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Sein Sohn - Ludwig “das Kind” - wird beiseitegeschoben. Das Lebenslicht des Kranken verlöscht 911. Damit ist die Familie ausgestorben, die die vergangenen zweihundert Jahre an der Spitze der Völker des Abendlandes gestanden hatte und die Länder, die nun Deutschland werden, erobert, kolonisiert und zivilisiert hatte.


Während die Karolinger so unrühmlich aus der Geschichte geschieden sind, hatten sich die Stammesfürsten festgefügte Throne gezimmert, auf denen sie nun unangefochten Platz nahmen - die Neuauflage des germanischen Gaukönigtums. Unter ihnen hatte sich die von ihnen befehligte Kriegerkaste intakt erhalten. Neben ihnen war eine gebildete geistliche Elite gewachsen. Sie verfügte über eine mönchische Verwaltungshierarchie, die ihren geistlichen und weltlichen Fürsten diente. Die gemeinsame Sprache verband nun schon recht große Landmassen, und ein in Sachsen-, Slawen- und Awarenkriegen gehärtetes Bewusstsein der Zusammengehörigkeit wurde zur Klammer der verschiedenen Stämme.


Die Stämme waren noch sehr verschieden. Die sprachlichen Unterschiede waren das wenigste, die Mundarten entwickelten sich erst später auseinander. Aber die Sitten und Rechtsgewohnheiten waren immer andere. Auch in der Schlacht kämpfte jeder Stamm als geschlossener Haufe. Ihre Herzöge waren in ihren Gebieten zu Vizekönigen geworden, da die fränkische Gewohnheit der Reichsteilungen das Königtum zu oft entmachtet hatte. Nur im Krieg sollte der König Führer sein. Die deutsche Geschichte beginnt also im Zeichen des Partikularismus. Freilich merkten davon die Zeitgenossen nichts. “Das Leben”, sagt Kierkegaard , ”wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.” Korrekturen sind dann kaum mehr möglich, da der Stoff, aus dem Geschichte gemacht wird, sich schon verfestigt hat.


In West-Franzien - Frankreich - gab es noch einen Karolinger: Karl “den Einfältigen”, wie der Beiname andeutet, kein Geistesheld. Bisher war es üblich, dass die Großen des anderen Teilreiches beim Tode ihres söhnelosen Königs den im anderen Teilreich herrschenden König auch als ihren anerkannten. Aber man hatte sich gegen Dänen, Slawen und Ungarn zu wehren, was nützte da ein fremder, weitab sitzender Trottel. Man hatte das Schwert in die eigenen Hände nehmen müssen, warum nicht auch die Regie.

 

Die ostfränkischen Großen wählten daher in ihrer Hauptpfalz Forchheim - zwischen Nürnberg und Bamberg - einen aus ihrer Mitte: Herzog Konrad  von Franken aus dem mainfränkisch-hessischen Raum. Erzbischof Hatto I. von Mainz, der für Ludwig das Kind regierte, hatte dies vorbereitet. Er ist also zumindest der geistige Vater des Vaterlandes. Damit war die Trennung des Ostreiches vom Westen vollzogen, ein selbständiger Staat war entstanden.


Auch die Gebildeten haben den Neubeginn nicht registriert. Noch hundert Jahre sprechen sie von ihrem Reich der Franken. Zwar sprach man auch schon vom regnum teutonicum, doch war das kein offizieller Titel. Später wird es skurrilerweise den Titel eines römischen Reiches annehmen. Ein deutsches Reich im staatsrechtlichen Sinn gibt es erst seit 1870.


Konrad I., dessen Familie von der Loire stammte und sich in Lothringen ausgebreitet hatte, bevor sie nach Ostfranken übergriff, konnte die Stammesherzöge nicht bändigen. Das Gebiet links des Rheins machte anfangs gar nicht mit. Erst als die West-Karolinger ausstarben, schloss sich dieses Lothringen Deutschland an. Schon das zeigt, dass Deutschland nicht aus einem nationalen Bedürfnis entstand, vielmehr zwangen die vielen Teilungen des Frankenreiches aus dynastischen Gründen und die äußeren Bedrohungen zur lokalen Selbsthilfe.


Es war noch gar nicht so lange her, da hatte man das Großmährische Reich gemeinsam mit den Ungarn zerschlagen. Doch schon bald war der Bundesgenosse von einst zum Gegner geworden. Der Wohlstand sesshafter Bauern lockte immer die Begehrlichkeit der kärglich lebenden Nomaden. Reitervölker waren leicht beweglich, ihr Bogen eine überlegene Fernwaffe. Plötzlich waren sie da, plünderten, brannten, erschlugen. Abwehr war so schnell nicht möglich. Wenn sie aber auf Widerstand stießen, stoben sie auf ihren struppigen Pferdchen davon. Wenn sie mehr Zeit hatten, schleppten sie die Frauen weg. Auf den Sklavenmärkten von Byzanz zahlte man gut dafür.


Die Reiternomaden waren aus den weiten Steppen des Ostens gekommen. Ihr Einbruch nach Pannonien hatte die Südslawen von den ursprünglich von der Ostsee bis zur Adria siedelnden Slawen abgespalten. Sie unternahmen Raubzüge bis Mittelfrankreich, ja bis an den Atlantik, bis zum Genfer See, bis Oberitalien, bis zur Weichselmündung. 907 vernichteten sie das bayerische Heer bei Preßburg, dem heutigen Bratislava. Sechs Jahre später wurden sie bei Passau nur abgewehrt, weitere vier Jahre danach zogen sie durch Bayern und Schwaben, zerstörten Basel und brandschatzten das Elsass, von wo sie nach Lothringen weiterzogen. Bayern und der Südosten hatte am schwersten zu leiden.

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