setzten pseudoreligiöse Erwartungen in die Person Hitlers. Die Lage war im Februar 1933 mehr als trist: Fast ein ganzes Volk zermürbt, demoralisiert. Über sechs Millionen Arbeitslose. Millionen fürchteten sich vor Hunger, vor dem Verarmen und vor dem “Verproletarisieren”. Das trieb sie Hitler zu.


Diese - besonders im hauptstädtischen Berlin spürbare - Atmosphäre brachte am 27. Februar ein holländischer Maurergeselle zur Explosion. Marinus van der Lubbe, 24, arbeitslos, wollte mit einem Fanal die Kommunisten und Proletarier aufrütteln. Herumstreunend, stand er um 21 Uhr vor dem Reichstag. Der schien ihm das richtige Objekt. Mit nur drei Kohleanzündern soll er so wirksam Feuer gelegt haben, dass das große Gebäude ausbrannte.


Göring nutzte den Schock, um gegen die Kommunisten vorzugehen. Hindenburg gab dazu die Handhabe, die Notverordnung “Zum Schutz von Volk und Staat“. Ihr § 1 setzte wichtige Grundrechte außer Kraft, z.B. die Freiheit der Person, freie Meinungsäußerung, Presse- und Versammlungsfreiheit, Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis, Schutz von Wohnung und Eigentum. § 2 ermächtigte die Reichsregierung, in die Souveränität der Länder einzugreifen. Diese Verordnung wurde benutzt, um das politische Leben unter die Kontrolle der Hitler-Partei zu bringen. Die KPD hatte sich durch ihre blutrünstigen Reden und ihren Straßenterror selbst zum Bürgerschreck gemacht. Selbst Gegner der Nazis spendeten Beifall. Der MIESBACHER ANZEIGER schrieb, die Notverordnung “trifft endlich ... das Geschwür, das das deutsche Blut jahrelang vergiftete, den Bolschewismus, den Todfeind Deutschlands.”


Deshalb wurden die Wahlen am 5. März zu einem Plebiszit für Hitler. Der “Volkskanzler” bekam 43,9 Prozent der Stimmen. Das hatte noch niemand geschafft. 30 Prozent der NS-Stimmen waren aus der Arbeiterschaft gekommen. Es gab keinen Berufsstand und keine soziale Gruppe, die nicht zu Hitlers Triumph beigetragen hatte.
Wieder war es Goebbels, der diesen Triumph in eine werbewirksame Show umsetzte. Man inszenierte die Eröffnung in der Weihestätte des Preußentums, in der Potsdamer Garnisonskirche. Das sollte versinnbildlichen, dass das “neue” Deutschland das “alte” bruchlos fortsetze. Die Eingeladenen empfing Glockengeläut, Geschütze donnerten Salut.

Hindenburg in Feldmarschalluniform. Hitler im schwarzen Cut mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse auf der Brust. Für alle Kameras sichtbar, schritt der Kanzler-Gefreite auf den Feldmarschall-Reichspräsidenten zu und verbeugte sich tief vor ihm. Er tat dies nochmals in seiner Rede, in der er den “Generalfeldmarschall”, nicht den Reichspräsidenten, “Schirmherr” werden ließ “über die Neuerhebung unseres Volkes”. „Alle erheben sich von ihren Plätzen und bringen dem greisen Feldmarschall, der dem jungen Kanzler die Hand reicht, jubelnde Huldigungen dar”, notierte Goebbels.


Der “Tag von Potsdam” gab zu den schönsten Illusionen Anlass. Der verlorene Krieg und seine Folgen, die gigantischen Menschenopfer, Massenarbeitslosigkeit und Massenelend, Gebietsverluste und Ruhrkampf, Bürgerkriegswirren, Parteienhass, Saal- und Straßenschlachten, das alles schien nur ein böser Traum gewesen zu sein.

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