1966 - 1988 1967

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In den Universitätsstädten wurden Massendemonstrationen und Straßenschlachten mit der Polizei üblich, denn: „Randale muss sein!“ Richtig los geht es ab 2. Juni 1967, als der persische Schah nach Berlin kommt. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund, der SDS, organisierte eine Massendemonstration gegen dessen „Unterdrückungs-Regime“. Dabei wird ein Student von einer Polizeikugel getroffen. Die schwäbische Pfarrerstochter Gudrun Enßlin erklärt, „dass das Verbrechen von der Auschwitz-Generation begangen worden sei. Die Polizeimörder müssten mit ihren eigenen Waffen bekämpft werden: der Gewalt.“ Dazu gehörte auch die Weisung: „Natürlich kann geschossen werden“ – auf alle die nämlich, die nicht ihrer politischen Ansicht waren.


Die meisten dieser linken Studenten wollten keine Gewalt, aber alle wollten diskutieren, stundenlang, tagelang. Alles wird in Frage gestellt, auch das schon ewig Bewiesene. Ab und zu wurde dieses Strohdreschen aufgefrischt durch Polit-Clownerie. In Hörsälen wird über Orgasmusschwierigkeiten diskutiert, denn die „sexuelle Befreiung“ war ein Generalthema. „Der Kommunarde (Mitglied einer Wohngemeinschaft, der damals ideologisch gebotenen Form des Zusammenlebens, auch mit wechselnden Sexualpartnern, denn:

„Die sexuellen Probleme sind im Kommune-Leben entkrampft.“*) Fritz Teufel bediente den Hauslautsprecher des Germanistischen Seminars („Radio Rosa Luxemburg“) der FU Berlin mit Rock-Musik. Um Mitternacht beendete er sein Programm: ‚Wir schalten jetzt um ins Schöneberger Rathaus, Klaus Schütz  singt für Sie die Internationale‘.“ „Karl-Heinz Pawla, 24, Student und Kommunarde, produzierte im Moabiter Kriminalgericht einen ... nie dagewesenen Skandal‘ ... ließ er blitzschnell die Hose runter und entleerte sich vor dem Hohen Gericht; als Toilettenpapier benutzte er Gerichtsakten.“* In Frankfurt tauften Studenten die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Karl-Marx-Universität um, nachdem sie den Repräsentationswein des Rektors getrunken und die Rektoratsräume vollgekotzt hatten. Nur „ein Rektorzimmer vollzukotzen ist kein revolutionärer Akt“, schrieb die linke FRANFURTER RUNDSCHAU, und sogar ein Wegbereiter des SDS, der Philisophie-Professor Habermas, warnte vor dem „linken Faschismus“. Die Akteure verwechselten die „Universitätsbesetzung mit einer faktischen Machtergreifung. Eine so gravierende Verwechslung von Symbol und Wirklichkeit erfüllt im klinischen Bereich den Tatbestand der Wahnvorstellung.“*


„Die Masse der Deutschen empfand den Studentenaufstand, der lange Bärte und Pullover trägt, als ruhestörend, schauderhaft, bestenfalls als unerklärlich.“* Diese Rebellion eines Teils der damaligen Jugend, die größtenteils aus bürgerlichen Elternhäusern stammte, "habe mehr Werte zerstört als das Dritte Reich."* Auch wenn man nicht der Ansicht dieses konservativen Publizisten ist, kann man sich rückblickend nur wundern, dass sich unser Rechtsstaat die unzählbaren Rechtsbrüche gefallen ließ. Der Normalbürger hielt die Revoluzzer für faul, aber gefährlich, für „rote SA“, „asoziales Pack“ und „rotes Gesockse“*. Der Studenten-Häuptling Dutschke, der „rote Rudi“, war für sie ein rotes Tuch. Als er zu Weihnachten 1967 in der Berliner Gedächtniskirche auf die Kanzel stieg, zog ihm ein empörter Rentner den Krückstock über den Schädel. Auch die Arbeiter, mit denen sich die SDSler "solidarisieren" wollten, lehnten das entschieden ab. Symptomatisch für ihre Ablehnung war die Ermordung Dutschkes. Attentäter war ein Hilfsarbeiter, im DDR-Regime aufgewachsen und zum Anti-Kommunisten geworden.


Die anstehende Notstandsgesetzgebung lieferte den Vorwand für die Eskalation der linken Studentenunruhen. Die Notstandsgesetze werden auch verabschiedet, obwohl auch die sowjetische und ostdeutsche Presse die Regierung beschuldigt, eine Diktatur aufzurichten.


Die Frage nach den Motiven, die zu den Aufständen geführt hat, hatte ein Soziologe erklärt: „Der Aufstand linksradikaler Studenten war auch ein Aufstand der Gestörten.“* Noch dreißig Jahre nach den wahnhaften Halluzinationen der roten Radikalinskis, ihrem „narzisstischen Größenwahn und moralisierender Selbstanmaßung“* waren zwei Bundesminister der Grünen von ihren damaligen Aktivitäten eingeholt worden; sie mussten sich vor dem Bundestag rechtfertigen und entschuldigen.


Ein kleiner Teil der Rebellen wurde zu Gewalttätern. Die Berliner „Kommune 1“ forderte per Flugblatt dazu auf, Warenhäuser anzuzünden. Prompt zünden Gudrun Enßlin und Andreas Baader im April 1968 ein Frankfurter Kaufhaus an. Zwei Jahre später begann mit der Befreiung Baaders aus dem Gefängnis der Amoklauf der RAF, der „Roten Armee-Fraktion“. Terroristen zogen eine Blutspur durch Westdeutschland. Sie waren unter anderem in der DDR im Schießen und Sprengen ausgebildet worden, erhielten dort auch eine neue Identität und Unterschlupf.

 

Die „68er“ haben einen tiefgreifenden Wertewandel verursacht: „Die Traditionen und Rituale, die seit mehr als einem Jahrhundert den bürgerlichen Alltag und die ganze Lebensgeschichte geregelt hatten, waren in zehn Jahren zerbröselt – Kindererziehung, das Rollenverhalten in den Familien, sexuelle Verhaltensweisen, das Verhältnis zur Arbeit – fast alles, was bis 1968 das Zusammenleben geprägt hatte, war nun bei einer größer werdenden Minderheit“* verändert. Keinen geringen Anteil daran hatte „die Pille“; seit 1962 erlaubte sie im westlichen Deutschland Lust ohne Folgen.

Die Sozialpolitik brachte gesellschaftliche Umbrüche. Man beschloss die Lohnfortzahlung bei Krankheit und stellte 11 Millionen Arbeiter mit den 5,6 Millionen Angestellten gleich. Das war das Verdienst des CDU-Ministers Katzer, der dies ohne die SPD nicht hätte durchsetzen können. Umgekehrt hatte die CDU geholfen, die SPD regierungsfähig zu machen. Durch den Regierungspartner war die SPD gezwungen, ihre Wünsche auf Realitäten zu beschränken. Da sie auch die Konjunktur stabilisiert und die Ostpolitik flexibler gemacht hatte, war die große Koalition recht erfolgreich.


Die rechte NPD erhielt 1968 in Baden-Württemberg nicht zuletzt unter dem Eindruck der Studentenkrawalle 12 Prozent der Stimmen. Als Gegengewicht gegen die Rechten ließ man die verbotene Kommunistische Partei wieder zu. Das Ende des CDU/SPD-Regierungsbündnisses kündigte sich bereits bei der Wahl des Bundespräsidenten an. Der FDP-Vorsitzende Scheel  schwor seine Wahlmänner auf den SPD-Kandidaten Heinemann ein. Die SPD hatte die FDP mit der Zusage geködert, die für sie existenzbedrohende Wahlrechtereform vom Tisch zu nehmen. Daher strebte die FDP jetzt in eine Regierung mit der SPD.


Die Bundestagswahl im Herbst 1969 brachte der FDP Stimmenverluste. Die Liberalen waren großenteils konservativ, ein Zusammengehen mit der SPD war ihnen zuwider. Kiesinger war sicher, an der Regierung zu bleiben. Überraschenderweise wurde aber die nächste Regierung von SPD und FDP gebildet. Brandt sah sich zunächst als Kanzler der inneren Reformen. Seine Regierungserklärung versprach, dass „jeder Bürger die Möglichkeit erhält, an der Reform von Staat und Gesellschaft mitzuwirken“, ein zu vollmundiges Versprechen. Auch andere Punkte seines Programms waren zwar wünschbar, aber nicht machbar.


Schneller, als er geglaubt hatte, wurde Brandt zum Kanzler der Ostpolitik. In seiner Regierungserklärung war erstmals von „zwei Staaten in Deutschland“ die Rede. Er stellte jedoch klar, dass diese Staaten „füreinander nicht Ausland sind, ihre Beziehungen zu einander können daher nur von besonderer Art sein.“ Er schlug deshalb dem Ministerrat der DDR Verhandlungen vor, die zu vertraglich vereinbarter Zusammenarbeit führen sollten. Brandt schickte seinen Staatssekretär Bahr nach Moskau, denn dessen Billigung war die Voraussetzung. In fünf Monaten rang er Außenminister Gromyko das Vertragskonzept ab. Die BRD verpflichtete sich, die Grenzen zwischen ihr und der DDR sowie die Oder/Neiße-Grenze zu Polen als „jetzt und in Zukunft unverletzlich“ anzuerkennen. Sie sicherte zu, entsprechende Verträge mit der DDR, Polen und der Tschechoslowakei abzuschließen. Ferner wollte sie sich dafür einsetzen, die Aufnahme beider deutscher Staaten in die UN zu betreiben. Die Voraussetzung war jedoch ein befriedigendes Ergebnis der Berlin-Verhandlungen.


Viele Flüchtlinge und Vertriebene waren noch nicht bereit, die alte Heimat  abzuschreiben. Aber auch ein Historiker empörte sich in seiner Deutschen Geschichte, dass "ein parteipolitischer , erfolgssüchtiger Kanzler es gewagt hat, in den so genannten 'Ostverträgen' vom 12. August und vom 7. Dezember 1970 ein Drittel des Reichsgebietes wegzuunterzeichnen und außerdem die Teilung von Restdeutschland und die Auslieferung von 17 Millionen Deutschen an ein totalitäres, fremdes Regime praktisch anzuerkennen." Ganz anders tönte dazu die nationale Fanfare eines französischen Staatspräsidenten: "Kein Franzose hätte der Abtrennung von mehr als einem Viertel seines Staatsgebietes zugestimmt, egal, was die Folgen gewesen wären."

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