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Auch Karl musste gegen die Langobarden ziehen. Als er Norditalien hatte, eröffnete er den Sachsenkrieg, der mehr als dreißig Jahre dauern sollte. Dort hatten die Römer vor fast acht Jahrhunderten bei dem Versuch, diesen Raum bis zur Weser, vielleicht sogar bis zur Elbe ihrem Imperium einzuverleiben, eine schmachvolle Niederlage erlitten. Das Schlappmaul Heine hat die folgenreiche Katastrophe, die sie auf die Niederrheinlinie zurückgeworfen hatte, verulkt: "Das ist der Teutoburger Wald,/ Den Tacitus beschrieben,/ Das ist der klassische Morast,/ Wo Varus steckengeblieben./ Hier schlug ihn der Cheruskerfürst,/ Der Hermann, der edle Recke;/ Die deutsche Nationalität,/ Die siegte in diesem Drecke./ Wenn Hermann nicht die Schlacht gewann/ Mit seinen blonden Horden,/ So gäb' es die deutsche Freiheit nicht mehr,/ Wir wären römisch geworden!"


Ein einheitliches Volk waren die Sachsen nicht. Es waren germanische Stämme, die den Sax, ein Hauschwert, eine Art Machete, als Waffe benutzten. Sie waren sich nicht immer einig, deshalb hielten die einen Frieden, die anderen nicht. Vom Christentum wollten sie nichts wissen, nur frei wollten sie sein.


Die Seele des immer wieder und immer an anderen Stellen aufflammenden Aufstandes war der gewählte Herzog Widukind. Nach zehn Jahren Krieg riss Karl die Geduld. In Verden an der Aller habe er 4.500 der Anführer, die von den Sachsen selbst ausgeliefert worden seien, an einem Tag enthaupten lassen. Er wäre damit altem Germanenbrauch gefolgt: Der Besiegte verlor seine Mannesjugend, die der Sieger den Göttern opferte. Ein Biograph Karls sagt dazu, im volksarmen Sachsen „an 4.500 Verschwörer oder Rädelsführer zu denken verbietet der gesunde Menschenverstand. Die Gruppe dürfte sich auf wenige Dutzend belaufen haben.“ Vor der Erfindung der Guillotine dürfte es auch unmöglich gewesen sein, dies an einem Tag zu schaffen, zudem hätte eine solche Massenhinrichtung einen verheerenden Eindruck auf die Bevölkerung gehabt. Schließlich wären die 4.500 todgeweihten Anführer wohl auch nicht widerstandslos zur Schlachtbank gegangen, sie hätten bewacht werden müssen. Wer aber hätte das tun können, da das Frankenheer bestenfalls über 5.000, aber kaum mehr als 10.000 Krieger gezählt haben dürfte. Ortsnamen wie Sachsenhausen bei Frankfurt und viele andere weisen dagegen darauf hin, dass Karl um die 10.000 Sachsen umgesiedelt hat, wie er auch Langobarden und Slawen umgesiedelt hat. Sicher ist, dass “Karl, der allergnädigste, erhabene, von Gott gekrönte, große und friedenbringende Kaiser”, wie es später in seinem Titel hieß, für die Sachsen keineswegs friedenbringend war, sondern sie mit dem Schwert zwangs-christianisierte und selbst gegenüber Nicht-Kombattanten alles andere als gnädig war. Selbst die noch nicht waffenfähigen Knaben, die größer waren als ein Schwert lang - meist weniger als ein Meter -, wurden zusammengehauen. Doch auch die Verschonten konnten selten überleben; da die Vorräte vernichtet und die Hütten verbrannt wurden, verhungerten sie oder erfroren. Die Güter des umgekommenen Adels wurden zu fränkischem Königsgut, Klöster und Bistümer entstanden innerhalb der neuen Grenzen, die nun bis an Nordsee und Elbe vorgeschoben waren. Wichtiger als die Unterwerfung der Sachsen war aber ihre Integration, die schließlich dazu führte, dass sie neben den Franken zum zweiten großen "Reichsvolk" wurden.


Krieg war schon damals teuer und stressig. Zum größeren Teil wurde er von den Truppen ausgefochten, die die Bischöfe und Klöster zu stellen hatten. Ein Einberufungsbefehl an den Abt von St. Quentin macht das deutlich: "Wir" - der Kaiser - "befehlen dir ..." St. Quentin, etwa 40 Kilometer südwestlich von Cambrai in Nordfrankreich, war eines der großen Klöster, die zu militärischen, wirtschaftlichen und Gebetsleistungen verpflichtet waren. Seinem Abt Fulrad wurde im Befehlston mitgeteilt, dass er sich mit seinen gut gerüsteten Männern bis zum 18. Juni in Stassfurt südlich von Magdeburg einzufinden habe, um von dort dorthin ziehen zu können, wohin sie der Kaiser schicken würde. "Die mitgeführte Verpflegung muss vom (vorherigen) Reichstag an gerechnet drei Monate reichen, Waffen und Bekleidung ein halbes Jahr." Es sei darauf zu achten, dass die Truppe auf dem Marsch außer Feuerholz, Wasser und Grünfutter nichts anrühre. Beim Marsch durch fremde Gebiete solle der Eigentümer dabei sein, damit die Knechte keine Gelegenheit hätten, "Unheil anzurichten". Die "Geschenke", die der Abt dem Kaiser abzuliefern habe, sollten bis Mitte Mai vorausgeschickt werden. Der Abt solle ihm die Jahresgaben möglichst persönlich überreichen. Und: "Hüte dich vor jeder Nachlässigkeit, wenn du dir unsere Gnade erhalten willst."


Den Reichstag in die Nähe des Kriegsschauplatzes einzuberufen war sinnvoll. Fulrad hatte seine Leute wohl mindestens 800 Kilometer weit bis zum Aufmarschraum zu führen und sie nach dem Feldzug wieder heimzubringen; alles auf Kosten seiner Abtei. War er Anfang Mai aufgebrochen, konnte er vielleicht Anfang November wieder zu Hause sein. So weit wie möglch nahm man Truppen aus der Nachbarschaft: Ging es gegen die Sorben, hatten die Sachsen die Krieger zu stellen, gegen die Böhmen nur jeden dritten, gegen die Awaren oder die Mauren in Spanien nur jeden sechsten. Trotzdem: An den so gut wie jährlichen Feldzügen konnten sich nur die Großgrundbesitzer öfter beteiligen. Ein kleiner Bauer musste dagegen, wenn er zu einem Feldzug verpflichtet wurde, seinen Hof von seinen Nachbarn bewirtschaften lassen. Viele wurden dadurch ruiniert.


Während Karl noch Sachsenaufstände niederschlug, lehnte sich sein Vetter, der Bayernherzog Tassilo III. ., gegen ihn auf. Bayern war schon zu Pippins Tagen ein fast selbständiges Reich gewesen. Land und Volk hieß nach den Baiovarii. Diese Männer aus Böhmen waren langobardische und thüringische Zuwanderer, die sich südlich der Donau mit den einheimischen Germanen und Romanen vermischten. Auf sie haben die Leute aus Böhmen bestimmenden Einfluss ausgeübt, sie prägten die Bildung des Großstammes, der mindestens seit 551 ihren Namen trägt. Die benennende Minderheit war in der bodenständigen Mehrheit aufgegangen.


Der tüchtige Herzog dieses Volkes, der Enkel Karl Martells, stand Karl im Wege. Der wiegelte Adel und Klerus des Tassilo-Reiches auf, wobei er sich als Virtuose auf der Klaviatur der Unmoral erwies. Karl setzte Tassilo über Jahre arglistig Zug um Zug ins Unrecht. Von der Anklage der längst verjährten “Heeresliez”  - Tassilo war mit seinem Heer aus Aquitanien , wo er Pippin Aufständische niedermachen half, nach Hause gezogen, weil dort die Awaren plünderten - bis zur Anschuldigung des Landesverrats - er selbst habe die Räuber ins Land gerufen - war kein Mittel zu schäbig. In Ingelheim bei Mainz ließ Karl ihn zum Tode verurteilen, um ihn am Ende seiner Inszenierung huldvoll zum „Klostertod“ zu begnadigen. Im nahen Sankt Goar „tonsuriert“, wurde Tassilo in das normannische Kloster Jumièges verbracht. Rechtzeitig vor seinem Tod musste er nochmals bereuen und auf sein Bayern und auf seine Familienbesitzungen verzichten. Auch seine Frau sowie seine Söhne und Töchter verschwanden in verschiedenen Klöstern. Der Geist des vergewaltigten Bayern rächt sich bis heute mit den Ressentiments gegen ein Eingehen in jedes Staatsgebilde, in dem Bayern nur ein Teil ist.


Tassilos Kolonisation gegen die Alpenslawen war erfolgreich gewesen. Seine Klostergründung Innichen im Pustertal, auf den Trümmern der von den Slawen zerstörten Römerstadt Argentoratum, war nur eine von neunundzwanzig. Karl musste jetzt selbst an dieser langen Grenze gegen Slawen und Awaren kämpfen. Gegen die Awaren war die Enns die Grenze. In drei Feldzügen werden die Awaren, die mit den Hunnen verwandt waren, besiegt. Sie ziehen sich nach Ungarn zurück. Als Beute wird der Awarenschatz auf fünfzehn vierspännigen Ochsenwagen nach Aachen gekarrt, teils Raubgut, teils “Ehrengeschenke” des oströmischen Reiches. Es hatte den  Barbaren, denen auch Slawen und Bulgaren tributpflichtig gewesen waren, fast ein Jahrhundert lang jährlich 10.000 Goldsolidi  als Tribut oder Entwicklungshilfe gezahlt. Bis dahin war das Frankenreich arm. Jetzt hatte man den byzantinischen Goldstrom in die eigenen Truhen geleitet.


Zum Schutz der Grenzen wurden Marken eingerichtet: Die Mark Friaul, die bayrische Ostmark, die awarische und die böhmische Mark, schließlich die sächsischen Marken, die bis an die Oder reichten. Herren dieser Grenzgrafschaften waren Markgrafen, die fast unbeschränkte Rechte in ihrem Vorfeld hatten. Hier entwickelt sich zuerst jene Gebietsherrschaft, die sich zu einem Problem des mittelalterlichen Deutschland auswachsen wird. Die Markgrafen hatten fürstlichen Rang. Auch die Pfalzgrafen, die Herren der zeitweiligen Residenzen in großen Landesteilen hatten ihn, denn die Frankenkönige waren wie alle Germanen stadtfeindlich. Diese weltlichen Fürsten hatten sich vom kriegerischen Gefolgsmann über den königlichen oder kaiserlichen Beamten hochgehangelt. Da ihnen als Germanen Geld nichts, Land aber alles war, lieh ihnen der König für Verdienste Land auf Zeit. In diesen Eroberungszeiten hatte er es ja. Mit der Zeit blieb dieses Land in der Familie, die Fürsten erwarben ein Erblehensrecht.


Die Bischöfe, die auch Territorialherren waren, hatten es nicht. Sie hatten ja keine Familien. Starb ein Bischof - der in aller Regel dem hohen Adel entstammte -, fiel das Lehen an den König zurück. Er gab es nun dem nachfolgenden Bischof. Belehnung und Einsetzung in sein geistliches Amt gehörten zusammen, da der Bischof das Lehen ja brauchte, um sein Amt auszuüben: Er musste sein Gefolge ernähren, hatte dem König Heeresfolge zu leisten und ihm dazu Soldaten zu stellen. Dieses Recht des Königs zur Einsetzung in sein Amt, zur Investitur, das damals selbstverständlich war, sollte zu einem jahrzehntelangen Streit zwischen den deutschen Königen und den Päpsten führen.

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