1966 - 1988 1979

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Als Breschnew  1978 nach Bonn kam, erklärte man gemeinsam: „Beide Seiten betrachten es als wichtig, dass niemand militärische Überlegenheit anstrebt.“ Ende 1979 verschärften dann zwei Ereignisse die Lage: Der sowjetische Einfall in Afghanistan und der Nachrüstungsbeschluss der NATO. Schmidt hatte Breschnew gewarnt. Wenn die UdSSR weiter atomar aufrüste, werde die NATO nachziehen. Ein Jahr später wiederholte der Kanzler in Moskau die Warnung. Die Sowjets beachteten sie nicht. Um den Frieden durch Abschreckung zu sichern, wurde beschlossen, die Wiederherstellung der Parität der Rüstungspotentiale durch Abrüstungsverhandlungen oder durch Nachrüsten in Europa zu erreichen. Schon die Zerstörungskraft der konventionellen Waffensysteme war kaum mehr vorstellbar. Bei der Einschätzung des Vernichtungspotentials der atomaren Interkontinental- und Mittelstreckenraketen aber muss jedes Vorstellungsvermögen versagen, wenn man erfährt, dass die Amerikaner zeitweise über 32.000 nukleare Sprengköpfe verfügten, die Sowjets sogar über 45.000*. Noch die späte Rückschau läß uns zittern bei dem Gedanken, dass öfter als staatsmännische Voraussicht nur Glück und Zufall den atomaren Weltuntergang verhinderten.


Auf die Sowjet-Invasion in Afghanistan hin hatte Washington sofort den Verteidigungsetat erhöht, es sperrte die Getreidelieferungen an die UdSSR, forderte den Boykott der Olympiade in Moskau und verhängte Ausfuhrverbote für elektronische Geräte und Erdöltechnologie in den Ostblock. Die westdeutsche Industrie hielt sich an das Embargo, und während die Sportler anderer Länder in Moskau Medaillen errangen, blieb die Bundesrepublik das einzige größere Land, das mit den Amerikanern die Olympiade boykottierte.


Die Amerikaner wollten den Schutzbereich der NATO bis in den Indischen Ozean ausweiten. Sie wollten, dass die BRD ihre Kriegsschiffe in den persischen Golf schickte. Schmidt musste seine ganze Überzeugungskraft aufbieten, dem in Bonn erschienenen stellvertretenden US-Außenminister klarzumachen, dass das die Sowjets zu weiteren Expansionen treiben könnte. Danach fuhr Schmidt nach Moskau. Dem Politbüro der Weltmacht UdSSR las der Kanzler der vergleichsweise unbedeutenden Bundesrepublik über ihre Afghanistan-Besetzung die Leviten.


Die DDR betreibt in der BRD weiterhin intensiv Spionage. Allein von 1973 bis Ende 1978 werden hundert Spione gefasst. Schätzungsweise spionierten 1979 acht- bis zehntausend. Darunter gab es auch Killer, die gegen Geld und Orden „liquidierten“.* Auch sonst scheint diesem Regime manches Leben unwert gewesen zu sein: In der Erfurter Frauenklinik sollen Frühgeborene, die weniger als 1.000 Gramm wogen, ertränkt worden sein.* Zeitweise wurde jeder DDR-Leiche die Hirnanhangdrüse entnommen. 30.000 verkaufte man für 1,5 Millionen Mark nach Dänemark, Schweden und die Schweiz.


Im Mai 1979 lässt sich Strauß zum Kanzlerkandidaten wählen. Den aber will nicht jeder. Zwar blieb die CDU/CSU 1980 stärkste Fraktion, aber die sozial-liberale Koalition kann mit Helmut Schmidt weiterregieren.


Sein Vorgänger Brandt hatte „die Intellektuellen“ hofiert. Schmidt tat es nicht. Einige versuchten, ihn als ungeistig abzuqualifizieren. Den Hohen Priestern des Literaturbetriebes erteilte er eine Lektion. Von Schmidt, der etwas von Malerei verstand, der viel las, Bach spielte, Henry Moore verehrte, mussten sie hören: „Mir tun die deutschen Gebildeten leid, die sich einreden, der Regierungschef habe ... auf kulturellem Gebiet Erziehungsfunktionen. ... Er hat auch nicht die Funktion des Vorphilosophierers für die Gegenwartsgesellschaft ... Das ist nicht die Aufgabe der deutschen Bundesregierung, der jede kulturpolitische Betätigung sowieso ausdrücklich entzogen ist.“


Noch immer taten die etablierten Parteien so, als hätten allein sie das Parlament gepachtet. Gegen sie formierten sich 1978 „Grüne Listen“. Bei Kommunal- und Landtagswahlen hatten sie Erfolge.


Die Finanzmisere, die man bisher verdrängt hatte, stand drohend vor der Regierung. Ende 1981 betrug das öffentliche Defizit 545 Milliarden Mark, davon 300 Milliarden Bundesschuld. Bei einem Bundeshaushaltsvolumen von 231,2 Milliarden müssen 33,8 Milliarden gepumpt werden. Etwa so viel pumpt man sich schon Jahr für Jahr seit 1975, als der Haushalt erst 157 Milliarden umfasste. Von 1957 bis 1982 verlor deshab die Mark 59 Prozent ihres Wertes. Glücklicherweise hielt sie sich im internationalen Vergleich gut.

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