1945 - 1947 1945

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Regiert wurde das, was jetzt Deutschland war, von 12.000 Amerikanern unter Fünfsternegeneral Eisenhower, von 25.000 Briten unter Feldmarschall Montgomery, von 11.000 Franzosen unter General Lattre de Tassigny und 62.000 Sowjet-Soldaten unter Marschall Schukow. “Nonfraternisation“ – Verbrüderungsverbot mit den Besiegten – und Ausgehverbot für die Deutschen von 18 bis 7 Uhr waren strikte Gebote der Sieger. Die US-Soldatenzeitung bleute ihnen ein: „In heart, body and spirit every German is Hitler.“
Die US-Direktive ICS 1.067 gebot, Deutschland nicht „zum Zwecke seiner Befreiung“ zu besetzen, sondern als „besiegten Feindstaat“ zu behandeln. Der von den Nazis abgesetzte und inhaftierte Oberbürgermeister von Köln, Adenauer, sprach vielen aus dem Herzen: „Die Befreiung ist eine harte Enttäuschung.“


Für Millionen bedeutete das Kriegsende noch lange keinen Frieden und für kaum einen Deutschen menschenwürdige Verhältnisse. 7,35 Millionen Deutsche waren tot, 4,2 Millionen Soldaten waren „gefallen“. 12 Millionen  waren in Gefangenschaft, viele kamen erst nach zehn Jahren nach Hause, über 1,1 Millionen kamen aus der Gefangenschaft nicht zurück.
Der Zweite Weltkrieg soll mehr als 55 Milllionen Opfer gekostet haben. Feldmarschall Montgomery, der britische Oberbefehlshaber bei Kriegsende, schreibt in seiner „Kriegsgeschichte“ von „fast 40 Millionen“ Kriegsopfern, „davon waren 17 bis 18 Millionen Zivilisten“. Der sowjetische Bevölkerungswissenschaftler Urlanis zählte 50 Millionen Tote für alle europäischen Kriege der letzten 400 Jahre. Über die Hälfte – Soldaten und Zivilisten – sollen im zweiten Weltkrieg umgekommen sein.* Doch welche dieser Zahlen sagen die Wahrheit? In jedem Fall muss man davon die Zahl derer abziehen, die im Krieg der Japaner gegen die USA und die europäischen Kolonialmächte auf der anderen Seite des Planeten umgekommen sind. Denn die beiden Kriege hatten nicht nur ganz verschiedene Ursachen und Ziele, es gab auch keinerlei Gemeinsamkeiten in der Kriegführung; die Deutschen wussten nichts über die japanischen Aktionen, die Japaner ebensowenig über die deutsche Kriegführung. Nur für die Gegner Deutschlands war es ein Krieg. Japan kapitulierte auch erst drei Monate nach dem Kriegsende in Europa, nachdem amerikanische Atombomben Hiroshima und Nagasaki verglüht hatten. Das Sterben der Strahlenopfer geht freilich weiter. Insgesamt dürften die beiden Bomben 340.000 Japaner umgebracht haben. Eine Entschuldigung für diese Schandtat steht jedoch noch immer aus. Wieder einmal beweist dies: Sieger begehen eben keine Verbrechen!


Deutschlands Städte waren nur noch 400 Millionen Kubikmeter Schutt. Die Schauplätze der letzten schweren Kämpfe wie Berlin, Aachen, Emmerich, Xanten waren nahezu dem Erdboden gleichgemacht, Köln, Würzburg, Dresden, Kassel, Hamburg, Dortmund zu zwei Dritteln und mehr zerstört. In Darmstadt waren nur noch zwei bis drei Straßen in der Mitte begehbar. In Jülich schlugen die Amerikaner mit Räumfahrzeugen einfach Schneisen durch die Trümmerwüsten. Am 1. Dezember 1944 wurde die Bevölkerung der zuvor 12.000 Einwohner zählenden Stadt mit Null angegeben. In diesen Trümmerstädten hausten die Deutschen in Kellern, Baracken und Wellblechhütten. Zurückkehrende Soldaten und Evakuierte kannten sich nicht mehr aus. Aufschriften klärten sie auf: „Sind bei Frieda und Paule." Oder auch: "Hier lebt keiner mehr."


Es gab Hunderttausende von Obdachlosen. Im niederrheinischen Bedburg etwa waren es 24.000. In einem Monat starben 367 an Typhus und Ruhr. In Köln, dem „größten Schutthaufen der Weltgeschichte“ – in der Altstadt standen nur noch 2 Prozent der Häuser – lag die Säuglingssterblichkeit bei 16 Prozent, fast die Hälfte der Einwohner hatte Tuberkulose. Während hier vor dem Krieg 750.000 gelebt hatten, waren es jetzt nur 32.000. In Passau sind 28.000 "Flüchtlinge". Ein Erwachsener bekommt pro Tag drei Scheiben Schwarzbrot, einen Viertelliter dünnen Gerstenkaffee, einen halben Liter Suppe mit ein paar Rübenschnitzeln und einen Viertelliter Kräutertee. Auf 200 Menschen kommt ein Klosett, drei bis fünf müssen mit einem Bett zufrieden sein. Sie haben zwar die Heimat verloren, aber sie haben wenigstens ein Dach über dem Kopf. 15 Millionen Deutsche haben 1945 keine Heimat mehr und nur zeitweise ein Dach über dem Kopf: die Flüchtlinge und die Heimatvertriebenen aus Ost- und Westpreußen, aus Berlin, dem Memelland, aus Pommern, Schlesien, dem Sudetenland, aus Rumänien, Ungarn und Jugoslawien. Fast drei Millionen von ihnen kamen um; durch die Strapazen der Flucht, durch den „Iwan“, durch Polen, Tschechen und Jugoslawen. Aber das Sterben geht weiter. In den vier Besatzungszonen soll es, einem Kanadier zufolge, nach dem Zweiten Weltkrieg 5,7 Millionen deutsche Hungertote gegeben haben.


„Täglich strömen vier- bis fünftausend Vertriebene in das vom Chaos bedrohte Rest-Deutschland. Der endlose Zug des Elends von Kinderwagen und kleinen Fahrzeugen aller Art, von zerlumpten, frierenden und hungernden Menschen, vor allem Frauen und Kindern, prägte noch lange das Bild der Städte. Zur materiellen Not kommt die grenzenlose Verlassenheit. Sie haben mit ihrer Heimat ihre Identität verloren, und sie sind nicht etwa willkommene Gäste.“ Das Wort „Flüchtling“ wurde gleichbedeutend mit unerwünscht.


Auf die Lebensmittelkarten gab es nicht einmal tausend Kalorien. Alle hungerten. Wer rauchen wollte, zog seinen Tabak auf dem Balkon oder er musste eine Kippe aufklauben, die ein Ami-Soldat gerade in die Gosse geschmissen hatte. Eine „Camel“ wurde in Köln mit 7 Mark gehandelt. Dafür musste ein Arbeiter einen ganzen Tag arbeiten. Wer Ami-Zigaretten hatte, konnte dafür Butter, Speck oder einen Fahrradschlauch eintauschen. In Ruinen und ehemaligen Parks etablierte sich ein Schwarzhandel mit allem. Eheringe und Bettvorleger wurden gegen Schmalz für die Kinder und den hart arbeitenden Vater oder für ein Pfund „echten“ Kaffee eingetauscht, oder für eine Glühbirne, damit man nicht im Finstern kochen musste. Es gab die ausgefallensten Tauschversuche per Zeitung: „Hüfthalter (Taille 67 cm) gegen Herrenoberhemd Gr. 37/38.“


Klar, dass man aus Hakenkreuzfahnen Blusen machte und Partei-Uniformen umschneiderte, wenn man sie nicht in der ersten Panik entsorgt hatte. Wehrmacht-Uniformen waren normale Kleidungsstücke. Viele Kinder konnten im Herbst nicht mehr zur Schule gehen, weil sie weder Winterkleidung noch Schuhe hatten. Besser hatten es die, die bei Amerikanern oder Briten arbeiteten, und besonders die „Frolleins“ der Amis. Sie brachten nicht nur Schokolade und Konserven nach Hause, sondern auch pervers dünne Strümpfe aus einer synthetischen Faser: Nylon.


Amerikaner und Briten mussten ihr Fraternisierungsverbot nach einem Monat aufheben; ihre Soldaten wollten „Frolleins“. Außerdem brauchten die Sieger die Besiegten. Nazis durften es natürlich nicht sein. Doch mehr als 90 Prozent aller Beamten, 60 Prozent der städtischen Angestellten, die Hälfte aller Lehrer und ein Viertel aller Handwerker waren es beispielsweise in Köln gewesen.* Wer nicht Pg  war, besonders wer von den Nazis verfolgt worden war, eignete sich für jeden Posten in der Verwaltung. Überall wurde „entnazifiziert“. Vor allem die Amerikaner waren davon besessen, die Deutschen „umzuerziehen“.


Die Deutschen sahen, dass "die Amis“ von ihnen und ihrer Lage keine Ahnung hatten. Man kam mit ihnen zurecht, hielt sie aber für dümmlich und arrogant. Die Briten waren im allgemeinen fair. Die Franzosen durften sich jetzt zu den Siegern zählen. Daher bekamen sie auch eine Besatzungszone. Sie wurden zu Herren des Saarlandes, der Pfalz, Südbadens und Südwürttembergs.


Das französische Bewusstsein – de Gaulle: „Rückkehr einer Großmacht auf ihren Platz als Großmacht“ – war ganz das von Versailles 1919. Die Franzosen hatten das ganze Rheinland gefordert, Hessen, Baden, Württemberg und das Ruhrgebiet. Sie bekamen dann 12 Prozent Rest-Deutschlands, die Amerikaner und die Sowjets je 30, die Briten 27 Prozent. Dazu passte, dass sich die Franzosen „eine Politik einseitiger Ausbeutung der wirtschaftlichen Ressourcen Deutschlands zu eigen“ machten, wie Washington monierte.


Noch brutaler war "Der Iwan“. Für die allermeisten Sowjet-Soldaten waren „Wasser aus Wand“ und „Licht aus Decke“ Wunder. Ein klingelnder Wecker wurde panisch mit einem Feuerstoß aus der Maschinenpistole zum Schweigen gebracht. Sie forderten mit vorgehaltener Waffe „Uri, Uri!“, Uhren, Uhren. Sie zeigten dann stolz ihre Unterarme mit drei, fünf oder noch mehr Uhren nebeneinander. Fahrräder übten auf sie eine magische Anziehungskraft aus: Sie radeln „auf frisch geklauten Rädern.   . Sie sitzen so steif auf dem Sattel wie die radfahrende Schimpansin Susi im (Berliner; H. D.) Zoo, prallen gegen die Bäume und krähen vergnügt.“*


Einer schrieb seiner Frau: „Wenn Du in ein Haus reingehst, weißt Du nicht, auf was Du zuerst schauen sollst, so viele schöne Dinge findest Du hier. Es ist aber doch ein Elend. Sie vergiften ihr Essen, sodass schon viele gestorben sind.“ Tatsächlich häuften sich die Selbstmorde. Allein im Bezirk Pankow waren es 215 in nur drei Wochen. Eine Frau hatte sich die mit Ziegeln gefüllte Einkaufstasche umgehängt, ihre Kinder unter die Arme genommen und sich in der Havel versenkt. Denn „der Iwan“ plünderte nicht nur und schlachtete den Bauern das Vieh gleich auf dem Hof, er vergewaltigte auch siebzigjährige Frauen und kleine Mädchen von zehn Jahren. An einem einzigen Tag behandelte ein Berliner Krankenhaus 230 Fälle. Schätzungsweise wurden 2 Millionen Frauen vergewaltigt – „eine der größten Massendemütigungen der bekannten Geschichte.“


Churchill begriff am schnellsten: „Wir haben das falsche Schwein geschlachtet.“ Deshalb blieb „die Regierung“ Dönitz in seiner Zone noch lange unbehelligt. Schon im Frühjahr ’45 hatte er erkannt, dass der sowjetische Drang nach Westen nur mit einem bewaffneten Deutschland gestoppt werden könnte. Also unterhielt er bis 1946 eine teilweise bewaffnete deutsche Armee von drei Millionen Mann. 1947 stellten auch die Amerikaner Panzersoldaten als „Industrial Police“ „für Wachaufgaben“ ein.*
Die USA, die westliche Führungsmacht, war in der ersten Nachkriegszeit konzeptionslos. „Im Lager der westlichen Alliierten regierte die Stalinhypnose. Sie beherrschte die öffentliche Meinung, sie lenkte die Staaten, sie verspielte den Frieden.“


Stalin beauftragte in den sowjetisch besetzten Gebieten den NKWD, die berüchtigte Geheimpolizei, mit dem Aufbau der Zivilverwaltung. Sie hatte „feindliche Elemente“, eventuelle Gegner eingeschlossen, zu beseitigen. Vom ersten Augenblick an wurde so die Sowjetisierung sichergestellt. Stalin hatte auch bereits am 2. Mai den absolut linientreuen Walter Ulbricht mit seiner zehn Mann starken Gruppe und sowjetische Instruktoren nach Berlin einfliegen lassen. Der baldige DDR-Machthaber machte sich mit seinen Leuten sofort an den Aufbau des sowjetischen Systems: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir (Kommunisten, H.D.) müssen alles in der Hand haben.“ In den Ländern, Städten und Gemeinden kommen „Antifaschisten“, also Kommunisten, an die Macht. Die wirkliche Macht übte jedoch allein die sowjetische Militäradministratition aus.


Sofort nach Beendigung der Kämpfe und noch bevor in Potsdam mit den Alliierten darüber gesprochen worden war, fingen die Sowjets an, alles, was ihnen brauchbar schien, zu demontieren. Die Gleise, auf denen das Raubgut nach Osten rollte, wurden gleich mit abmontiert, viele Strecken waren danach nur noch eingleisig. Alle Banken wurden verstaatlicht, Großbetriebe und Konzerne in „Sowjetische   Aktiengesellschaften“ (SAG) umgewandelt.


Im Herbst 1945 wurde jedes Gut enteignet, das größer als 100 Hektar war, egal, ob der Eigentümer Nazi oder Anti-Nazi war. Nur ist er im ersten Fall bereits verhaftet und in einem der elf KZs verschwunden, die die Sowjets übernommen haben und mit ähnlicher Vernichtungspraxis weiterbetreiben. Enteignet werden 14.000 Höfe, 3,3 Millionen Hektar, „zum Zwecke der Landzuteilung an landarme Bauern und Landarbeiter“, tatsächlich aber, um nach sowjetischem Vorbild Kolchosen daraus zu machen.


Auch in ihrer Besatzungszone in Oberösterreich und Wien „räumten sogenannte Beutekommissare der Roten Armee das Land leer. Alles, was aus Metall war, wurde demontiert: Maschinen, Erdölpumpen, die Turbinen der Kraftwerke, die Strom für Wien erzeugten, aber auch 35.000 Telefonapparate samt dem Kabel der Fernverbindung Wien-Berlin. Die Lokomotiven und Waggons, auf denen das Beutegut nach Osten rollte, wurden nie wiedergesehen – insgesamt verschwanden 1.000 Loks und 12.000 Wagen.“*


Als am 4. Juli die Westmächte in ihre Berliner Sektoren einzogen, fanden sie in den leeren Werkshallen nur noch das, was nicht abzubauen war. Während die Kriegzerstörungen vergleichsweise gering waren, betrug der Verlust etwa im Maschinenbau oder der Metallwarenindustrie nahezu 100 Prozent. Was sich nicht demontieren ließ, wurde in einen „Volkseigenen Betrieb“ (VEB) umgewandelt.


Im Westen zerschlugen die Amerikaner die drei Großbanken und die IG Farben, die Dachorganisation der Großchemie. Auf den Handel mit IG-Aktien standen fünf Jahre Gefängnis oder 10.000 Dollar Strafe. Der Inbegriff der Schwerindustrie, Krupp in Essen und der Kohlebergbau an der Ruhr, wurden von den Briten beschlagnahmt – vorläufig. Denn als der „Kalte Krieg“ heiß wurde, verschwanden in der amerikanisch-britischen „Bizone“ alle Sozialisierungspläne in der Schublade. Die Beschlagnahmungen wurden rückgängig gemacht, die Struktur der westdeutschen Industrie blieb, wie sie gewesen war.


Am 5. Juni 1945 folgt der militärischen Kapitulation das formelle Ende der deutschen Regierungsgewalt, die jetzt der „Alliierte Kontrollrat“ der vier Militärgouverneure übernimmt. Wie Österreich wird Deutschland in vier Besatzungszonen zerteilt, Berlin ebenfalls, während Wien von den Vieren gemeinsam kontrolliert wird.


Dem amerikanischen Sowjet-Kenner Kennan war klar: „Die Idee, Deutschland gemeinsam mit den Russen regieren zu wollen, ist ein Wahn“, aber „wir haben keine andere Wahl“, weil Roosevelt den Sowjets dies alles zugestanden hatte. Diese Verblendung des ersten Mannes der Weltmacht Nummer eins ist auf seine schwere Krankheit zurückgeführt worden. Heute wissen wir: Stalin hatte als wichtigsten Agenten während des Krieges den engsten Präsidentenberater, Harry Hopkins.* Roosevelt machte, selbst gegen britische Einsprüche, was ihm Hopkins riet, und der riet ihm, was Stalin wollte. Auch US-Diplomat Alger Hiss, der das Jalta-Abkommen mitformulierte, spionierte für Stalin, im Außenministerium taten dies mindestens drei Spitzenbeamte, im Innenministerium auch mindestens drei, im Pentagon zehn, weitere im Justiz-, im Landwirtschafts- und im Handelsministerium. Aus dem Finanzministerium berichtete sogar Unterstaatssekretär White. Erst sein Fall führte zum Skandal und ab 1950 zur hysterischen Kommunistenjagd.


Um Deutschland aufzuteilen, trifft man sich in Potsdam. Schon die Wahl des Tagungsortes demonstriert, dass man den preußisch-deutschen Militarismus hier, an seinem Traditionsort, ausrotten will. Die Platzwahl demonstriert aber auch, wer den Krieg wirklich gewonnen hat: Die Sowjet-Macht Stalins, die bereits jetzt auch für die Mit-Sieger gefährlich ist. Deshalb bedrängt Churchill Roosevelts Nachfolger Truman : Die Sowjets könnten bis an die Nordsee und die Atlantikküste vormarschieren. Mit der Absicht, dies zu verhindern, trafen sich die beiden mit Stalin im Schloss Cecilienhof, dem Domizil des letzten deutschen Kronprinzen. Frankreich war nicht eingeladen worden. Diese „Potsdamer Konferenz“, laut US-Berater Murphy ein „unheilvolles Drama“, tagte vom 17. Juli bis 2. August 1945.


Das für die westliche Welt so schlimme Ergebnis kommt von der Schwäche des Westens: Truman hat von Deutschland und Europa keine Ahnung. Churchill muss mitten in der Konferenz der Labour-Regierung Attlee weichen, die ebenfalls zu unsicher ist, um sich durchzusetzen. Der Hauptpunkt ist Polen. Churchill hatte in Teheran Ende 1943 drei Streichhölzer – Deutschland, Polen und UdSSR – parallel nebeneinandergelegt. Dann verschob er das „östlichste“ nach Westen. Durch Linksverschiebung des „polnischen“ und des „deutschen“ stellte er die Abstände wieder her. „Das amüsierte Stalin und in dieser Stimmung gingen wir auseinander.“*


Nach diesem Muster hatte Stalin die Polen nach Westen gedrängt. Statt der britisch-amerikanischen Grenzvorstellung, der Glatzer Neiße, die weit südlich von Breslau in die Oder mündet, beharrte Stalin auf der Lausitzer Neiße, die nicht weit südöstlich von Berlin in die Oder mündet, als polnischer Westgrenze. Er hatte bereits für vollendete Tatsachen gesorgt. Unter dem Schutz der Roten Armee hatten die Polen ihre Verwaltung aufgebaut – bis zur Oder und bis zur Lausitzer Neiße. Er log dies in ein Erfordernis um: „Die Deutschen sind geflohen, und die einzige Lösung ist die Errichtung einer  polnischen Verwaltung.“ Zuvor aber hatten die Polen ihrem Militär befohlen: Behandelt die Deutschen so, „dass sie von selbst fliehen.“*


Noch bevor sie die Briten und Amerikaner in Potsdam abgesegnet hatten, war die Vertreibung der Deutschen überall im vollen Gange. Der tschechoslowakische Präsident Beneš gab den Startschuss : „Werft die Deutschen aus ihren Wohnungen. ... Alle Deutschen müssen verschwinden! Was wir im Jahre 1918 schon durchführen wollten, erledigen wir jetzt. Damals schon wollten wir alle Deutschen abschieben ... Vertreibt sie, verjagt sie alle,...." Nehmt ihnen alles "bis auf ein Taschentuch zum Hineinweinen!" 2004 ehrte dann das Parlament Tschechiens durch ein besonderes Gesetz den "Vertreibungspräsidenten", so die FAZ, dafür, dass er ab 1945 die damalige Tschechoslowakei zum "entgermanisierten und entmagyarisierten slawischen Nationalstaat" gemacht hatte. Er hatte von der Vertreibung der Deutschen schon geträumt, „als Hitler noch Postkartenmaler in Wien" war.


Vertrieben wurden nach Angaben des Schweizerischen Roten Kreuzes 20,1 Millionen, von denen nach kirchlichen Feststellungen etwa drei Millionen dabei umkamen. Daran waren etwa die Jugoslawen mit 135.000 Jugoslawiendeutschen beteiligt. Die Tschechen vertrieben 800.000 Ungarn und 3 Millionen Sudetendeutsche, 272.000 kamen zu Tode. Auch 400.000 Binnendeutsche kamen in Innerböhmen um, meist Wehrmachtsangehörige, viele Verwundete und Zivilisten. Die Tschechoslowakei erließ sogar 1946 ein bis heute   geltendes Gesetz, das alle Verbrechen einschließlich Mord, denen bis 28. Oktober 1945 Deutsche zum Opfer gefallen waren, straffrei erklärte. Als Folge der Austreibungen verhungerten Zehntausende Säuglinge, Kinder und Alte auf der Landstraße, auch Mütter, die ihren Kindern den erbettelten Bissen Brot zusteckten, starben an Entkräftung.

Schlimmer noch war es für die, die von Polen, Tschechen, Serben in deren Gefängnisse und Konzentrationslager gebracht worden waren. Dass nach dem Kriegsende der Friede keineswegs für alle friedvoll, sondern für nicht wenige blutig begann, dafür hatten nationalistische Hassprediger wie Beneš und ihre Schergen rechtzeitig gehetzt. Titel wie "Der Teufel spricht deutsch" kündigten schon den hasstriefenden Inhalt an: "Es gibt keine guten Deutschen, es gibt nur schlechte und noch schlimmere.   . Jeder Deutsche ist vor allem Imperialist, Habgieriger und Tyrann. Die Pflicht unserer Generation ist, ... diese Wahrheiten über die deutsche Nation in die Seelen unserer Jugend einzuprägen. Der tschechische Vater, der sein Kind nicht zum Hass gegen die deutsche Lügenkultur und Unmenschlichkeit erzieht, ist nicht nur ein schlechter Patriot, sondern auch ein schlechter Vater." Doch Hass allein war dem General Ingr noch zu wenig. Er rief im November 1944 im Londoner Rundfunk gleich zum Massenmord der Deutschen auf: "Wenn unser Tag kommt, wird die ganze Nation zum alten Schlachtruf der Hussiten zurückkehren: 'Schlagt sie, erschlagt sie, lasst keinen am Leben!'" Das amerikanische Magazin TIME hatte allen Grund zu schreiben, Europa sei „aus dem schrecklichsten Krieg der Geschichte in den fürchterlichsten Frieden übergegangen.“*


Die Franzosen bekamen nun für ihren geringen Widerstand Aktivitäten zugesprochen, die x-fach übertrieben waren. Die Résistance, bei der später jeder gewesen sein wollte, hatte nicht nur die boches  bekämpft. Die Kommunisten hatten bei dieser Gelegenheit alte Rechnungen beglichen. Diesen innerparteilichen Massakern waren mehr als 100.000 Franzosen zum Opfer gefallen. Frankreich hatte auch verdrängt, dass Judendeportationen nicht möglich gewesen wären, hätten nicht etwa 32.000 Franzosen für die deutsche Geheime Staatspolizei gearbeitet.* Der französische Anwalt des angeklagten deutschen Polizeichefs von Lyon, Barbie, hat damals auch die Relationen der Verbrechen bekanntgemacht: Von 1940 bis 1944 soll es 200 000 zivile französische Opfer der Deutschen auf 40 Millionen Einwohner gegeben haben. Die französische Unterdrückung in Algerien 1955-1963 führte zu einer Million Toten auf neun Millionen Einwohner, also 20 bis 25 mal mehr.*


Der US-Oberbefehlshaber und spätere Präsident Eisenhower hatte die Schaffung „einer neuen Klasse von Gefangenen“ beantragt. Diese „Disarmed Enemy Forces“ brauchte er nicht nach Völkerrecht zu behandeln. Er ordnete an, die Gefangenen dürften weder „Obdach noch irgendeinen anderen Komfort“ haben. Die rund 200 Lager in Kreuznach, Sinzig und Remagen, in Andernach, Rheinberg und anderswo waren nur mit Stacheldraht umzäunte Wiesen. Die Sterblichkeit war etwa 80 mal höher als normal. Die Eingepferchten erhielten trotz Regen und Kälte keine Zelte, fast keine Nahrung und nicht einmal ausreichend Wasser. „Sie tranken ihre eigenen Körperausscheidungen und aßen jeden erreichbaren Grashalm.“ Durch Seuchen, Krankheiten und Verhungern wurden 793.239 Gefangene in amerikanischen und 167.000 in französischen Lagern dahingerafft.* Die Briten hatten so viel Unmenschlichkeit nicht mitgemacht.


Nach dem Bekanntwerden dieses Verbrechens fragte das Magazin TIME, warum denn die deutsche Geschichtswissenschaft in den bis dahin vergangenen 44 Jahren nichts zur Findung dieser Tatsachen beigetragen habe. K. H. Deschner  gab die Antwort: „Die übergroße Mehrheit ihrer Vertreter schrieb zur Kaiserzeit im Sinn des Kaisers und der Monarchie, im Dritten Reich im Sinn Hitlers und der Nazis, danach im Westen im Sinn der westlichen, im Osten der östlichen Demagogen. Diese … Geschichtsschreibung ist meist nichts als die … Wissenschaft eines … korrumpierten Tendenzkartells, das … die Geschichte verdreht oder vernebelt.“ Diese Art der Geschichtsdarstellung wurde in der Nachkriegszeit inbrünstig zur "Bewältigung unserer Vergangenheit" eingesetzt. Beispielsweise sah sich das Standardwerk über "Fälschung, Dichtung und Wahrheit über Hitler und Stalin" von Werner Maser deshalb genötigt, "Guido Knopps Geschichtsdarstellungen nach Oscar Wildes ironischem Rat: 'lasst nie Fakten einer guten Story in die Quere kommen!'" in einem eigenen Kapitel zu kommentieren, das wie folgt beginnt: "Auf effektvolle Weise manipuliert die vom Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) ausgestrahlte und vom SPIEGEL als "Clippschule vom Lerchenberg" parodierte zeitgeschichtliche Sendereihe die Geschichte, soweit sie mit Hitler zusammenhängt." Dazu heißt es u.a.: "Dass die deutsche Historie in einer nicht so fernen Phase durch ungeheuerliche Hypotheken belastet wurde, bietet keinen zwingenden Anlass, sie weiterhin noch mehr zu verdrehen." Und: "Guido Knopps Reihe ... hat mit ernsthafter Zeitgeschichte nichts mehr zu tun. ... Ein Fanal bedingungsloser Anpassung an das Zeitgeist-Gespenst. Erlaubt, weil es der (Einschalt)Quote nützt ..." "Die vom ZDF ... stilisierten Zeitgeschichtssendungen unterschieden sich in ihrer Substanz, Qualität und grobschlächtigen Instrumentalisierung der Geschichte nicht von den Geschichtsmanipulationen der unbelehrbaren Marxismus-Exegeten," weil "sie nicht nur von den 13 Prozent der Fernsehzuschauer, die nach statistischen Angaben nie ein Buch lesen, für bare Münze genommen werden."


Zur Frage, wie denn all das hatte kommen können, bot 2008 ein Historiker als Erklärung die Ahnenreihe Luther - Bismarck - Hitler an. Auch das obrigkeitshörige Luthertum, das das Bismarck-Reich dominierte, habe Hitler hoch gebracht: "Dass die ehemaligen Reichsfeinde, katholische Zentrumspartei und SPD, nach 1918 Träger der neuen, aus der Kriegsniederlage hervorgegangenen republikanischen Ordnung wurden, ließ den Protestantismus von Beginn an auf Distanz zur Weimarer Republik gehen und machte diese anfällig für den 'neuen Messias' Adolf Hitler." "Das Datum 30. Januar 1933 bedeutete für breite Teile des protestantischen Milieus praktisch einen religiösen Aufbruch, denn der Protestantismus war nach 1918 in gewisser Weise heimatlos geworden; die Monarchen als kirchliche Landesherrn gab es ja nicht mehr."*


Das Ergebnis des Potsdamer Abkommens war nicht nur die Erfüllung des Stalin’schen Willens, sondern auch ein gewaltiger Gewinn für Polen. Denn für den Verlust armer Ostgebiete war es im Westen reich entschädigt worden durch Schlesien mit seiner blühenden Landwirtschaft und seinem reichen Industriegebiet. Das nördliche Ostpreußen kam an die UdSSR. Schon in Teheran hatte Stalin einen Wunsch geäußert: Die UdSSR hätte keinen eisfreien Hafen in der Ostsee. Da niemand wusste, dass sie schon Riga und Libau hatte, bekam sie noch zwei: Königsberg und Memel.


Im August 1945 wollten die Sieger „Rumpf-Deutschland“ während der Besatzungszeit noch als wirtschaftliche Einheit betrachten. Auch die Behandlung der Bevölkerung in ganz Deutschland sollte gleich sein. Die Franzosen lehnten ab. Sie wollten ihre Zone ausbeuten. Außerdem sei eine Zentralverwaltung ein erster Schritt zu „einer Wiedergeburt des Reiches“.


Im Frühjahr 1946 tagte die Pariser Außenministerkonferenz bereits in geladener Atmosphäre. Die Sowjetisierung Mitteldeutschlands und Polens und Moskaus massiver Druck auf Griechenland hatten Briten und Amerikaner geschockt. US-Außenminister Byrnes bot den Sowjets die Neutralisierung Deutschlands an. Molotow lehnte ab. Man habe noch keine Regierung, die „demokratisch genug“ sei. Alle wussten, dass „demokratisch“ auf russisch „sowjetisch“ hieß. Der „Kalte Krieg“ hatte begonnen. Churchill hatte es bereits in einer Rede dem anwesenden US-Präsidenten und der „freien Welt“ gesagt: „Von Stettin an der Ostsee bis nach Triest an der Adria hat sich ein eiserner Vorhang über den Kontinent gesenkt. Wenn die Sowjet-Regierung versucht, ein prokommunistisches Deutschland zu errichten, wird das neue, ernsthafte Schwierigkeiten hervorrufen.“ Der britische Außenminister Bevin schrieb in einer Kabinettsvorlage: „Bis vor wenigen Monaten waren wir der Meinung, es gehe nur darum, den Wiederaufstieg Deutschlands zu verhindern. Die russische Gefahr ist möglicherweise aber noch größer als die Gefahr eines wiedererstarkenden Deutschlands.“*


„Otto Normalverbraucher“, der Durchschnittsdeutsche, hatte keine Kraft, sich um Politik zu kümmern. Die Deutschen hungerten und froren, sie „organisierten“, was nur ein anderes Wort für stehlen war, sie tauschten und schwarzhandelten, denunzierten einander und biederten sich bei den Besatzern an, waren schon immer „dagegen“ gewesen und gingen auch wieder in die Kirche. Sie gingen, da ja kein Fliegeralarm mehr zu befürchten war, schon einige Künstler aus der Gefangenschaft zurück waren und man kaum etwas kaufen konnte, viel in Konzerte und Theater. Die meisten Deutschen hatten das, was die Sieger über sie beschlossen hatten, nicht oder nur bruchstückhaft mitgekriegt. Nur die in der sowjetischen Besatzungszone wohnen, wissen, dass seit 10. Juni 1945 die „Lizenzparteien“ KPD, SPD, CDU und LPD – Liberaldemokratische Partei Deutschlands – unter sowjetischer Aufsicht Demokratie vortäuschen dürfen.


Anfang Juli 1945 übergeben britische und US-Truppen Thüringen, Sachsen sowie Teile Mecklenburgs und Brandenburgs an die Sowjets. Die Amerikaner und Briten ziehen in ihre von den Sowjets leergeräumten Westsektoren Berlins ein. Die Amerikaner übergeben das Saarland und das südliche Rheinland den Franzosen, Baden und Württemberg werden in eine amerikanische und französische Zone geteilt.


Inhaftiert wurden von den Amerikanern 95.250 Personen, von den Briten 64.500, von den Franzosen 18.983. Bis 1947 wurde davon in den Westzonen die Hälfte wieder entlassen, von den in der Sowjetzone Inhaftierten nur jeder Achte. Dort wurden aus der Gefangenschaft kommende Offiziere, vom Hauptmann aufwärts, grundsätzlich in Straflager verschleppt, ebenso Großbauern, Fabrikanten und andere "Faschisten und Kapitalisten". Der sowjetische Staatssicherheitsdienst NKWD beschickte die elf „Vorhöfe zur Hölle“ und die 28 Lager auf polnischem Gebiet mit Hunderttausenden. In Mühlberg zwischen Meißen und Torgau starben etwa 70 pro Tag, insgesamt etwa 7.000. In Sachsenhausen sollen es 27.000 gewesen sein. Die Mehrzahl waren Beamte, Richter, Ärzte. Die „Intelligenzia“ sollte dezimiert werden, wie es Stalin in der UdSSR gemacht hatte. Dabei versteckten sich die Sowjets hinter den alliierten Kontrollrats-Direktiven. Danach war nicht nur die Inhaftierung von Kriegsverbrechern, sondern auch die von Personen rechtens, die schuldlos, aber für die Alliierten „und ihr Ziel gefährlich sind.“ Insgesamt kamen in den sowjetischen Konzentrationslagern in der DDR bis zu deren Schließung um 1950 rund 60.000 um. Als die Lager geschlossen wurden, übergab die NKWD rund 15. 000 Häftlinge den DDR-Behörden, die sie in ihren Gefängnissen verschwinden ließ.


Die Amerikaner jagten alle Nazis, ob groß oder klein. Kriegsheld Patton, General Clay und andere warnten: Die „Entnazifizierung“ hemme den Wiederaufbau und verstoße gegen den Rechtsgrundsatz, dass Angeklagte bis zum Schuldbeweis als unschuldig zu gelten hätten. Die meinungsmachenden US-Politzirkel hatten befunden, die Deutschen müssten umerzogen, „re-educated“, werden. Man verlangte „Veränderungen im deutschen Denken, Glauben, deutscher Psychologie und im deutschen Charakter, wie  w i r  ihn uns wünschen.“* Dazu gehörte auch, dass unsere Geschichte auf die zwölf letzten Jahre reduziert und in der Schule durch "Gemeinschaftskunde" ersetzt wurde.


Leider fehlte uns auch diesmal wieder die bitter nötige Zivilcourage, um die Verzeichnungen, Verbiegungen und Unwahrheiten, die unpopulär Gewordenes überwucherten, richtigzustellen. Carlrichard Brühl hat in seiner "Geburt zweier Völker - Deutsche und Franzosen" unser beschämendes Defizit aufgezeigt: "Nicht genug damit, dass nach 1945 das Nationalgefühl ohnehin - und mit gutem Grund - schwersten Belastungen ausgesetzt war, hatte sich eine selbsternannte Clique von "Umerziehern" unter eifriger Assistenz der sogenannten Massenmedien und gewisser politischer Kreise (übrigens keineswegs nur auf der Linken) zum Ziel gesetzt, den Deutschen auch den letzten Funken von Nationalgefühl auszutreiben in der geradezu kindischen Erwartung, damit perfekte "Europäer" zu schaffen. De Gaulle hat da sehr viel nüchterner - und mit dem besseren historischen Verständnis - von der "Europe des patries" gesprochen. Es gibt in Deutschland eine bestimmte Sorte sogenannter Philosophen, Politologen, Soziologen, Pädagogen und sonstiger -gogen, denen solide historische Kenntnisse ein Dorn im Auge sind, und bei denen das Wort "Nationalgefühl", das sie in ihrer Dummheit oder Niedertracht natürlich sogleich mit "Chauvinismus" gleichsetzen, geradezu Schauder des Entsetzens auslöst. Diese Kreise sind eifrig bemüht, die Geschichtswissenschaft wo immer möglich, besonders natürlich in der Schule, zurückzudrängen, wobei die eigenen Minderwertigkeitskomplexe eine nicht zu unterschätzende Triebfeder bilden."


Natürlich durfte niemand sagen, dass die Ahnen dieser Sieger den US-Halbkontinent ihren Eigentümern geraubt und sie – bei Ankunft der Europäer schätzungsweise 8 Millionen – bis auf wenige Individuen ausgerottet hatten, oder darauf hinweisen, dass zu den Millionen umgebrachter Indianer „noch wenigstens – für Gesamtamerika – 50 bis 60 Millionen Schwarze“ zu addieren sind, „die dem Sklavenhandel erlagen“, und dass noch 1850 sogar in der Hauptstadt der USA Sklavenmärkte normal waren, auf denen man nicht nur Arbeitssklaven, sondern auch schwarze Frauen „zur Zucht“ versteigerte. Die nunmehrigen Sieger hatten Hitler auch die Vorlage für sein Eugenik-Programm geliefert: Bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurden über 60.000 Männer und Frauen zur "Schaffung einer überlegenen nordischen Rasse" zwangssterilisiert. Mittels eugenischer Gesetze befreiten sich "die Vereinigten Staaten von armen, einfältigen, kranken, kriminellen und - vor allem - farbigen Einwohnern."*


Der Fragebogen der US-Militärregierung enthielt auch Fragen, deren Beantwortung ohne Denunziation Anderer nicht möglich war. Allein in der US-Besatzungszone hatten ihn 13 von 19 Millionen auszufüllen. Als die Amerikaner 1,6 Millionen Fragebögen bearbeitet hatten, übertrugen sie die Entnazifizierung den 545 deutschen „Spruchkammern“, die nun die Macht hatten, einen Hitlerjungen zu entlasten, einen erst spät in „die Partei“ Eingetretenen als „Mitläufer“ einzustufen, einen Anderen zu Gefängnis oder Berufsverbot zu verurteilen. In der Sowjetzone wurden von der Besatzungsmacht durch ihre deutschen Helfer vier Fünftel der Richter und Staatsanwälte und über die Hälfte der Lehrer entlassen. Die, welche das sowjetische Militärregime als ihre Erfüllungsgehilfen jetzt in die Verwaltungen einsetzte, hatten sie aus dem Moskauer Exil mitgebracht wie Ulbricht und Genossen, oder sie mussten „antifaschistische“ – und das hieß kommunistische – „Verfolgte des Nazi-Regimes“ sein. Proletarische Abkunft war nützlich. Kinder eines Akademikers dagegen durften nicht studieren, auch wenn sie nur einen zivilen Beruf anstrebten.


Auf den Suchlisten der Sieger standen 23 „Hauptkriegsverbrecher“. Herzstück der amerikanischen Anklage war die Planung und Durchführung eines "Angriffskrieges" und die "Verschwörung" dazu. Diese Anschuldigung kannte nur das amerikanische Recht zur Mafia-Bekämpfung. Ihr Beginn wurde auf 1937 datiert, als Hitler den Generälen sein Vorgehen gegen Österreich und die Tschechoslowakei bekanntgegeben hatte. Weitere Anklagepunkte waren „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und „Kriegsverbrechen“. Am 1. Oktober 1946 sprach der „Internationale Militärgerichtshof“, der aber weder international noch ein Militärorgan, sondern nur ein Gericht der Sieger war, seine Urteile: Freisprüche für den früheren Reichskanzler v. Papen, den gewesenen Reichsbankpräsidenten Schacht und für Fritsche, einen Rundfunkpropagandasprecher. Zehn Jahre Haft bekam Großadmiral Dönitz, 15 Jahre der ehemalige Außenminister v. Neurath. 20 Jahre ins Gefängnis mussten Rüstungsminister Speer und der Gauleiter von Wien, v. Schirach. Lebenslange Haft bekamen Hitlers Stellvertreter Heß, der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine Raeder und Reichswirtschaftsminister und Reichsbankpräsident Funk. Zwölf frühere Partei- und Militärgrößen wurden zum Tode verurteilt: Reichsmarschall Göring wie auch Keitel, Chef des OKW, Jodl, Chef des Wehrmachtführungsstabes, Frank, Generalgouverneur von Polen, Frick, Reichsinnenminister bis 1943, dann Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, Kaltenbrunner, zuletzt Chef des Reichssicherheitshauptamtes, Ribbentrop, Reichsaußenminister, Rosenberg, Minister für die Ostgebiete, Sauckel, Bevollmächtigter für den Arbeitseinsatz, Seyß-Inquart, Reichskommissar für die Niederlande und Streicher, Herausgeber der antisemitischen Zeitschrift „Stürmer“. Gegen Bormann, Chef der Reichskanzlei, wurde in Abwesenheit verhandelt. Gehängt wurde in der Turnhalle des Nürnberger Justizpalastes, in dem der Prozess stattgefunden hatte. Als deutsche Zeugen mussten der bayerische Ministerpräsident Hoegner und der Nürnberger Generalstaatsanwalt Leistner zusehen.


Vielleicht hat es unsere Vertreter etwas getröstet, dass der US-Hauptankläger Robert Jackson eigene Mitschuld eingestanden hatte, als er sagte: Unsere „Verwüstung vom Rhein bis zur Donau zeigt, dass wir – gleich unseren Verbündeten – nicht ungelehrige Schüler gewesen sind.“* Auch in diesem Krieg hatte sich die alte Erfahrung bestätigt, dass Kriegführende einander in ihren negativen Eigenschaften ähnlich werden.


Die Bundesrepublik hat die Nürnberger Urteile nicht anerkannt, weil sie nicht geltendes Völkerrecht waren: Es wurde etwas zur Straftat erklärt, was früher rechtmäßig war. Bis dahin galt, was der preußische Kriegstheoretiker Clausewitz in dem griffigen Satz verewigt hatte, dass Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei. Jeder souveräne Staat hatte das Recht, einen anderen anzugreifen wie etwa Friedrich der Große gleich dreimal hintereinander Österreich anfiel. In Nürnberg dagegen wurde der Krieg zum Verbrechen erklärt. Allerdings ist es seither weder gelungen, den Begriff "Angriffskrieg" rechtlich brauchbar zu definieren, noch einen der zahlreichen seitherigen Kriegsanstifter deswegen zu verurteilen.


Der Konstrukteur dieser neuartigen Rechtssetzung, der US-Hauptankläger, hatte seinem Präsidenten aus dem zertrümmerten Deutschland - auch Nürnberg war zu "ninetyone percent destroyed", seine Bewohner "zu 70 Prozent tot oder geflohen"* - geschrieben, er werde sich bei seinem Urteil davon leiten lassen, "was das amerikanische Volk empfindet." Dieses Empfinden scheint sich pathologisch verändert zu haben: Präsident Bush jun. deutete seinen Angriffskrieg von 2003 gegen den Irak einfach zu einem Akt der Friedenssicherung um.*


In Nürnberg gab es noch weitere 12 Prozessrunden gegen Diplomaten wie den Außenministeriums-Staatssekretär v. Weizsäcker, gegen inhumane Ärzte und gegen Großindustrielle wie Krupp und Flick. Die Sowjets machten nicht mehr mit. Sie hatten zu befürchten, dass noch mehr über ihre Verbrechen herauskommen würde. Verurteilt wurde auch anderswo. In Dachau etwa. Außerdem verurteilten die Italiener, Polen, Tschechen, Briten und Franzosen, natürlich auch die Sowjets. Häufig galt Kollektivschuld; die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Truppenteil reichte bereits zu härtesten Verurteilungen. Aus den drei Millionen Kriegsgefangenen ließ Stalin 50.000 „Kriegsverbrecher“ für Schauprozesse aussortieren. In den Westzonen wurden insgesamt etwa 5.000 Kriegsverbrecher verurteilt, davon 806 zum Tode.


Die Deutschen fühlten sich „erlöst und vernichtet in einem“, so der spätere Bundespräsident Heuss. Es musste ihnen aber schwerfallen, sich wirklich „befreit“ zu fühlen. Ein Drittel Deutschlands wurde überhaupt nicht befreit, sondern einer neuen despotischen Herrschaft unterworfen. Und die 15 Millionen Deutschen, die gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben worden waren, konnten dafür die Bezeichnung „Befreiung“ nur als Verhöhnung werten. Immerhin waren die Deutschen durch das Ende dieses Krieges befreit von der ständigen Angst um Leib und Leben, der Angst vor Bomben und dem Beschuss von Tieffliegern, der Angst, von den Geschossen der „Stalin-Orgeln“ zerfetzt zu werden. Sie waren befreit von der Angst, dass der Mann, der Vater, der Sohn „für Führer, Volk und Vaterland“ sterben würde. Sie waren froh, doch noch davongekommen zu sein – wenn auch viele nur noch mit einem Arm oder einem Bein. Deshalb dachten sie auch an die, die auf unmenschliche Weise in den Konzentrationslagern umgekommen waren.


Die genaue Zahl der im NS-Herrschaftsbereich umgebrachten Juden ist nicht feststellbar. Die fast stets genannten 6 Millionen hat "Stalins mordlüstiger Greuelpropagandist Ilja Ehrenburg als erster 'Chronist' in die Welt gesetzt und damit die Masse aller in deutscher Hand befindlichen Juden als ermordet proklamiert." Nach Raul Hilberg , selbst Jude und kompetenter Holocaust-Forscher, sollen es 5,1 Millionen gewesen sein.* Er hat diese Zahl aus Dokumenten der SS addiert. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass diese Schergen wohl kaum zu niedrige Zahlen gemeldet, sondern übertrieben haben, da sie ja belobigt und befördert werden wollten. So referiert das Lexikon "Der Zweite Weltkrieg" wohl zutreffender: "Schätzungen sprachen von rund 5 Millionen." Ein Teil der Verfolgten konnte sich retten oder wurde gerettet. Der berühmte jüdische Religionswissenschaftler Lapide schrieb dazu 1967: "Die katholische Kirche ermöglichte unter Pius XII. die Rettung von mindestens 700.000, wahrscheinlich aber sogar von 860.000 Juden   ."


Den Österreichern war es gelungen, den Eindruck zu erwecken, dass sie gegen ihren Willen in das Hitler-Reich hineingezwungen worden waren. Während sich bei Kriegsende kilometerlange Flüchtlingstrecks zwischen Oder und Elbe über die Landstraßen quälten, fuhren die ehemaligen österreichischen Wehrmachtsangehörigen, mit rot-weiß-roten Fähnchen winkend, von den Siegern bevorzugt abgefertigt, in Zügen ihrer Heimat entgegen. Sie taten so, als hätten sie nicht mit Schwaben, Pommern, Berlinern, Bayern und Hessen auf Polen, Franzosen, Briten, Amerikaner und Sowjets geschossen. In der österreichischen Heimat freilich sah es nicht besser aus als in Deutschland. Österreich war ebenfalls in vier Besatzungszonen zerteilt, seine Hauptstadt auch. Dort gab es in der ersten Nachkriegszeit für jeden nur 806 Kalorien täglich.


Nach dem, was war, waren die österreichischen Identifikations-Probleme verständlich. Der aus dem Moskauer Exil zurückgekommene Ernst Fischer lässt einen Landsmann sagen: „Entschuldigen Sie, wissen Sie, wer ich bin? Ich weiß es nämlich nicht. Bin ich ein befreiter Österreicher oder ein geschlagener Deutscher? Die Russen haben meine Uhr geschnappt, also bin ich ein Verlierer. Aber sie haben mich befreit, auf dem Plakat hier steht’s: ‚Die Rote Armee kämpft nicht gegen das österreichische Volk, sondern für  ein freies, unabhängiges Österreich.‘ Also gehören wir halb zu den Gewinnern, fast eine kleine Siegernation. Uns hat der Deutsche besetzt, was können wir dafür, und jetzt befreit uns der Russe. Wenn uns doch wenigstens der Amerikaner befreit hätt‘ und Geld ins Land gebracht, und keine so beschissene Befreiung.“


Marschall Konew, der erste sowjetische Hochkommissar in Österreich, hatte der Regierung Renner mitgeteilt, man erwarte bei den ersten Wahlen mindestens ein Drittel der Stimmen für die kommunistische Partei. Doch die KP galt als „Russenpartei, und nach dem“, so Renner, „wie die Russen sich hier aufgeführt haben, hat sie keine Chance mehr.“*
Die Österreicher waren Anti-Sowjets. „Die Männer an der Macht leisteten hartnäckigen Widerstand gegen Besatzungsbefehle oder tricksten die ungleichen Alliierten gegeneinander aus.“ „Der niederösterreichische Bauernspross ‚Poldi‘ Figl (US-Urteil: ‚ungebildet‘)“ forderte in seiner Regierungserklärung, die weit umfangreicher war als die dem alliierten Rat vorgelegte, die Einheit Österreichs und die Beseitigung der Besatzungszonen. Im Dienste seines Landes soff er in nächtelangen Sitzungen „Dutzende von Sowjetgenerälen unter den Tisch.“*


Den westlichen Besatzern dämmerte, dass es ohne die Deutschen nicht weitergehen würde. Gemeinden, Städte und Kreise waren vorerst die einzigen Verwaltungen, die man ihnen anvertraute. Auf den Rat von Emigranten, Verfolgten des Nazi-Regimes und Pfarrern setzten sie Bürgermeister und Landräte ein. Schon Ende April holte ein Ami den SPD-Mann Wilhelm Kaisen von seinem Acker ins Bremer Rathaus. Den Altliberalen Reinhold Maier setzten die Amerikaner im August an die Spitze der Regierung des damaligen Landes Württemberg-Baden. In Köln holten sie den Zentrumsmann Adenauer  als Oberbürgermeister wieder in die Stadt, die er schon 1917 bis 1933 regiert hatte. Von diesen „Männern der ersten Stunde“ waren manche nur durch puren Zufall zu ihren Posten gekommen. Strauß  beispielsweise. Er war Chef der Stabsbatterie der Heeres-Flak-Schule Altenstadt bei Schongau gewesen. Schnell war er den Amerikanern als Dolmetscher unentbehrlich. Im örtlichen Geheimdienstchef gewann er einen Protektor. Mit der Wahl zum Landrat bestieg er die Treppe seines baldigen Aufstiegs. Adenauer dagegen wurde von den Briten aus dem Amt gejagt. Der zuständige Brigadier Barraclough schrieb an das Hauptquartier in Bünde: „… neige ich eher dazu, mir Adenauer wegen Unfähigkeit vom Halse zu schaffen als wegen politischer Unerwünschtheit.“* Pünder, der Kölner OB-Nachfolger, hat Barraclough als „Kommisskopp“ charakterisiert; er hatte ihn beauftragt, „rund um den Kölner Dom Kartoffeln anzubauen.“


Die Deutschen haben – obwohl das Dritte Reich formal noch besteht - noch keinen Staat. Noch sind politische Betätigung und Ansammlungen von mehr als sechs Personen verboten. Schon am 11. Juni 1945 wurde der unter der Leitung des KPdSU-Ideologen Schdanow ausgearbeitete KP-Gründungsaufruf verkündet: „Wir sind der Auffassung, dass der Weg, Deutschland das Sowjet-System aufzuzwingen, falsch wäre.“ Man wolle vielmehr eine „parlamentarisch-demokratische Republik  mit allen demokratischen Rechten und Freiheiten für das Volk.“ Das sollte die Genossen von der SPD locken, die von der Einheit der Arbeiterklasse träumten. Als Ulbricht das Programm vor Delegierten verlas, wollte einer wissen, worin es sich von dem anderer demokratischer Parteien unterschiede. Darauf Ulbricht: „Das wirst Du schon bald merken, Genosse!“*


Die Einheit der Arbeiterklasse wollten viele Genossen. Doch schon beim ersten Treffen des Berliner SPD-Zentralausschusses mit führenden Kommunisten wurde den Sozis verklart, jetzt sei die KP am Drücker. Der SPD-Vorsitzende Schumacher  wollte von einem Zusammengehen auch nichts wissen. Seine östlichen Genossen sah er  zutreffend als „Befehlsempfänger des Kreml.“ Auf der ersten Parteikonferenz der Westzonen-SPD hatten sich Schumacher und sein Parteivorstand im niedersächsischen Wennigsen im Bahnhofshotel versammelt. Die Delegation der Sowjetzonen-SPD wartete unter Führung von Grotewohl im Hinterzimmer eines anderen Gasthauses auf eine Aussprache mit Schumacher. Auf ihr Angebot zur Zusammenarbeit reagierte er gar nicht. Für ihn war die Einheit Deutschlands Vergangenheit. In diesem Punkt dachte er wie sein Rivale Adenauer. Dessen Partei, die CDU, die Christlich-Demokratische Union, wurde am 26. Juni 1945 gegründet. Im Kölner Kolpinghaus hatten sich am 17. Juni 20 Zentrumsleute zu einem völlig neuen Kurs entschlossen: „Raus aus dem katholischen Getto“ und Schulterschluss mit den Protestanten! Vom 14. bis 16. Dezember 1945 hatte man in Bad Godesberg „Reichstreffen".

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