1948 - 1965 1955

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Moskau zieht nach. Im Mai 1955 gründen die UdSSR, Polen, Ungarn, die Tschechoslowakei, Rumänien, Bulgarien, Albanien und die DDR ihr Militärbündnis, den „Warschauer Pakt“. Beide Teile Deutschlands stehen sich jetzt, jeweils in andere Machtstrukturen eingegliedert, an der Nahtstelle einer zweigeteilten Welt bewaffnet gegenüber.


Die Sowjetregierung hatte Adenauer nach Moskau eingeladen. Sie wünschte diplomatische Beziehungen. Bonn antwortete, zu den Verhandlungsthemen gehöre auch „die Frage der staatlichen Einheit Deutschlands sowie die Freilassung derjenigen Deutschen, die sich gegenwärtig noch in der Sowjetunion im Gewahrsam befinden.“ Über die Wiedervereinigung zu reden war eigentlich sinnlos, denn die Sowjets hatten ja durch den Wunsch, mit der BRD diplomatische Beziehungen aufzunehmen klargemacht, dass die Wiedervereinigung für sie kein Thema mehr war.


Der deutsche Kanzler kam mit großem Aufgebot in zwei Flugzeugen und in einem Sonderzug. Groß war auch das Aufgebot der Gastgeber: Ministerpräsident Bulganin, Außenminister Molotow, die stellvertretenden Außenminister Semjonow und Gromyko, Chefideologe Suslow und Parteichef Chruschtschow, dessen plumpe, brutale Art bei Außenminister Brentano „physische Übelkeit“ hervorrief. Chruschtschow erpresserisch: „Uns bläst der Wind nicht ins Gesicht!“ Etwas später Adenauer: „Außenminister Molotow hat gesagt, dass die Deutschen nicht imstande waren, sich vom Hitlerismus zu befreien. ... Wer hat eigentlich das Abkommen mit Hitler abgeschlossen, Sie oder ich?“ „Chruschtschow wurde sehr erregt, ... Zeitweise drohte er mir mit den Fäusten.“


Zur Wiedervereinigung brachte Bulganin nichts Neues. Zur Frage der Kriegsgefangenen erklärte er: „In der Sowjetunion gibt es keine Kriegsgefangenen ..., nur ... Kriegsverbrecher ... 9.628 ... Gewalttäter, Brandstifter, Mörder von Frauen, Kindern, Greisen ...“ Den Deutschen lagen ganz andere Zahlen vor: Von den 2,3 Millionen Gefangenen waren bis 1950 nur 1,9 Millionen entlassen worden. Damals waren nach sowjetischer Aussage noch 13.546 in der UdSSR. 1954 kamen noch 10.000 heim. Man wusste auch von 800.000 Zivilverschleppten. Adenauer in seinen „Erinnerungen“: „Chruschtschow sagte ziemlich unvermittelt: ‚Wir können diese Aufgabe lösen! ... Darum bitte ich Sie, helfen Sie uns, helfen Sie uns, mit Rotchina fertig zu werden!‘ Zögernd fügte er hinzu: ‚Und mit den Amerikanern.'"


Adenauer hatte versprochen, die Kriegsgefangenen nicht gegen die Aufnahme diplomatischer Beziehungen einzutauschen und diplomatische Beziehungen nur aufzunehmen, wenn die Wiedervereinigung vorankäme. Keines der beiden Ziele schien erreichbar. Deshalb wies er Pressechef von Eckardt an, die Maschine zum Rückflug kommen zu lassen. Auch für die Sowjets wäre der Abbruch der Verhandlungen einer Niederlage gleichgekommen, denn die Anerkennung der DDR musste ihnen mehr wert sein als die halbverhungerten Kriegsgefangenen. Während des Galadiners sagte Bulganin wie beiläufig zu Adenauer, wenn er, Adenauer, ihm brieflich die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zusichere, gäbe er sein Ehrenwort, dass die Kriegsgefangenen sofort in die Heimat entlassen würden. Adenauer glaubte ihm und versprach die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen.


Die zurückkehrende Delegation wurde auf dem Flughafen Köln-Bonn mit riesigem Jubel empfangen. Der Kanzler improvisierte eine Rede: „Der sowjetrussische Premierminister hat mir gestern abend erklärt: Ehe ich in Bonn sein werde, werde die Aktion der Rückgabe in Russland schon anlaufen. So dass wir also hoffen dürfen, dass die Kriegsgefangenen sehr bald zurückkommen ... werden.“ Am 7. Oktober 1955 trifft im Grenzdurchgangslager Friedland der erste Transport ein. Bis zum Jahresende kehren 9.626 „Spätheimkehrer“, darunter 2.622 Zivilinternierte und 5.588 Verschleppte, in die BRD heim. Damit war Adenauer der Mann der Deutschen, der die Väter, Söhne und Brüder befreit hatte.


Österreich hatte schon einen viel befriedigenderen Status erreicht. Es hatte ebenfalls für das größere Deutschland geblutet: 390.000 Gefallene, 24.300 Ziviltote, 82.000 KZ-Opfer, 2.700 Hingerichtete. Für den Westen war Österreich zu einer Drehscheibe der Verteidigung Westeuropas geworden. Nach vielen Verhandlungen sagte Außenminister Molotow vor dem Obersten Sowjet, es gebe keinen Grund für die weitere Verzögerung des Staatsvertrages mit Österreich. Voraussetzung sei die österreichische Garantie gegen einen Anschluss an Deutschland. Die Amerikaner legten sich quer. Auch die sowjetischen Militärs wollten ihre Truppen nicht abziehen. Wien winkte mit Neutralität. Darauf lud Molotow eine Delegation nach Moskau. Am 15. April 1955 unterschrieb man dort einen Vorvertrag. Als Kanzler Raab mit seiner Delegation landete, bejubelten ihn seine Wiener. Die Besatzungsmächte vereinbarten das 374. Treffen in Sachen Staatsvertrag. Die Sowjets gaben sich konziliant und der US-Botschafter  ließ die Erwähnung von Österreichs Mitschuld an Hitlers Krieg aus dem Text streichen.


Am 15. Mai unterzeichneten dann die Außenminister Molotow, Macmillan, Pinay und Dulles den Staatsvertrag im Wiener Belvedere. Dann trat der gerührte „Poldi“ Figl auf den Balkon des Prinz-Eugen-Schlosses, zeigte der vieltausendköpfigen Menge die Urkunde und rief: „Österreich ist frei!“ „Das Volk lachte, tanzte, weinte und jubelte wie seit 1938 nicht mehr – damals, als Adolf Hitler ihm den Anschluss an das Reich verkündete.“*


Dass sie damals gejubelt hatten, hatten sie nach dem Krieg verdrängt. 1945 „krochen lauter homines austriaci aus dem Debakel, schüttelten freudig die deutsche Staatsbürgerschaft ab und lernten willig ihre vierte Nationalhymne in knapp 30 Jahren.“* Wie der deutsche Oststaat beteiligten sie sich auch nicht an der Wiedergutmachung der Verbrechen, die Deutschland, das zur Tatzeit auch ihr Deutschland gewesen war, begangen hatte. Das deutsche Eigentum hatten die Alliierten beschlagnahmt. Das war fast die ganze Schwerindustrie, für die Wien an die Sowjets 150 Millionen Dollar zu zahlen hatte. Der Staatsvertrag verbot nicht nur jeden Anschluss an Deutschland, sondern auch die Rückgabe deutschen Eigentums. Wien betrachtete es als Entschädigung für den Verzicht auf Reparationsforderungen. Adenauer hatte den Österreichern jedoch nur „die Jebeine Adolf Hitlers“ zurückerstatten wollen.


Die gemeinsame Katastrophe war auch für die Psyche nicht folgenlos geblieben. „Nicht einmal zur deutschen Zunge wollte sich der jäh aus dem Ei geschlüpfte Homo austriacus bekennen. In den Schulzeugnissen der Anfangsjahre stand verschämt ‚Unterrichtssprache‘, ... nach Unterrichtsminister Hurdes als ‚Hurdistanisch‘ verspottet. Jahrelang ging es um die Existenz oder Nichtexistenz einer eigenen österreichischen Nation. Vergeblich übersetzte der Kabarettist Sklenka die Frage ‚Sind Österreicher Deutsche?‘ in die Gegenfrage ‚Is a Dackl a Bernhadiner?‘“*


Der Vorteil klein zu sein machte Österreich zu einer „Insel der Seligen“. Zwischen den Blöcken gedieh es prächtig, ging sein Selbstbewusstsein auf wie Hefeteig. Diese Entwicklung verdankte es großenteils dem wirtschaftlichen Aufstieg seiner größeren Nachbarn BRD und Italien. Zwanzig Jahre nach dem Staatsvertrag war Österreich ökonomisch von Westdeutschland abhängig. Das bewirkte, was die Neutralität verbot: Österreichs Mitgliedschaft in der EU. Wien wurde zur dritten UNO-City und zum Sitz der OPEC, auch zum angemessenen Treffpunkt der großen Antipoden der damaligen Zeit.


1955 beginnt die Beschreibung „Deutschland Heute“ durch das Bundespresseamt wie Cäsars Gallischer Krieg: „Germania est omnis divisa in partes septem“ – Deutschland ist zerteilt in sieben Teile: 1. Die aus der amerikanischen, britischen und französischen Besatzungszone 1949 gebildete Bundesrepublik Deutschland, 2. West-Berlin, das zwar staatsrechtlich ein Land der Bundesrepublik war, ihm aber nicht de jure angehören konnte, 3. „Die sowjetische Besatzungszone“ (noch immer wollte die offiziöse BRD die DDR als zweiten deutschen Staat nicht wahrhaben!; H.D.), 4. Ost-Berlin, das zwar praktisch zur DDR gehört, aber nach außen eine Sonderstellung hat, 5. das Saargebiet, das „wirtschaftlich an Frankreich angegliedert worden ist und auch politisch bei scheinbarer Selbständigkeit unter französischem Einfluss steht“, 6. die Gebiete östlich der Oder und Neiße, die „als ein Teil seines (Polens; H.D.) Staatsgebietes behandelt werden“, 7. das nördliche Ostpreußen, das als „Teil ihres (der UdSSR; H.D.) Staatsgebietes behandelt“ wird.


Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten im Bundesgebiet weit weniger als 40 Millionen. 1955 sind es trotz der Kriegsverluste fast 50 Millionen. Mit West-Berlin sind auf 52,3 Prozent des früheren Reichsgebietes 74 Prozent der Bevölkerung Deutschlands aus dem Jahr 1939 zusammengedrängt. Durch die Heimatvertriebenen und die aus der DDR Zugewanderten ist die Bevölkerung auf 203 Personen je Quadratkilometer gestiegen. Kein anderes Land Europas hatte eine solche Bevölkerungsdichte.


Jeder sah, dass die krassen Unterschiede zwischen denen, die durch den Krieg nichts oder fast nichts verloren hatten, und denen, die jetzt weder Eigentum noch eine Existenz hatten, ausgeglichen werden mussten. 1952 wurde daher das „Lastenausgleichsgesetz“ verabschiedet. Das, was die 10 Millionen Heimatvertriebenen, die sich unterdessen in der BRD befanden, zurückgelassen hatten, soll 40 Milliarden Mark wert gewesen sein – Einheitswert von 1935! Der Bombenkrieg hatte ein Drittel des Hausbesitzes vernichtet – Verluste von etwa 10 Milliarden. Insgesamt addierten sich die Verluste auf 60 Milliarden Mark. Zum Ausgleich wurde über drei Millionen Westdeutschen, die ihr Vermögen erhalten hatten, die Abgabe von 37 Milliarden aufgebrummt – abzustottern in 30 Jahren. Für den einzelnen Vertriebenen war die Rente niedrig und die Vermögensentschädigung lächerlich gering. Für den Quadratmeter fruchtbaren Bodens in Ostpreußen wurden gerade 1,2 Pfennig erstattet. „Dass die Vertriebenen trotzdem ruhig blieben, verdanken wir dem Wirtschaftswunder und der Energie, mit der gerade sie sich des Wirtschaftswunders zu ihrem und der Gesellschaft Nutzen bedienten.“ Der politische Frieden machte den Aufstieg möglich, der den Abgabepflichtigen die Abgaben später gering erscheinen ließen.


Sehr viel höher war die Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts. Bis 1999 hat die BRD über 104 Milliarden DM gezahlt, etwa 110 Milliarden Euro. Davon gingen schätzungsweise 80 Prozent nach Israel und an jüdische Organisationen in aller Welt. Israel sollte unterstützt werden, um eine halbe Million Juden aus Europa anzusiedeln. Die zuerst ausgehandelten 1,5 Milliarden Dollar waren im Vergleich zu den später gezahlten Summen winzig. Diese Zahlungen wurden als Entwicklungshilfe für das 1948 gegründete Israel vereinbart; für jeden eingewanderten Juden 12.600 Mark. Zwei Drittel sollte die BRD, ein Drittel die DDR zahlen. Die aber zahlte nicht. Zu diesen Zahlungen kam noch die hohe Militärhilfe. Noch 1999 und 2000 waren beispielsweise drei U-Boote mit 1,1 Millionen von uns subventioniert worden. Und 2009 sah sich die Bundesregierung "mit der Bitte Israels konfrontiert," ihm einen Zuschuss für ein sechstes U-Boot zu geben. Für das vierte und das fünfte zahlte Berlin bereits bis zu 333 Millionen Euro, etwa ein Drittel der Kosten.*- Da die deutschen Zahlungen beim größten Teil der Opfer gar nicht angekommen waren, verpflichteten wir uns 55 Jahre nach Kriegsende nochmals zur Zahlung von 10 Milliarden zum Schutz deutscher Firmen vor weiteren jüdischen Boykottdrohungen. 35 Millionen Afro-Amerikaner verklagten danach US-Firmen. Von 1790 bis 1860 sei von ihren Ahnen Sklavenarbeit im heutigen Wert von 1,4 Billionen Dollar geleistet worden. Afrikanische Staaten forderten von den USA sogar 777.000 Billionen für die Opfer des Sklavenhandels. Als der US-Kongress nämlich den jüdischen Verfolgten eine Gedenkstätte genehmigt hatte, den Nachkommen der Afroamerikaner eine solche aber verweigerte, hatte einer ihrer Sprecher klargestellt: "Schiebt uns nicht eure sechs Millionen (jüdische Opfer; H.D.) in die Schuhe, denn wir haben hundert Millionen verloren." - Bis Ende 2008 zahlte die BRD für jüdische Überlebende des Nationalsozialismus insgesamt 66,1 Milliarden Euro.*


Hitler, der das Judentum ausrotten wollte, hatte es ungewollt unantastbar gemacht. Der damalige Präsident des Jüdischen Weltkongresses sagte, „dass eine der Folgen von Auschwitz und Treblinka die Schaffung des Staates Israel war. Die Zweidrittelmajorität, mit der dieser Beschluss gefasst wurde, wäre unmöglich gewesen, wenn nicht sowohl die demokratischen wie die kommunistischen Staaten aus schlechtem Gewissen ... dafür gestimmt hätten ... So war auch die Entstehung Israels eine sicher ungewollte Folge von Hitlers Judenpolitik.“


Mehr als ein halbes Jahrhundert wird vergehen, um auch die Mitschuld Anderer in die Schlagzeilen zu bringen: Schweizer Banken wurden beschuldigt, jüdische Flucht-Vermögen seit dem Zweiten Weltkrieg zu verstecken. Doch als sich die Schweiz „erpresst“ zeigte, drohten über 20 amerikanische Bundesstaaten und 30 Städte mit Boykott. Die Schweizer Banken kauften sich für 1,25 Milliarden Dollar frei.*

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