1939 - 1945 1939

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„Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen“, schrie Hitler am 1. September 1939 vor dem Reichstag. 75 Millionen Deutsche mussten ihm folgen. In ihnen war „nur dumpfe, fast langweilige Fatalität.“


„Zurückgeschossen“ war freilich gelogen. Hitler hatte durch SS-Kommandos „polnische“ Grenzverletzungen durchführen lassen. Heydrich inszenierte einen „polnischen“ Überfall auf den Sender Gleiwitz in Oberschlesien. Auf sein telefonisches Stichwort „Großmutter gestorben“ betrat SS-Sturmbannführer Naujocks am Vorabend des Krieges mit einigen SS-Männern in Zivil den Rundfunksender. Über das Gewittertelefon, mit dem man sich in die Sendung einschalten konnte, hielt einer von ihnen eine polnische Ansprache. Sie sollte vortäuschen, dass eine polnische Einheit den Überfall durchgeführt habe. Nach 20 Minuten war die Aktion beendet. Am Ausgang ließ man einen getöteten KZ-Häftling zurück. Er war das erste Opfer dieses Krieges.


Die deutsche Wehrmacht marschierte mit 54 Divisionen und 2.000 Panzern gegen 38 Infanterie-Divisionen und 11 Kavallerie-Brigaden. Die Polen hatten nur 550 Panzer und ihre 66 Bomber und 177 Jagdflugzeuge waren von den 1.500 deutschen Flugzeugen großenteils schon am Boden zerstört worden. Die deutschen Bomber griffen sofort wichtige Bahnhöfe und Straßen an, um jede Bewegung der Polen lahmzulegen. Die  Wehrmacht musste einen schnellen Sieg erringen. Einen langen Krieg würde Deutschland nicht durchhalten können. Der Treibstoff würde nur für sieben Monate reichen. Neunzig Prozent des Zinns mussten importiert werden, 70 Prozent des Kupfers, 80 Prozent des Gummis, 75 Prozent des Erdöls und 99 Prozent des Bauxits ebenfalls.


Der deutsche Feldzugsplan sah vor, die Masse der polnischen Armee gleich hinter der Grenze in eine Schlacht zu verwickeln. Der deutsche Nachschub würde dann über die Eisenbahnen in Oberschlesien und Pommern so rechtzeitig herangebracht werden können, dass man die Polen in einer riesigen Zangenbewegung „einkesseln“ würde. Die polnische Regierung arbeitete den Deutschen in die Hände, indem sie befahl, ein Drittel des Heeres im "Korridor“ zu versammeln.


Der Angriff war während des Sommers vom „Arbeitsstab Rundstedt“ ausgearbeitet worden. Generaloberst von Rundstedt war reaktiviert worden. Er erhielt den Befehl über die südliche Heeresgruppe. „Dieser Narr will den Krieg“, hatte er geschimpft. Zehn Tage später führte er mit Manstein als Stabschef für „diesen Narren“ drei Armeen zum Angriff. Sie stießen aus Schlesien, aus Nordmähren und aus der südlichen Slowakei sofort nach Osten vor. Die zweite, die Heeresgruppe Nord, wurde von Generaloberst von Bock geführt.

Seine zwei Armeen brachen aus Ostpreußen und Pommern in Polen ein. Entscheidend sind die schnellen, selbständig operierenden Panzertruppen des Generals Guderian.


Am 3. September ist Polen schon so gut wie geschlagen. Doch die Freude darüber verwandelt sich in Ratlosigkeit, ja Furcht. Ein britisches Ultimatum fordert, der Feldzug solle gestoppt, die Truppen zurückgezogen werden – binnen zwei Stunden. Hitler meint dazu nur, dass die Briten offensichtlich gar nicht annähmen, dass ihr Ultimatum befolgt werden könne. „Der Krieg der 18 Tage“, wie man ihn dann nannte, war mit der Kapitulation von Warschau und Modlin zu Ende. Die polnische Regierung und die Heeresleitung hatten sich nach Rumänien geflüchtet. Nachdem Polen besiegt war, marschierten zwei sowjetische Heeresgruppen in Ostpolen ein. Die Truppen sahen jämmerlich aus und jeder sagte, was er „schon immer gewusst“ hatte: dass die Rote Armee kaum ernst zu nehmen sei.


Die vierte Teilung bedeutete für die Polen nicht nur den nochmaligen Verlust ihrer Eigenstaatlichkeit, sondern für viele Schlimmeres. Ein Politbürobeschluss befahl die Tötung von 25.700 Polen.* Von den 15.000 Offizieren, die den Sowjets in die Hände gefallen waren, fand man später in einem einzigen Massengrab – bei Katyn – 4.000. Die Deutschen führten sich nicht viel besser auf. „Hinter den Kampftruppen folgten SS-Einsatzgruppen, die sich daranmachten, Lehrer, Beamte, Geistliche, Grundeigentümer, Beamte der örtlichen Verwaltungen, Juden und Adelige zu ermorden.“ Man wollte nur eine führerlose Arbeiterschicht.


Während die Wehrmacht in Polen vorwärtsstürmte, hielten nur etwa 900.000 Reservisten und Rekruten die Wacht am Rhein. Munition und Treibstoff reichten nur für drei Tage, die Luftwaffe bestand nur aus ein paar Jägern und Aufklärern, man hatte nicht einmal 50 Panzer. Der 630 Kilometer lange „Westwall“ war noch längst nicht fertig, obzwar man zwischen Kleve und Lörrach 30 Millionen Tonnen Beton und 950.000 Festmeter Holz zu 20.000 Bunkern, Unterständen und Panzersperren verbaut hatte. Jenseits des Rheins stand die vierfache Übermacht: 102 Franzosen-Divisionen mit weit über vier Millionen Mann. Sie hatten 16.350 Kanonen, zehnmal soviel wie die Deutschen, dazu 3.286 Panzer, 463 Bomben- und 734 Jagdflugzeuge.


An einen französischen Angriff durften die deutschen Generäle gar nicht denken. General Jodl bestätigte es nach dem Krieg dem alliierten Kriegstribunal: „Wenn wir nicht schon 1939 zusammengebrochen sind, kommt das nur daher, dass die  französischen und britischen Divisionen im Westen sich völlig untätig verhielten.“ Wären sie marschiert, wären „in spätestens einer Woche die Saargruben und das Ruhrgebiet ausgefallen“, nach einer weiteren Woche „hätte der Franzose freie Wahl gehabt, wohin er zuerst marschieren wollte.“*


Franzosen wie Briten waren Hitlers psychologischer Kriegführung erlegen. Besonders die Luftwaffe stellte sich den westlichen Politikern und Militärs als übermächtiges Vernichtungspotential dar. Der berühmte Atlantik-Überflieger Lindberg hatte gewarnt: „Frankreich und England würden Selbstmord begehen, wenn sie sich auf einen Krieg mit Deutschland einließen. Großbritannien würde durch Bombenangriffe sofort außer Gefecht gesetzt.“ Selbst der britische Generalstab vertraute ihm. Der französische Luftwaffenchef Vuillemin jammerte gar seinen Premier Daladier an: „Wenn es Krieg gibt, haben wir in ein paar Tagen keine Luftwaffe mehr.“* So gewann der Ruf der deutschen Luftwaffe, die nur ein Torso war, die ungeschlagene Schlacht im Westen.


Das französische Oberkommando hatte an alle Truppen gefunkt: „Gebt nicht den ersten Schuss ab. Erwidert eventuelles Feuer erst auf eindeutigen Befehl.“ Die Deutschen gingen zur Propaganda über. Zwischen Schlagern und Marschmusik rief es aus dem Lautsprecher: „Französische Soldaten, wir haben Befehl, nur dann zu schießen, wenn ihr uns angreift.“ Und: „Was ist besser, für Danzig zu sterben oder für Frankreich zu leben?“* Natürlich wollten sie lieber leben. So bauten die Bunkerbesatzungen Gemüse, hielten Hühner und Schweine.

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