1948 - 1965 1948

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„Kein Ereignis der Nachkriegszeit hat sich tiefer in die kollektive Erinnerung der Nation eingegraben als die Währungsreform ... Sie war die Erlösung aus dem Elend, der Anfang eines ‚neuen Lebens‘! Eine ganze Generation teilte die Nachkriegszeit später in die Zeit ‚vor der Währung‘ und die Zeit ‚nach der Währung‘.“


Nach dem Waffenstillstand hatten die Amerikaner den Sowjets die Druckplatten für das deutsche Geld überlassen. Die Sowjets nutzten diese Torheit, um das Geld wertlos zu machen. Sie druckten Milliarden um Milliarden. Deshalb ließen die Amerikaner im Oktober 1947 in New York und Washington neues deutsches Geld drucken. Es wurde in 23.000 Kisten nach Bremerhaven verschifft, in acht Sonderzügen nach Frankfurt gebracht und dort im Keller der alten Reichsbank verstaut. Im April 1948 schickte General Clay 25 deutsche Finanzexperten nach Rothwesten bei Kassel für 49 Tage ins Konklave. Dort instruierte sie der 25-jährige US-Fliegerleutnant und gelernte Nationalökonom Edward Aaron Tenenbaum.


Am 18. Juni 1948, einem Freitag, verkündete nach strengster Geheimhaltung der Rundfunk: „Das erste Gesetz zur Neuordnung des deutschen Geldwesens ... tritt am 20. Juni in Kraft. Das neue Geld heißt Deutsche Mark.“ Jeder Einwohner der Westzonen erhielt 40 DM, Firmen erhielten 60 DM pro Beschäftigten. Die 70 Milliarden umlaufendes Geld waren zu 4,55 Milliarden geschrumpft. Löhne, Gehälter, Renten und Mieten waren fortan im Verhältnis 1:1 zu zahlen. Gewonnen hatten die Eigentümer von Grund und Boden, Häusern, Sachwerten und Produktionsmitteln, verloren hatten Lohn- und Gehaltsempfänger. Die Sparer waren enteignet worden.


Am Tag vor der Währungsumstellung versuchte jeder, sein altes Geld loszuwerden. „In den Apotheken verlangten manche Kunden für Hunderte von Mark Kopfwehpulver, Badesalz, Einmachtabletten oder Rattengift.“ Dauerwellen und Haarefärben wurden auf Vorrat gemacht. Die Handwerker verzögerten die Fertigstellung ihrer Aufträge. Am Tag nach der Währungsreform standen die Westdeutschen – durchschnittliches Lebendgewicht 59 Kilo – vor den Läden und staunten: Reis, Konserven, Würste und Delikatessen, Radios, Elektro- und Haushaltsgeräte, Schnäpse und Weine standen in den Auslagen und warteten darauf, gekauft zu werden. Woher kam das alles? Es war gehortet worden.

Jetzt kurbelten diese Waren die Wirtschaft an. Mit ihnen wurde jetzt gutes, teures Geld verdient.


Die Schieber des schwarzen Marktes meldeten sich am Tag nach dem Währungsschnitt scharenweise arbeitslos. „Mit dem Sturz der amerikanischen Zigaretten und Lebensmittel wurden über Nacht mehrere Tausend Mädchen, die sich illegal von Frankfurts einzigartigem Liebes-Schwarzmarkt nährten, mittellos, und warfen zum ersten Mal interessierte Augen auf deutsche Passanten.“


Anders als im besiegten Westdeutschland brauchte man in den Sieger-Ländern England und Frankreich weiterhin für fast alles Marken und Bezugscheine. So wäre es auch in Deutschland geblieben, wenn Wirtschaftsdirektor Erhard nicht felsenfest an die freie Marktwirtschaft geglaubt hätte. Er war über die Währungsreform nicht einmal unterrichtet worden. Sie war eine amerikanische Maßnahme gewesen. Doch er machte  sie zu dem Erfolg, der sie wurde – mit dem „Gesetz über die Leitsätze für die Bewirtschaftung und Preispolitik nach der Geldreform“. Fast alle Waren waren nun ohne Bezugschein zu haben. Wutentbrannt stellte ihn General Clay zur Rede. Er habe die alliierten Bewirtschaftungsvorschriften eigenmächtig abgeändert. Darauf Erhard: „Ich habe sie nicht abgeändert, ich habe sie aufgehoben.“


Erhard behielt recht mit seinem Glauben an die „soziale und freie Marktwirtschaft“, die jedoch nicht sozial und nicht einmal ganz frei war. Da der Nachholbedarf riesig, das Angebot aber klein war, kletterten die Preise. Obwohl die Nahrungsmittel noch rationiert waren, wurden sie bis Ende 1948 um ein Fünftel teurer, Bekleidung um ein Drittel. Die Löhne stiegen nur um 4,5 Prozent. Ein Industriearbeiter verdiente am Jahresende durchschnittlich pro Stunde brutto 1,13 Mark. Für ein Paar Schuhe musste er einen Wochenlohn hinblättern.


Bei der Währungsreform gab es 442.000 Arbeitslose, ein halbes Jahr später 937.000. 1950 werden es gar zwei Millionen sein, doch das wird dann auf die heimkehrenden Kriegsgefangenen und die nicht nachlassende West-Wanderung von Flüchtlingen zurückzuführen sein. Zweimal versucht die SPD den Reformer Erhard zu stürzen. Im November streiken 9 Millionen Arbeiter.


Am Tag nach der Währungsreform gab es noch eine zweite Schlagzeile: „Russen sperren Interzonengrenze.“ Sie blockierten den Zug-, Schiffs- und Straßenverkehr von und nach den Westzonen. Damit solle verhindert werden, dass im Westen wertlos gewordenes Geld nach Osten käme.


Am 23. Juni 1948 verfügten die Sowjets für ihre Zone ebenfalls eine Währungsreform, die sie auf ganz Berlin ausdehnen wollten. Berlin sei wirtschaftlich ein Teil ihrer Zone. Die Westmächte erklärten die Sowjet-Erlasse für nichtig und führten die West-DM auch in West-Berlin ein.


Da die Sowjets kein neues Geld gedruckt hatten, behalfen sie sich mit dem Überkleben der Reichsmarkscheine mit Kupons. Der Volkswitz nannte die neue Währung „Tapetenmark“. Es gab 70 DM-Ost „Kopfgeld“. Die Sparguthaben wurden gestaffelt umgetauscht: Bis 100 RM 1:1, bis 1.000 RM 5:1, der Rest 10:1. Dringlich war dieser Währungsschnitt nicht, denn die Sowjets hatten gleich nach Kriegsende alle Bankguthaben eingefroren und damit 70 Milliarden aus dem Verkehr gezogen.


Wie die USA und Westeuropa sich zusammenschlossen, scharte auch Moskau seine Satellitenstaaten um sich. Ende Februar 1948 hatten sich die Kommunisten in Prag an die Macht geputscht. Präsident Beneš, nach seinem Privatsekretär „der größte Machiavelli unserer Zeit“, hatte 1943 Stalin zugesichert, die Tschechoslowakei in die sowjetische Einflusssphäre einzubringen. Nun drängten ihn die Kommunisten zum Rücktritt und hielten ihn in Hausarrest. Masaryk junior, der letzte nicht-kommunistische Minister, war bereits umgebracht worden. Offizielle Todesursache: Selbstmord.*


Auf ihrer Außenministerkonferenz im Juni 1948 beschuldigten die Ostblockstaaten die West-Alliierten Deutschlands, die „Oder-Neiße-Friedensgrenze“ zu gefährden. Sie forderten eine  gesamtdeutsche „demokratische“ Regierung und einen Friedensvertrag. Sie erklärten, mit der Währungsreform hätten die Westmächte „eine wirtschaftliche Trennungsmauer zwischen den Westgebieten und dem übrigen Deutschland aufgerichtet.“ Der Grund der Beschwerde war: Schon zu Viele hatten die Sowjetzone verlassen. Die Machthaber mussten befürchten, dass sich ihr Staat noch weiter leeren würde. Das würde schwere wirtschaftliche Folgen haben. Da die Flucht aus dem Hinterland der „Zone“ über Berlin am leichtesten war, machten die Russen jetzt nicht nur die Westgrenze dicht, sie wollten auch die westliche Insel Berlin beseitigen.


Die Amerikaner waren in der Klemme. Berlin durfte nur von Hamburg, Hannover und Frankfurt angeflogen werden. Der Berliner US-Stadtkommandant machte sich keine Illusionen. Die beiden Bataillone würden von den Russen aufgerieben werden, bevor man ‚Politbüro‘ sagen könne. Das US-Kriegsministerium machte deshalb schon Pläne zur Evakuierung der Familien der GIs. Doch Clay beschwor seine Regierung: „Wenn wir beabsichtigen, Europa gegen den Kommunismus zu halten, dürfen wir uns nicht von der Stelle rühren. ... Falls Amerika das ... nicht begreift, ... wird ... der Kommunismus alles überrennen.“*


Am 23. Juni 1948 gingen in West-Berlin die Lichter aus. Die Sowjets schalteten das Kraftwerk ab, das die Stadt versorgte. Am folgenden Morgen legten sie den Straßen- und Schienenverkehr von Westen nach Berlin lahm. Die „technische Störung“ werde anhalten, bis der Westen seine Pläne für eine westdeutsche Regierung begraben habe.


Zwei Millionen Westberliner, 8.000 alliierte Soldaten mit 22.000 Angehörigen sitzen in der Falle. Ohne Washington zu fragen installiert Clay das größte Transportunternehmen der Geschichte, die Berliner „Luftbrücke“, die Versorgung Westberlins aus der Luft.  Am 25. Juni landen die ersten 36 Transportflugzeuge in Berlin. Die kleinen Propellermaschinen, von den Eingeschlossenen „Rosinenbomber“ genannt, bringen 80 Tonnen Lebensmittel. Doch das war nur ein Tropfen. Clay erwägt deshalb, mit einem bewaffneten Konvoi den Berlin-Zugang zu erzwingen. Rückzug wurde in Regierungskreisen ebenso erwogen wie der Einsatz der Atombombe. Am 28. Juni spricht Präsident Truman ein Machtwort: „Wir sind in Berlin, und da bleiben wir. Punktum.“


Als die Berlin-Blockade beginnt, hat West-Berlin nur für 36 Tage Lebensmittel. Der nötigste Tagesbedarf betrug 4.000 Tonnen plus 500 Tonnen für die Alliierten. Die Transportkapazität betrug jedoch nur 500 bis 700 Tagestonnen. Den USA blieb nichts übrig, als alle ihre Maschinen in den Berlin-Einsatz zu schicken. Die Briten machten mit, die Franzosen nicht.
Die eben noch verfeindeten Amerikaner und die Deutschen des westlichen Vorpostens waren entschlossen, der sowjetischen Strangulation zu widerstehen. Der Flughafen Tempelhof bekam eine zweite und eine dritte Rollbahn, der Flughafen Gatow wurde erweitert, der Flughafen Tegel mit 19.000 meist Arbeitslosen in 85 Tagen auf die Wiese gezaubert. Dann waren beispielsweise auf der Strecke Frankfurt-Berlin ständig 32 Flugzeuge in fünf Ebenen übereinander gleichzeitig in der Luft. 500 Flugzeugbesatzungen waren im Einsatz.* Besonders bei schlechtem Wetter war das gefährlich, weil die Maschinen noch kein Radar hatten.


Die Berliner „Insulaner“ verhungerten zwar nicht, aber sie wurden auch nicht satt. „In der kommenden Woche“, machte ein Elektritätswerk bekannt, „wird es zu folgenden Stunden Strom geben: Von 9-11 und von 20-22, am Sonntag, Dienstag, Donnerstag und Sonnabend.“ Also musste nachts zum Arzt und zur Dauerwelle gegangen werden. Die Zwei-Milliarden-Mark-Luftbrücke schaffte in fast 200.000 Flügen 1,44 Millionen Tonnen Fracht nach Berlin, zwei Drittel davon war Kohle – das damals wichtigste Heizmaterial. Doch auch ein Kraftwerk war dabei. Es war eine fliegerische und eine logistische Meisterleistung "und eine beispiellose Hilfsaktion für den Feind von gestern, die auch ein Propagandaziel hatte: die Menschen einzuschwören auf den Westen." Sie war auch der Auftakt zu einem "Konflikt, wie es ihn in der Geschichte der Menschheit nie zuvor gegeben hatte: Cold War, Kalter Krieg."*


Oberbürgermeister von West-Berlin war der Sozialdemokrat Ernst Reuter. Erst kürzlich war er aus dem türkischen Asyl zurückgekommen. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte ihn Lenin zum Kommissar der Wolga-Republik gemacht. Dann war er Generalsekretär der KPD gewesen. Jetzt hielt er vor 300.000 Berlinern eine Rede, die ihn und die Stadt berühmt machte: "Ihr Völker der Welt ... schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft.“ Am 12. Mai 1949 gaben die Sowjets auf. Es war ihre größte Niederlage seit Kriegsende.


Der westdeutsche Staat war am 1. September 1948 im Lichthof des naturkundlichen Museums König in Bonn vom „Parlamentarischen Rat“ gezeugt worden. „Wohl kaum hat je ein Staatsakt, der eine neue Phase der Geschichte eines großen Volkes einleiten sollte, in so skurriler Umgebung stattgefunden. ... Unter den Bären, Schimpansen, Gorillas ... kamen wir uns ein wenig verloren vor.“ Man hatte sich versammelt, um die Erarbeitung des „Grundgesetzes“ zu beginnen. Zum Präsidenten dieses Vorparlamentes hatte man Konrad Adenauer gewählt. Für die Deutschen und die Besatzungsmächte wurde er damit zum ersten Mann des zu schaffenden Staates der 47 Millionen Westdeutschen.


Die Franzosen wollten den künftigen Staat noch immer möglichst schwach, die Briten und die SPD wollten einen Zentralstaat. Über allem lag der Schatten der Weimarer Republik.

Jetzt wollte man es besser machen. An die Stelle des damals mächtigen Reichspräsidenten setzte man einen machtlosen Bundespräsidenten. Dagegen stärkte man den Bundeskanzler und den Bundestag. Deutschland bekam eine „Kanzlerdemokratie“, eine „repräsentative“ Demokratie ohne die Möglichkeit von Volksbegehren und Volksentscheiden. Den Bayern und der hannoverschen Welfenpartei ging der Föderalismus nicht weit genug. Das Gesetz sollte nur für eine Übergangszeit gemacht werden. Das geteilte Deutschland sollte ja wieder eins werden, deshalb stellte man dem Grundgesetz eine mahnende Präambel voran: „Das ganze deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.“

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