1948 - 1965 1953

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1953 wird der zweite Deutsche Bundestag gewählt werden. Adenauer will Kanzler bleiben. Um Punkte zu sammeln und um sich mit dem neuen Präsidenten bekanntzumachen, fährt er in die USA. Dies ist Eisenhower . Sein Außenminister ist John Foster Dulles. Er und Adenauer werden Freunde. Eine Zeitung wählt ihn zum „Mann des Jahres“.


Anfang März waren an einem  einzigen Tag 6.000 Menschen aus der DDR nach Westberlin geflohen. Sie hatten keine Zukunftsperspektiven mehr gesehen. Dazu noch der Leistungsdruck des „Hennecke-Systems“. Dieser Hauer hatte sein Produktions-Soll um 83 Prozent übererfüllt und war deshalb der erste „Held der Arbeit“ geworden. Man wollte alles „leistungsbedingt“ machen, den Lohn wie den Urlaub. Bis zum Ende der DDR wird man jedes Jahr und in jeder Branche alles „übererfüllen“. Man wird die Produktions- und Leistungszahlen fälschen und sich so ständig selbst Sand in die Augen streuen. Entscheidende Fortschritte werden deshalb trotz vorgeblicher Plansoll-Übererfüllung ausbleiben.

Dazu kommt die politische Unterdrückung. Keiner traut sich, seine Meinung über die miesen Zustände zu sagen. Die Führung tut so, als wäre an den Schwierigkeiten nur der „Klassenfeind“ im kapitalistischen Westen schuld. Aber wenn man kräftig zupacke, würde es morgen besser werden. Nur der Sozialismus garantiere den Fortschritt. Und überhaupt: Das Leben im „Arbeiter- und Bauernstaat“ sei ohnehin das beste.


Nach Stalins Tod erwarteten die Menschen der DDR ein besseres Leben. Doch die erhoffte Senkung der Arbeitsnormen blieb aus. Walter Ulbricht, der Einpeitscher des „Aufbaus des Sozialismus“, wollte aus seinen „Werktätigen“ noch mehr herausholen. Ende Mai 1953 verfügte die DDR-Regierung eine zehnprozentige Anhebung der Leistungsnormen. Das bedeutete für die DDR-Arbeiter eine Lohnkürzung um ein Drittel. Ein Bauarbeiter verdiente im Monat etwa 600 Ostmark. Ein Pfund Butter aber kostete 10 Mark, ein Kilo Rindfleisch 15 Mark. Die „Zuteilungen“ durch die Lebensmittelkarten, die es noch immer gab, waren zwar billiger, aber nur ab und zu tatsächlich zu kaufen. Die Anhebung der Normen war jetzt der letzte Tropfen in das schon randvolle Fass des Unmuts.


Am 5. Juni 1953 erschien in Ostberlin der neue sowjetische Hochkommissar Semjonow. Er diktierte dem SED-Politbüro einen neuen Kurs: nicht nur Konzessionen an bürgerliche Bevölkerungsschichten, sondern auch ein Reuebekenntnis. Am 11. Juni steht es im NEUEN DEUTSCHLAND, dem Sprachrohr der SED: Man habe in der Vergangenheit Fehler gemacht. Ulbricht ist praktisch schon abgesetzt. Herrnstadt, Chefredakteur des NEUEN DEUTSCHLAND und Zaisser, Staatssicherheitsminister, haben Auftrag, ein neues Politbüro zusammenzustellen und ein Programm zu formulieren. Die Leitlinien hatte Semjonow mitgebracht. Jubelte ein Spitzengenosse: „Es ist geschafft. Wir fangen ganz neu an – und im Hinblick auf ganz Deutschland: Das ist die größte Wendung in der Geschichte der Partei.“* So schien es. „Moskau bot den Westmächten praktisch die DDR als … Preis für die Schaffung eines neutralisierten Gesamtdeutschland, als Faustpfand für Ruhe an den Westgrenzen der Sowjetunion.“ Von diesem „neuen Kurs“ mit einem gemäßigten Kommunismus versprach sich die Sowjet-Spitze eine neue Chance, in Westdeutschland Fuß zu fassen. Malenkow  und die Anhänger Berijas  waren mehr als bisher an einer Expansion in Asien interessiert. Dafür brauchten sie im Westen Rückenfreiheit.


Noch hat Herrnstadt sein neues Politbüro nicht beisammen, da bricht sich die aufgestaute Wut Bahn. Bauarbeiter auf der Ostberliner Stalinallee verlassen ihre Baustelle und ziehen zum „Haus der Ministerien“ in der Leipziger Straße. Ständig erhält die Demonstration Zulauf. Am Ziel sollen es mehr als 10.000 gewesen sein. Der Auslöser war ein Artikel im Zentralorgan des Gewerkschaftsbundes TRIBÜNE. Hatte am 14. Juni das NEUE DEUTSCHLAND die Normenerhöhung scharf kritisiert, so lasen die Arbeiter am 16. Juni das Gegenteil: „Die Beschlüsse über die Erhöhung der Normen sind ... richtig ... und mit aller Kraft durchzuführen.“ Übereifrige Funktionäre wollten ein Gelöbnis der Bauarbeiter in der Stalinallee, freiwillig die Normen zu erhöhen. Das war zu viel.


Mit Windeseile flog die Nachricht vom Aufstand durch die DDR. Am nächsten Tag, dem 17. Juni, greift er wie ein Buschfeuer um sich. In jeder Stadt kommt es zu Massendemonstrationen. Man fordert freie und geheime Wahlen, bessere Arbeitsbedingungen und: „Der Spitzbart (Ulbricht; H.D.) muss weg!“ Der muss jetzt von den Sowjets gestützt werden, wollen sie nicht das Gesicht verlieren. Wie die Volkspolizei sind auch die Sowjets von der Heftigkeit der Revolte überrascht worden. Erst im Laufe des 17. Juni entschließen sie sich, ihre Truppen einzusetzen. 267 Arbeiter und 116 SED-Funktionäre kommen um. 92 DDR-Bürger sollen standrechtlich erschossen worden sein, 14 weitere hingerichtet. 1.200 angebliche oder tatsächliche Aufstandsteilnehmer sollen zu insgesamt 6.000 Jahren Zuchthaus, Arbeitslager oder Gefängnis verurteilt worden sein und 7.000 verschwanden einfach.*


Mit dem 17. Juni war der Widerstand keineswegs zu Ende. Nicht wenige Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften lösten sich auf, in 10 Prozent der LPGs, in die sie hineingepresst worden waren, erklärten Mitglieder ihren Austritt. Im VEB  Carl Zeiß in Jena übergaben streikende Arbeiter der Betriebsleitung 33 Forderungen. Punkt 1: „Freie geheime Wahlen für die Einheit Deutschlands“, Punkt 33: Abbau der hohen Funktionärsgehälter.


So stürmisch der Aufstand auch war, er führte zu nichts, denn er war ganz und gar unorganisiert. Wer hätte ihn auch organisieren sollen? Das herrschende SED-Regime hatte alle Kräfte, die dazu in der Lage gewesen wären, ausgeschaltet. Den Opponenten – im Jargon der Herrschenden: den „Feinden der Arbeiterklasse“, „Saboteuren“, „Agenten des Klassenfeindes“ – hatte man nicht nur alle Mitwirkungs- und Entwicklungsmöglichkeiten genommen, man hatte ihnen auch die Lebensmittelkarten entzogen. Da niemand so viel verdienen konnte, dass er ohne „Karten“ hätte leben können, war für sie die Hoffnungslosigkeit zur Lebensbedrohung geworden. Ihnen war nichts übriggeblieben, als sich in den Westen zu retten. „Dieser Weg enthob das Regime der Notwendigkeit, die Menschen, die es proletarisierte, entweder erhalten, umbringen oder dem Hungertode ausliefern zu müssen.“ Schon bis Ende 1949 waren eine halbe Million aus der DDR abgewandert. So hohe Einwohnerverluste hatte es im Frieden in zivilisierten Ländern noch nie gegeben. Die Entvölkerung war zuerst durch die Rückkehr von Kriegsgefangenen kompensiert worden.


Zur psychischen Destruktion der Bevölkerung kam die Ausräumung, die weit mehr als die Demontage in den Westzonen war. Die Sowjets entnahmen der nur beschwerlich laufenden Produktion hohe Anteile der Güter. Sie fehlten der Bevölkerung. Bis 1961 habe die DDR Verluste von 120 Milliarden erlitten durch Reparationen und "für den Unterhalt, die Erziehung und Ausbildung der abgeworbenen Kader“ – wie es Ulbricht auslegte. Er hätte noch die Verluste durch den Tod hinzuzählen müssen. Ein Bericht von 1949  illustriert das: „Die Sowjetzone ist in der ganzen Welt das einzige größere Gebiet, dessen Bevölkerung abnimmt ... durch den Tod und durch die Abwanderung, die zum Teil eine Flucht vor dem Tod ist. Im Jahre 1946 betrug die Sterbeziffer 23 je Tausend ... . Die Geburten machten nur 11 je Tausend aus, so dass ein Sterbeüberschuss von 12 je Tausend entstand. Das ist ... eine Abnahme, ... die einzigartig in der Welt“ ist.


Zwar war am 17. Juni 1953 für die ganze Welt die Schwäche des Regimes offenbar geworden, aber die Aufrührer hatten gerade das Gegenteil dessen erreicht, das sie gewollt hatten. Der eigentlich schon erledigte Ulbricht saß fester im Sattel als zuvor. Am 28. Juli 1953 wird er „Erster Sekretär des Zentralkomitees der SED“ und damit offizieller Staatslenker. Nach einem kurzen Zwischenspiel Malenkows wird Nikita Chruschtschow  Stalins Nachfolger. Der "Liberalisierer" Berija wird hingerichtet. Er habe, schrieb die PRAWDA, in der Deutschlandfrage „eine Kapitulationspolitik betrieben, die letztlich zur Restauration des Kapitalismus geführt hätte.“


In der DDR kann nach wie vor niemand sagen, was er denkt, wenn sein Denken nicht den vorgegebenen Parolen folgt. „Die Zone ist zu einer alltäglichen Diktatur ohne die blutige Unmenschlichkeit der ersten Jahre geworden ...“ Weil das so ist, wird die DDR weiter ausbluten, denn mit der zunehmenden Aufwärtsentwicklung Westdeutschlands verstärkt sich das Gefälle. Die über Jahre anhaltende Massenflucht wird den Machthabern der DDR ihr Volk zu hohen Anteilen entziehen. Mit diesem Substanzverlust schwinden Produktivität und Wohlstand, soweit der im „real existierenden Sozialismus“ überhaupt erarbeitet werden kann.- Als Folge des Juni-Aufstandes verstärkten die Sowjets ihre DDR-Armee auf 400.000 Mann. Dazu kamen die ostdeutschen Streitkräfte mit 190 000 Mann und ihre Reserve von 120.000 Mann, dazu noch 80.000 Mann paramilitärische Einheiten.


Die Ereignisse jenseits der „Zonengrenze“ bestätigten Adenauers Politik. Bei den Wahlen zum 2. Bundestag errang die CDU/CSU einen glanzvollen Sieg. Es ist fast selbstverständlich, dass Adenauer wieder Kanzler wird. Schumacher war tot. Oppositionsführer war Ollenhauer geworden. Als er in einer Bundestagsdebatte Adenauer zurief: „Herr Bundeskanzler, ... wir leben alle unter dem selben Himmel!“, entfuhr es diesem: „Aber wir haben nicht den selben Horizont, Herr Ollenhauer!“ In den Hitler-Jahren war Ollenhauer im Exil gewesen. Die zurückgekommenen Emigranten waren manchem suspekt, sie hatten in Krieg und Nachkrieg nicht mitgelitten. Selbst „Die Genossen im Lande“, so das Protokoll der ersten SPD-Nachkriegskonferenz, „sind nicht in jedem Fall davon überzeugt, dass die Notwendigkeit einer Emigration vorlag.“*


Für die CDU/CSU hatten 45,2 Prozent gestimmt, für die Kommunisten ganze 2,2 Prozent. Gerhard Schröder wird Innenminister. Heinrich von Brentano  wird 1955 Außenminister. Franz Josef Strauß hatte sich über ein Ministerium ohne Geschäftsbereich und über das Atomministerium zum Verteidigungsminister hochgearbeitet. Er wird Vorsitzender der „Christlich-Sozialen Union“, der CSU Bayerns. Adenauer schätzte sich selbst als „70 Prozent des Kabinetts“ ein.

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