1933 - 1939 1933

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So triumphierte der VÖLKISCHE BEOBACHTER, das Sprachrohr der NSDAP, nach der ersten Sitzung des neuen Reichstags. An diesem 23. März war Hitler praktisch zum Alleinherrscher des „Dritten Reiches“ , wie es jetzt hieß – gemacht worden. Das „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“, das später so genannte „Ermächtigungsgesetz“, ermächtigte nämlich die Reichsregierung für vier Jahre, Gesetze zu beschließen, ohne den Reichstag fragen zu müssen. Es übertrug auch das Recht des Reichspräsidenten, Gesetze in Kraft zu setzen, auf den Reichskanzler. Der Reichskanzler war nun nicht mehr auf Notverordnungen des Reichspräsidenten angewiesen. Auch den bisher noch Gutmeinenden dämmerte mehr und mehr die Wahrheit des Volkswitzes: "Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Dritte Reich."


Hitlers Partei hatte die dafür erforderliche Zweidrittelmehrheit nicht. Dass die SPD dagegenstimmen würde, war klar. Schon Tage zuvor hatte jedoch der Führer der Zentrums-Fraktion, der päpstliche Hausprälat Kaas, mit einigen Bedingungen Zustimmung signalisiert. Am wichtigsten war ihm ein Reichskonkordat mit dem Vatikan. Hitler war einverstanden; das Konkordat kam im Juli zustande. So beschloss die Partei der Brüning und Adenauer, die dem „eisernen“ Kanzler Bismarck widerstanden hatte, dem „braunen“ Kanzler Hitler geschlossen ihr Ja zu seiner Alleinherrschaft zu geben.


Dafür stimmten auch so honorige Männer wie Theodor Heuss, der spätere erste Bundespräsident, der auch Hitler-Gegner war. Das, obwohl jeder wusste, für was und für wen er stimmte. Schließlich hatte Hitler nicht nur einmal klargestellt: „Wir Nationalsozialisten haben offen erklärt, dass wir uns demokratischer Mittel nur bedienen, um die Macht zu gewinnen, und dass wir nach der Machtergreifung unseren Gegnern alle die Mittel rücksichtslos versagen werden, die man uns in Zeiten der Opposition zubilligt.“


Diese zweifellos honorigen Männer sahen nicht oder unterschätzten, dass mit der Verhaftung der meisten KPD- und mehrerer SPD-Abgeordneten die NS-Machthaber gegen das Immunitätsrecht verstießen. Insofern war der Reichstag, der das Gesetz beschloss, bereits nicht mehr legal zusammengesetzt. Sehenden Auges befreiten sie mit diesem Gesetz Hitler von der Bindung an die Verfassung. Selbst für sie war die parlamentarische Kontrolle bereits nachrangig. Kaum jemanden hatte auch gestört, dass der Reichspräsident mit seinen Norverordnungen bereits eine Präsidialregierung eingeführt hatte.


Dagegen hatten 94 SPD-Abgeordnete gestimmt. Die Kommunisten waren bereits, wie Reichsinnenminister Frick höhnte, durch „nützlichere Arbeit“ in den Konzentrationslagern, den KZs, am „Erscheinen gehindert.“ In solchen Lagern verprügelte die SA ihre Gegner und hielt sie fest. Die Rollkommandos, die früher Wähler beeindruckt oder eingeschüchtert hatten, waren jetzt arbeitslos. Sie waren verbittert, weil sie bei der Ämtervergabe nach der „Machtergreifung“ zu kurz gekommen seien. „Stabschef“ Röhm forderte, sein „Volksheer“ müsse die „reaktionäre“ Reichswehr ablösen. Der Konflikt mit Hitler war programmiert, denn der brauchte die Reichswehr. Die SA setzte auch ihre „antikapitalistischen“ Aktionen fort. Das belastete Hitlers gerade mit der Großindustrie zustandegekommenes Bündnis.


Solche Aktivitäten, die mehr und mehr den damals nicht geringen „Normalantisemitismus“ überstiegen, richteten sich jetzt verstärkt gegen Juden, jüdische Firmen und Geschäfte. Der Staat bestimmte mit ersten antisemitischen Erlassen die Richtung. Reichsinnenminister Frick führte den „Arierparagraphen“ zur Entfernung jüdischer Staatsdiener ein. Von Studenten wurden Bücher „undeutschen Geistes“ verbrannt. Sigmund Freud  nahm es gelassen: „Im Mittelalter hätte man noch mich verbrannt. Jetzt begnügt man sich mit meinen Büchern!“
Kurzfristig wurden die Länder, die Städte und Gemeinden „gleichgeschaltet“. „Terror allein erklärt jedoch nicht die Gleichschaltung eines ganzen Volkes. Dazu gehörte mehr: freiwillige Unterordnung, Glaube an den ‚Retter’ Hitler, Übereinstimmung mit den Zielen der ’nationalen Revolution‘, Resignation oder einfacher Opportunismus. Keine Regierungsbehörde zwang Menschen dazu, sich öffentlich für Adolf Hitler zu erklären, keine NS-Dienststelle hatte evangelische Kirchenführer, Industriemanager und Literaten geheißen, in pathetischen Apellen an internationale Kollegen ‚im Ausland verbreitete Greuelnachrichten‘ als ‚völlig erlogen‘ abzuwerten und ‚im Interesse der Wahrheit gegen diese maßlose Hetze‘ zu bitten, wie der deutsche PEN-Club im März 1933 formulierte.“*


Die Deutschen solidarisierten sich mit dem neuen System schnell. Das "lautlose Dahinschwinden der Gegenkräfte" ging über in die Zustimmung der Mehrheit der Bevölkerung. „Tausende bewarben sich um Aufnahme in die NSDAP, darunter auch prominente Republikaner, die bald als ‚Märzgefallene‘ zum festen Bestand des Volkswitzes gehörten.“* Der Andrang wurde so stark, dass im Mai ein Eintrittsstopp verfügt werden musste. „In Berlin und anderen Städten gab es neue SA-Einheiten, in denen frühere Kommunisten den Ton angaben“, und der Krefelder SA-Führer meldete, in seinen Einheiten habe „jetzt das Zentrum einen solchen Einfluss, dass man nicht mehr weiß, ob wir tatsächlich an der Macht sind.“* Ernst Thälmann, der KPD-Vorsitzende, soll einem ausländischen Journalisten, der ihn im Konzentrationslager aufsuchte und nach seinen Wünschen fragte, geantwortet haben: „Wenn Sie durchaus etwas für mich tun wollen, bitte grüßen Sie mir meine SA!“


Die Protestanten wollten eine Reichskirche und einen Reichsbischof. Sie bekamen ihn. Doch auch der Amtsprotestantismus sagte rückhaltlos ja zum „Neuen Deutschland“. Und eine Gruppe, die "Deutschen Christen", bezeichneten sich gar als die "SA Christi". Für die Reichswehr hatte Oberst von Reichenau nach der Machtübernahme ein Treuebekenntnis abgelegt: „Wir sind Nationalsozialisten auch ohne Parteibuch.“ Selbst SPD-Führer wie Paul Löbe verhandelten mit Göring über ihre Weiterarbeit, und der neue Zentrums-Vorsitzende Brüning beteuerte den „positiven Willen zur unbeirrten Mitarbeit im Staate und für den Staat.“* Der Christliche Deutsche Gewerkschaftsbund und der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund boten Hitler ihre Mitarbeit an. Der ADGB  sagte sich von der SPD los und hielt seine Mitglieder an, an den von der Regierung eingeführten 1.-Mai-Feiern teilzunehmen. In Hamburg hospitierte sogar der ADGB-Vorsitzende mit fünf ehemaligen SPD-Abgeordneten bei der NSDAP-Fraktion.*


Leistete keiner Widerstand? Eine sorgsam gepflegte Lebenslüge will weismachen, gleich zu Beginn des Dritten Reiches hätten Tausende zäh und verbissen gegen die „Hitlerei“ gekämpft. „Rührend der Versuch, schon für Widerstand zu halten, wenn Menschen keine Hakenkreuzfahne an ihre Fahnenstange hängten,  … oder jedes ‚Heil Hitler‘ geflissentlich überhörten.“* Im Gegenteil: „Der SPD-Partei-Vorstand untersagte jeden Widerstand, der die Partei in den Geruch der Staatsfeindlichkeit bringen konnte.“ Zentrum-Kaas schickte Hitler außer „aufrichtigen Segenswünschen“ zum Geburtstag „die Versicherung unbeirrbarer Mitarbeit.“*


Hitler hatte seine wahnhafte Weltsicht äußerst erfolgreich "vergesellschaftet". Die gelebte Welt der damaligen Deutschen muss dafür anfällig gewesen sein. "Es hat verschiedene Motive gegeben, Hitler zu folgen, aber das ändert nichts an dem Ergebnis, dass hier eine ganze Gesellschaft daran beteiligt war, ein Wahnsystem in die Wirklichkeit umzusetzen."


"Man hat den Deutschen vorgeworfen, dem Unrechtsstaat des Dritten Reiches nicht machtvoller und entschlossener gegenübergetreten zu sein, sondern - wenn man nicht ohnehin zu den die Mehrheit bildenden Sympathisanten gehörte - sich in den gegebenen Sozialmilieus eingeigelt zu haben, statt milieuüberschreitend zueinanderzufinden. Dieser Vorwurf dürfte die historischen Möglichkeiten verkennen. Wie hätten etwa die Christen mit den Kommunisten kooperieren können, von denen sie ja nichts anderes als von den Nationalsozialisten zu erwarten hatten? Es gab kein milieutranszendentes, allgemein anerkanntes verbindliches System sozialer Werte, in dem ein genereller Widerstand Kraft und Legitimation hätte finden können. Widerstand war eben nur milieugebunden möglich und deshalb einem totalitären Staat gegenüber von vornherein zum Scheitern verurteilt."


Ihren letzten Auftritt hatte die SPD in der Reichstagssitzung am 17. Mai 1933. Zur Abstimmung stand Hitlers Programm, die Deutschland vom Versailler Friedensvertrag auferlegten Beschränkungen zu beseitigen. Der Vorsitzende Wels, der sich mit dem Parteivorstand ins „französische“ Saarland abgesetzt hatte, hatte den „förmlichen Parteibefehl“ gegeben, die Sitzung nicht zu besuchen. Die SPD-Fraktion missachtete diesen Befehl. Wilhelm Hoegner, der spätere bayerische Ministerpräsident, berichtet: Als Reichstagspräsident Göring zur Abstimmung aufrief, stimmten auch die Mitglieder der SPD-Fraktion Hitlers Programm zu. „Da brach ein Beifallssturm der anderen Abgeordneten los. Selbst … Hitler … erhob sich und klatschte uns Beifall zu … Dann fingen die deutschnationalen Abgeordneten das Deutschlandlied zu singen an ... Manchen liefen die Tränen über die Wangen.“ Der geflüchtete SPD-Vorstand prangerte wenig später die Regierung wegen der Konzentrationslager an. Daraufhin erklärte diese die SPD zur staats- und volksfeindlichen Partei und brachte 3.000 führende Mitglieder ins KZ.


Mitte Juni 1933 war Hitlers Kabinett noch nicht durchgehend „braun“. Da forderte Hugenberg auf der Londoner Weltwirtschaftskonferenz deutsche Kolonien in Afrika und Siedlungsgebiete im Osten, ohne Kanzler und Kabinett zu fragen. Er musste zurücktreten. Hitler verbot die anderen Parteien, oder sie lösten sich selbst auf. Ein Gesetz machte die NSDAP zur einzigen Partei Deutschlands. Mitte Juli 1933 hatte Hitler die ganze Macht.


Mit einem Sofortprogramm wurde die Massenarbeitslosigkeit angegangen. Der Siedlungsbau kam in Schwung, mit dem Autobahnbau wurde begonnen. Bis dahin gab es nur eine kurze Versuchsstrecke zwischen Köln und Bonn.


Sonst tat sich zunächst wenig. „Man hatte Schlimmeres befürchtet. Die SA hatte eine ‚Nacht der langen Messer‘ angekündigt. Sie fand nicht statt, es gab nur vereinzelte, heimliche und bald wieder unterdrückte, allerdings nie gesühnte Mordtaten an wenigen besonders verhassten Gegnern. Danach wirkte es fast erleichternd, dass die Veteranen der Revolution von 1918 und die Prominenten der Republik im Frühjahr und Sommer 1933 ‚nur‘ in Konzentrationslager eingesperrt wurden, wo sie zwar Misshandlungen ausgesetzt waren, aber doch meistens früher oder später wieder herauskamen. Einige blieben sogar ganz unbehelligt.“ Sebastian Haffner, der dies schrieb, hatte alles im Brennpunkt Berlin miterlebt, bevor er nach England emigrierte und für britische Medien arbeitete. Er schrieb weiter: „Der Verwaltungsapparat blieb wie er war. Das Dritte Reich machte hier keine Revolution. Die Führerbilder in den Amtsstuben und die Parteiabzeichen auf den Rockaufschlägen veränderten das Gefüge, den Mechanismus und den Aufbau der deutschen Verwaltung nicht. Die nationalsozialistische Beamtenschaft  war dieselbe, die das Dritte Reich aus der Weimarer Republik übernommen hatte.“ Auch Einstein, der bekennende Jude, der Deutschland 1932 verlassen und es so oft verdammt hatte, beschrieb die Situation leidenschaftslos: "Wie ein Individuum, so kann auch ein Volk die Nerven verlieren; und im Falle des deutschen Volkes ist es wirklich begreiflich angesichts der schweren Schicksale, die es durchgemacht hat. Nach einiger Zeit wird dies alles vorüber sein. Man wird die Augen reiben und sagen: Es war nur ein hässlicher Traum."


Die Distanzierung der Partei von der über drei Millionen starken SA brachte Hitler beim Bürgertum Sympathien ein, bei der SA-Führung aber Misstrauen. Röhm , ihr Führer, wollte selbst Diktator werden. Hitler kam Röhms Putsch zuvor: Er hatte am 28. Juni seine SA mobilisiert. Hitler ließ ihn und seine Unterführer darauf erschießen. Als sich nämlich der Berliner SA-Gruppenführer Ernst, der 1933 die "wilden KZ-Lager" eingerichtet hatte, nach Teneriffa auf die Hochzeitsreise begeben wollte, war er in Bremen vom Schiff geholt worden. In seinem Reisegepäck fand man außer 40.000 Mark auch den schriftlichen Auftrag Röhms, nach seinen Flitterwochen dessen Regierung in Paris als Botschafter zu vertreten.


Die SA-Rivalen SS und Reichswehr waren mit von der Partie. Die SS half, verhaftete und erschoss, ihr SD-(Sicherheitsdienst, H.D.)Chef Heydrich plante die Bluttat, die Reichswehr lieferte Waffen und Fahrzeuge. Den Reichswehrminister Blomberg weihte Hitler ein: Er werde die SA-Führung nach Bad Wiessee bestellen, sie verhaften und mit ihr „abrechnen“, denn die SA habe ihn und die Reichsregierung stürzen wollen.

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