1966 - 1988 1982

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Mitte September 1982 legt der FDP-Bundeswirtschaftsminister ein „Konzept für eine Politik zur Überwindung der Wachstumsschwäche und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit“ vor. Gefordert werden starke Einschnitte in das „soziale Netz". Die Ära der sozial-liberalen Koalition ist damit nach 13 Jahren zu Ende.


Am 1. Oktober 1982 wird der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl  Kanzler. Man sieht, dass er gern gut und viel isst. Noch zwanzig Jahre nach seinem Kennenlernen konnte der US-Präsident George Bush, der Ältere, sich nur wundern: "Nie habe er einen Menschen getroffen, der so viel Essen habe aufnehmen können." - In seiner ersten Regierungserklärung forderte Kohl eine „Erneuerung“, einen „historischen Neuanfang“. Die „Koalition der Mitte“ beginne ihre Arbeit „in der schwersten Wirtschaftskrise“ und in einer geistig-politischen Krise. Ein „Dringlichkeitsprogramm“ sei geboten: Arbeitsplätze für die 2,5 Millionen Arbeitslosen, immerhin 10,4 Prozent, „weg von mehr Staat, hin zu mehr Markt“ und zur „persönlichen Leistung“, eine „Atempause in der Sozialpolitik“, Integration der Ausländer, Erneuerung der Außen- und Sicherheitspolitik und Intensivierung der Freundschaft mit den USA.


In der DDR stocherten Rentner im Abfall, um für leere Flaschen 20 bis 30 Pfennig zur Aufbesserung ihrer Rente von 280 Mark zu bekommen. Vom Lohn des Arbeiters wurde zeitweise eine „Solidaritätsspende“ einbehalten, beispielsweise für ein kommunistisches Angola oder Vietnam. Jugendliche hatten in „Wehrspartakiaden“ zu wetteifern. Für die reiferen Jahrgänge gab es „sozialistische Wettbewerbe“ wie „Mithilfe der Bevölkerung bei der Neugestaltung von 100 Fassaden (Erdgeschossen).“ Natürlich „freiwillig“. Weil die Mieten niedrig sein mussten, konnten die Eigentümer die Häuser nicht instandhalten, Dörfer und Städte verfielen, ganze Stadtviertel wurden abgerissen. Nur in wenigen Großstädten wie Leipzig und Dresden gab es Vorzeigestraßen a la Potemkin für die West-Touristen.


Gewählt werden können praktisch nur die Kandidaten der „nationalen Front“. Möchte aber der Wähler „auf seinem Stimmzettel einen der Kandidaten streichen, so“ können „die Konsequenzen einer derartigen Protestwahl bis zur Degradierung oder, bei Studenten, zur Exmatrikulation führen.“* Religiosität wird bekämpft. Ein katholisches Kind, dessen Eltern ihm aus Gewissensgründen die Teilnahme an der sozialistischen Jugendweihe verweigern, kann kaum bis zur erweiterten Oberschule oder gar auf die Universität kommen. „Nur unter außergewöhnlichen Umständen kann ein Katholik in seinem Beruf eine höhere Stellung erlangen.“*


Die militärisch ausgebildeten „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ wurden auf etwa 500. 000 Mann geschätzt, zu denen noch eine halbe Million Mitglieder der paramilitärischen „Gesellschaft für Sport und Technik“ kam. Das Buch für Staatsbürgerkunde der 8. Klasse lehrte: „Revolutionäre Wachsamkeit im Sinne der Treue zu unserer sozialistischen Heimat, patriotische Haltung, unversöhnlicher Hass gegen die Feinde des Volkes, Bereitschaft und Fähigkeit, die Errungenschaften des Sozialismus zu verteidigen, das sind zugleich die Ziele der gesamten Bildung.“ Der Dienst in der Nationalen Volksarmee ist Voraussetzung für ein Studium. In ihr erklimmt die „Erziehung zum Hass“ neue Gipfel. Unter den zu hassenden „Klassenfeinden“ steht die Bundesrepublik an erster Stelle.


Ein Staatsbesuch von Honecker 1987 oder ein von Strauß 1983 vermittelter Milliardenkredit änderten nichts. Alle wissen: „Die deutsche Frage ist wie ein Panzerschrank, der nur mit zwei Schlüsseln zu öffnen ist. Der eine liegt in Moskau, der andere in Washington.“


In der Bundesrepublik bestand bis zur Mitte der sechziger Jahre Konsens über persönliche Werte und nationale Ziele. „Wachstum“ musste sein, „Arbeit“ galt als Tugend, das „Leistungsprinzip“ war selbstverständlich. Jetzt, Anfang der Achtziger, stoßen diese Wertungen auf Zweifel oder gar Ablehnung. Von 1970 bis 1981 hat sich die Sozialhilfe mehr als vervierfacht. Mancher sieht sie als „Erwerbsquelle“ an. Nicht wenige junge Leute „steigen aus“ aus dieser Gesellschaft. Sie trampen nach Kalifornien, gammeln in Nepal, wollen „Selbstverwirklichung“. Andere wollen, wenn sie überhaupt heiraten, beide gut verdienen. Kinder bedeuten für viele nur Verzicht. Sie wollen weniger arbeiten, mehr Luxus, dadurch mehr „Lebensqualität“. Wieder andere sind auf dem Bio-Trip. Für „chemiefrei“ gezogenes Obst und Gemüse, für „natürliche Produkte“ zahlen sie mehr. Die modischen Bio-Läden erfreuen sich einer finanziell gutgestellten Kundschaft. Diese Tendenz stieg springflutartig, als sich 2000/2001 herausstellte, dass man unsere Rinder durch unnatürliche Ernährung mit BSE infizierte, einer Krankheit, die auch der Mensch zu fürchten hat. Vorübergehend wurde Rindfleisch unverkäuflich. Tausende Rinder mussten getötet, Schlachthöfe geschlossen, die Beschäftigten entlassen werden.

Spürbar ist „die Angst vor den Fremden“. DIE ZEIT schrieb: „In den letzten drei Jahren nahm die Zahl der Gastarbeiter und Asylanten um 650.000 zu. Ist die Grenze unserer Aufnahmefähigkeit – und unserer Toleranz erreicht?“ Die Regierung hatte versichert, „Die Bundesrepublik Deutschland ist kein Einwanderungsland.“ 1981 gab es in der BRD aber schon 4,63 Millionen Ausländer. West-Berlin war bereits 1983 die viertgrößte türkische Stadt, 2008 wird die Bundeshauptstadt 23,7 Prozent Türken zählen.*


Nicht jeder Ausländer war mit uns zufrieden. Der italienische Außenminister Andreotti hatte nur eine Sorge: „Es gibt zwei deutsche Staaten, und zwei müssen es bleiben.“ Der gaulistische Kulturminister Malraux höhnte in gleicher Meinung: "Ich liebe Deutschland so sehr, dass ich immer zwei haben möchte." Sein Landsmann Gaxotte schrieb im gleichen Geiste: Geteilt, wie nach 1648 oder wie 1948, seien die Deutschen sympathischer. In ihrer Zwietracht gehe es ihnen auch besser als in nationaler Einheit. Und der US-Historiker Craig meinte zu wissen, „dass die deutsche Nation eine Fehlkonstruktion war, ist und bleiben wird.“

 

Die Lohnkosten waren von 1970 bis 1983 um 190 Prozent gestiegen. Sie sind zu hoch, sagen die Arbeitgeber. Die Löhne brauche man nicht zu senken, unbedingt jedoch die Lohnnebenkosten, also die Aufwendungen für Kranken-, Alters- und Arbeitslosenversicherung. Die sind um 271 Prozent hochgegangen. Die Bundesrepublik hat 9,8 Prozent Arbeitslose in Prozent der Beschäftigten. Die Erklärung ist, dass hier im Gegensatz zur DDR weder eine Vollbeschäftigung betrieben, noch die Arbeitslosen gezwungen werden, einen anderen als den gewünschten Job anzunehmen.


Rund 600 Milliarden DM wandten Staat, Betriebe und andere Stellen 1988 für direkte Sozialleistungen auf. Etwa ein Drittel kam auf die Rentenversicherung, mehr als ein Fünftel auf die gesetzliche Krankenversicherung. Weitere Posten waren Arbeitslosenversicherung und Arbeitsförderung, die Beamtenpensionen sowie die Lohnfortzahlung bei Krankheit.

Die Zahl derer, die öfter mal „krank feiern“, stieg ständig. Die Zahl der Arbeitenden, die durch ihren Fleiß und ihre Anstrengungen den Wohlstand aller hochhielten, nahm ab. Schon 1978 hatten etwa 20.000 junge Leute in Berlin den „1. Tunix-Kongress“ abgehalten.


Um Stellen für Arbeitslose zu schaffen, forderten die Gewerkschaften die 35-Stunden-Woche. Bis 1850 hatte ein Industriearbeiter mindestens 80 Stunden gearbeitet. Nur sonntags war frei. Trotzdem mussten Frau und Kinder mitarbeiten. Bis 1885 sank die Wochenarbeitszeit auf 65 Stunden, bis 1918 auf 48 Stunden. Von 1948 bis 1972 ging sie auf 40 Stunden zurück. 1985 begann die Metallindustrie mit der 38,5-Stunden-Woche.- Die Zahl der illegal beschäftigten Ausländer ist im Frühjahr 1985 auf 500.000 gestiegen.

Überhaupt ist die Schwarzarbeit stark angestiegen, der Staat verliert Steuereinnahmen. Man schätzt, dass sie etwa 100.000 legale Arbeitsplätze vernichtet.


Die Studentenzahlen hatten seit Mitte der sechziger Jahre stark zugenommen. Anfang der Siebziger werden die Professoren- und Assistentenstellen vervielfacht. Im Wintersemester 1980/81 hatten die inzwischen 229 westdeutschen Hochschulen 1,036 Millionen Studenten – fast doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor. Damit waren auch die Ausgaben für Personal, Sachmittel und Stipendien zwischen 1970 und 1980 um etwa 13,5 Prozent jährlich gestiegen. Gleichzeitig waren die Studienzeiten gestiegen: Im Wintersemester 1980/81 waren 191.000 Studenten im siebenten Studienjahr oder hatten noch länger studiert. Das waren 18,5 Prozent aller Universitäts-Studenten. Zehn Jahre zuvor waren es nur 7,4 Prozent gewesen. Allein zwischen 1974 und 1980 war die Zahl der Universitätsabsolventen um 13,5 Prozent gestiegen.


Viele Berufe und Stellen waren akademisiert worden. Die Stelle, die früher ein Meister ausgefüllt hatte, war jetzt für einen Fachhochschul-Absolventen ausgeschrieben. Und wo früher die mittlere Reife reichte, musste jetzt ein studierter Jurist, Volks- oder Betriebswirt hin. Was früher ein Oberinspektor abgehakt hatte, tat jetzt ein Oberamtsrat. Während früher selbst große Oberschulen nur einen Oberstudienrat hatten, war das jetzt der normale Pegel für die Oberschullehrer. Zu viele Räte und Spitzenbeamte in den Ministerien, zu wenig Lehrlinge im Handwerk. Und die, die es gab, hatten selten die erforderlichen Qualitäten.


Ein Inserat verdeutlicht die Situation: „In diesem Anzeigenblatt haben wir vom 18. Januar bis 4. April 1984 jede Woche zwei Ausbildungsplätze zum Metallfacharbeiter angeboten. Ohne jeden Erfolg!!! Wir sind es leid, dumme Telefonate zu führen und versäumte Vorstellungstermine zu erleben! Wir sind es leid, keine Kfz-Lehre anbieten zu können! Wir sind es leid, keinen Modeberuf ohne Leistungsanforderung zu haben! Wir sind die ganze Null-Bock-Mentalität leid!!! Jetzt wird automatisiert.“*


Die Spätfolgen der „antiautoritären Erziehung“, die allein als fortschrittlich propagiert worden war, werden 1995 unleugbar werden: Im Lande Goethes und Schillers kennen dann vier Millionen der über 15-Jährigen weder ein X noch ein U. Allein Hamburg hat schätzungsweise 80.000 Analphabeten.* Dazu passt, dass die Hälfte der Deutschen an außerirdische Wesen glaubt. Jeder Siebente glaubt an Magie und Hexerei.*

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