1989 - 2009 1989

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Ihre Aufgabe sei es, „zu Verhältnissen in der Gesellschaft beizutragen, unter denen Menschen gerne leben können und Anträge auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft nicht mehr stellen wollen“, erklärte die evangelische Kirche der DDR am 14. März 1989.


Anlass war die Ausweisung eines „Liedermachers“ und einer Regisseurin aus der DDR in „den Westen“. Es zielte ebenso auf die polizeiliche Auflösung einer Demonstration für Menschenrechte, Meinungs- und Pressefreiheit am Vortag in Dresden und auf die Festnahme von etwa 120 Anhängern der Friedensbewegung und der „Kirche von unten“ bei einer Ostberliner Demo im Januar. Nur fünf Tage nach dieser Kirchen-Erklärung untersagte die DDR westlichen Journalisten die Berichterstattung von der Synode der evangelischen Kirchen in der DDR. Und als Ostberliner Jugendliche an der Mauer ein Rockkonzert vor dem Reichstag in West-Berlin mithörten, wurde westlichen Fernsehteams verboten, sie zu filmen.


Die Planungsvorhaben wurden schon lange nicht mehr erreicht, überall Lieferengpässe und Versorgungsschwierigkeiten. Die Regelungen für Westreisen werden weiter gelockert. Man kann vermuten: um wenigstens einige Esser und Rentenempfänger vom „Klassenfeind“ versorgen zu lassen. Bundeskanzler Kohl hatte im Herbst 1988 die Sowjetunion besucht. Auch über die „deutsche Frage“ wurde „mit großem Ernst“ gesprochen.


In der BRD lebt jeder Dritte allein. Ebenfalls jeder Dritte, also rund 20 Millionen, leben in einer Großstadt mit über 100.000 Einwohnern. Ulm ist jetzt die 65ste.


In Arbeitszeit und Arbeitsleistung brachten es die Bundesdeutschen zur Weltmeisterschaft: Unter 12 Industrienationen arbeiten deutsche Industriearbeiter mit 1.697 Jahresstunden am kürzesten, die Japaner mit 2.149 am längsten, die US-Amerikaner mit 1.912 und die Schweizer mit 1.890 Stunden ebenfalls lange. Trotzdem ist die Wertschöpfung des Deutschen und des Schweizers mit 100 Punkten am höchsten. Die USA folgen mit 90, Japan mit 83, Großbritannien mit 54 Punkten.


Der neue Schnellzug ICE erreicht auf der mit hohen Kosten erbauten Strecke Fulda – Würzburg 406,9 Stundenkilometer, ein neuer Weltrekord. Weil die Autobahnen überlastet sind, soll ein Teil des Verkehrs auf die Bahn.


Alle öffentlichen Einrichtungen haben hohe Schulden. Von den Ländern hat der Territorialzwerg Bremen die höchsten. Stuttgart hat 2.256 Mark Schulden pro Einwohner, Frankfurt – „Bankfurt“, „Krankfurt“, „Zankfurt“, „Mainhattan“ oder auch „Main-Chicago“ – ist mit seinen 1.250 Dirnen in 27 registrierten Bordellen und 30 Spielhallen am höchsten verschuldet: mit 6.138 Mark pro Kopf. Es hat 1991 6,3 Milliarden Schulden. „Alle 23 Sekunden passiert ein Verbrechen. Jeden dritten Tag beendet ein Frankfurter freiwillig sein Leben. Schon in der City gelingen monatlich zwei Morde,“ kommt es zu  25 Brandanschlägen. Täglich gibt es 6,7 Rauschgiftdelikte, und jeder Schüler tobt seine Wut für 35 Mark an Tafeln und Projektoren aus. Diese Demolierungen kosten die Stadt  2,4 Millionen Mark.*


Deutschland, Deutschland über alles! meinten viele weit weg von uns, obwohl sie diesen Satz noch nie gehört hatten. In die Bundesrepublik wollten 1988 schätzungsweise 800.000 Ausländer. Davon waren 80.000 asylberechtigt. Sie hatten aber noch 160.000 Angehörige mitgebracht. 200.000 bewarben sich um Asyl, 300.000 waren „De-facto-Flüchtlinge“, die keine Asylberechtigung hatten, 34.000 „Kontingentflüchtlinge“, die im Rahmen humanitärer Hilfe aufgenommen worden waren, außerdem gab es noch 26.000 „Sonstige“.


Das Jahr 1989 begann mit der Enthüllung, deutsche Firmen seien beim Bau einer Giftgasfabrik in Lybien beteiligt gewesen.- Bundespräsident von Weizsäcker wird wiedergewählt, die Arbeitslosenzahl sinkt erstmals seit 1982 unter zwei Millionen, alle Neuwagen müssen mit einem Dreiwege-Katalysator ausgerüstet sein.


Der Super-Knüller der ganzen Nachkriegszeit kommt am 28. November: Bundeskanzler Kohl trägt dem Bundestag ein Zehn-Punkte-Programm zur Deutschlandpolitik vor. Ziel sei eine Föderation, eine bundesstaatliche Struktur Gesamt-Deutschlands. Der deutsch-deutsche Prozess müsse sich jedoch in der europäischen Einigung vollziehen. Moskau lehnt den Plan ab.


Die Demonstrationen in der DDR hatten sich 1989 fortgesetzt. Gefordert wurden Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit und die Ausreisemöglichkeit in die BRD. Bis Ende Juli konnten über 46.000 die DDR legal verlassen, doch mindestens so viele wollten dies illegal tun. 80 von ihnen waren in die „Ständige Vertretung“ der Bundesrepublik, die Ersatz-Botschaft in Ost-Berlin, geflüchtet. Die „Vertretung“ musste wegen Überfüllung geschlossen werden. Die BRD-Botschaft in Prag wurde ebenfalls geschlossen, weil mehr als hundert DDR-Bürger darin Zuflucht gefunden und weitere Hunderte Zuflucht gesucht hatten. Sie waren über den Zaun geklettert und kampierten im Park. Der Haupt-Flüchtlingsstrom kam über Ungarn. Dorthin waren sie in den Urlaub gefahren. Immer mehr von ihnen erfasste ein Trieb, ihre Heimat DDR zu verlassen, um in West-Deutschland eine neue zu gewinnen.


Anfang Mai hatten die Ungarn begonnen, den Stacheldraht an ihrer Grenze abzubauen. Zwar galt noch das Abkommen unter den sozialistischen „Bruderländern“, Bürger des anderen Staates nicht nach dritten Staaten ausreisen zu lassen. Auf diese Verpflichtung bezog sich auch der DDR-Außenminister gegenüber seinem ungarischen Kollegen. Ungarn war aber, um seiner in Rumänien bedrängten Minderheit zu helfen, der Genfer Flüchtlingskonvention beigetreten. Dieses UNO-Abkommen, so hatte das Bonner Außenamt den Ungarn signalisiert, könnte doch auch auf Ost-Deutschland angewandt werden. Da ihnen in der DDR hohe Strafen drohten, könnte den DDR-Bürgern vorläufiges Asyl gewährt werden. Ungarn jedoch wollte das der DDR zunächst nicht zumuten. Andererseits waren die Ungarn nicht verpflichtet, DDR-Bürger, die nicht wieder zurück wollten, gewaltsam zurückzutransportieren. Weil aber inzwischen Tausende in Zelten und Sommerhütten in Ungarn kampierten, flog der ungarische Premier mit seinem Außenminister nach Bonn, um mit Kohl und Genscher ihre Ausreise zu organisieren. Bis Ende Oktober 1989 waren es dann 50.000.


Wenn auch jeder sah: Eine Epoche geht zu Ende, so schrieb der SPIEGEL in der Nr. 40: „Die staatliche Wiedervereinigung der geteilten Nation ist nicht zu haben, ... Statt irgendwelchen Wiedervereinigungsphantasien nachzuhängen, wäre es besser, nun den Bürgern der DDR zu mehr Freiheiten und Rechten zu verhelfen.“*


In der DDR geht im Vorfeld ihres 40. Jubiläums kaum mehr etwas den normalen Gang. Am 10. September wurde das „Neue Forum“ gegründet, die erste Oppositionsgruppe der DDR. Die Gründer haben ihrer Obrigkeit per Einschreiben bekanntgegeben, „dass wir gemäß Paragraph 3 VO vom 06. 11. 1975 die Tätigkeit des ‚Neuen Forums anmelden.“ Der SED-Innenminister lehnte den Antrag ab. Die beantragte Vereinigung sei „eine staatsfeindliche Plattform.“ Sechs Tage später formierte sich die zweite Oppositionsgruppe unter dem Namen „Demokratie jetzt“.
Das Ausland verfolgte das deutsch-deutsche Geschehen reserviert. Die meisten Staatslenker dachten wie der britische Konservative Heath: „Wir haben natürlich gesagt, dass wir an die deutsche Wiedervereinigung glauben, weil wir wussten, dass sie nicht passieren würde.“*
In der Prager Botschaft drängten sich inzwischen 3.500 DDR-Flüchtlinge. Als ihnen am 30. September Bundesaußenminister Genscher verkündete, dass sie in Sonderzügen in die Bundesrepublik gebracht würden, umbrandet ihn frenetischer Jubel. Weitere Sonderzüge brachten die Flüchtlinge aus der Botschaft in Warschau. Doch die Botschaften füllten sich gleich wieder, neue Sonderzüge mussten sie abholen.


Am 7. Oktober 1989 feierte die DDR den 40. Gründungstag, als ob nichts geschehen wäre, mit Vorbeimarsch der NVA vor den letztmals vereinten Staatsführern des Ostblocks. Gorbatschow warnte die altersstarre DDR-Führungsriege: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Damit fing es schon am Abend an: Entgegen den ausgegebenen SED-Jubelparolen demonstrierten die Ostberliner da, wo gerade noch der Stechschritt geknallt hatte, spontan gegen die Parteityrannei, und unter konspirativen Bedingungen wurde die Sozialdemokratische Partei in der DDR gegründet.


Am nächsten Tag drängten sich Menschenmassen am Dresdner Hauptbahnhof, durch den die Züge mit den Landsleuten aus der Botschaft in Prag fuhren. Gegen diese Solidaritätskundgebung marschiert die Staatsmacht auf. Wieder einen Tag später verhinderte der Kapellmeister des Gewandhausorchesters, Masur, in Leipzig durch Gespräche mit der SED-Bezirksleitung Zusammenstöße zwischen der Polizei und den Zehntausenden, die demonstrieren.


Am 18. Oktober entbanden das SED-Zentralkommitee und das Politbüro Honecker von allen Funktionen: „Erich, es geht nicht mehr. Du musst gehen.“ Sein Nachfolger wird Egon Krenz . Das ZK wollte möglichst schnelle Verbesserungen in Wirtschaft und Gesellschaft, um den Druck des demonstrierenden Staatsvolkes loszuwerden und um Optimismus zu verbreiten. Der war nötig, um wenigstens die „Block-Parteien“ bei der Stange zu halten. Hatte doch der Vorsitzende der Ost-Liberalen bereits den Rücktritt des gesamten Ministerrates gefordert. Die Liberaldemokraten und die Ost-CDU wollten sich vom Ruch der Mitläuferei befreien, sie schassten ihre auf SED-Kurs liegenden Vorsitzenden.


Mehr als 165.000  hatten die DDR allein in den ersten zehn Monaten des Jahres 1989 verlassen. Obwohl 90 Prozent der Frauen berufstätig waren, 300.000 Rentner wieder freiwillig arbeiteten, 10.000 Soldaten mitarbeiteten wie 85.000 Ausländer aus Kuba, Vietnam und Mosambik, war dieser Exodus das Aus für die DDR-Wirtschaft. Die „sozialistische Planwirtschaft“ hatte nie funktioniert, sie war stets volkswirtschaftlich widersinnig gewesen. Die Preise waren am Schreibtisch entstanden, Funktionäre bestimmten sie. Bei den 224 Kombinaten, zu denen 3.526 Betriebe gehörten, kam es hauptsächlich auf die Erfüllung der „Norm“ an. Selbständige wurden unterdrückt; sie durften höchstens zehn Mitarbeiter beschäftigen. Verdiente ein Selbständiger mehr als 100.000 Mark, wurden ihm 95 Prozent weggesteuert.


Die Produktion orientierte sich nicht an der Nachfrage. Öfen und Herde etwa hatte man in Übermengen produziert. Aus Platzmangel wurde ein Ofen bis siebenmal umgelagert. Weil Ventile nicht produziert wurden, heizte manche Fernheizung die Wohnungen bis auf 26 Grad hoch. Verschwendung ist Teil der Planwirtschaft, diese wiederum ein „System kollektiver Verantwortungslosigkeit.“ Dazu gehörte auch, dass bestimmte Preise durch immense Subventionen auf dem Niveau der fünfziger Jahre gehalten wurden, dass die Altbaumieten bei 0,80 bis 1,25 Mark pro Quadratmeter tief gehalten wurden, dass auch die Löhne tief blieben; sie schwankten nur zwischen gut 2.000 Ostmark bei einem Universitätsprofessor und 1.300 bei einem Arbeiter.


Für ihr weniges Geld konnten sich die „Werktätigen“ kaum etwas kaufen, deshalb lagen 150 Milliarden auf den Sparkonten. Eigentum war verpönt. Sogar für einen Blumenstrauß brauchte man meist Westmark. Selbst dann gab es ihn oft nur als „Bückware“, versteckt unterm Ladentisch. Diese Verhältnisse drückten den Leistungswillen: Ein DDR-ler schaffte allenfalls die Hälfte von dem, was ein Westler produzierte. „Honecker musste 17 Millionen unterdrücken, um so leben zu können wie ein westdeutscher Handwerker, der siebzehn Leute beschäftigt.“


Mit bloßen Retuschen wollten sich jetzt die Bürger der DDR nicht mehr zufriedengeben. Zu viele kannten die Bundesrepublik als den „goldenen“ Westen, zumindest stellten sich viele den Weststaat so vor. Erst einmal mussten die Uralt-SED-Bonzen verschwinden; der allmächtige Stasi-Minister Mielke, 81, der Kultur-Funktionär Hager, 77, Volkskammer-Präsident Sindermann, 74, Politbüromitglied Neumann, 79, Ministerrats-Vorsitzender Stoph, 75, und so weiter und so weiter.


Doch das reichte nicht. Der Druck wuchs stündlich. Die größte Demo aller DDR-Zeiten brachte am 4. November mehr als eine halbe Million auf den Berliner Alexanderplatz. Zwei Tage später waren es bei der allwöchentlichen Leipziger Montags-Demonstration nicht viel weniger. Zur gleichen Stunde demonstrierten in Halle 60.000, in Karl-Marx-Stadt, wie Chemnitz damals hieß,  50.000, in Schwerin 25.000 und in Cottbus über 10.000. Immer wieder der Sprechchor: „Wir sind das Volk!“


Krenz hatte den Entwurf eines neuen Reisegesetzes bekanntgemacht, das fast noch das alte war. Er musste es zurücknehmen. Umso unglaublicher war, was nachkam:
Am Donnerstag, dem 9. November 1989, verkündete um 18 Uhr 57 der Informationssekretär des ZK der SED, Schabowski, der Presse, dass alle DDR-Bürger über alle Grenzübergänge nach West-Berlin und in die Bundesrepublik reisen könnten. Genehmigungen würden sofort erteilt.


„Vor allem in Ost-Berlin lagen sich am späten Donnerstagabend einander fremde Menschen in den Armen, lachten und jubelten mit glücklichen Gesichtern. In Häusern und auf den Straßen knallten Sektkorken, am Nachthimmel gingen Leuchtraketen und Böller los. Nur Christbaum und Lametta fehlten. Auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor, dem Symbol der 40 Jahre währenden deutschen Trennung, tanzten West-Berliner und sangen sekt- wie bierselig ‚So ein Tag, so wunderschön wie heute!‘“ „Der Schlagbaum am Sektorenübergang Bornholmer Straße stand viele Stunden offen. Unkontrolliert ergoss sich dort wie an den sechs anderen, bis dahin verbarrikadierten Übergängen ein Strom von Ost-Berlinern, viele Freudentränen weinend, in den Westteil ihrer Stadt – am Kontrollpunkt Oberbaumbrücke über einen roten Teppich, den die Westler zur Begrüßung ... ausgerollt hatten.“* Es hatte drei Stunden gedauert, bis die misstrauischen DDR-Bürger glaubten, was sie gerade im Fernsehen gesehen hatten. Dann aber wuchsen die Massen vor den Grenzübergängen. Sie wollten in „den Westen“.


Als die schier nicht zu glaubende Nachricht in den Bundestag nach Bonn kommt, klatschen die Abgeordneten minutenlang. CDU/CSU-Hinterbänkler stimmen das Deutschland-Lied an. Alle sind aufgestanden. Bloß Antje Vollmer von den Grünen fand es „schrecklich“.


Die Einheit der Deutschen war da! Noch in seiner Nr. 45 hatte DER SPIEGEL geschrieben: „Der Tag ist nicht absehbar, an dem die Mauer fallen könnte, noch jener, an dem eine Wiedervereinigung denkbar scheint.“ Nur eine Woche später konnte er schreiben: „Und erstmals in der Nachkriegsgeschichte scheint ... eine Wiedervereinigung denkbar und nicht, wie bisher, bloß utopisch. ... Zeit wird alles noch brauchen, obwohl wir in der vorigen Woche ... überrumpelt worden sind – nicht von den vier Alliierten, nicht von deutschen Politikern, sondern von den Ereignissen."* Formal gab es die DDR zwar noch. Doch kaum jemand zweifelte an der Wiedervereinigung. Wie war das alles gekommen?
Nur ein Irrtum hatte es ermöglicht. Als die Republikflucht in die Bundesrepublik neuen Höhen zustrebte, erhielt Ministerpräsident Stoph den Auftrag, Vorschläge zur Regelung der ständigen Ausreise vorzulegen. Der Hauptabteilungsleiter „Pass- und Meldewesen“ und drei Juristen des Innenministeriums setzten am 9. November in den Entwurf ein: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden.“


Gegen 13 Uhr ist das Papier im Politbüro. Beim Kaffeetrinken nicken die Spitzengenossen mechanisch. Darauf wird dem Ministerpräsidenten mitgeteilt, dass der Ministerrat noch im Laufe des Tages beschließen soll. Etwa um 17 Uhr verliest Krenz den „Beschluss zur Veränderung der Situation der ständigen Ausreise von DDR-Bürgern nach der BRD über die Tschechoslowakei.“ Weder ihm, noch einem der 213 Mitglieder des ZK fällt die ungeheure Tragweite des eingefügten Satzes auf. Also gibt Krenz um 18 Uhr den Entwurf an den neuen Politbüro-Pressesprecher Schabowski: „Gib das auf Deiner Pressekonferenz mit bekannt.“ Dort verlas Schabowski abends den „Beschluss“. Erst danach sah er, dass die Pressemitteilung erst am 10. November zu veröffentlichen sei. Noch immer lief nämlich der noch nicht beschlossene Entwurf durch die Ministerien. Jetzt war es für ein Zurück zu spät.


Wer es in der ostdeutschen AKTUELLEN KAMERA noch nicht gehört hatte, hörte es in den westdeutschen TAGESTHEMEN: „Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“ Darauf setzte der Run auf die Übergänge nach West-Berlin ein. Von dort riefen die Kommandeure an und fragten ihre Vorgesetzten, was sie machen sollten. Sie bekamen aber von niemandem eine Weisung. Deshalb gaben sie den Massen nach und öffneten die Schlagbäume.


War also das Ende der DDR von mutigen Regimegegnern initiiert worden? Im Gegenteil! Die SED-Juristen, die den Satz eingefügt hatten, meinten damit die DDR zu stabilisieren. Tatsächlich lösten sie damit aber die Kette der Ereignisse aus, die in dieser Nacht zum Fall der Mauer und bald auch zum In-sich-Zusammenfallen der DDR führten, "durch ein paar heruntergehaspelte Sätze auf einer Pressekonferenz ("Privatreisen können beantragt werden, Genehmigungen werden kurzfristig erteilt"), die eigentlich keinen Menschen auf den Gedanken bringen können, einen DDR-Bürger schon gar nicht, er dürfe die Grenze stürmen."* Bald steht fest: "Für alle Kommunisten war diese Nacht eine Tragödie, für alle anderen ein Geschenk des Irrtums, und für Genießer eine Komödie."*


Aber die Einheit war noch keineswegs sicher. Es würde an den Siegern von 1945 liegen, ob sie zustandekommen würde. Entscheidend würde das Verhalten der UdSSR sein. Ihre Marschälle betrachteten die DDR noch immer als Trophähe ihres Sieges über Deutschland und als Aufmarschgebiet Richtung Atlantik. Da war es schon viel, dass „Gorbi“  die deutsche Frage offen hielt. Sehr hilfreich war, dass sein Außenminister Schewardnaze  die Nichteinmischung der Sowjettruppen bei den Massendemonstrationen durchgesetzt hatte. Deshalb hielt auch die Nationale Volksarmee still. Am 9. November freilich verlangten seine Gegenspieler, sofort die Panzermotoren anzulassen. Dazu Schewardnaze: „Das alles bewegte sich an der Grenze des Krieges.“*


Das Gefühl, die Wiedervereinigung schon fast mit Händen greifen zu können, lässt die einen jubeln, die anderen sind unsicher oder sogar reserviert. So kann sich der Regierende Bürgermeister von West-Berlin bei der Massenkundgebung nach dem Fall der Mauer nicht dazu entschließen, vom „Tag der Wiedervereinigung“ zu sprechen. Für ihn ist es nur der „Tag des Wiedersehens“. Sein Vorgänger Willy Brandt ist entschiedener. Er sagt: „Wir sind jetzt in der Situation, wo zusammenwächst, was zusammengehört.“ Sein patriotisches Wort löst tosenden Beifall aus.


Am 11. November kann Kohl nach einem Telefonat mit Gorbatschow sicher sein, dass es kein gewaltsames Zurück mehr geben wird.


Am 13. November 1989 wird Hans Modrow, bisher SED-Statthalter in Sachsen, Ministerpräsident der DDR. Er schlägt eine „Vertragsgemeinschaft“ mit der Bundesrepublik vor. „Eine klare Absage“ erteilt er aber „unrealistischen wie gefährlichen Spekulationen über eine Wiedervereinigung.“* Gorbatschow ist in einer Rede am 15. November entgegenkommender. Die Wiedervereinigung – er benutzt das Wort erstmals – sei „heute keine Frage der aktuellen Politik“. Er unterstütze das, was sich in der DDR vollziehe. Dort branden die Protestdemos gegen das immer noch allein herrschende SED-Regime. Der Ruf der Massen „Wir sind das Volk!“ und „Deutschland einig Vaterland!“ wird immer lauter.- Als erster Staat spricht sich die USA für die Einheit Deutschlands aus.


Mit einem Zehn-Stufen-Plan zur Wiedervereinigung will die BRD-Regierung an die Öffentlichkeit gehen. Mit Sofortmaßnahmen wolle man beginnen, am Ende stünde die Föderation in einem wiedervereinigten Deutschland.


Als Kohl diesen Plan dem Bundestag vorgetragen hat, bekommt er von der CDU/CSU stehend Beifall. Die Überraschung macht der außenpolitische Sprecher der SPD perfekt: Er stimmt für seine Partei in allen zehn Punkten zu und bietet „bei der Verwirklichung dieses Konzeptes, das auch unser Konzept ist", die Zusammenarbeit der SPD an. Denn jetzt gebe es „eine realistische Perspektive für … die Einheit der Deutschen.“


In der DDR verändert sich die Lage dramatisch. Am 1. Dezember streicht die Volkskammer den Führungsanspruch der SED aus der Verfassung. Drei Tage darauf schließt das ZK Honecker und andere Spitzenfunktionäre aus der SED aus. Dann tritt das ZK und das Politbüro zurück. Modrow beteiligt die Ost-SPD und die Ost-CDU, die Liberalen und die neuen Oppositionsgruppen an einem „Runden Tisch“. Man einigt sich auf freie Wahlen.


Der SED sind fast alle Felle weggeschwommen. Ein Sonderparteitag wählt Gregor Gysi , von dem gesagt wurde, er "gehört zu den seltenen Politikern, die mit einem faulen Apfel einen Obstladen eröffnen können", zum Vorsitzenden. Die Partei will mit einem neuen Etikett alles zudecken. Sie nennt sich jetzt „SED, Partei des demokratischen Sozialismus“. Als das Jahr ausklingt, sind die Deutschen „das glücklichste Volk der Welt“.

 


Auch anderwärts war 1989 eines jener Jahre, die die Welt verändern. Seit Menschengedenken hatte es nie ohne Krieg derartige Umwälzungen gegeben: In Peking erstickte der Aufstand des geschundenen chinesischen Volkes noch einmal im Blut. "Doch im Osten Europas erkämpften sich die Polen eine Regierung ihrer Wahl, emanzipierten sich die Balten, rissen die Ungarn für sich und andere den Eisernen Vorhang nieder, öffneten die Ostdeutschen das Tor zum Westen, stürzten die Bulgaren ihren Alt-Diktator, vollendeten die Tschechen und Slowaken nach 21 Jahren ihren Prager Frühling, sprengten schließlich die gequälten Rumänen ihre Ketten.“*


Die vergewaltigten Völker Osteuropas wollten nicht nur ein menschenwürdiges Leben, sie wollten auch wieder ins alte Europa. Der kommunistische „Sozialismus“, der weit über 100 Millionen das Leben gekostet hatte*, war keine Beglückung der Menschheit gewesen. „Sozialismus, das waren vor allem Bürgerkrieg und Gulag, Massaker, Schauprozesse, Hunger, Mangelwirtschaft, geistige Öde, Speichelleckerei, Korruption und Terror bis hin zum Steinzeitkommunismus eines Pol Pot, einer grausamen Guerilla vom ‚Leuchtenden Pfad‘ in Peru und am Ende noch des Dracula unserer Tage, Nicolae Ceaucescu“*, des Staats- und Parteichefs Rumäniens. Den "Großen Vorsitzenden" der chinesischen KP Mao Zedong hatte der Kommunismus sogar zum Mörder von nicht mehr vorstellbaren 70 Millionen gemacht.*. Doch selbst sein Mordrekord wurde von seinem ideologischen Nacheiferer Pol Pot noch übertroffen: Zwischen April 1975 und Januar 1979, als seine Roten Khmer Kambodscha beherrschten, brachten sie fast jeden Vierten ihrer acht Millionen Landsleute um*.

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