1933 - 1939 1939

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Vor dem Abschluss des Münchener Abkommens hatte Hitler in einer großen Rede erklärt, das Sudetenland sei seine letzte territoriale Forderung. Bald aber grollte er: „Chamberlain hat mir den Einzug in Prag verdorben.“ Er war entschlossen, ihn nachzuholen. Er nutzte dazu einen Streit der Tschechen mit den Slowaken. Der tschechische Präsident wurde vor die Wahl gestellt, die „goldene Stadt“ Prag zum Ziel deutscher Bomber werden zu lassen oder sein Land deutschem Schutz anzuvertrauen. Hitler konnte vor seinen Sekretärinnen in die Hände klatschen: „Dies ist der schönste Tag meines Lebens. Hacha  hat das Abkommen unterschrieben. Ich werde als der größte Deutsche in die Geschichte eingehen.“ Am 15. März 1939 marschierte die Wehrmacht bei heftigem Schneetreiben in das „Protektorat Böhmen und Mähren“ ein. Niemand hinderte sie daran. Die Tschechen werden nach den folgenden sechs Kriegsjahren wieder auf der Siegerseite stehen wie schon 1918.- Mit der Besetzung der Rest-Tschechoslowakei hatte Hitler die Vorraussetzungen für seine weiteren Pläne geschaffen. Das „französisch-sowjetische Flugzeugmutterschiff“ gab es nicht mehr. Jetzt hatte er Flugplätze gegen Polen und Russland, dazu die Flugzeuge, Panzer und Kanonen der bestgerüsteten Armee in Europa. Außerdem hatte er mit den Skoda-Werken eine gewaltige Waffenschmiede dazugewonnen. Nicht zu verachten waren auch die Goldreserven. Zudem konnte sich Deutschland beim Währungsumtausch bereichern.


Der Anschluss Österreichs war für England eine innerdeutsche Angelegenheit gewesen, der des Sudetenlandes eine von den europäischen Großmächten mitgetragene Revision von Versailles. Während Hitler in München nicht mehr zugestanden bekommen hatte, als der Abtretung der deutsch besiedelten Gebiete, die schon 19 Jahre zuvor der Harvard-Professor Coolidge der US-Delegation in Paris empfohlen hatte, beging Hitler jetzt ein Unrecht, weil er nicht-deutsches Gebiet nahm. Chamberlain und die „Appeaser“ um ihn fühlten sich getäuscht. Großbritannien beschleunigte seine Aufrüstung.


In der Nacht des 9. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen, jüdischen Geschäften wurden die Scheiben eingeworfen, Juden angepöbelt und malträtiert. Zwei Tage zuvor hatte der 17-jährige Herschel Grynszpan den Legationssekretär der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath, erschossen. 1935 hatte man den Juden das Bürgerrecht genommen, jetzt verlangte man eine Kollektivstrafe von einer Milliarde Mark. Alle Juden, die es konnten, emigrierten. Sie konnten ihr Geld nicht mehr mitnehmen, auch ihren Besitz mussten sie zurücklassen, einige Deutsche bereicherten sich damit. Zuerst wollte Hitler die Juden in „Juden-Reservaten“ unterbringen, wie die Amerikaner es mit den restlichen Indianern gemacht hatten. Man dachte an Madagaskar, das Herzl neben Uganda, Cypern und Argentinien einst selbst vorgeschlagen hatte. 1938 wanderten 40.000 deutsche und österreichische Juden aus, 1939 sind es 78.000. Bis Oktober 1940 werden etwa zwei Drittel weggegangen sein; 300.000 aus Deutschland, 130.000  aus Österreich, 30.000 aus Böhmen und Mähren. Davon gingen 70.000 nach Israel. Kein Land hatte sie aufnehmen wollen. Im Juli 1938 hatten ihretwegen 32 Länder und Dutzende jüdischer Hilfsorganisationen im noblen französischen Evian-les Bains getagt. Das Ergebnis war "eine historische Schande für die zivilisierte Welt", über das der VÖLKISCHE BEOBACHTER triumphieren konnte: "Niemand will sie!" Tatsächlich war diese internationale Konferenz eine Einverständniserklärung mit der Judenpolitik Hitlers. Dabei spielten auch "bürokratische Hindernisse, ... Rassismus und Antisemitismus von amerikanischer Seite ... die entscheidende Rolle." Beispielhaft ist der Versuch von mehr als 900 Juden, im Mai 1939 mit der MS St. Louis über Kuba in die USA zu kommen. Man schickte das Schiff nach Europa zurück. Viele der Passagiere starben später in KZs.


Die Reichswehr wollte Hitler nach dem Ausbruch eines Krieges stürzen. Generalstabschef Beck sollte Staatsoberhaupt werden. Er wollte, dass alle Generäle zurücktreten sollten. Aber außer ihm trat kein einziger zurück. Sein Nachfolger Halder, der Hitler noch bis in den Russlandfeldzug diente, hatte ihn 1938 nach einem gelungenen Putsch vor Gericht bringen wollen. Einige junge Offiziere wollten ihn dann erschießen oder in ein Irrenhaus sperren. Die Generäle hatten auf Chamberlain gehofft und ihn animiert, es zum Krieg kommen zu lassen. Man müsse, meinte dieser, „mit äußerster Kälte“ „mit der deutschen Regierung arbeiten, nicht mit privaten Hassern und Phantasten, hinter denen nichts stünde.“ Möglicherweise verwarf Whitehall aus ähnlichen Gründen den vom britischen Militärattaché geplanten „Geburtstagsschuss“ bei der Parade an Hitlers 50. Geburtstag als „unsportsmanlike“. Ein wirklicher Widerständler war der Schreiner Johann Georg Elser. Um die Hitlerei zu beenden baute er in den Nächten dreier Monate eine Höllenmaschine in einen Pfeiler des Münchener Bürgerbräukellers ein, in dem Hitler alljährlich am 8. November seine „alten Kämpfer“ zur Erinnerung an seinen Putsch von 1923 versammelte, der von dort ausgegangen war. Seine Bombe explodierte programmgemäß. Hitler rettete jedoch der Nebel: Weil er nicht nach Berlin zurückfliegen konnte, verließ er wegen der längeren Bahnfahrt die Versammlung 13 Minuten früher als geplant. Damals aber war der Krieg, den Elser verhindern wollte, bereits über zwei Monate alt.


Hitler war klar, dass er nicht allein gegen alle Welt kämpfen könne. So verbündete er Deutschland 1936/37 mit Italien und Japan. Besonders von Italien versprach er sich viel. Die Betrogenen waren die Südtiroler. Wer sich für Deutschland entschied, sollte auswandern. 86 Prozent der Südtiroler stimmten für die Auswanderung. Zu Hause hatten sie auf der Straße nicht mehr deutsch sprechen können und in der Schule schon gar nicht. Wohin sie sollten, wusste niemand. Die, die schon gegangen waren, waren die ersten von sehr vielen Aussiedlern und Vertriebenen dieser Jahre. Nach dem deutsch-sowjetischen Pakt werden 134.000 „Volksdeutsche“  aus dem sowjetisch gewordenen Ostpolen, aus Bessarabien und der Bukowina  138.000, aus der rumänischen Südbukowina und der Dobrudscha  77.000 ausgesiedelt werden. Es kommen auch 16.000 aus Krain  und 20.000 aus Bosnien, weitere aus den baltischen Ländern. Bis 1944 wurden insgesamt über eine Million Deutsche  aus Osteuropa  rückgesiedelt.


Anfang 1939 fühlte sich Hitler in seiner neu erbauten Reichskanzlei als Herr der Welt: „Wenn man die Reichskanzlei betritt, soll man das Gefühl haben, vor den Herrn der Welt zu treten. ... Berlin wird einmal die Hauptstadt der Welt sein.“ Er plante ein Stadion in Nürnberg für 350.000 Zuschauer: „In der Zukunft werden sämtliche Olympischen Spiele dort abgehalten werden.“


In diesen Tagen sprach er zu 3.500 jungen Leutnants: „Ich sehe vor mir nur das harte Entweder-Oder, das heißt, entweder zugrundegehen oder es zu wagen.“ Er erwarte „bedingungslosen Glauben“, dass Deutschland „einmal die dominierende Macht Europas sein wird.“ Am 10. Februar nahm er sich die Oberste vor. Der nächste Krieg werde ein „Volks- und Rassenkrieg“ sein, in dem er vom Volke „ungeheuerste Opfer“ fordern werde. Sein Ziel sei die deutsche Weltmacht. Zu solchen Reden klatschten nicht nur junge Leutnants oder namenlose Massen. „Hitler vermochte seine Umgebung gleichsam zu hypnotisieren. Er zog die Massen in seinen Bann, er rief hysterische Begeisterung hervor“.


Hitler tat so, als habe Deutschland keine andere Wahl, als sich neuen „Lebensraum“ zu erkämpfen, weil es sonst vom Ausland abhängig bliebe, aushungerbar und erpressbar.

Diese Lebensraumideologie war schon zu Kaisers Zeiten nicht selten. Hitler wollte neuen Lebensraum direkt vor der Haustür haben, im Osten. Wie sich das Zarenreich das riesige Sibirien unterworfen hatte, so wollte er sich Polen und Südrussland unterwerfen, um diesen Lebensraum zu gewinnen. Deutschland müsse autark werden, alle Rohstoffe müssten ausgenutzt werden. Deutschland sollte nicht mehr wie 1914/18 unvorbereitet in den Krieg gehen und dann hungern müssen. Den Bauern wurde eine „Erzeugungsschlacht“ befohlen.


Die Gold- und Devisenreserven waren fast aufgebraucht. Es fehlten eine Million Arbeitskräfte, der Kohlebergbau hatte keine Produktionsreserven mehr. Brotgetreide war vorhanden, Fleisch und Fette nicht. Die Erfindung von Ersatzstoffen blühte: Synthetische Treibstoffe, synthetischer Gummi, Zellwolle, Kunstseide, Kunsthonig. Die Rohstoffvorräte reichten nur für neun bis zwölf Monate. Erstaunlich, dass Hitler nicht nur die Militärs und Diplomaten, sondern auch die leitenden Wirtschaftskreise und „auch das gesamte Volk zwar nicht in Hurra-Stimmung wie 1914, aber doch in fatalistischer Entschlossenheit hinter sich“ bringen konnte.


Gegen wen er den ersten Schlag führen sollte, wusste Hitler anscheinend gar nicht genau. Er bot nämlich den Polen an, den Pakt von 1934 um 25 Jahre zu verlängern. Polen sollte Ost-Oberschlesien mit seiner wertvollen Schwerindustrie und die Provinzen Posen und Westpreußen behalten dürfen. Auch der Beitritt zum deutsch-italienisch-japanischen Antikomintern-Pakt wurde den streng antibolschewistischen Polen zugesichert. Das war nicht wenig, denn nach 1918 hatten die Gebietsabtretungen an Polen die Deutschen am meisten empört. Hitler wollte, wie er meinte, nur ganz wenig: Die alte Hansestadt Danzig, damals „Freie Stadt“ unter der Verwaltung des Völkerbundes, faktisch aber in polnischer Gewalt, sowie eine Bahnlinie und eine Autobahn durch den polnischen „Korridor“, die den Zugang zum abgeschnittenen Ostpreußen ermöglichen sollten. Polen lehnte ab. Es fühlte sich durch den Beistandspakt mit Frankreich und durch die Feindschaft zwischen Deutschland und Sowjetrussland sicher.


Ende März 1939 erklärte die polnische Regierung, dass ein Festhalten Deutschlands an den Bestrebungen, Danzig zurückzuerhalten, Krieg bedeute. Hitler musste stillhalten, wenn er keinen Zweifrontenkrieg riskieren wollte. Die Grenze gegen Frankreich war noch kaum befestigt, während sich die Franzosen im Schutz ihrer Maginot-Linie sicher fühlten.


„Die Frechheiten der Polen“, so Außenamts-Staatssekretär von Weizsäcker, und ein Angriff gegen die Westmächte in einer Rede Stalins änderten Hitlers Haltung. Diese Änderung verfestigte sich, als am 31. März 1939 gemeldet wurde, Chamberlain werde vor dem Unterhaus erklären: „Im Falle einer Handlung, durch die Polens Unabhängigkeit offensichtlich bedroht wird, … sich die Regierung seiner Majestät verpflichtet sehen wird, der polnischen Regierung jede Unterstützung zu gewähren.“ Auch Roosevelt hatte den Polen, die glaubten, "drei Wochen nach Kriegsausbruch würden polnische Truppen in Berlin sein", die Hilfe der USA zusagen lassen.


Chamberlain hatte sich bemüht, auch die Sowjets in seinen Abwehrblock gegen Hitler einzubinden. Am 12. April 1939 gingen die britisch-sowjetischen Verhandlungen in die letzte Runde. Obwohl die Westmächte vom Angriffsplan Hitlers wussten, hatte die britische Militärkommission keine Eile. Der Delegationsleiter hatte nicht einmal die nötige Vollmacht.

Stalin  hatte nun die Gewissheit, dass ihn die Briten und Franzosen nur für ihre Zwecke benutzen wollten. Hitler dagegen ließ am 19. August ein Wirtschaftsabkommen schließen.

Dann schickte er ein Telegramm an „Herrn Stalin“ mit der Anfrage, ob der Reichsaußenminister zu Verhandlungen nach Moskau kommen dürfe. Dann ging alles sehr schnell:


Am 23. August kam Ribbentrop mit großem Gefolge. An den Unterredungen im Kreml nahm Stalin selbst teil. Bereits am 24. August 1939 um 2 Uhr nachts unterzeichneten die Außenminister Ribbentrop und Molotow einen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, der Polen isolierte und Hitler den Rücken frei machte. Sie unterzeichneten auch ein Zusatzprotokoll, dessen Existenz die Sowjets noch ein halbes Jahrhundert danach abstritten. Es grenzte die Interessensphären ab: Finnland, Estland, Lettland und Bessarabien sowie die östliche Hälfte Polens wurden russisches, Litauen und die kleinere Westhälfte Polens wurden deutsches Interessengebiet.


Das Bündnis Hitlers mit Stalin hatte auf die Welt die Wirkung der sprichwörtlichen Bombe, „die stärkste in der langen diplomatischen Geschichte Europas. Die beiden Tyrannen hatten in drei Wochen zuwegegebracht, was die skrupulösen Westmächte in dreißig Monaten zu tun sich nicht hatten entschließen können.“ Hitler jubelte: „Jetzt habe ich die Welt in meiner Tasche.“ Jetzt würden die Westmächte sich nicht mehr trauen, den Polen zuhilfezukommen.


So setzte Hitler den Angriff auf Polen - den „Fall Weiß“ - auf den 26. August fest. In 220 Zügen waren bereits Truppen und Gerät nach Osten gerollt. Jetzt fuhren nochmals 1.300 Zugladungen nach Osten, 1.700 nach Westen, die deutschen Kriegsschiffe waren bereits in See. Am 25. abends widerrief Hitler den Angriffsbefehl. Die Italiener hatten erklärt, sie könnten nicht mitmachen, und die Briten hatten ihre Garantieerklärung für Polen durch einen Bündnisvertrag bekräftigt.


Am 28. August 1939 wurden Lebensmitteln, Textilien, Schuhe und Kohle rationiert. Drei Tage darauf ließ Hitler zum zweitenmal das Stichwort „Fall Weiß“ durchgeben. Als Ribbentrop kommt, sagt er: „Ich habe den Befehl gegeben. Die Sache rollt.“ Darauf Ribbentrop: „Ich wünsche viel Glück!“ Der sonst so forsche Göring war kleinlaut geworden: „Wenn Deutschland diesen Krieg verliert, so gnade ihm Gott!“

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