1966 - 1988 1986

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Dass die Menschheit auch über Grenzen hinweg eine Schicksalsgemeinschaft ist, demonstrierte die Reaktorkatastrophe im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl. Weite Landstriche wurden radioaktiv verseucht, eine radioaktive Wolke zog bis nach Skandinavien, das radioaktive Fleisch der Rentiere musste vernichtet werden. In der Bundesrepublik wurde ein Güterzug mit radioaktivem Trockenmilchpulver von einem Bahnhof zum nächsten gefahren, das eigens wegen Tschernobyl geschaffene Bundesumweltministerium steht deshalb unter Handlungszwang. Als im Spätjahr durch einen wahrscheinlich von der Stasi organisierten Großbrand bei der Basler Firma Sandoz* giftige Chemikalien in den Rhein gelangen, sterben im Oberrhein nicht nur die Fische, auch das Trinkwasser einiger Uferregionen wird vergiftet. Über diese Umweltkatastrophen geht noch die Besorgnis über die nahende Klimakatastrophe, verursacht durch das Abholzen der tropischen Regenwälder, das Waldsterben in den gemäßigten Zonen durch Industrie- und Autoabgase, die Vergrößerung des Ozonloches und die unmäßig angestiegene CO2-Produktion durch Autos, Haushalte und Industrie, nicht zu vergessen die Methanproduktion durch argentinisches Rindvieh und europäische Massentierhaltung. Experten prophezeihen, wir gehen einem Hitzetod entgegen. Gegenstimmen meinen jedoch, dass eine mäßige Erwärmung auch positive Effekte hätte. Und von wegen Waldsterben: Eine finnische Studie von 2007 hat inzwischen ergeben, dass in fast allen europäischen Ländern die bewaldeten Flächen seit 1990 stark zugenommen haben.


Die Bedrohung durch neue Krankheiten wie die Immunschwäche Aids und die Rinderseuche BSE liegt näher. Und während die Pocken ausgerottet sind und Lepra, Pest und Cholera – bei uns – ihre Schrecken verloren haben, bringen Urlauber binnen weniger Stunden Tropenkrankheiten mit, von denen wir nicht einmal wussten, dass es sie gibt. Auch die Tuberkulose, die wir längst austherapiert glaubten, ist wieder unter uns. Der Einstrom von Asylanten, denen noch nie ein Arzt nahekommen konnte, hat sie uns zurückgebracht.


Trotzdem ist die Lebenserwartung der Bundesdeutschen beachtlich. 2004 wird sie auf 75,4 Jahre bei Männern und auf 81,2 Jahre bei Frauen geklettert sein. Ein Grund ist die gute Ernährung. Im Vergleich mit 1965/66 essen wir jetzt 28 Prozent Kartoffeln weniger. Der Fleischverzehr ist um 53 Prozent gestiegen, der Sahnekonsum um 114 Prozent, und Käse essen wir 238 Prozent mehr – 16,2 Kilo pro Kopf und Mund.


Man verdient auch mehr. 1965 soll ein 4-Personen-Arbeitnehmer-Haushalt mit mittlerem Einkommen monatlich über 994 DM verfügt haben, 1985 dagegen über 3.599 DM, nachdem 440 DM an direkten Steuern und 650 DM an Sozialversicherung abgezogen waren. Während 20 Jahre vorher für Nahrungsmittel 30,1 Prozent, für Miete 9,9 Prozent, für Auto und Verkehr 8,6, für Kleidung und Schuhe 10,6 Prozent ausgegeben worden waren, betrugen diese Ausgaben 1985 17,4 , 15,6 , 11,8  und 6,5 Prozent. Man war satt, wollte aber besser wohnen, fuhr mehr Auto und war gut bekleidet. Deshalb konnte man 12,7 Prozent sparen, während man vor 20 Jahren nur 5,6 Prozent auf die hohe Kante legen konnte.


Die Zahl der Millionäre ist fast explodiert. 1995 werden es in Gesamtdeutschland 155.000 sein, darunter sogar 52 Dollar-Milliardäre (nur zur Erinnerung: 1 Milliarde hat immerhin 1.000 Millionen!). In der DDR muss der Arbeitnehmer nur 3 Prozent seines Nettoverdienstes für die Wohnungsmiete ausgeben. Und weil das Warenangebot gering und die Qualität nur mäßig ist, wird mehr gespart. Die Bundesbürger haben von 1981 bis 1985 schätzungsweise eine Billion Mark angelegt; 60 Prozent mehr als in der ersten Hälfte der Siebziger. Man sparte vor allem für den Kauf von Häusern, Wohnungen und Grundstücken. Im gleichen Zeitraum der Siebziger waren es erst 200 Milliarden gewesen. Noch mehr trugen die Bundesdeutschen auf die Bank: Von 1981 bis 1985 626 Milliarden DM !


Trotzdem blieb noch genug für den Urlaub. Die Bundesbürger sind Reise-Weltmeister: 1987 gaben sie allein im Ausland 42,4 Milliarden aus. In 2000 werden für Reisen 96 Milliarden ausgegeben werden. Man hat ja einen genügend langen Urlaub: durchschnittlich 31 Tage, mehr als sechs Wochen. Noch um die Jahrhundertwende hatte das Jahr 300 Arbeitstage. Urlaub war unbekannt. Bestenfalls konnte man einen Tag wegbleiben, wenn ein Elternteil oder ein Kind gestorben war. Natürlich fiel dann der Lohn weg. Um 1910 haben die Arbeiter im Durchschnitt 5 Tage Urlaub. 1940 hat sich der Urlaubsanspruch verdoppelt, aber erst 1950 sind es 12 Tage, 21 Tage 1970, 1987 dann noch 10 Tage mehr. Bald kommen im öffentlichen Dienst, aber auch bei anderen Arbeitgebern noch zwei Tage dazu.


Von der Wiedervereinigung sprach keiner mehr. In der UdSSR hatte Gorbatschow eine Reformpolitik eingeleitet. Im Westen hoffte man, dass das Moskauer Tauwetter auf die Satelliten übergreifen würde. Doch ein SED-Politbüromitglied fragt eine Illustrierte: „Würden Sie, ... , wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, ..., Ihre Wohnung ebenfalls neu tapezieren?“ Der Mauerbauer Honecker wurde 1987 mit allen Ehren in Bonn empfangen. Doch alles Schöngetue führte zu keiner Annäherung. Nur der Milliardenkredit, den Strauß 1983 vermittelt hatte, hatte bewirkt, dass Rentner bis zu 60 Tage in der Bundesrepublik bleiben durften. Sich anbiedernd hatte die SPD mit der SED ein gemeinsames Papier über den „Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit“ veröffentlicht, in dem sich beide gegenseitig die Existenzberechtigung bescheinigten.


Die DDR war immer noch der gleiche despotische Unrechtsstaat. Personifiziert wurde sie am Ende von 2,3 Millionen SED-Mitgliedern, darunter als „Systemträger“ 44.000 hauptamtliche SED-Funktionäre, 88.000 Parteisekretäre, fast 100.000 Stasi-Hauptamtliche, 50.000 Funktionäre in der Verwaltung und der Wirtschaft, über 40.000 Offiziere von Volkspolizei und Nationaler Volksarmee.* Eine Million Bewaffnete sollten dieses Regime stabilisieren.- Seit Brandt kungelte die SPD mit der SED. Beispielsweise wurde der SPD von Honecker für die Bundestagswahl 1990 bereits 1987 Unterstützung zugesagt. Auch SPD-Kanzlerkandidat Engholm wurde vom Ost-Berliner Wohlwollen unterstützt, als er 1987 versuchte, die Kieler CDU-Regierung abzulösen. Engholm durfte Honecker „medienwirksam“* treffen.


In der DDR, die jetzt mit 16,6 Millionen die niedrigste Einwohnerzahl in ihrer Geschichte hat, hatte sich einiges verändert. Jugendliche, die ein Westberliner Rock-Konzert auf der anderen Mauerseite mithören wollten, hatten sich nicht vertreiben lassen, sondern geschrien: „Die Mauer muss weg!“ Am Jahrestag des Mauerbaus, dem 13. August, kommt es in Ost-Berlin zu Demonstrationen, und wieder wird gerufen: „Die Mauer muss weg!“ Der Stasi durchsucht Räume der evangelischen Zions-Gemeinde und nimmt Mitglieder kirchlicher Friedens- und Umweltgruppen fest. Der Stasi öffnet auch weiterhin Post aus dem Westen und klaut einliegende DM-Beträge. Wert- und Kunstgegenstände werden im Westen gegen harte DM versilbert, denn die DDR ist wirtschaftlich am Ende.

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