1945 - 1947 1946

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Mit wenigen Ausnahmen hatten die Deutschen vorerst genug von Politik. Der Alliierte Kontrollrat verordnete ihnen im März 1946 einen Industrieplan. Er basierte auf dem Lebensstandard von 1932, als sich fast 20.000 das Leben genommen hatten, über 6 Millionen arbeitslos waren und deshalb 14 Millionen den damaligen Hoffnungsträger Hitler gewählt hatten. Dieser Plan schränkte die Industrieproduktion auf 50 bis 55 Prozent der Vorkriegsproduktion ein. Kriegswaffen und Kriegsausrüstung durften nicht produziert werden, nicht einmal Kugellager oder schwere Traktoren, auch keine Motorräder über 250 Kubikzentimeter. Die chemische Industrie wurde auf 40 Prozent herabgestuft, die Stahlproduktion noch mehr. Die Deutschen sollten nur 40.000 Autos haben, der abgerissenen Bevölkerung wurden für 1949 pro Kopf „10 Kilogramm“ Textilien und Bekleidung sowie „1,7 Paar“ Schuhe zugestanden.* 2.284 Industrieanlagen sollten demontiert werden: 185 in der amerikanischen, 496 in der britischen, 236 in der französischen und 1.367 in der sowjetischen Zone.


Ab Mitte 1946 durften Amerikaner Lebensmittel nach Deutschland schicken. Wer so ein CARE-Paket "von drüben“ bekam, fühlte sich für einige Zeit ins Paradies versetzt, denn illegal kostete in Berlin ein Kilo Mehl 11 Reichsmark, ein Kilo Bohnenkaffee 1.100 RM (Reichsmark, H.D.), 20 amerikanische Zigaretten 150 RM.


Eineinhalb Jahre nach Kriegsende durften amerikanische Soldaten deutsche Mädchen heiraten. Anfang des Jahres war die erste Gefangenenpost aus der UdSSR gekommen. Das VW-Werk hatte die Produktion des „Käfers“ aufgenommen. Die bescheidenen Erfolge auf dem Weg zur allmählichen Normalisierung brachte der eisige Winter 1946/47 zum Stillstand. Allein in Berlin erfroren 285 Menschen. Im Januar nahmen sich 200 Berliner das Leben. Der frühere US-Präsident Hoover, der sich in Deutschland umsah, war schockiert: „Die Masse des deutschen Volkes ist auf den niedrigsten Stand gekommen, den man seit 100 Jahren in der westlichen Zivilisation kennt.“ Mehr als die Hälfte der 6,6 Millionen Kinder und Jugendlichen und rund 18 Millionen „Normalverbraucher“ fand er „in erbärmlichem Zustand“. Konrad Adenauer, seit März CDU-Vorsitzender in der britischen Besatzungszone, befürchtete, „dass noch Millionen Deutsche sterben werden.“ Hoover stiftete die „Hoover-Speisung“: Schüler und Studenten bekamen täglich ein warmes Essen.


Niemals war der Brecht-Spruch „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ wahrer als damals. Der spätere Literatur-Nobelpreisträger Böll hatte „nie das geringste Bedenken zu stehlen“, und Kölns Kardinal Frings verkündete von der Kanzel, jeder kann sich, „um sein Leben und seine Gesundheit zu erhalten, das nehmen, was er dazu nötig hat.“ Stehlen hieß nun „fringsen“. Der Völkerbund hatte als Existenzminimum 2.400 Kalorien pro Tag veranschlagt, in der „Zuteilungsperiode“ vom 26. Mai bis 26. Juni 1947 gab es aber nur 738 Kalorien. Ein Witzbold erfand eine Zusatzfrage zum Entnazifizierungsfragebogen: „Gedenken Sie im Jahre 1948 noch zu leben? Wenn ja, wovon?“


Wer konnte, ging zum „Hamstern“ aufs Land. Bettbezüge und Bestecke waren längst in Essbares umgetauscht, man war nach langen Märschen oder Fahrten in überfüllten Bummelzügen mit brettervernagelten Fenstern auf die bäuerliche Mildtätigkeit angewiesen. Ein Pfund Quark, eine kleine Wurst, zwei Eier waren ganz seltene Tageserfolge. Man war zufrieden, wenn man ein paar Pfund Kartoffeln nach Hause brachte, einige Zuckerrüben, aus denen man, wenn man Holz und einen Kessel hatte, Sirup kochen konnte, oder ein Pfund Gerste, aus der man Ersatzkaffee rösten konnte. Die Ernährungsgrundlage war die Kartoffel. Sie musste in heute gar nicht mehr vorstellbaren Mengen gegessen werden. Im Herbst lauerten gierige Scharen am Ackerrand, bis der Bauer erlaubte, nach den Kartoffeln zu suchen, die seinen Lesern entgangen waren. Wenn das Getreide eingefahren war, ging man zum Ährenlesen und in den Wald zum Bucheckernsammeln. So kam man mit viel Mühe zu etwas Mehl und wenig Öl. Wer beim Bauern arbeiten konnte, saß wie die Made im Speck. Er konnte mitessen und bekam vielleicht für einen Tag Kartoffelroden einen halben Zentner Kartoffeln. Auf dem Schwarzmarkt konnte man dafür einiges eintauschen – wenn man nicht in eine Razzia der Polizei geriet.


Zur Relation Geldwert/Sachwert wusste die spätere Bundestagspräsidentin Renger folgende Geschichte: Ein Bergmann, der wöchentlich 66 Mark verdiente, hatte ein Huhn, das fünf Eier legte. Eins aß er selbst, die vier übrigen tauschte er gegen 20 Zigaretten. Die waren auf dem schwarzen Markt 160 Mark wert. Das Huhn „verdiente“ also fast dreimal soviel wie der Bergmann in sechs Tagen Schwerarbeit. Auf dem schwarzen Markt wurde alles angeboten, am 5. Juli 1947 in Berlin sogar ein "Neger-Baby" (damals war „Neger“ noch keine Beschimpfung; H.D.) gegen acht Doppelzentner Zucker und laufende Lebensmittelzuteilungen.


Von 100 Männern waren 92 unterernährt. In der britischen Zone hatte die Tuberkulose im Vergleich zu 1938 um 85 Prozent zugenommen. In Essen forderten die Massen die „Todesstrafe für Engros-Schwarzhändler durch sofortiges Erhängen.“* Am 3. April traten 300.000 Ruhrkumpel in einen 24stündigen Streik. Die Christliche Arbeiterjugend schickte der künftigen Königin Großbritanniens zur Hochzeit im November 1947 als Geschenk die Tagesration eines „Normalverbrauchers“: 300 Gramm Brot, 5 Gramm Fett, 12,5 Gramm Fleisch, 2 Gramm Käse, 40 Gramm Nährmittel.*

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