1948 - 1965 1957

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Betrug das Netto-Einkommen der Privathaushalte in der BRD 1951 67,8 Milliarden DM, so waren es 1956 bereits 108,4 Milliarden. Es gab kaum mehr Arbeitslose. Seit 1949 waren 6 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen worden. Der Lebensstandard war in die Höhe geschnellt. Deshalb wirbt die CDU für die nächste Bundestagswahl mit dem Bild Adenauers und dem Spruch: „Keine Experimente – Bleib beim Alten“. Die CDU/CSU gewinnt die Wahl mit 50,2 Prozent, die SPD ist mit 31,8 Prozent weiter zurückgefallen.


Diesen grandiosen Wahlsieg hatte ein vollfettes Wahlgeschenk bewirkt: Der "Alte" hatte den Arbeitern die Vollrente in Höhe von rund 70 Prozent des letzten Nettolohnes angekündigt. "Die Familien gingen leer aus. Das Kinderkriegen war für sie fortan ein ökonomisches Verlustgeschäft." Erst später sah man, dass er durch die falsche Konstruktion unseres Wohlfahrtsstaates unseren Niedergang mitverschuldet hat.*


Anfang Oktober 1957 wurde klar, warum die Sowjets kein Interesse an einer Abrüstung hatten. Es war ihnen gelungen, den fußballgroßen „Sputnik“ in den Weltraum zu katapultieren, der den Rivalen USA ständig daran erinnert, dass die UdSSR technologisch gleichgezogen hat. Die USA kurbeln daraufhin ein ungeheures Raumfahrt- und Technologie-Programm an. Doch schon 1961 werden die Sowjets den ersten Raumflug wagen.


Das Westdeutschland dieser Jahre ist dagegen schon zufrieden, dass sich die Tiefkühltechnik im Haushalt eingeführt hat. Leider entdeckte eine deutsche Pharma-Firma das Schlafmittel Contergan, das häufig Schwangeren verschrieben wurde. Zehn Jahre später wird jeder die menschliche Katastrophe der „Contergan-Opfer“ mitfühlen. Sie waren mit schweren Missbildungen zur Welt gekommen.


Das traumhafte 57er Wahlergebnis für Adenauer stand für den Optimismus, den seine Politik gebracht hatte. Die europäische Wirtschaftsgemeinschaft – die EWG – sollte in drei bis vier Jahren eine Zollunion sein. Mit dem noch immer zögernden Frankreich bahnten diese Verträge eine Zusammenarbeit an. Die Abstimmung an der Saar war im Oktober 1955 erfolgt. Die Franzosen waren sicher gewesen, sie zu gewinnen. Doch 67,7 Prozent der Saarländer wollten, wie schon 1935, auch jetzt wieder nach Deutschland zurück.


Das für sie enttäuschende Bundeswahlergebnis zwang die SPD zu einem neuen Grundsatzprogramm. Sie bekannte sich jetzt zur Landesverteidigung, zum Privateigentum, zum freien Unternehmertum und zur Toleranz gegenüber den Kirchen. Das „Godesberger Programm" brachte den Abschied von Marx, Bebel und Schumacher. Der SPD-Zuchtmeister Herbert Wehner  im Bundestag: „Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands geht davon aus, dass das europäische und atlantische Vertragssystem … Grundlage und Rahmen für alle Bemühungen der deutschen Außen- und Wiedervereinigungspolitik ist ... Die SPD ... beabsichtigt nicht, das Ausscheiden der Bundesrepublik aus den Vertrags- und Bündnisverpflichtungen zu betreiben ...“ Ab jetzt sind die beiden größten Parteien nur noch aus der Nähe unterscheidbar.


Die SPD braucht einen Strahlemann, der auf Wählermassen Eindruck machen kann. Man findet ihn im Regierenden Bürgermeister von (West-) Berlin, der dort mit seiner pathetisch-volkstribunenhaften Art „angekommen“ ist. Auch für die Altsozis ist er akzeptabel, da er eine sozialistisch-kleinbürgerliche Herkunft vorzeigen kann und zudem „Verfolgter des Nazi-Regimes“ ist. Er ist „das uneheliche Kind Herbert Frahm, das beim Großvater aufwuchs, ... als ‚Willy Brandt‘  emigrierte, fremder Herren Uniform trug, nach dem Krieg Karriere machte, ...“* Seine „Sozialistische Arbeiterpartei“ (SAP), ein Linksausleger der SPD, hatte ihn nach Oslo schmuggeln lassen. In Stockholm betrieb er das „Schwedisch-Norwegische Pressebüro“, das für die Alliierten arbeitete. Jetzt bewohnt er in Berlins Nobel-Stadtteil Grunewald eine Villa. „Geistiges konsumiert er in Form von Getränken, wenngleich sparsamer als ehedem und längst nicht mehr so hochprozentig.“* Diesen Willy „Wein-Brandt“, wie ihn politische Gegner schmähten, wählte der Parteirat 1960 zum Kanzler-Kandidaten der SPD.


Der 83-jährige Kanzler soll einem Nachfolger Platz machen. Die CDU will den Wirtschaftswundermann Erhard. Adenauer will ihn nicht. Er verspielt damit ein Gutteil seines Ansehens.


Während deutsche Kleinbürger vor allem die Anschaffung neuer Wohnküchen beschäftigt und die altväterliche Wirtshausgeselligkeit zurückgeht, weil es seit 1952 Fernsehen gibt, wird die Politik vom Ost/West-Gegensatz verschattet. Der neuralgischste Punkt ist noch immer Berlin, wo die Westalliierten von den Sowjets eingeschlossen in der Falle sitzen. Andererseits ist West-Berlin ein Pfahl im kommunistischen Fleisch. Im September 1959 eine Deutschland-Konferenz der Außenminister, ein Jahr darauf eine Konferenz der Regierungschefs. Chruschtschow nimmt einen amerikanischen Spionageflug zum Anlass, die Konferenz platzen zu lassen. Im Plenarsaal der UNO drischt er mit seinem Schuh auf das Rednerpult und droht mit dem Austritt aus der UNO.


Beide Supermächte befürchten einen Aufstand in Ost-Deutschland. Beide haben Angst, dass durch den Schuss eines entnervten Gefreiten der nächste Weltkrieg entfesselt wird. Die Untertanen des Ulbricht-Staates sehen keine Zukunftsperspektiven mehr. Deshalb flüchten seit Jahren Tausende über West-Berlin in die BRD, seit Kriegsende fast drei Millionen. Die Fluchtbilanz des Jahres 1960 zählte 199.188 DDR-Bürger, von denen 152.291 über West-Berlin aus dem „Arbeiter- und Bauernstaat“ entwichen waren. Der Aderlass hält auch im Januar und Februar 1961 an. Das ist nicht nur eine „Abstimmung mit den Füßen“ gegen das Regime, sondern auch eine volkswirtschaftliche Katastrophe für die DDR: 48,8 Prozent der „Republikflüchtigen“ des Jahres 1960 sind jünger als 25 Jahre, 23,4 Prozent 25 bis 45 Jahre alt.

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