1939 - 1945 1945

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Keinen Monat später zertrümmern die Sowjets die deutsche Ostfront, die man zugunsten der Ardennenoffensive ausgedünnt hatte. Am 30. Januar 1945 steht die 1. Weißrussische Front  zwischen Frankfurt und Küstrin an der Oder. Ostpreußen ist abgeschnitten, wird evakuiert. Dabei fordert der Krieg Zig-Tausende Zivilopfer: Ein sowjetisches U-Boot versenkt beispielsweise einen Dampfer mit 9.000 Flüchtlingen.*


Günter Grass  hat die größte Schiffskatastrophe aus der Verdrängung geholt. Deutsche als „Opfer, das durften jahrzehntelang nur jene sein, die Hitler verfolgt hatte.“* Doch allein auf dem gleichen Seeweg nach Westen wurden damals 33.000 Menschen umgebracht.*


Aus Ostpreußen, aus dem „Warthegau“ und aus Schlesien machten sich alle auf den Weg, die es noch konnten. Fünf Millionen fliehen vor dem „Iwan“ nach Westen. Dieser Winter ist wieder sehr kalt. Aus den unbeheizten Güterzügen holt man am nächsten Morgen oft nur noch die steifgefrorenen Leichen, auf den Bauernwagen erfrieren Kinder und Alte, die Pferde brechen vor Entkräftung zusammen. Viele der Trecks kommen nicht weit. Sie werden von Tieffliegern zusammengeschossen oder von Panzern zermalmt.


Die Grausamkeiten der Roten Armee waren kein Zufall. Der bekannteste Sowjet-Marschall, Schukow, befiehlt noch im April, als Deutschland schon ganz kampfunfähig ist: „Sowjetsoldat, räche Dich! Verhalte Dich so, dass der Einbruch unserer Armeen nicht nur den heutigen Deutschen, sondern noch ihren fernen Enkeln in Erinnerung bleibt. Denke daran, dass alles, was die deutschen Untermenschen besitzen, Dir gehört. Sowjetsoldat, habe kein Mitleid im Herzen!“


So waren die Deutschen für die Sowjetsoldaten zu Hass-Objekten geworden, "deren Frauen zu vergewaltigen, deren Besitz zu rauben und deren Verwundete zu massakrieren als gute sozialistische Werke gelten. Hass wird zum zweitwichtigsten Treibstoff auf dem Weg nach Berlin."*


Die Sowjets hätten weiter vorrücken können, denn vor ihnen gab es so gut wie keine deutsche Front mehr. Nur zwei Panzerstunden vor ihnen lag Deutschlands Hauptstadt, dessen Bewohner in Panik erstarrt waren. Am 4. Februar 1945 begann jedoch die Konferenz von Jalta. Um neue Materiallieferungen und Entlastungsangriffe zu erpressen, flunkert Stalin dem gar nicht mehr verhandlungsfähigen Roosevelt vor, seine Truppen seien an der Oder auf starken Widerstand gestoßen.


Am 13. und 14. Februar 1945 vernichteten 1.489 amerikanische und britische Bomber in zwei Nacht- und zwei Tag-Angriffen mit 650.000 Brand- und 1.500 Tonnen Sprengbomben das „deutsche Florenz“ Dresden. 27 Quadratkilometer Stadt sanken im Flächenbrand in Asche, 25.000 Dresdner sollen dem Bericht einer eigens dazu berufenen Kommission zufolge umgekommen sein. Nicht nur ein FAZ-Leserbrief vom 27. 3. 2010 bezweifelt dies: "Wenn die Kommission nun 25.000 Todesopfer für die Luftangriffe ansetzt, impliziert sie eine Überlebensquote von mehr als 90 Prpzent: das heißt, von 10 Betroffenen sind mindestens 9 Personen der viele Quadratkilometer großen Flammen- und Sprengbombenhölle entkommen. Wäre es schon im Frieden eine logistische Meisterleistung, über 200.000 Frauen, Alte und Kinder zu mitternächtlicher Zeit in wenigen Stunden aus der Stadt zu evakuieren, so ist das unter den Bedingungen brennender, einstürzender Straßen, fehlender Transportmittel und logistischer Leitung wohl nicht vorstellbar. Und dass sich am Morgen des 14. Februar über 200.000 Dresdner aus ihren Kohlen- und Vorratskellern zwar übernächtigt, doch wohlbehalten ans Tageslicht begeben hätten, das dürfte wohl auch die Kommission nicht behaupten wollen." Aber es gibt auch ganz andere Zahlen: Für einen Autor von 2005 sind 135.000 bis 200.000 Tote am wahrscheinlichsten.

Und auch der vom ehemaligen sowjetischen Botschafter Semjonow genannten Viertelmillion wird man  nicht widersprechen können, da die Stadt mit schätzungsweise 200.000 Flüchtlingen überfüllt war und von vielen Opfern nur ein anonymes Häufchen Asche blieb. Wegen der zunehmenden Seuchengefahr mussten viele Tote auf dem Alten Markt über zwei Wochen hinweg verbrannt werden. Der britische Diplomat Harold Nicolson konkretisierte: "The greatest single holocaust by war." Das barocke Würzburg wird in 20 Minuten zu 89 Prozent vernichtet. Insgesamt wurden 161 Städte systematisch vernichtet, dazu noch 850 kleinere Orte.* Von den 63.000 Pforzheimern wurde jeder Dritte umgebracht.

Die Atombombe von Hiroshima war dagegen vergleichsweise gnädig, sie tötete nur jeden Siebenten, die später an den Strahlenschäden Sterbenden allerdings nicht mitgezählt. Aber auch beschauliche Bauernhöfe wurden zusammengebombt, pflügende Bauern samt ihren Gespannen mutwillig mit Bordwaffen abgeknallt. Nicht einmal Lazarette mit eindeutiger Rot-Kreuz-Kennzeichnung wurden verschont.


Churchill hatte schon 1940 gedroht: „Wir werden Deutschland zur Wüste machen, ja, zu einer Wüste.“* Das „moral bombing“ der Amerikaner und Briten war gut vorangekommen. Diese „Terrormaßnahmen“, so Churchill, brachten – die noch nicht mitgezählt, die später noch starben - etwa 600.000  Zivilisten um, darunter fast 80.000 Kinder. Sie verletzten 800.000 schwer. Oft pflügten alliierte Bomben die Trümmer der Städte mehrfach um; beispielsweise Köln in 262 Angriffen mit 20.000 Bombenopfern. Im April 1945 lebten dort nur noch 45.000 der 770.000 Einwohner von 1939. Deutschland war „overbombed“. Und dies, obwohl der Krieg gegen Nicht-Soldaten und zivile Ziele offiziell verboten war. 1922 hatte eine Konferenz in Washington Luftangriffe zur Terrorisierung der Bevölkerung und zur Zerstörung von Privatbesitz neuerlich verboten. Trotzdem plante 1924 der britische Luftwaffenstab „vom Beginn eines Krieges an militärische Ziele in bewohnten Gebieten zu bombardieren mit der Absicht, durch den demoralisierenden Effekt und durch die schwerwiegende Zerrüttung der normalen Lebensverhältnisse eine Entscheidung herbeizuführen.“* Tatsächlich wurden dann auf Wohnungen und Verkehrsanlagen siebenmal mehr Bomben abgeworfen als auf Industriebetriebe.


Der indische Sandalenheilige Gandhi hat dieses Ermorden von Frauen und Kindern richtig eingeordnet: „In Dresden und in Hiroschima hat man Hitler mit Hitler besiegt.“ Wie erst hätte der Apostel der Gewaltlosigkeit geurteilt, wenn er die Aufforderung Churchills an seine Stabschefs gekannt hätte, notfalls „Deutschland mit Giftgas zu durchtränken.“ Am 8. März hatte er in Amerika eine halbe Million Milzbrandbomben zur bakteriologischen Massenvernichtung der Deutschen geordert.* Ein Leserbrief* kulturphilosophierte: „Was Zynismus und Menschenverachtung angeht (technisierter Massenmord, Länderschacher, Massenaustreibung), waren sich die Beteiligten am Zweiten Weltkrieg ähnlicher, als man uns glauben gemacht hat. … Es war ein … Krieg innerhalb ein und derselben Zivilisation, geführt mit den Mitteln dieser Zivilisation. Barbaren hätten sich so nie massakrieren können. Dazu waren sie einfach nicht zivilisiert genug.“


Ein Bombenkriegsautor, der wegen vorgeblicher Verunglimpfung des Kriegspremiers von dessen Verehrern beschimpft worden war, hatte mit seiner Entgegnung die Wahrheit auf seiner Seite: Churchill könne „schon deshalb kein Kriegsverbrecher im juristischen Sinne sein, weil Sieger, auch wenn sie Kriegsverbrechen begangen haben, nicht dafür angeklagt werden.“


"Der Feind, der mir als Achtjährigem ans Leben wollte, war über mir und nicht im fernen Berlin . Bombardements auf Unbeteiligte (können) nicht im Nachhinein als zwangsläufige Folge anderer verbrecherischer Taten interpretiert werden."* Das sagen zu können nährt die Hoffnung, dass endlich Manches aus der Tabuzone Richtung Wahrheit bewegt wird, nachdem die Nachkriegsdeutschen über ein halbes Jahrhundert ihre Vergangenheit interpretiert hatten nach der Devise: "Die Wahrheit siegt immer. Denn immer das, was siegt, ist die Wahrheit."


Hatten Churchill und Roosevelt erwartet, die Deutschen mit ihrem unmenschlichen Bombenterror in die Knie zu zwingen, musste sie das Ergebnis enttäuschen. Denn "das invasionsreif gebombte Land begab sich nicht erlöst in die Hand der Invasoren. Sie hatten die volle Last einer Bodenkampagne zu tragen und weiterhin verlustreich Krieg zu führen gegen einen nicht unterwerfungsbereiten Gegner."


Anfang März 1945 hatte der höchste SS-Führer in Italien, Wolff, erste Fühler zu den Amerikanern ausgestreckt. „Dem SS-General gelang, obwohl er weder eine Regierung noch eine Armee hinter sich hatte, was den Führern des deutschen Widerstandes nie gelungen war: Nicht nur erwirkte er die separate Kapitulation einer deutschen Heeresgruppe ausschließlich vor den Westmächten; er durchlöcherte sogar das heilige Prinzip der bedingungslosen Kapitulation.“ Stalin war wütend.


Hitler erließ den Befehl „Verbrannte Erde“: Industrie- und kriegswichtige Anlagen sollten zerstört werden, bevor sie dem Feind in die Hände fallen würden. Durch Befehle des OKW wurde dieser „Nero-Befehl“ praktisch wieder aufgehoben. Hitler dringt nicht mehr durch, Ribbentrop versucht Kontakte zu den Westalliierten, die ständig vorrücken. Bereits am 24. März berichtet der exzentrische Befehlshaber der 3. US-Armee, Patton, aus Oppenheim seinem Oberkommando: "Heute abend habe ich in den Rhein gepisst." Und schon am 28. März telegrafiert der alliierte Oberbefehlshaber Eisenhower an Stalin seine Absicht, auf der Linie Erfurt-Leipzig gegen die obere Elbe vorzugehen und dort die Russen zu erwarten. Mit der Masse seiner Truppen wolle er die „Alpenfestung“ erobern, die es gar nicht gab. Dafür gab Eisenhower die Eroberung Berlins auf und trat zum Großangriff gegen das Phantom an. Fast unbehindert konnten deshalb die Amerikaner in München einziehen und am 4. Mai in Hitlers "Teehaus" hoch über Berchtesgaden Tee trinken. In Deutschlands Mitte dagegen wurde heftig gekämpft. Zwei US-Armeen schlossen zwei deutsche zwischen Rhein, Ruhr und Sieg ein.


Am 16. April hatten die Sowjet-Marschälle Schukow, Rokossowski und Konjew mit 18 Armeen den Großangriff auf Berlin begonnen. Den 2,5 Millionen Sowjetsoldaten stehen nur noch 94.094 Verteidiger gegenüber, nicht nur Soldaten, auch kaum kriegsfähige Volkssturmmänner und Hitlerjungen. Erst am 24. April wird Berlin eingeschlossen. Stalin hoffte, im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie Uran zu erbeuten, mit dem er seine Atombomben-Pläne voranbringen wollte. Am 25. April erreichten die Sowjettruppen die Elbe. Die US-Soldatenzeitung STARS AND STRIPES schrieb: „An den Ost- und Westufern der Elbe bei Torgau fand heute eine tolle, fröhliche Feier statt, als Infanteristen von Generalleutnant Courtney H. Hodges‘ 1. US-Armee mit Soldaten von Marschall Konjews 1. Ukrainischer Armee K-Rationen gegen Wodka tauschten.“


Dem Sarg der Hitlerei folgte niemand mehr. Niemand will mehr kämpfen. Der mit 44 Jahren jüngste General, Wenck, der mit einer schnell zusammengekratzten Armee das eingeschlossene Berlin retten soll, führt stattdessen seine 100.000 Mann und Zehntausende von Zivilisten über die Elbe zu den Amerikanern.


Inzwischen sind auch Nürnberg, Stuttgart, Hamburg, Ulm und Augsburg von den West-Alliierten besetzt. Hitler, der nur noch ein Wrack ist, weil ihn sein Leibarzt mit Aufputschmitteln ruiniert hat, heiratet seine Lebensgefährtin Eva Braun. Er stößt Göring und Himmler aus der Partei aus und ernennt den Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Dönitz, zum Reichspräsidenten. Am 30. April begeht er in seinem Bunker unter der Reichskanzlei Selbstmord. Einige Stunden später hissen  Rotarmisten auf dem Reichstag die rote Fahne, während im Keller noch Verteidiger sitzen.


Am 2. Mai kapituliert Berlin, am 4. die deutschen Streitkräfte in Holland, Nordwestdeutschland und Dänemark. Die Heeresgruppe Weichsel kann sich in britische Gefangenschaft retten, die Heeresgruppe G. kapituliert in München. Erst am 6. Mai kapituliert die schlesische Hauptstadt Breslau nach langer Belagerung. Am 7. Mai 1945 schließlich unterschreibt Generaloberst Jodl im Hauptquartier Eisenhowers in Reims die Gesamtkapitulation der deutschen Wehrmacht. Doch die Amerikaner hatten Jodl eine Fassung unterschreiben lassen, der die Sowjets nicht zugestimmt hatten. Deshalb müssen die Deutschen ein zweites Mal kapitulieren – am 8. Mai im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst.
Hätte Hitlers Wehrmacht "ein Vierteljahr länger durchgehalten, so wären München, Frankfurt und Berlin verglüht", denn die Atombombe, "von Einstein am 2. August 1939 Roosevelt empfohlen,    war ursprünglich für Deutschland bestimmt."


Hitlers Krieg war vorbei. 1918 war es undenkbar gewesen, dass feindliche Truppen das Reich besetzten. Um diese „Schmach“ abzuwenden, hatte man den Versailler Friedensvertrag unterschrieben. Jetzt ist es selbstverständlich, dass ganz Deutschland von den Gegnern besetzt wird. Das Deutsche Reich ist nur noch ein historischer Begriff. Anders als Österreich, das bereits eine Regierung unter dem von Stalin ausgesuchten Altsozialisten Karl Renner  hat, den er vor dem Ersten Weltkrieg in Wien als Genosse in der "Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei" gut gekannt hatte, wird Deutschland keine eigene Regierung zugestanden.
Deutschlands Lage war so, wie an einer Berliner Ruine zu lesen stand: „Alles im Arsch.“

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