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Darauf ließ sich Pippin von den Großen seines Reiches zum König erheben. Macht rechtfertigt sich durch Macht. Der Papst drohte den fränkischen Großen, die ja meist merowingische Parteigänger waren, dass jeder Versuch, einen König zu wählen, der nicht aus Pippins Geschlecht stamme - dem Geschlecht eines Königs “von Gottes Gnaden” -, den Ausschluss aus der Kirche bedeute. Pippins Bruder und dessen Söhne meuterten. Er ließ sie nicht mehr ermorden wie bisher üblich, nicht einmal mehr blenden. Er ließ ihnen nur die langen Haare - Zeichen königlichen Geblütes - abschneiden und sie in einem Kloster verschwinden. Dorthin verfrachtete man auch Childerich III., den letzten Merowinger und seinen Sohn.


Drei Jahre später präsentierte der Papst die Rechnung. Die als letzter Schub der Völkerwanderung gekommenen Langobarden hatten in Italien ein großes Reich errichtet. Seine Kernlande heißen noch heute Lombardei. Sie drohten den Kirchenstaat des Papstes ihrem Reich einzuverleiben. In zwei Feldzügen hieben die Franken den Papst aus der Umklammerung der germanischen Vettern. Und da sie trotz Christianisierung noch germanisch dachten, nahm Pippin kraft des Rechts des Eroberers den Kirchenstaat für sich in Besitz. Nun konnte es sich der Frankenkönig leisten, das eroberte Land förmlich und feierlich dem Papst zu übergeben - als Leihgabe, als „Lehen“, so wie er jedem verdienten Untertanen Land lieh, ihn damit belehnte. So erfolgte die “Pippinsche Schenkung”, weil Pippin der Herr über Rom und den Papst war.


Der Papst war also noch recht klein. Um jedoch den Unterschied zwischen Größe und Anspruch auszugleichen, fälschte man einen Erlass Kaiser Konstantins an Papst Silvester I. und alle Bischöfe. Silvester habe den Kaiser vom Aussatz geheilt und zum Christentum bekehrt. Zum Dank habe dieser die Kirche über das Kaisertum erhöht und den Bischof von Rom über alle Bischöfe gestellt und zum Richter in allen Glaubensfragen gemacht. Auch habe er der Kirche Rom “und alle Provinzen Italiens und der westlichen Lande” überlassen, weil er sich in seine neue Hauptstadt Byzanz zurückziehe, “denn es ist nicht recht, dass ein irdischer Herrscher dort Gewalt habe, wo vom himmlischen Herrscher der Fürst der Bischöfe und das Haupt der Christenheit eingesetzt ist.” Das Machwerk ist Programm. Der Bund von Thron und Altar wird sich später zum Hauptproblem des Mittelalters auswachsen. Zunächst blieb unter dem Strich: Der Papst hat sich aus der Abhängigkeit des byzantinischen Kaisers befreit, er hat einen neuen Schutzherrn, der ihm die Handlungsfreiheit in seinem Hirtenamt und die Herrschaft über die abendländische Kirche gibt.


Aber die fränkischen Hausmeier und Könige brauchten eben Rom und seine Kirche auch für andere Aufgaben. Die Eroberung im Osten durch die Chlodwig-Söhne Theuterich und Chlothar hatte den Franken fast das ganze Großthüringische Reich eingebracht. Karl Martell und Pippin erweiterten das Reich nach Osten. Die Sieger trafen dort eine gemischte Bevölkerung an: Kelten, die die Wellen der Völkerwanderung hatten über sich hinwegschwappen lassen, hängengebliebene Germanen, schließlich slawische Stämme wie die Sorben. Den fränkischen Haudegen dämmerte, dass Räume dieser Weite, wollte man sie behalten, verwaltet werden mussten. Zuvor mussten natürlich die Heiden gezähmt werden. Beides konnte nur die Kirche.


Nur sie hatte die Kleriker und Mönche, die dazu befähigt waren; sie konnten schreiben. Das war nötig, um den Willen des Herrschers zu verschriftlichen und ihn dadurch bekannt, verbindlich und dauerhaft zu machen und um darüberhinaus alles festzuhalten, was für die Verwaltung im weitesten Sinne erforderlich war. Damit hatte die Kirche fast ein Monopol über Ausbildung und Bildung. Leider folgt daraus auch, dass wir bis in die nächsten Jahrhunderte nur das wissen, was Kleriker und Mönche für wert erachteten, um aufgeschrieben und dadurch überliefert zu werden. Oft muss deshalb der falsche Eindruck entstehen, "Kirche und Welt seien faktisch identisch gewesen." Für die Laien, also für den größten Teil der Bevölkerung, die das zumeist schwere Leben "draußen" bewältigen mussten, kann das jedoch nicht zugetroffen haben.


Papst Gregor II. sandte zur Missionierung den irischen Mönch Winfried, der außer dem Namen Bonifacius die Aufgabe erhielt, diese Gebiete christlich zu machen. Er tat es, indem er heilige Eichen fällte. Die umstehenden Germanen erwarteten beim ersten Hieb den Blitz Odins, der den Frevler umhieb. Aber nichts geschah, also war sein Gott stärker, also schloss man sich ihm an und wurde Christ. Das muss man allerdings relativieren. Denn Bonifacius, so ein Historiker, "hatte mit Priestern zu tun, die den Heidengöttern opferten, Opferfleisch aßen und dennoch die Taufe spendeten." Er gründete aber ein halbes Dutzend Klöster und noch mehr Bistümer. Alle wurden Hochburgen des Glaubens, der Gelehrsamkeit, der wirtschaftlichen Entwicklung und der Zivilisation. Die Bistümer unterstanden seinen Amtsnachfolgern, den Erzbischöfen von Mainz, denen damit eine gewaltige Macht zuwuchs. Diese Macht machte sie später zu den Erzkanzlern des Reiches und zu Kurfürsten mit dem Recht, den Kaiser zu wählen.


Bonifacius brachte sich durch seine Erfolge in Schwierigkeiten: Die Bischöfe misstrauten ihm, weil er lieber mit der niederen Geistlichkeit zusammenarbeitete, in der der Hochadel nicht vertreten war. Dadurch stärkte er die Zentralgewalt der Karolinger. Rom misstraute ihm ebenso, weil es nicht mehr weit war bis zu einer fränkischen Nationalkirche. Von diesen Ängsten befreiten den Heiligen Vater die Friesen. Sie erschlugen ihn mit 50 Männern seines Gefolges im Kampf "Waffen gegen Waffen" im niederländischen Dokkum. Dieser “Apostel der Deutschen” hat das  Land jenseits der “chinesischen Mauer” der Römer, des Limes, in das fränkische Reich integriert, er hat auch den Schwerpunkt des Reiches nach Osten verlagert.


Karl der Große führte dieses Werk weiter. Er brachte die Frankisierung und die Christianisierung der rechtsrheinischen Gebiete vorerst zum Abschluss. Er wird von Franzosen und Deutschen als der Ihre angesehen. Verständlich: Sein Herrschaftsgebiet schloss das spätere Frankreich komplett ein. Und im Osten reichte Karls Herrschaft bis an Elbe, Saale, Böhmerwald und Enns. Unter ihm wurde der Niederrhein zum Herzstück des Frankenreiches. Die Familie des 1,93 großen Hünen mit der bismarckischen Gestalt und der dünnen Fistelstimme hatte Besitzungen um Metz und Verdun, an Mosel und Maas und in der Westeifel. Dort war die Reichsabtei Prüm ihr Hauskloster. Seine Aufenthaltsorte waren seine “Pfalzen”, nach dem Brand der Wormser Pfalz vor allem sein Palast in Aachen, wo er am liebsten lebte, liebte - fünf Ehefrauen, fünf namentlich bekannte Nebenfrauen, zahllose Kebsen - und seine rheumageplagten Glieder und seinen wundgerittenen Hintern in den warmen Quellen badete. Auf diesem Hintern hat er im Sattel auf Kriegszügen die größten Entfernungen zurückgelegt. In seiner langen Regierungszeit gab es nur zwei Jahre ohne Krieg.


Krieg war eben nötig zum Machterhalt. Nur mit Aussicht auf Zugewinn ließen sich nämlich die führenden Adelsklans an die Seite des Königs zwingen. Nur reiche Kriegsbeute und die Vergabe der eroberten Ländereien, Grafschaften, Bistümer und Abteien sicherte ihre Loyalität. Darauf beruhte die Königsherrschaft. Im Zwang zur Expansion liegt die wesentliche Ursache für die Ausdehnung des Frankenreiches unter Karl. Darauf beruht jedoch auch die Krise des Reiches, als im letzten Lebensjahrzehnt die Expansion in Stagnation überging. Die bis dahin nach außen abgeleiteten Kräfte wandten sich nach innen und bewirkten die Auflösung und den Machtverfall des Staates, den sein Sohn Ludwig der Fromme erbte. Der Verfall führte geradewegs in die Bruderkriege zwischen Karls Enkeln.

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