1966 - 1988 1968

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Ende 1968 war die BRD wirtschaftlich wieder voll da. Arbeitslose gab es nur noch vereinzelt. Der Handelsüberschuss war groß. Die Regierung senkte die Einfuhrzölle. Während die D-Mark härter und härter wird, werden Pfund, Franc und Dollar immer weicher. Um die wirtschaftlich starke Bundesrepublik wächst der Neid. Giftete ein britischer Journalist: „Sie bezahlten den Zweiten Weltkrieg mit der größten Niederlage der Geschichte, und trotzdem waren sie es, die den Frieden gewannen. 1945 gedemütigt und ruiniert, sind sie (die Bundesdeutschen; H.D.) heute nach den USA die pro Kopf reichste Nation der Welt.“


Für den oberflächlichen Betrachter, besonders den ausländischen, war das deutsche "Wirtschaftswunder" ein Rätsel. Die britische FINANCIAL TIMES hatte ihren Lesern auf die Frage "Wie konnte sich ein zerbombtes, demontiertes und desorganisiertes Industrieland so rapid erholen?" fünf Gründe genannt: "1. Nagelneue oder modernisierte Maschinen an Stelle der (durch die Besatzungsmächte; H.D.) demontierten. 2. Staatlicher Ausfuhransporn a) durch Belassung von 4 vH. des Dollaranfalls beim Exporteur, b) durch teilweise Umsatzsteuerrückvergütung bei der Ausfuhr. 3. Selbstfinanzierung der Industrie aus Gewinnen dank der Dividendenstillhaltung der Aktionäre, ... 4. Heilsamer Respekt der Öffentlichkeit vor der Bank Deutscher Länder wegen der erfolgreichen Währungsschutzpolitik, ... 5. Wohnbauförderung aus öffentlichen Mitteln" durch großzügige steuerfreie Abschreibungen.


Das Briten-Blatt hatte den wohl wichtigsten Grund vergessen: In den Westgebieten gab es damals 25 Prozent mehr Menschen als vor dem Krieg. Die 10 Millionen aus den Ostgebieten Geflohenen und Vertriebenen, zu denen dann noch ständig Flüchtlinge aus der Sowjetzone kamen, waren bestens ausgebildete Arbeitskräfte, qualifizierte Kaufleute, Techniker und Forscher. Sie alle hatten ihren Besitz eingebüßt, deshalb wollten und mussten sie es so schnell wie möglich "zu etwas bringen". Sie mussten sich in ihrer neuen Heimat nicht nur durch Leistung hoch arbeiten, sie mussten auch, da sie nichts mehr besaßen, so gut wie alles neu anschaffen: vom Handtuch über Bekleidung und Hausrat bis zu Möbeln; Radios und Autos. Da außerdem der Krieg ihre Wohnungen und Häuser zerstört hatte, fingen die Geschädigten, Vertriebenen und Enteigneten bald an, ihre ramponierten Wohnungen und Häuser instand zu setzen und "Eigenheime" zu bauen. Dieses schon von seiner materiellen Not angetriebene Heer von "Neubürgern" war ein gar nicht zu überschätzender Aktivposten für die Wirtschaft. Zusammen mit den staatlichen Hilfen war so der Wirtschaftsboom kräftig angekurbelt worden.


Die Deutschen hatten sich ihren Reichtum nach der Währungsreform 1948 in nicht einmal 17 Jahren erarbeitet. Nach dem Kriegsende hatten sie allein in West-Deutschland 300 Millionen Kubikmeter Trümmer wegräumen müssen, ein Bergmassiv wie der Montblanc. Am Jahresende 1965 hatte sich das  Bruttosozialprodukt von 1949 verfünffacht. Die Spareinlagen waren von 686 Millionen im August 1948 um das fast 150fache hochgeschnellt. Die BRD ist nach den USA der größte Exporteur der Welt. Der westdeutsche Gold- und Devisenvorrat von 26,3 Milliarden macht die Mark so hart, dass deutsche Touristen in überseeischen Ländern sie oft gar nicht tauschen müssen.


Während die DDR-Deutschen in ihrem Land eingesperrt sind, fahren die Bundesbürger in alle Welt. Grundstücksmakler schaffen Flugzeugladungen von Käufern an die spanische Mittelmeerküste, wo ganze deutsche Bungalowsiedlungen entstehen. Zehn Millionen Auslandsreisende machen das Mittelmeer fast zum deutschen Binnenmeer. Auch an der kroatischen Adria, in Ceuta, Athen und Antalya nimmt man „Deutschmark, Deutschmark über alles“ (DAILY TELEGRAPH; H.D.) gern. Der deutsche Massentourismus ist die Entwicklungshilfe für das westliche Europa und weit darüber hinaus.


Jeder dritte Beschäftigte hat ein Auto. 9,3 Millionen sausen über gepflegte Straßen und Autobahnen. Jeder siebente Arbeitnehmer ist vom Auto abhängig. 1950 waren 539.853 Pkws zugelassen. 2008 werden es 41,18 Millionen sein.* Beim Bundesamt für Luftfahrt sind 1.240 Privatflugzeuge registriert und 68.000 Segel- und Motorboote hat man auch. Längst geht es nicht mehr um die Befriedigung wirklicher Bedürfnisse. Die 58 Millionen Westdeutschen sind zu einer Wohlstandsgesellschaft aufgestiegen, die immer mehr und immer Besseres will. Der Kühlschrank, die Waschmaschine, der Fernseher, das Auto machen das Leben nicht nur leichter und angenehmer, sie sind auch zum Ausweis des Erfolges geworden.


Die „Fresswelle“, die die Hungerzeiten kompensierte, war im Westen die erste Konsumwoge gewesen. Jetzt wollen die Leute kein Fett mehr am Fleisch. Brot, mittlerweile in 156 Sorten angeboten, ist weniger gefragt: Pro-Kopf-Verbrauch 1950 noch 109 Kilo, 1964 nur noch 71 Kilo. Hatte es früher den Kummer-Suff gegeben, gibt es jetzt den Wohlstands-Alkoholismus: 1964 pro Kopf und Kehle 146,3 Liter Alkoholisches. 1950 waren es erst 43,5 Liter gewesen. Der Milchverzehr ist gegenläufig: von 140,4 Liter fiel er auf 100,6 Liter. Nachdem man auch Krebse und Artischocken probiert hatte, stürzte man sich in bessere Klamotten, beseitigte letzte Ruinen und baute Wohnungen und Häuser. Aus Kanonenöfen wurden Etagenheizungen, dann automatisierte Ölfeuerungsanlagen, schließlich gar nicht mehr sichtbare Fußbodenheizungen. Die Technisierung aller Lebensbereiche schuf neue Berufe, jahrhundertelang geübte starben aus. Seiler gibt es nicht mehr, Hufschmiede nur noch selten, denn statt der Zugpferde hat man Traktoren. Dagegen nehmen die Reitpferde zu. Tennis- und Golfplätze ebenfalls.


Die 22 Millionen Beschäftigten – im August 1948 waren es erst 13,5 gewesen – wollen immer besser leben und immer weniger arbeiten. Bis 1952 war die 48-Stundenwoche die Regel. 1966 führten alle großen Industriezweige die 40-Stundenwoche ein. Die Lohnfortzahlung bei Krankheit wurde eingeführt. Dieser in der Welt einzigartigen Sozialleistung folgt der sofortige Anstieg der Krankenzahlen von vier auf sechs Prozent „Die Kurve steigt zur Zeit der Kleingartenbestellung im Frühjahr oder bei großen Fußballspielen besonders an.“


Die Gemeinden brauchen Krankenhäuser, Wasserversorgungen, Kläranlagen, Kanalisationen. Ärger ist die „Bildungskatastrophe“. Von 100 Jugendlichen eines Jahrgangs erreichen nur 13 die mittlere Reife. Zur Hochschulreife kommen nur 7, dagegen 10 Italiener, 14 Franzosen und Schweden. Auch die Forschung, die den Wohlstand sichern muss, leidet. Jedes Jahr gehen 500 junge Forscher und Techniker ins Ausland, meist in die USA. Für ausländische Lizenzen bezahlt die Industrie jährlich 700 Millionen, für eigene kann sie nur 265 Millionen kassieren.


Um der Schutzmacht USA zu gefallen, rüstete man gegen die östliche Gefahr. Die Kosten der Rüstung explodierten. „Zu Cäsars Zeiten hat es drei Mark gekostet, einen feindlichen Soldaten kampfunfähig zu machen. Zu Zeiten Napoleons kostete es schon 12.000 Mark, und im Zweiten Weltkrieg musste man den Kaufpreis eines Reihenhauses von 89.000 Mark aufwenden. Heute aber rechnet man dafür zirka 800.000 Mark“, murrte ein Funktionär 1966.*


Der Zwang, die rivalisierende Sowjetunion niederzuhalten, forderten den USA außerordentliche Anstrengungen ab. Verteidigungsminister Rusk 1965: "Wir müssen uns um alles kümmern - um alle Länder, Gewässer, die Atmosphäre und den uns umgebenden Weltraum." In der Tat: Die USA unterhielten in 30 Ländern mehr als 1 Million Soldaten, waren Mitglied von 4 Verteidigungsallianzen, hatten bilaterale Verteidigungsbündnisse mit 42 Nationen, waren Mitglied in 53 internationalen Organisationen und leisteten fast 100 Nationen militärische und wirtschaftliche Hilfe. Zu dieser Zeit - etwa 35 Jahre nach dem Sieg über Deutschland 1945 - waren ihre Rüstungskosten explodiert: Bomber kosteten 200mal so viel wie im Zweiten Weltkrieg, Jagdflugzeuge 100- oder mehr mal so viel. Flugzeugträger waren 20mal und Kampfpanzer 15mal so teuer wie 1943/45. Ein U-Boot der Gato-Klasse kostete damals 5.500 Dollar pro Tonne, 35 Jahre später 1,6 Millionen Dollar pro Tonne für die Trident. Es war klar, dass sich nicht einmal die Wirtschafts- und Weltmacht Nummer eins derart gigantische Ausgaben auf Dauer würde leisten können. Immerhin aber hat sie damit ihre Rivalin tot gerüstet.


Diese hohen Kosten waren es aber auch, die dem US-Präsidenten zu hoch waren. So entschied sich Truman für die Verstärkung der Atomrüstung, die vergleichsweise billiger war*.


Ohne Rücksicht auf ihre Volkswirtschaft leistete sich auch die DDR, obwohl man Orangen, Schokolade oder Bohnenkaffee nur vom Hörensagen oder aus Westpaketen kannte, eine hochgerüstete „Nationale Volksarmee“. Sie war damals etwa halb so stark wie die Bundeswehr mit ihren 438.000 Mann. Wie die Bundeswehr Teil der NATO war, war die NVA Teil des Warschauer Paktes. Der „Vorsitzende des Staatsrates“ der DDR, Ulbricht, selbst Generalmajor der sowjetischen Roten Armee, gab die Parole aus: „Alle Angehörigen der NVA müssen so erzogen werden, dass sie einen Krieg zwischen der DDR und der BRD nicht etwa als Bruderkrieg auffassen.“ Sie „müssen wissen, dass jeder, der die Errungenschaften der DDR antastet, als Klassenfeind zu behandeln ist, auch wenn er der eigene Vater, Bruder, Schwager oder sonstwer ist.“


Die Abhängigkeit der DDR-Truppen von der Sowjet-Armee ist hundertprozentig. Im Krieg, der damals mehrfach drohte, hätten sie gemeinsam mit den anderen Truppen des Warschauer Paktes - 100 Divisionen, etwa zwei Millionen Soldaten - den Westen überfallen müssen: Die "Südwestfront" hätte in Bayern einbrechen müssen, die "Zentralfront" hätte mit sowjetischen Gardedivisionen bei Helmstedt an die Ruhr Richtung Lothringen durchzubrechen gehabt. Im Norden hätte die polnische Armee in sechs Tagen Jütland erreichen sollen.* Aufgefundene Dokumente zeigen Antwerpen, Amsterdam, Bremen, Cuxhaven, Emden und München als Atombombenziele. Die Angreifer hätten den Rhein erreichen sollen, bevor bei ihnen Strahlenschäden aufgetreten wären. Diese Todgeweihten wären dann durch Verbände der "2. Strategischen Staffel" ersetzt worden.*


Auch wenn die preußischen Heeresreformer Scharnhorst und Gneisenau zu „Großvätern der neuen Armee“ avancieren, die Uniformen denen der ehemaligen Wehrmacht nachempfunden sind, enthüllt die Anrede der Vorgesetzten den klassenkämpferisch-sowjetischen Geist der NVA: Die „Genossen Offiziere“ wurden aber gut bezahlt. Sie fühlten sich als Elite und nahmen sich auch Sonderrechte heraus. Honecker, Sicherheitsbeauftragter und Scharfmacher der Partei, kritisierte denn auch, dass die „Genossen Offiziere im Angehörigen des Mannschaftsstandes nicht immer ihren Klassengenossen ... sehen ... und ihn auch außerdienstlich von oben herab behandeln.“ Bereits 1963 waren 96 Prozent aller Offiziere und 50 Prozent aller Unteroffiziere SED-Mitglieder. Die Polit-Schulung, „Rotlichtbestrahlung“ genannt, nahm breiten Raum ein.


Nach dem Berliner Mauerbau war die 1.381 Kilometer lange deutsch-deutsche Grenze immer undurchdringlicher gemacht worden. Über diese Grenze türmten auch über 2.500 der zeitweise bis zu 50.000 Mann starken Grenztruppe, der „grünen SS“. Seit 1952 hatte sie Schießbefehl: „Das Überschreiten des 10-Meter–Kontrollstreifens ist für alle Personen verboten. ... Bei Nichtbefolgung ... wird von der Waffe Gebrauch gemacht.“* Das Schießen wird 1971 automatisiert: Ein drei Meter hoher Zaun wird errichtet, an dem in drei Höhen „Selbstschussanlagen“ angebracht werden. Ein Kilometer Ausbau der Grenze mit der Splittermine, die bei Berührung der Auslösedrähte ihre scharfkantigen Stahlstücke abschoss, kostete rund 100.000 Ostmark.* SED-Chef Honecker leugnete die Todesmaschinen. Die an der Grenze Erschossenen bekamen keine Sterbeurkunde. Die Familien mussten Nachforschungen unterlassen. Das DDR-Regime machte die Grenzbewacher zu Helden, nach denen Schulen, Straßen und Kampfeinheiten benannt wurden.


Auf westlicher Seite wurden die Fluchthelfer heroisiert. Viele waren Berliner Studenten. Schlagzeilen machte ein 22 Meter langer Tunnel, den ein Bäcker in wochenlanger Arbeit gegraben hatte, um seine Familie in den Westen zu holen. Legendär wurde der „Furrer-Tunnel“. Unter die  Fluchtwilligen hatten sich zwei Stasi-Männer gemischt. Sie drangen darauf, zu warten, bis ihr dritter Mann käme. Das war NVA-Unteroffizier Schultz. Wie zwei Jahre zuvor, endete auch diese Tunnelflucht mit einer Schießerei und dem Tod des Volksarmisten. Um die Bekämpfung von Fluchtversuchen üben zu können, baute man eigens in einem Landschaftsschutzgebiet eine Kopie der Bernauer Straße, von der aus der Tunnel gebohrt worden war, nach. Zur Erkennung von Regimegegnern und eventuellen Republikflüchtlingen wurden Geruchsproben auf Stofflappen genommen, die, in Weckgläsern verschlossen, im Bedarfsfall von Spürhunden identifiziert werden konnten.*


Bei solchen Methoden hatte die DDR allzeit volle Gefängnisse und Zuchthäuser. Sehr wahrscheinlich inhaftierte man zwecks Aufbesserung der Devisenkasse viele Menschen nach Gutdünken und verurteilte sie zu höheren Strafen. Die Bundesrepublik hatte nämlich 1963 begonnen, DDR-Häftlinge freizukaufen. Den Menschenhandel organisierte die „Kommerzielle Koordinierung“ – Koko - des Staatssekretärs Schalck-Golodkowski. Er schaufelte in 22 Jahren rund 100 Milliarden DM in DDR-Kassen, darunter gut drei Milliarden für den Verkauf von etwa 34.000 politischen Häftlingen.* Bis 1977 verlangte die DDR für jeden 40.000 Mark, danach kostete er mehr als das Doppelte.


War dieser Menschenhandel eine erpresserische Gangsterei, so war der Plan der Besetzung West-Berlins schon Teil eines Angriffskrieges. Der Maßnahmenkatalog sah neben der Festnahme aller „feindlichen Kräfte“ die Einrichtung von Stasi-Kreisdienststellen in den 12 Westberliner Bezirken vor. Das Stasi-Ministerium plante 1964 sogar die Aufstellung einer Partisanenarmee aus Kommunisten in Westdeutschland, die Brücken, Eisenbahnanlagen, Telegraphenämter und anderes auszuspähen hatte, um Sabotageakte durchzuführen. Für die  Terrortruppe wurde am Springsee bei Frankfurt/Oder ein Ausbildungslager errichtet, in dem die angeworbenen Partisanen trainiert wurden.*


Der Stasi war nicht nur durch seine vielen Spitzel in der DDR allgegenwärtig. Äußerungen des Chefs des Bundesnachrichtendienstes, General Gehlen, wurden beispielsweise von der portugiesischen Freundin seiner Tochter – Mikrofon am Körper – der ostdeutschen Konkurrenz überspielt. Das DDR-Ministerium für Staatssicherheit – MfS – ließ auch nichts aus, um die ungeliebten Brüder im Westen auf jede Weise zu diskreditieren. Die Frau des jüdischen Rechtsanwalts Klarsfeld „war regelmäßig Kontaktfrau einer legalisierten Außenstelle des MfS.“* Bei einem Auftritt des Bundeskanzlers Kiesinger drang sie auf ihn ein und ohrfeigte ihn. Den BRD-Außenminister Genscher führte die Stasi als „Inoffiziellen Mitarbeiter“ – IM -, obwohl er es nicht war. Der Zweck sei „gewesen, den FDP-Politiker unter Druck zu setzen oder bei Bedarf“ in einer „Desinformationskampagne … zu diskreditieren.“ Alle in der DDR tätigen westdeutschen Journalisten wurden überwacht und abgehört. Westdeutsche Linksblätter wurden finanziert. Das Verwirrspiel des MfS in internationalen Beziehungen war nicht weniger erfolgreich: „Weil Israel ... empfindlich auf bundesdeutsche Waffengeschäfte mit Arabern reagierte, haben wir 1969 eine Operation ... eingefädelt, um israelisches Misstrauen gegen Bonn zu verschärfen.“*


Im November 1967 erklärte de Gaulle die militärische Unabhängigkeit Frankreichs von der NATO. Es störte ihn nicht, dass dies auch eine Verletzung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages war. Nichts hielt ihn auch von seinem Widerstand gegen den Eintritt Großbritanniens in den gemeinsamen Markt ab.


1968 hatte die BRD in allen kommunistischen Ländern, außer Albanien und der DDR, Repräsentanten. Die Sowjetunion wollte nicht, dass die BRD ihre Abwehrstellung unterlief. Deshalb unterstützte sie Ulbricht, der eine „umgekehrte Hallstein-Doktrin“ propagierte: Keine Normalisierung der Beziehungen zu Bonn durch sozialistische Staaten, bevor nicht die BRD die DDR anerkannt habe. Außerdem: Aufgabe des Alleinvertretungsanspruchs der BRD, Anerkennung der bestehenden Grenzen in Europa, Verzicht Bonns auf Atomwaffen.


In die Entspannung schlägt im August 1968 der Einfall der Sowjets, Polen, Ungarn und Bulgaren mit 300.000 Mann, 2.000 Geschützen und mehr als 1.000 Flugzeugen in die Tschechoslowakei. Für die UdSSR war er nötig geworden, weil die Regierung in Prag einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" versucht hatte. 7.500 sowjetische Panzer, die Moskau von tschechischen Stalinisten „rufen“ ließ, brachten die Tschechoslowakei wieder in die Abwehrfront gegen den Westen.


Unterdessen krümmte sich die Bundesrepublik in Koliken, die von ultralinken Ideen verursacht wurden. Die Unruhen gingen von einem kleinen, aber harten Kern von Studierenden aus. Ausgerechnet in West-Berlin, das sich als Bollwerk gegen den Kommunismus verstand, randalierten die Studenten in der „Freien Universität“, die im Geiste des Anti-Totalitarismus gegründet worden war. Sie randalierten gegen den Krieg der USA gegen das kommunistische Vietnam, aber auch gegen Leistungsdruck, gegen „Repression“. Das bedeutete Kampf gegen jede Art von Staat, gegen die Gesellschaft, ihre Konventionen und Institutionen. Das war ihnen von linken Soziologen und Philosophen eingegeben worden. Deshalb sind die Studenten, die nun auf der Straße steinewerfend und „Ho-ho-ho-Tschi-minh“  schreiend gegen die Polizei angehen, größtenteils Soziologen, Politologen, Psychologen und Philosophen, kaum Chemiker, Biologen oder Mediziner. Sie höhnen über die „Ordinarien-Universität“: „Unter den Talaren den Muff von tausend Jahren.“ Sie wollten die fällige Hochschulreform radikal: „Alle Macht den Räten.“ Doch weil radikale Hochschulreform ohne die Umwälzung der Gesellschaft unmöglich sei, müsse man die revoluzionäre „Unruhe vom Campus in die Stadt tragen.“


Diese Studenten werfen ihren Eltern vor, sie hätten 1945 einfach im alten Geist weitergemacht. Sie, die Jungen, wollten jetzt da anfangen, wo die Eltern nach 1945 hätten anfangen sollen. Deshalb war für sie das gewählte Parlament nicht ihre Vertretung, nicht einmal die damaligen SPD-Regierungen Brandt und Schmidt. Vielmehr verstanden sie sich als „außerparlamentarische Opposition“, als „APO“, die aber gar nicht regieren wollte, nur „frei sein, high sein, ein bisschen Terror muss dabei sein.“ Ihre Freiheit lag jedoch außerhalb der Normalität, deshalb war ihr Ziel: „Anarchie ist machbar, Herr Nachbar.“*

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