1966 - 1988 1976

postheadericon 1976

An der Kernkraft scheiden sich die Geister. Die Befürworter begründen den Ausbau mit der Sicherung der Arbeitsplätze und der Erhaltung des Wohlstandes bei geringer Schadstoffemission. Die Gegner argumentieren mit einem zu großen Risiko. Sie fordern einen geringeren Energieverbrauch, ein Zurückfahren des Lebensstandards, Nutzung von Sonnen- und Windenergie. Im November 1976 wurde in Brokdorf an der Unterelbe gegen den Bau eines Kernkraftwerkes demonstriert. Kernkraftgegner liefern der Polizei Schlachten. Sie setzen sich fort bei Gorleben in Niedersachsen, wo ein Endlager für radioaktive Abfälle gebaut werden soll. Kernkraftgegner aus der ganzen Republik besetzen die Baustelle. Es entsteht ein Hüttendorf als Ausdruck ihrer Ideologie: die „Freie Republik Wendland“.


Ölschock und Energiekrise haben eine Bewusstseinsänderung gebracht. Die Antwort heißt „Umweltschutz“, um „Lebensqualität“ zu erhalten. Luft, Wasser und Boden könnten nicht noch mehr Abgase, Abwässer und Abfälle aufnehmen. Diese Besorgnis wird amtlich durch die „Waldschadensberichte“: Ein Großteil der Wälder soll vom Tod durch Industrie- und Autoabgase und durch säurehaltigen Regen bedroht sein. Ein Waldstück am Frankfurter Flughafen kommt in den 80er Jahren aus den Schlagzeilen nicht mehr heraus; es soll dem Bau der "Startbahn West" weichen. Es sind weniger die Umweltschützer, mehr die Gegner des Staates, die der Polizei auch dort erbitterte Kämpfe liefern. Anfang November 1987 werden dort zwei Polizisten ermordet.


Für viele sind die Grenzen des Wachstums erreicht. Viele sind auch gegen die „Privatisierung der Gewinne“ bei gleichzeitiger „Sozialisierung der Folgekosten“. Umweltskandale in der Industrie bestärken sie in dieser Meinung. Industrie und Wirtschaft bleiben von diesem Meinungswandel nicht unbeeinflusst. Hinzu kommt die Veränderung der Arbeitswelt, etwa durch Automatisierung. In vielen Branchen streikt man nicht nur für höhere Löhne, sondern auch für den Erhalt der Arbeitsplätze.


Weil die Zahl der Arbeitslosen die Millionengrenze weit überschritten hat, streiken im November 1978 die Stahlarbeiter für die 35-Stunden-Woche. Besonders unter den Schulabgängern macht sich Zukunftsangst, Staatsverdrossenheit und „no future“-Einstellung breit. Die Gewerkschaften fordern auch die Verkürzung der Lebensarbeitszeit. Die Unternehmer halten dagegen, dass die Arbeit in einer Zeit weltweiter Absatzschwierigkeiten nicht noch teurer werden dürfe.


Ein Schritt zum Ausgleich war das Gesetz über die paritätische Mitbestimmung: Die Aufsichtsräte von Unternehmen mit mehr als 2.000 Beschäftigten werden zur Hälfte mit Vertretern der Arbeitnehmer besetzt.


Im Herbst 1976 wählte die BRD den achten Bundestag. Der Herausforderer des „Machers“ Helmut Schmidt ist der bieder wirkende Helmut Kohl , seit drei Jahren Vorsitzender der CDU. Die CDU/CSU wird die stärkste Parteigruppe. Die SPD/FDP-Koalition behält nur eine knappe Mehrheit.


Der CSU-Vorsitzende Strauß war der Meinung, dass er, nicht Kohl, Kanzlerkandidat sein müsste. Er sagt öffentlich über Kohl: „Er ist total unfähig.“ Die „politischen Pygmäen“ der CDU bezog er in seine Verdammung ein, „diese Zwerge im Westentaschenformat, diese Reclam-Ausgaben von Politikern ... Und glauben Sie mir eines: Der Helmut Kohl wird nie Kanzler werden...“ Kohl stellte Strauß ein Ultimatum: Wenn die CSU nicht in der Fraktion mit der CDU bliebe, würde die CDU auch nach Bayern gehen.


Der Bruderzwist in der CDU/CSU rettete Schmidt. Ihm warf man jetzt Wahlbetrug vor. Er hatte den Rentnern eine Rentenerhöhung von satten 10 Prozent versprochen. Doch dann war die Rezession gekommen, die Rentenkasse wurde schwindsüchtig. Mit nur sieben Stimmen Mehrheit wird er im Dezember 1976 wieder Kanzler.


Der Weltwirtschaftsgipfel im Juli 1978 in Bonn zeigt Schmidts internationales Ansehen. Anfang 1979 wird er sogar als vierter Teilnehmer von den USA, Großbritannien und Frankreich zum „Gipfel“ in Guadeloupe zugezogen. Frankreich und England wollten die Führung der westlichen Welt nicht Amerika allein überlassen.


In Amerika war der Erdnussfarmer Carter  Präsident geworden. Man vermutete, "dass er sich insgeheim für einen Präsidenten im Auftrag Gottes hielt, während er auf politische Profis eher wie der Dirigent des Orchesters auf der 'Titanic' gewirkt hat." Klar, dass er mit dem mehr als selbstbewussten deutschen Kanzler Probleme bekam. Der habe geglaubt, so ein Bonner Kabinettskollege, "wenn es in der Welt gerecht zugehe, müsse er US-Präsident sein - und nicht Carter."* Der wird nach seiner Wahlniederlage in sein Tagebuch schreiben: "Ich bin froh, dass ich Schmidt jetzt an Reagan loswerde."*

zurück weiter