1948 - 1965 1949

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Ähnlich vorläufig dachte man über die künftige Hauptstadt. Favorit war Frankfurt, der Sitz der Trizonenverwaltung. Doch Adenauer wollte Bonn. Er war am anderen Rheinufer in Rhöndorf zu Hause. Viele Legenden bekunden, was man dem Taktieren des „Alten“ zutraute. Die Tatsachen sind jedoch gar nicht geheimnisvoll: Der Chef der Staatskanzlei der nordrhein-westfälischen Landesregierung hatte angefragt, ob Bonn die Verfassunggebende Versammlung der drei westlichen Besatzungszonen für zwei bis drei Monate aufnehmen würde. Am 10. Mai 1949 wurde Bonn tatsächlich „Bundes-Hauptdorf“. Dieses Ergebnis sei jedoch nur zustandegekommen, weil „einige Abgeordnete der Bayernpartei entgegen dem Beschluss ihrer Fraktion für Bonn votierten, wobei Beträge zwischen 1.000 und 20.000 DM ... eine Rolle gespielt haben sollen.“ Man fragte: Was unterscheidet Bonn von Chicago? Antwort: Es ist halb so groß wie der Friedhof von Chicago, aber doppelt so tot.


Am 23. Mai fand dort die Geburt der Bundesrepublik statt. Adenauer: „Gemäß Artikel 145 verkünde ich im Namen und im Auftrag des Parlamentarischen Rates unter Mitwirkung der Abgeordneten Groß-Berlins das Grundgesetz.“ Jetzt ging es um das Parlament. Es wurde ein erbitterter Wahlkampf. Zentrales Thema war die Wirtschaftspolitik. Die CDU/CSU wollte Erhards Marktwirtschaft fortsetzen. Die SPD kämpfte für die Verstaatlichung der wichtigsten Wirtschaftszweige.


Um die 402 Sitze im Bundestag bewarben sich 16 Parteien und 70 parteilose Kandidaten. Am schwersten hatten es die Kommunisten. Die Politik der Sowjets schadete ihnen. Zudem sperrten die Briten den KP-Chef ein, weil er politische Gegner wegen ihrer Zusammenarbeit mit den Besatzern verleumdet hatte. SPD-Chef Schumacher war in seinem „Amoklauf gegen alle Andersdenkenden“ nicht zu bremsen, schrieb die NEUE ZÜRICHER ZEITUNG. Adenauer nannte er „Lügenauer“. Er griff die Besatzer an und nannte die Kirchen die „fünfte Besatzungsmacht“. Schumacher war davon überzeugt, dass seine SPD die erste Regierung stellen würde. Doch stärkste Partei wird mit 31 Prozent der Stimmen die CDU/CSU. Die SPD erhält 29,2 Prozent. Die FDP, die Freien Demokraten, bringen es auf 11,9, die Kommunisten auf 5,7 Prozent. Mit dem ersten Bundestag ist die „Bundesrepublik Deutschland“ konstituiert.


Adenauer bereitet nach dem Wahlsieg seine Wahl zum Bundeskanzler vor. Da es noch keine entscheidungsbefugte CDU/CSU-Parteiorganisation gab, lud Adenauer wichtige Parteifreunde in sein Haus ein. In dieser Runde, zu der er Gegner seiner Politik nicht einzuladen brauchte und in der er als Hausherr auch das erste Wort beanspruchen konnte, soll er sich selbst als Bundeskanzler vorgeschlagen haben: "Man hat mich dazu vermocht, mich für die Stellung des Bundeskanzlers zur Verfügung zu stellen ..." So jedenfalls hat es der Chef der damaligen Zwei-Besatzungszonen-"Regierung", Dr. Pünder, mitstenographiert.


Da der Bundespräsident den Kanzler vorzuschlagen hatte, kam Adenauer auf diese für ihn ausschlaggebende Person zu sprechen: „Als zweitstärkste Fraktion in der kommenden Regierung sollte ihn die FDP stellen. Ich schlage Professor Heuss  ... vor.“ Jemand wandte ein: „Professor Heuss ist nicht gerade kirchenfreundlich.“ „Aber er hat eine sehr fromme Frau“, beschied ihn Adenauer, „das genügt.“ Heuß wurde dann tatsächlich Bundespräsident, und er schlug dem Parlament Adenauer  als Bundeskanzler vor. Drei Tage später bekam er gerade die erforderliche Stimmenzahl, keine mehr. „Später fragte man mich, ob ich mich selbst gewählt hätte. Ich antwortete: ‚Selbstverständlich‘, etwas anderes wäre mir doch als Heuchelei vorgekommen."


Eine Woche nach seiner Wahl empfingen die Hochkommissare McCloy, Robertson und Francois-Poncet den Bundeskanzler auf dem Petersberg bei Bonn. Sie überreichten ihm das „Besatzungsstatut“, das von den Deutschen zwar als Druckmittel empfunden wurde, das aber doch ein erster Schritt auf dem Wege zur staatlichen Selbständigkeit war. Um diesen kleinen Souveränitätsgewinn zu demonstrieren, stellte sich Adenauer auf den Rand des großen Teppichs, der den Hochkommissaren vorbehalten war. Noch immer hatten solche Gesten ihre Symbolkraft nicht ganz verloren.


In der Sowjetzone hatte man sofort nachgezogen. Während im Westen die staatlichen Strukturen in langwierigen Schritten durch Verhandlungen und Abstimmungen geschaffen werden mussten, ging das in Ostdeutschland einfacher. Die Zentralgewalt spielte die weit größere Rolle. Die Volksvertretung, die Ländervertretung, die Verfassung, die Regierung, ja sogar das Staatsoberhaupt waren schon da. Ein einfaches Gesetz hatte die „Provisorische Volkskammer“ zur „Volkskammer“ gemacht und so die vorgefertigten Strukturen legalisiert. Die Volkskammer, das Parlament, wird mit einer Einheitsliste gewählt, eine Wahl, die keine ist. Sie ergibt immer erdrückende Mehrheiten. Die neben der eigentlichen Regierungspartei SED erlaubte CDU (Ost) und die LPD haben sich bereits unterworfen. Sie sind nur noch dazu da, durch ihr bloßes Vorhandensein die demokratische Staatsform vorzutäuschen. Um der in die SED hineingezwungenen SPD ein Bonbon vor den Mund zu halten, wird der frühere SPD-Funktionär Grotewohl die Regierung bilden, der Altkommunist Pieck wird  Präsident. Während die Staatsgründung im Westen bescheiden abläuft, veranstaltet die SED einen pompösen Fackelzug Unter den Linden.


Nun gibt es zwei deutsche Staaten. Obwohl man erst drei Jahre auseinander ist, ist schon alles anders: Im Westen ist man demokratisch und kapitalistisch, im Osten bolschewistisch und planwirtschaftlich. Beide Staaten haben nur eine Gemeinsamkeit: Sie sind nicht souverän.


Die Bundesregierung veröffentlicht sofort eine Erklärung, in der die Einsetzung der „Sowjetregierung“ als rechtswidrig bezeichnet wird, da sie nicht auf freien Wahlen beruhe. In seiner Regierungserklärung sagt es Adenauer nochmals: „In der Sowjetzone gibt es keinen freien Willen der Bevölkerung. ... Das, was jetzt dort geschieht, wird nicht von der Bevölkerung getragen und legitimiert. ... Die Bundesrepublik Deutschland stützt sich dagegen auf die Anerkennung durch den frei bekundeten Willen von rund 23 Millionen stimmberechtigten Deutschen. Die Bundesrepublik Deutschland ist somit bis zur Erreichung der deutschen Einheit die alleinige legitimierte staatliche Organisation des deutschen Volkes.“ Das ist der „Alleinvertretungsanspruch“, den die Bundesrepublik erhebt, der sehr lange und nicht immer glücklich ihre Politik bestimmt. Die Bundesrepublik will die Erbin des Deutschen Reiches sein, und die West-Alliierten stimmen dem ausdrücklich zu.


Adenauer macht sofort „Kanzlerdemokratie“ – mit maximaler Autorität und demokratischem Minimalismus. Ohne den Bundestag zu beteiligen, handelt er im November 1949 mit den Hochkommissaren das „Petersberger Abkommen“ aus: Die Bundesrepublik kann völkerrechtliche Verträge abschließen, sie wird der internationalen „Ruhrbehörde“ beitreten, die Alliierten werden dafür bedeutende Unternehmen ganz oder teilweise undemontiert lassen. Das kann sich sehen lassen. Die noch immer über ihre Niederlage geschockte SPD protestiert, es sei ein Geschäft der westdeutschen mit der französischen Großindustrie, das sich gegen die Interessen der deutschen Arbeitnehmer und das deutsche Nationalinteresse richte. Schumacher nennt Adenauer den "Kanzler der Alliierten“.


Sein Nachfolger als Kölner Oberbürgermeister, Pünder, hat ihn 1948 charakterisiert: "Er ist unzuverlässiger als ein Franzose, verlogener als ein Engländer, brutaler als ein Amerikaner und undurchsichtiger als ein Russe - also der gegebene Staatsmann für unser geschlagenes und misshandeltes Volk." Selbst Churchill hat ihn anerkannt. Er sei der "größte deutsche Staatsmann seit Bismarck."


Man wird es als Glücksfall für das damalige Westdeutschland ansehen können, dass sein politischer Wille mit dem gerade hochkommenden Anti-Kommunismus der West-Alliierten harmonierte. Als klerikaler Katholik war er selbstverständlich Anti-Kommunist und auch allen „roten“ Parteien nicht grün. Wie die meisten Angehörigen der rheinischen Oberschicht war er antipreußisch. Das Überlegenheitsgefühl des im „alten Kulturland“ Wurzelnden verleitete ihn, das junkerlich geprägte "Kolonialland" und seine Menschen abzuqualifizieren: "Ein Preuße ist ein Slawe, der vergessen hat, wer sein Großvater war."


Auch aus dieser Einstellung heraus hatte er schon nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg versucht, die hundert Jahre zuvor zu Preußen gekommenen Westprovinzen von ihm zu lösen. 1919 hatte er gesagt: "Würde Preußen geteilt werden, die westlichen Teile Deutschlands zu einem Bundesstaate der 'Westdeutschen Republik' zusammengeschlossen, so würde dadurch die Beherrschung Deutschlands durch ein vom Geist des Ostens, vom Militarismus beherrschtes Preußen unmöglich gemacht. ... Diese westdeutsche Republik würde ... in dem neuen Deutschen Reiche eine bedeutungsvolle Rolle spielen und demgemäß auch die außenpolitische Haltung Deutschlands in ihrem friedensfreundlichen Geist beeinflussen können." Jetzt wird dieser Plan von ihm, der nun die Richtung der Politik bestimmen kann, zur Westintegration des neuen deutschen Staates weiterentwickelt werden.


Das Eingehen der Bundesrepublik in „den Westen“ war aber nicht nur Adenauers Konzept. Auch die West-Alliierten wollten es, weil sie Westdeutschland brauchten. Adenauer war deshalb der richtige Mann zur richtigen Stunde, aber eben nicht nur für die Alliierten, sondern auch für die West-Deutschen. Das demagogische Wort des Oppositionsführers über den Kanzler war der Ausdruck für das Duell zwischen Schumacher und ihm, das den ersten Bundestag beherrschte, zwischen Persönlichkeiten, wie sie verschiedener nicht sein konnten. Schumacher war asketisch, ein Eiferer und Fanatiker mit schneidender Schärfe. Adenauer war „eine Mischung aus väterlicher Fürsorge, schulmeisterlicher Strenge und klugem Menschenverstand, die ihm ohne offensichtliche Anstrengung gelang.“ Er war ein Meister der witzigen Replik, mit der er manchen Zwischenrufer dem Gelächter preisgab, aber er war kein besonderer Redner. Schumacher meinte abschätzig: „Goethes Wortschatz hatte 29.000 Wörter. Herr Adenauer verfügt nur über 500.“ „Und wenn er 200 Worte mehr kennen würde“, erwiderte ein CDU-Mann, „würde er sie nicht brauchen. Das ist doch gerade seine Stärke.“


Der Wahlsieg Adenauers war auch eine Folge der Angst vor den Russen. Die Amerikaner und Briten hatten nach dem Waffenstillstand ihre Truppen bis auf Reste nach Hause geholt. Die Sowjets dagegen hielten in ihren Zonen in Deutschland und Österreich starke Verbände unter Waffen. Seit 1948 gab es in der Sowjetzone auch die „Kasernierte Volkspolizei“. 1949 hatte sie 47.750 Mann, ein Jahr später schon 60.000, dazu kamen 32.000 Mann Grenz- und Transportpolizei und Einheiten des bald berüchtigten „Stasi“, des „Staatssicherheitsdienstes“.


Die Amerikaner wünschten bald deutsche Hilfe. Dies war schon Gegenstand des Gespräches von US-Außenminister Acheson im November 1949 mit dem Bundeskanzler. Der dachte dann kaum drei Wochen später in einem Interview mit dem CLEVELAND PLAIN DEALER lesbar nach (weil er wusste, dass der US-Präsident das Provinzblatt beim Frühstück las; H.D.): West-Deutschland werde zur Verteidigung Europas beitragen müssen! Stünden die Russen erst einmal am Rhein, sei es zu spät. Noch waren viele Kriegsgefangene nicht zurück, noch hatte man die Schwüre von Dutzenden von Politikern im Ohr, dass jede Hand verdorren solle, die noch einmal ein Gewehr anfasse. Noch im Petersberger Abkommen vom November 1949 musste die Bundesregierung erklären, „die Entmilitarisierung des Bundesgebietes aufrechtzuerhalten und ... die Neubildung irgendwelcher Streitkräfte zu verhindern.“ Ein paar Tage später erließen die Alliierten sogar noch ein Gesetz, welches das, was der US-Außenminister mit dem Kanzler schon geplant hatte, mit lebenslanger Haft bedrohte.


In der Bundesrepublik kündigte sich das „Wirtschaftswunder“ an. In Frankfurt findet 1949 die erste Buchmesse statt. Der Verlag Rohwohlt revolutionierte den Buchmarkt mit der Herausgabe von Literatur in der Billigpackung, wie das schon lange vorher der Reclam-Verlag gemacht hatte. Als rororo-Taschenbuch 1 erschien „Kleiner Mann, was nun?“
Bis dahin hatte es theoretisch zwei politische Möglichkeiten gegeben: Entweder die Teilung Rest-Deutschlands mit Bindung der zwei Teilstaaten an die USA beziehungsweise an die UdSSR oder die Neutralisierung Deutschlands. Diese Entscheidung war den Deutschen von den Siegern abgenommen worden: Die Sowjets, aber auch die West-Alliierten betrachteten ihre Besatzungszonen als zu ihrem Einflussbereich gehörig. Sie hatten so die Deutschen unter Kontrolle, außerdem hatte man Anteil am deutschen Wirtschaftspotential, jeder hatte seine Einflusszone vergrößert und keine Seite konnte in die Sphäre der anderen hineinwirken.

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