1933 - 1939 1938

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Um diesen Stand der Dinge zu stabilisieren, vermittelt Papen dem Österreich-Kanzler ein Gespräch mit Hitler. Schuschnigg kommt am 12. Februar 1938. Er muss durch ein Spalier der „Österreichischen Legion“ hindurch. Das anschließende Gespräch ist lediglich ein Monolog Hitlers, der nur Vorwürfe, Drohungen und Erpressungen enthält. Er hat drei Generäle hinzugezogen, um Schuschnigg einzuschüchtern. Der hat eigentlich nur ein Ultimatum entgegenzunehmen: Aufnahme des NS-Sympathisanten Seyß-Inquart als Innenminister in die Regierung, Freilassung aller inhaftierten Nationalsozialisten und Austausch von je 100 Offizieren.


Schuschnigg kündigte eine Volksabstimmung an, die Hitler ihm angedroht hatte. Das Ausland half Schuschnigg nicht. Am 11. März gab er auf. Mit „Gott schütze Österreich!“ verabschiedete er sich im Rundfunk. Seyß-Inquart übernahm die Kanzlerschaft. Berlin verlautbarte jetzt, der neue Kanzler habe um den Einmarsch deutscher Truppen gebeten, um „Ruhe und Ordnung“ aufrechtzuerhalten. Mit Widerstand rechnete sowieso niemand. Denn Österreich war „reif“ für den Anschluss an das Deutsche Reich, den ihm die Sieger im Vertrag von Saint-Germain 1919 verboten hatten. Schon vor Schuschniggs Abdankung wehten im ganzen Land die Hakenkreuzfahnen. Auf der Straße grüßte man einander mit dem noch verbotenen „Heil Hitler!“ Als die deutsche Wehrmacht dann am Morgen des 12. März einmarschiert, werden die Soldaten mit Jubel empfangen, stellenweise streut die Bevölkerung Blumen. Der Wiener Kardinal Innitzer lässt zu Hitlers Begrüßung alle Kirchenglocken läuten.


Am 13. März 1938 wird das „Reichsgesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“ verkündet. Am 15. März „meldet“ Hitler vom Balkon der neuen Hofburg „vor der Geschichte“ die „Heimkehr“ seiner Heimat ins „Großdeutsche Reich“. Seine Rede wird immer wieder zerfetzt von frenetischen Sprechchören der Wiener, die Hitler in einer heute nicht mehr vorstellbaren Massenpsychose zujubeln – nein, zuschreien: „Sieg-Heil, Sieg-Heil!“ – „Ein Volk – ein Reich – ein Führer!“ Fast eine Million sollen es gewesen sein, damals auf dem Heldenplatz. Inzwischen haben sich die Zahlen verkleinert; höchstens 300 000, wohl nur 250 000. Doch die Tonaufnahme der Kundgebung beweist die elementaren Ausbrüche des Jubels, die die damals 14-jährige Jungmädelführerin Lessing noch fünfzig Jahre später als amerikanische Journalistin bestätigte; es sei für sie noch immer „unbeschreiblich“. Es waren „vier Tage, die Österreich berauschten.“


„Die begeisterten Massen, die im März 1938 Hitler begrüßten, jubelten nicht in erster Linie dem nationalsozialistischen Programm zu, sondern dem endlich verwirklichten Anschluss, der langersehnten Vereinigung mit den ‚getrennten Brüdern‘. Dass es ein verbrecherisches Regime war, das diese Vereinigung herbeigeführt hatte, erschien zweitrangig. Es war nicht Opportunismus allein und auch kein plötzliches ‚Umfallen‘, das den Sozialdemokraten Karl Renner, Mitbegründer der Ersten wie der Zweiten Österreichischen Republik, sein Ja zum Anschluss sagen ließ und das den Wiener Kardinal Innitzer zu seinem ‚Heil Hitler‘ bewog. Jüdische Liberale  wollten den Anschluss genauso wie katholische Schwärmer, die den Traum vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation träumten.“*


Einen knappen Monat später veranstaltete Hitler die Volksabstimmung, die er Schuschnigg angedroht hatte. 99,73 Prozent der Österreicher stimmten für die Eingliederung ins Deutsche Reich – „ein Ergebnis, das im wesentlichen durchaus nicht gefälscht war“, so ein Salzburger Historiker. Es waren die gleichen Wahlergebnisse wie 1920/21. Damals hatten die Tiroler und Salzburger mit fast 100 % für den Anschluss an Deutschland gestimmt. Die Sieger von einst nahmen es eher zustimmend zur Kenntnis; Hitler hatte sie der Peinlichkeit enthoben, ihr Verdikt selbst revidieren zu müssen.


Die Österreicher, die geglaubt hatten, Österreich würde nun im Deutschen Reich eine geachtete Position einnehmen, wurden enttäuscht. Die Bezeichnung Österreich wurde sogar parteiamtlich gemieden; Ober- und Niederösterreich wurden zu den Gauen Ober- und Nieder-Donau gemacht. Braune Bonzen aus dem „Altreich“ wurden den Österreichern vor die Nase gesetzt. In Wien residierte bald Baldur von Schirach. Die Schnoddrigkeit, Überheblichkeit, Taktlosigkeit und in vielen Fällen auch die Brutalität, mit der sie sich behandelt sahen, verstörte und verbitterte die Österreicher. Die „Piefkes“ waren für sie nicht die „Volksgenossen“, die sie sich vorgestellt hatten.


Aus diesen und schwereren Enttäuschungen wuchs die Lebenslüge Österreichs, es sei das Opfer Hitlers gewesen. Die Alliierten, die die Wahrheit kraft ihrer Siegermacht verbiegen konnten, kamen den Österreichern nach 1945 entgegen. Nun hatte keiner mehr auf dem Heldenplatz „Ein Volk – Ein Reich – ein Führer!“ geschrien. Denn wer will schon auf der Verliererseite stehen, wenn ihm ein Alibi geboten wird. Hitlers Anschluss war jedenfalls der Anfang vom Ende des gemeinsamen tausendjährigen  Weges von Deutschen und Österreichern.


Dem prominenten französischen Historiker Bainville war Versailles zu mild gewesen. Statt es in seine ehemaligen Königreiche und Fürstentümer zu zerstückeln, habe man Deutschland seine Einheit belassen. Damit sei es stark genug geblieben, um sich das wieder zu holen, was man ihm genommen und verboten habe. In seinem Bestseller „Les Conséquences Politiques de la Paix“ hatte er schon 1920 prophezeit: Das wiedererstarkte Deutschland werde erst Österreich, dann die Tschechoslowakei annektieren und sich dann Polen mit den Russen teilen. Nur wenige konnten annehmen, dass sich schon bald auch die zweite Vorhersage realisieren würde.


Die Tschechoslowakei war einer der Staaten, die aus Österreich-Ungarn herausgeschnitten worden waren. Er umgrenzte 6,5 Millionen Tschechen, 3,5 Millionen Deutsche, 2,5 Millionen Slowaken, 0,8 Millionen Ungarn, 0,4 Millionen Ukrainer und 0,1 Millionen Polen, aber er vereinte sie nicht. Amerikas Vertreter in Versailles, der spätere US-Präsident Hoover, berichtete, „die Franzosen" ... "machten aus diesem Staat einen Dolch, der auf die deutsche Flanke gerichtet war.“


"Selbst der Name des Staates bedeutete eine Diskriminierung: Nach der zahlenmäßigen Verteilung hätte das Land eher Tschechogermania heißen müssen", schrieb ein amerikanischer Völkerrechtler. Er schrieb auch: "Die Sache der Sudetendeutschen wird umso überzeugender, wenn man bedenkt, dass ihre nationale Gruppe zur Zeit des Pariser Friedens (1871) größer war als die Einwohnerzahl von Norwegen (kaum 3 Millionen) und fast so zahlreich wie die der Dänen oder der Finnen (4 Millionen)."


Die Tschechen, mit 43 Prozent gegenüber den anderen Nationalitäten in der Minderheit, dachten nicht daran, mit ihnen die Macht zu teilen. Zwar hatte Masaryk 1914 im Exil den Slowaken Selbstregierung zugesprochen. Seiner Staatsgründung war es förderlich, dass er den US-Präsidenten Wilson kennenlernte. Der wurde von ihm für das Selbstbestimmungsrecht der Tschechen begeistert, wobei Masaryk, der nach dem Urteil eines Amerikaners "einer der gewiegtesten internationalen Drahtzieher des Jahrhunderts war", die Slowaken als Beinahe-Tschechen ausgab. Die stärkste Minderheit aber, die Deutschen, verschwieg Masaryk. Wilson glaubte Masaryk. Dessen Vertrauter Beneš  gewann vor allem bei den Franzosen Einfluss. Das alles führte dazu, dass die Alliierten 1918 die Tschechoslowakische Republik anerkannten.


Als der Krieg zu Ende war, vertrauten die Österreicher und die Deutschen Wilson, dass die Grundlage der neuen Staatsbildung das Selbstbestimmungsrecht der Völker sein würde. Die dort beheimateten Sudetendeutschen, die sich mit den Österreichern an das Deutsche Reich anschließen wollten, wurden aus ihrem Vertrauen gerissen, als am 4. März 1919 tschechisches Militär die Demonstrationen zusammenschoss. Es gab 54 Tote.


Masaryk und Beneš hatten die Alliierten damit geködert, sie würden die Tschechoslowakei zur Schweiz Mitteleuropas machen. Auf dem Weg dorthin verbot man 2.300 Bücher und 170 Lieder, darunter auch "Freiheit, die ich meine". Vor allem die Deutschen wollte man möglichst früh mit dem Sprachengesetz vom 29. 2. 1920 knebeln. Im Parlament hatte Ministerpräsident Kramarsch erklärt: „Wir müssen den Deutschen zeigen, dass wir die Herren im Lande sind“.


Die deutschen Städte erhielten tschechische Namen, deutsche Kinder waren gezwungen, die tschechische Sprache zu erlernen. Deutsche Eltern sollten ihre Kinder in tschechische Schulen schicken, sonst entzog ihnen der Staat die Arbeitserlaubnis oder die Kinderbeihilfe. Das Schulbauprogramm benachteiligte die Deutschen. Ein Verbot des Geldverkehrs mit dem Ausland traf vor allem die Deutschen, die oft Guthaben in Österreich hatten. Vom Ausland abgeschnitten, mussten deutsche Banken tschechische um Kredite bitten. Dafür verlangten die Geldgeber die Umwandlung der Kredite in Beteiligungen. Der Anteil der deutschen Beamten wurde allein von 1925 bis 1930 auf 50 Prozent heruntergedrückt. Alles Land, das seit 1620 von Deutschen erworben worden war, wurde enteignet und Tschechen übertragen. Der Staat vergab Aufträge nur an Firmen, die einen vorgeschriebenen Prozentsatz tschechischer Arbeiter beschäftigten. Arbeiteten in einem Betrieb Mitglieder einer nicht-tschechischen Oppositionspartei, wurden die Aufträge gestrichen.*


Die Sudetendeutschen wollten Autonomie. Mit diesem Ziel fasste 1933 der Turnlehrer Konrad Henlein fünf deutsche Parteien zur „Sudetendeutschen Partei“ (SdP) zusammen. „Konrad Henlein war romantischer Nationalist. Er war kein Nazi.  Für ihn kam das Heil aus Österreich: In den Wiener Kanzlern Dollfuß und Schuschnigg sah er seine Mentoren.“* Das SS-Sicherheitshauptamt stufte ihn als „romhörig“ ab.


Die Briten anerkannten inzwischen die Berechtigung der sudetendeutschen Klagen. Doch Präsident Beneš verbot seinem Ministerpräsidenten jedes Zugeständnis. Seine Bündnispartner Frankreich, Russland und England sollten die Tschechoslowakei gegen Deutschland verteidigen. Der Sekretär des Außenministers Eden, Lord Harvey, schrieb jedoch in sein Tagebuch: „Man kann kaum von uns erwarten, dass wir dafür in den Krieg ziehen, Deutsche von Deutschland auszuschließen.“


Spätestens seit der „Heimkehr“ Österreichs ins Reich, das bis dahin das kleindeutsche Bismarck-Reich gewesen war, hatten die Sudetendeutschen Hoffnung, ihr schon 1848 erträumtes Ziel zu erreichen. Auch sie wollten „heim ins Reich“. Henlein ruft die Deutschen der Tschechosliwakei auf, „sich in die große politische Front der Volksgruppe einzureihen.“ Damit war eingeleitet, was der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, von Weizsäcker, als „chemisches Verfahren“ bezeichnete; die innere Zersetzung des Vielvölkerstaates. Deutsche Geheimdienste schmuggeln Waffen und Flugblätter über die Grenze, der tschechische Spion Paul Thümmel, Duzfreund Himmlers , meldet Prag, deutsche Freischärler würden am 21. und 22. Mai in tschechoslowakisches Gebiet eindringen. Beneš mobilisiert daraufhin Teile seiner Armee. Hitler erlässt am 30. Mai die Weisung zum „Fall Grün“: „Es ist mein unabänderlicher Entschluss, die Tschechoslowakei in absehbarer Zeit durch eine militärische Aktion zu zerschlagen.“ Tag X: 1. Oktober. In den Sudetengebieten rumort es weiter. Wenn auch die Goebbels-Propaganda daran nicht unschuldig ist, so wehren sich die Bedrückten mit dem Stimmzettel selbst: Bei den Gemeindewahlen im Juni 1938 gewinnt die Sudetendeutsche Partei 91,4 Prozent der deutschen Stimmen.


Die Briten schickten nun einen Spitzenpolitiker mit einer Kommission in die Tschechoslowakei, Viscount Runciman, Lordpräsident des Geheimen Königlichen Rates. Er empfahl nach eingehender Prüfung die möglichst rasche Abtretung der vorwiegend deutschen Gebiete an Deutschland, denn: „Der überwiegende Teil der Bevölkerung wünscht eine Verschmelzung mit Deutschland.“ Am 11. September gab es wieder Zusammenstöße mit der Polizei, zwei Tage später verhängte die Regierung das Standrecht: 23 Tote und Hunderte von Verletzten. Nun drängten London und Paris die Tschechen, die deutschen Gebiete abzutreten. Beneš weigerte sich. Er fühlte sich sicher durch den Beistandspakt mit der UdSSR. Es sei nicht so, dass die Tschechoslowakei von drei Seiten durch Deutschland bedroht sei. Sie schiebe sich vielmehr wie eine Faust weit nach Deutschland hinein, und die sowjetische Luftwaffe sei schließlich die stärkste der Welt. Sein Vorgänger Masaryk war ein Fuchs, aber Beneš war ein Hase, der sich, sagte man, für einen Tiger hielt.


Am 22. September kommt Chamberlain wieder nach Deutschland. Der Brite meldet Einverständnis, doch Hitler fordert die sofortige Abtretung. "Der alte Mann", wie Hitler ihn nennt, bittet den italienischen Staatschef Mussolini um Vermittlung. Man trifft sich zu Viert am 29. September 1938 in München. Das Ergebnis ist das „Münchener Abkommen", in dem sich die damaligen vier europäischen Großmächte Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland auf die Modalitäten der Abtretung der deutschen Gebiete einigten. Das Abkommen enthält auch die Einverständniserklärung Prags vom 30. 9.: „Die tschechoslowakische Regierung“ hat „beschlossen, das Münchener Vier-Mächte-Übereinkommen auch ihrerseits anzunehmen.“


Das Sudetengebiet wurde vom 1. bis 10. Oktober 1938 von der deutschen Wehrmacht besetzt. Die Polen benutzten die Gelegenheit, sich das Teschener Industriegebiet anzueignen, die Ungarn annektierten den Süden der Slowakei. Wie in Österreich, war auch hier der Jubel der Bevölkerung unbeschreiblich. Und wie dort, brachte auch hier die folgende Abstimmung eine fast hundertprozentige Zustimmung. Fünfzig Jahre später schrieb ein Zeitzeuge: „Wir Sudetendeutsche sahen im Anschluss nur die Wiedergutmachung eines uns zwanzig Jahre vorher angetanen Unrechts. Dass dieser auf Unwahrheiten und Gewalttaten gegründete Staat (die Tschechoslowakei, H.D.) sich die Parole „Die Wahrheit siegt“ (nach Hus, H.D.) erwählt hatte, haben wir nur als bloßen Zynismus empfunden.“


Sir Henderson, 1938 britischer Botschafter in Berlin, hat 1945 das Münchener Abkommen verteidigt: „Ich möchte den sehen, der an Chamberlains Stelle der Verantwortlichkeit und in völliger Kenntnis der Gegebenheiten eine andere Entscheidung getroffen hätte oder sogar hätte treffen können als er. Ich gebe auch nicht zu, dass das Abkommen ungerechtfertigt war.“ Nach 1945 bestanden die Tschechen darauf, das Abkommen sei „ungültig von Anfang an“ gewesen. Ein von Bundeskanzler Brandt und seinem Außenminister Scheel 1973 unterzeichnetes Abkommen erklärte, dass die Vertragspartner „das Münchener Abkommen in Hinblick auf ihre gegenseitigen Beziehungen nach Maßgabe dieses Vertrages als nichtig betrachten.“


Die Sudetendeutschen jubelten ebensowenig wie die Österreicher der Person Hitlers zu. Sie hätten jedem zugejubelt, der sie „heim ins Reich“ gelassen hätte. Danach waren sie gleich zweifach befreit: Von ihren bisherigen Bedrückern und von ihren Wunschträumen. Die besten Posten erhielten braune Bonzen. Fremde Emporkömmlinge bereicherten sich. Sie waren plötzlich Eigentümer jüdischer Firmen und Geschäfte, die „arisiert“ worden waren. Auch der deutsche Fiskus bereicherte sich, indem er die Währung zu einem schlechten Kurs umtauschte.


Das „Großdeutschland“, über das man schon 1848 so leidenschaftlich debattiert hatte, schien erreicht. Der Traum des Frankfurter Paulskirchen-Parlaments, in dem auch die Österreicher und die Sudetendeutschen gesessen hatten, schien endlich wahr geworden. Erst der Rückblick macht auch die Konsequenzen deutlich: "Kein Respekt ... darf den Historiker abhalten, festzustellen, dass der Nationalsozialismus wahrscheinlich niemals zur Herrschaft gekommen wäre, wenn der Westen 1919 freiwillig so entschieden hätte, wie er es 1938 gezwungen tat."


„Wenn Hitler Ende 1938 einem Attentat zum Opfer gefallen wäre“, schreibt  Fest in seiner Hitler-Biographie, „würden nur wenige zögern, ihn einen der größten Staatsmänner der Deutschen, vielleicht den Vollender ihrer Geschichte zu nennen. Die aggressiven Reden und Mein Kampf, der Antisemitismus und das Weltherrschaftskonzept wären vermutlich als Phantasiewerk früher Jahre in Vergessenheit geraten. Sechseinhalb Jahre trennten Hitler von diesem Ruhm.“ Englands profiliertester Journalist, Garwin, schrieb, seit Napoleon, ja seit Karl dem Großen, sei in Europa kein Mann so mächtig gewesen wie Hitler seit „München“. Doch dem war das noch nicht genug. Er fühlte sich als der größte Deutsche, weil ihm alles gelang. Und weil ihm alles gelang, war er überzeugt, dass die Briten und Franzosen jetzt noch mehr kuschen würden.


Ende 1938 war im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin eine naturwissenschaftliche Großtat vollendet worden, deren Beschreibung nur kurz, deren Bedeutung für die Zukunft aber riesengroß war, sogar in zweifacher Hinsicht: Die Entdeckung verhieß eine beliebig große Energieerzeugung und damit Unabhängigkeit von Kohle und Öl. Sie drohte jedoch ebenso die Welt in die Luft zu sprengen – mit der auf dem gleichen Prinzip beruhenden Atombombe. Fritz Straßmann hatte Uran mit langsamen Neutronen beschossen. Da bei der Uranspaltung Neutronen frei werden, wird damit eine Kettenreaktion gestartet. Der Institutsleiter Otto Hahn erhielt dafür den Nobelpreis, der in die USA emigrierte ehemalige Direktor des Kaiser-Wilhelm-Institutes für Physik, Albert Einstein, empfahl dem US-Präsidenten den Einsatz der Atombombe gegen die Deutschen.


Am 1. Juli 1938 war aus den Lüneburger Landgemeinden Rothehof und Heßlingen mit dem Ortsteil Wolfsburg von Hitler die Stadt des „Volkswagens“ gemacht worden. Im dortigen Volkswagenwerk wurde der VW gebaut. Jeder Arbeiter sollte ihn für drei Monatslöhne, für höchstens 1.000 Mark, kaufen können. Das war phantastisch, denn noch immer war ein Auto für den Normal-Menschen nur ein Traum. Der „Käfer“ wurde zur Legende, er war nach dem Krieg so gefragt, dass man in den Wirtschaftswunderzeiten, als es schon wieder alles gab, noch monatelang auf ihn warten musste. Auch eine andere Erfindung von damals revolutionierte unser Leben. 1938 hat der 28-jährige Bau-Ingenieur Zuse den ersten Computer fertig. Die „Zuse 1“ war noch mannshoch und tonnenschwer.

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