1966 - 1988 1972

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Die Ostverträge wurden vom Bundestag angenommen. Vordergründig waren sie das Werk Brandts, doch Moskau hatte sie ebenfalls gewollt. Dem Wunsch nach Entspannung hatten die Sowjets sogar ihren Statthalter Ulbricht geopfert. Der Mauerbau-Organisator Honecker hatte ihn bei Kremlchef Breschnew angeschwärzt: „Es tritt immer stärker hervor, dass Genosse Ulbricht von dem Gefühl seiner Unfehlbarkeit geleitet ... sich ... gern auf einer Stufe mit Marx, Engels und Lenin sieht. ... Seine Haltung gipfelte in einer Behauptung, dass er ‚unwiederholbar‘ sei.“ Auch Ulbricht beklagte sich: „Ich möchte, dass die Kampagne, ‚Ulbricht ist an allem schuld‘, eingestellt wird.“* Breschnew  half ihm nicht.


Neuer SED-Chef wurde Erich Honecker, seit 1929 KP-Funktionär. Die „braune“ Zeit hatte er im Zuchthaus überdauert. 1946 wird er Leiter des Organisationskomitees und 1. Vorsitzender der FDJ, der DDR-Staatsjugendorganisation. Seit damals ist er auch Mitglied des Parteivorstandes und des Zentralkomitees der SED. Jetzt ist er Generalsekretär des ZK der SED. 1976 wird er Staatsoberhaupt werden. Er bringt die DDR auf Moskauer Kurs zurück.


Brandt macht Verteidigungsminister Schmidt zum Finanz- und Wirtschaftsminister. Dessen Vor-Vorgänger war zurückgetreten, weil er die Reformpläne für unfinanzierbar hielt. Auch das Einschrumpfen der FDP gefährdete Brandt. Außer der Ostpolitik waren es die Sozialreformen, die ihr konservativer Flügel ablehnte. Die SPD-Wünsche zur Vermögensverteilung schockten sie, ebenso die Reformpläne für Gesamtschulen und Gesamthochschulen. Wichtiger war das Betriebsverfassungsgesetz, das die Mitbestimmung in den Betrieben einführte. Die FDP half dem Kanzler, weitere Forderungen seiner Partei-Linken abzuwehren. Inzwischen war nämlich die sozialdemokratische Arbeiterpartei zu einer "marxistischen Akademikerpartei" geworden.


Eine kleine RAF-Gruppe verübte ihre Verbrechen aus dem Untergrund heraus. Der Kanzler musste die Strafverfolgungsbestimmungen deshalb verschärfen. Die Baader-Meinhof-Bande hatte alarmierende Blutspuren hinterlassen. Da eine landesweite Fahndung mit 150.000 Polizisten die Terroristen verscheucht hatte, hatten die Deutschen drei Jahre lang Ruhe. Schlimmer war, dass die BRD während der Olympischen Spiele in München 1972 zum Austragungsort des israelisch-palästinensischen Konfliktes wurde. Die palästinensische Befreiungsorganisation PLO ermordete im Olympischen Dorf elf israelische Sportler.


Seit dem versuchten Kanzler-Sturz hatte Brandt einen Mitleids-Bonus. Die DDR leistete Wahlhilfe: Sie erlaubte erste Familienzusammenführungen und kündigte an, dass 300 ehemalige politische Gefangene die DDR verlassen dürften. 7.000 wurden amnestiert. Auch die UdSSR ließ 1.800 Deutsche ausreisen, Polen schloss sich an. Das summierte sich im November 1972 zu entscheidenden Stimmengewinnen. Die SPD wurde erstmals stärkste Partei. Brandt wurde erneut Kanzler.


Das Verhältnis zu Frankreich und den USA kühlte sich ab, London blieb reserviert und die Araber drohten mit einem Öl-Embargo. Brandt reiste mit großen Erwartungen zur ersten KSZE-Konferenz, der „Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ nach Helsinki. Doch der „Geist von Helsinki“ verbesserte die Lage der Menschen der Ostblock-Länder nicht.


Brandt durfte vor der Versammlung der Vereinten Nationen sprechen. Er verließ jedoch New York vorzeitig, beunruhigt über Äußerungen des starken Mannes der SPD, Wehner.

Der hatte Journalisten gesagt, der Kanzler „badet gern lau, so in einem Schaumbad.“ Und: „Was der Regierung fehlt, ist ein Kopf.“* Brandt spricht Wehner die Zurechnungsfähigkeit ab, „Der Kerl“ sei zu „kippen“*, soll heißen: Er muss als Fraktionsvorsitzender weg. Doch auch Schmidt kritisierte die Führungsschwäche Brandts. Zudem wurde Brandt vom ÖTV-Vorsitzenden Kluncker mit einem 11-prozentigen Tarifabschluss vorgeführt. Man nannte ihn darauf KKK, Kanzler-Killer Kluncker. Die Industriegewerkschaften folgten diesem Beispiel, weil sie ihre Mitglieder ruhig halten wollten. Die Arbeitgeber bewilligten die Lohnforderungen, die über dem Produktivitätszuwachs lagen, weil die Bundesbank die Kredite nicht verteuerte. So war das Geld da – die Inflation auch.


Dem Stasi-Offizier Guillaume, 1956 aus der DDR „geflohen“, war es gelungen, sich zu einer Art persönlichem Sekretär Brandts hochzudienen. Der Kanzler, bereits gewarnt, hatte den Spion sogar in seinen Sommerurlaub mitgenommen, wo er höchst geheime Dokumente einsehen konnte. Erst nach längerer Zeit wurde er festgenommen. Als dann noch Einzelheiten über das „multi-feminine“ Sexualleben Brandts dazukamen, zwang ihn Wehner zum Rücktritt.

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