1933 - 1939 1936

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Am Samstag, dem 7. März 1936 hören es die, die schon einen Radioempfänger haben, von Hitlers rauher Stimme: „Mit dem heutigen Tage wird die volle uneingeschränkte Souveränität des Reiches in der entmilitarisierten Zone des Rheinlandes wiederhergestellt.“ In Düsseldorf verkündet dies eine berittene Blaskapelle, die man als erste ausgeladen hat. Die neue Luftwaffe landet mit zwei Jagdgeschwadern auf Militärflugplätzen bei Köln und Koblenz. Insgesamt bewegen sich 30.000 Soldaten. Noch gibt es kaum motorisierte Einheiten, nur wenig gepanzerte, aber viele Pferde. Das Ganze bleibt am Rhein stehen. Nur drei Bataillone fahren per Bahn nach Aachen, Trier und Saarbrücken. Ein französischer Korrespondent berichtet, wie ein Bataillon vom Saarbrücker Güterbahnhof in die Stadt einmarschiert: „Die Soldaten marschieren wie auf einem Blumenbeet durch die jubelnde Menge.“


In Paris verurteilt Ministerpräsident Sarraut das Heranrücken deutscher Soldaten über den Rhein schärfstens. Bald muss er bemerken, dass er in seinem eigenen Kabinett in der Minderheit ist. Generalstabschef Gamelin beginnt seinen Lagevortrag mit der Versicherung, die französische Armee könne die schwachen deutschen Einheiten natürlich aus der besetzten Zone vertreiben. Aber man müsse auch den Vertrag von Locarno bedenken, der eine Militäraktion nur gestatte, wenn eine flagrante Aggression vorliege. Sei dies eine, wo doch die Deutschen nur in das zu Deutschland gehörende Rheinland einmarschiert seien und dies auch noch unter dem Jubel der Bevölkerung? Die Briten hatten den Einmarsch erwartet. Der Außenpolitiker Lord Lothian stellte lapidar fest, die Deutschen seien „nur in ihren eigenen Vorgarten einmarschiert“. Der französische Ministerpräsident schluckte die bittere Pille, weil die französische Oberschicht nichts gegen Hitler unternehmen wollte. Sie „fürchteten den Sturz Hitlers mehr als seine Herrschaft, weil sie glaubten, nach Hitler käme die bolschewistische Flut, um Deutschland und Frankreich und Spanien zu verschlingen.“ Für die meisten Deutschen war der Einmarsch ins Rheinland eine nationale Tat.


Von der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurden die „Nürnberger Gesetze“ vom Herbst 1935. Sie waren gegen die 600.000 Juden und die 700.000 „Halb-" und „Vierteljuden“ gerichtet. Die Gesetze verboten den Juden Ehen und geschlechtliche Beziehungen mit "Ariern". Dies galt als „Rassenschande“. Sie wurden auch beruflich eingeengt. Diese Gesetze richteten sich nicht nur gegen Angehörige der mosaischen Religion, sondern auch gegen christlich getaufte Juden, mithin gegen die Juden als „Rasse“. Hatten die meisten Juden der Oberschicht Hitlers Hasstiraden gegen „die Juden“ und „das Weltjudentum“ als Äußerungen eines Verblendeten eingestuft, so wussten sie jetzt, dass sie, so lange Hitler am Ruder sein würde, in Deutschland nur Menschen zweiter Klasse sein würden. Diese Einsicht war für sie umso schmerzlicher, als sie sich als Deutsche fühlten. Die meisten erkannten die Gefahr, sie wanderten aus. Deutschland erlitt einen empfindlichen Verlust.


Mit seinem Judenhass stand Hitler nicht allein, der Judenhass war auch nicht neu. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte es Vereine und Studentenverbindungen mit „Arierparagraphen“ gegeben; Juden wurden von ihnen nicht aufgenommen. Und auch von Kaiser Wilhelm II. sind antijüdische Ausfälle überliefert.


Während sich das Paulskirchenparlament 1848 nicht einigen konnte, wer Deutscher sein sollte, um dadurch Bürger des projektierten Gesamtdeutschland zu werden, bestimmte jetzt das "Reichsbürgergesetz": "Reichsbürger ist nur der Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes, der durch sein Verhalten beweist, dass er gewillt und geeignet ist, in Treue dem Deutschen Volk und Reich zu dienen."


Spanien hatte seit Februar 1936 eine rote Volksfrontregierung. Mitte Juli putschten Offiziere dagegen. General Franco bat Hitler um Hilfe „gegen die zerstörerischen Kräfte des Kommunismus, die unter dem Befehl Russlands organisiert sind.“ Hitler schickte ihm 20 Ju-52-Transportflugzeuge. Ihn faszinierte der Gedanke, eine Armee in wenigen Stunden von Marokko nach Spanien einzufliegen. Außerdem ging es um das spanische Erz. Auch das Kriegsmaterial wollte man erproben. Noch wichtiger war für Hitler, eine rote Regierung, wie sie seit Juni 1936 in Frankreich herrschte, in Spanien zu verhindern. Nach Francos Sieg würde man einen Verbündeten haben, der Frankreich von Süden bedrohen würde. Gegen Sowjet-Russland würde man den Rücken frei haben. Am Ende kämpften rund 5.000 deutsche Freiwillige mit 100 Flugzeugen für Franco in der „Legion Condor“.gegen die 60.000 Mann der „Internationalen Brigaden“, die Stalin geschickt hatte.


In ihnen wimmelte es von landfremden Kommunisten: Beispielsweise Josip Broz, später Tito, Walter Ulbricht, der spätere DDR-Zwingherr, und sein Sicherheitsminister Zaisser, Klement Gottwald, späterer Staatspräsident der Tschechoslowakei, ebenso wie der spätere französische Kulturminister Malraux. Anders als Hemingway, der dort abenteuerte, kämpften sie nicht für Spanien, sondern für den Sieg des Kommunismus. Unser späterer Kanzler Willy Brandt berichtete von dort. Unter den Offizieren waren zahlreiche spätere Sowjet-Generäle und –Marschälle. Die Sowjets entschädigten sich für ihre Hilfe selbst, sie nahmen den spanischen Goldschatz mit – 600 Millionen Dollar, der viertgrößte der Welt. Für ihr System war er ein Lebenselexier.


Seinen großen Auftritt vor der Weltöffentlichkeit hatte Hitler während der Olympiade im August 1936 in Berlin. Die ausländischen Gäste „hatten erwartet, ein Land wirtschaftlichen Niedergangs und schrankenlosen Massenterrors zu betreten. Sie gerieten aus dem Gleichgewicht, als sie sich mit Verhältnissen konfrontiert sahen, die nicht ihren Klischees entsprachen.“ „Avery Brundage, Chef der US-Mannschaft, jauchzte: ‚Haben Sie jemals solch wundervolle Spiele, solch eine vollkommene Organisation und solch ein begeistertes, interessiertes Publikum erlebt?“* Es wurde ein Olympia mit mehr Zuschauern als je zuvor und mit Leistungssteigerungen ohnegleichen. Mit 3.000 Sendungen in 50 Sprachen gab es erstmals eine totale Rundfunkübertragung. Fernseh-Kameras nahmen in vier Stadien auf, 160.000 Berliner konnten in eigens eingerichteten Fernsehräumen die Wettkämpfe sehen. Der schwarze Sprinter Jesse Owens wurde zum populärsten Olympioniken. Der deutsche Sport triumphierte mit 33 Goldmedaillen. Die USA fuhr mit nur 24 mal Gold heim. Auch viele Ausländer werteten dies als Ergebnis der Ideale dieses Deutschland. Dem entsprach, dass die französische Olympia-Mannschaft mit zum „deutschen Gruß“ erhobenem Arm an Hitler vorbeimarschierte.


Deutschland hatte seine außenpolitische Isolation durchbrochen, und mit dem jährlichen Anstieg des realen Volkseinkommens um 8,2 Prozent übertraf es sogar das Wirtschaftswachstum im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik. „Im Januar 1933, als Hitler Reichskanzler wurde, gab es in Deutschland 6 Millionen Arbeitslose. Drei kurze Jahre später, 1936, herrschte Vollbeschäftigung. Aus schreiender Not und Massenelend war ein bescheiden-behaglicher Wohlstand geworden. Fast ebenso wichtig: An die Stelle von Ratlosigkeit und Hoffnungslosigkeit waren Zuversicht und Selbstvertrauen getreten. Und noch wunderbarer: Der Übergang von Depression zu Wirtschaftsblüte war ohne Inflation erreicht worden, bei völlig stabilen Löhnen und Preisen. Das ist nicht einmal Ludwig Erhard gelungen. Man kann sich die dankbare Verblüffung, mit der die Deutschen auf dieses Wunder reagierten und die insbesondere die Arbeiterschaft nach 1933 in hellen Haufen von der SPD und KPD zu Hitler umschwenken ließ, gar nicht groß genug vorstellen. Sie beherrschte 1936-1938 die deutsche Massenstimmung absolut und verwies jeden, der Hitler immer noch ablehnte, in die Rolle eines querulantischen Nörglers. ‚Der Mann mag seine Fehler haben, aber er hat uns wieder Arbeit und Brot gegeben‘ - das war in diesen Jahren die millionenfache Stimme der ehemaligen SPD- und KPD-Wähler, die noch 1933 die große Masse der Hitler-Gegner gebildet hatten", schrieb Hitler-Gegner Haffner. Ihnen hatte Goebbels einmal feierlich bekannt: "Die NSDAP ist d i e deutsche Linke."


In allen Wirtschaftszweigen setzte sich der Aufschwung fort, obwohl die Aufrüstung in noch normalem Umfang verlief. Ende 1937 wird Hitler die völlige Beseitigung der Arbeitslosigkeit verkünden. Sonst ist überall, selbst in den USA, tiefe Wirtschaftsdepression. Das erforderte „die Abschottung der deutschen Wirtschaft gegen die Außenwelt, und  Zwangslöhne und –preise. Hitler brauchte weder auf Unternehmerverbände noch auf Gewerkschaften Rücksicht nehmen, er  konnte jeden Unternehmer, der ungenehmigte Auslandsgeschäfte machte oder die Preise seiner Ware erhöhte, ebenso ins KZ sperren wie jeden Arbeiter, der  zu streiken drohte.“ Beide Seiten waren mit festen Preisen und Löhnen einverstanden, denn beide hatten noch nie so gut verdient. Der Wohlstand der Arbeiter war zwar noch bescheiden, aber verglichen mit vorher war es einer.


Außerdem fühlten sich die Arbeiter respektiert und belohnt durch „Kraft durch Freude“ (KdF). Dies war eine „NS-Gemeinschaft“ zur Freizeit-Betreuung, einschließlich Reisen und Urlauben zu subventionierten Preisen. Reisen mit KdF-Schiffen verhalfen bis 1939 10 Millionen dazu, norwegische Fjorde und das Land, wo die Zitronen blühen, zu sehen. Mit KdF reisten und urlaubten nicht nur die „Arbeiter der Faust“, sondern auch „Arbeiter der Stirn“, also Angestellte und Beamte. Das bedeutete einen sozialen Wandel. Es „brachte unterprivilegierten Bevölkerungsschichten, auch den Frauen, ein Mehr an Chancengleichheit und Emanzipation.“


Bis dahin hatte sich das Leben hauptsächlich in der Familie abgespielt, mit Hitler verlagerte sich der Schwerpunkt in außerfamiliäre Gemeinschaften. Neben den „Jungvolk“-„Pimpfen“ gab es die „Jungmädchen“ gleichen Alters, danach die „Hitler-Jugend“ (HJ) und den „Bund deutscher Mädchen“ (BdM). Bei der SA gab es jetzt auch feinere Sparten; die Marine- und die Reiter-SA, es gab die „Volkswohlfahrt“, in ihr „Mutter und Kind“, es gab das „Nationalsozialistische Kraftfahrerkorps“ (NSKK) und das ebensolche Fliegerkorps (NSFK). Fast jeder war in irgendeiner NS-Organisation. Ein Kabarettist ulkte:


Ein Tännlein steht im Wiesengrund, es ist organisiert.
Es ist im NS-Tannenbund, damit ihm nichts passiert.


Alle machten irgendeine Art von „Dienst“, sie turnten und schossen, trieben Leichtathletik, marschierten und sangen. In „Heimabenden“ wurde aus „Mein Kampf“ vorgelesen, oder man hörte von Horst Wessel und Schlageter. Bei „Geländespielen“ fanden dann die Raufereien statt, die sich die Garragarra zweier Dörfer oder Stadtviertel schon seit eh und je geliefert hatte, nur jetzt in HJ-Uniform. Obwohl das NS-Regime totalitär sein wollte, schaffte es dies nicht wegen der Rivalitäten seiner vielen Institutionen. Das ließ Andersdenkenden gewisse Freiräume.


Mitte Oktober 1936 verkündete Hitler einen Vierjahresplan für die Wirtschaft. Göring, der damit Beauftragte, gab die Parole aus: „Kanonen statt Butter!“ Ende Oktober schloss Deutschland einen Pakt mit Italien. Es war die durch die Goebbels-Propaganda verstärkte „Achse“, um die sich künftig alle Politik drehen sollte. Ein Bündnis mit Japan kam hinzu. Der „Anti-Komintern-Pakt“ war verbal gegen die kommunistische Internationale gerichtet.


Die Öffentlichkeit wurde bald durch zwei so genannte Skandale gefesselt. Der Reichswehrminister von Blomberg hatte unwissentlich eine Nobelprostituierte geheiratet. Das war auch „gesellschaftlich“ – und „Gesellschaft“ war noch immer mit Oberklasse begriffsgleich – undenkbar. Er musste seine Entlassung beantragen. Der zweite „Fall“ war der des Oberbefehlshabers des Heeres, von Fritsch. Er wurde ein Rufmordopfer. Der SS-Sicherheitsdienst-Chef Heydrich  konstruierte eine Schwulen-Affäre. Auch Homosexualität war damals „entehrend für die ganze Armee“. Auch Fritsch musste gehen. Hitler löste das Reichswehr-Ministerium auf und bildete statt dessen das „Oberkommando der Wehrmacht“, das OKW. Zu dessen Chef machte er den General Keitel, der wegen seiner Ergebenheit für viele „Lakaitel“ war. Weitere Ministerwechsel folgten: Nach Schacht wurde Funk Reichswirtschaftsminister, im Außenministerium wurde Neurath durch den Sektvertreter v. Ribbentrop ersetzt.

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