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König Konrad unterlag den berittenen Räubern, und auch mit den Stammesherzögen hatte er kein Glück. Kein Sieg-Heil, also auch keine Unterordnung der Herzöge unter den Glücklosen. Die Könige waren zum Erfolg verurteilt. Beistand oder gar Anhang konnte nur der erwarten, der siegte. Der innenpolitische Erfolg setzte den kriegerischen voraus. Konrad sandte daher vor seinem Tode “das Reich” - die Reichsinsignien, deren Besitz zur Herrschaft legitimierte - an Herzog Heinrich von Sachsen.


Der war der Größte. Sachsen war damals die Landmasse von Westfalen bis Holstein, die sich auch weit nach Osten vorschob. Vor einigen Jahren war noch das große Thüringen dazugekommen. “Herr Heinrich saß am Vogelherd recht froh und wohlgemut”, als ihm die Kunde kam, weiß das Lied. In Wirklichkeit wird es dieser nüchterne Bauernherzog erwartet, wenn nicht befürchtet, haben. Es war ja kein anderer in Frage gekommen, höchstens der Bayer.


Heinrich I. war 43, für diese Zeit ein alter Mann. Er war erst der dritte “feste” Herzog. Früher hatten die sächsischen Stämme ihren Herzog immer nur im Krieg für den Krieg gewählt. Aber nach der Unterwerfung Widukinds vor hundert Jahren waren auch die Sachsen durch einen Herzog im Frankenreich vertreten. Heinrichs Heirat mit der Urenkelin Widukinds brachte ihm außer viel Land auch starken ideellen Rückhalt in Sachsen. Nacheinander brachte er Schwaben, Bayern und Lothringen - das sich wie Bayern immer wieder zu verselbständigen versuchte - auf seinen Kurs; ein großer Diplomat.


Um sich den Rücken freizuhalten, hatte er schon früh die Eigenständigkeit des deutschen Königtums und dessen Westgrenze gesichert. In einem im Rhein verankerten Boot schworen der Westfrankenkönig Karl und er als “Ostkönig” einander Freundschaft, “... wie ein Freund einem Freunde gegenüber ... sein muss.” Mit diesem Bonner Vertrag von 921 war die Geschichte des Frankenreiches endgültig zu Ende, die der Nachfolgereiche Deutschland und Frankreich begann. Auch wenn damit Trier, Worms und Aachen mit dem mythischen Grab Karls des Großen noch nicht im ostfränkischen Reich lagen, war es damals sehr wichtig, dass dieses Reich nun von Westfranken anerkannt war.


Für den Kampf mit den Ungarn fühlte er sich noch zu schwach. Aber er fing einen ihrer Fürsten und konnte dadurch einen neunjährigen Waffenstillstand erreichen, der wenigstens Sachsen und Thüringen schützte. Tribut zahlte er obendrein. Er nutzte die Kampfpause, indem er Burgen für die Verteidigung baute. Dies waren noch nicht die trutzigen Bastionen mit zinnenbekrönten Mauern und stolzen Türmen. Die baute erst das hohe Mittelalter. Die damaligen Adeligen hausten dagegen noch auf ärmlich mit Palisaden umstellten Höfen, in denen sie sich, ihr Vieh und ihre in Grubenhäusern  vegetierenden Bauern notdürftig bergen konnten, bis die Gefahr vorüber war. Auch gepanzerte Reiter waren nötig. Nur sie konnten die losen Horden der ungarischen Reiter zersprengen. Jeder war mit Schild, Schwert und Lanze gerüstet. Jeder neunte Mann wurde in eine Burg oder die sich darum drückenden Hütten, Stadt genannt, kommandiert. Sie mussten Bürger werden. Es entstanden differenzierte Sozialstrukturen: Unter dem adeligen Burg- und Grundherrn gab es die "Freien", die seinen Schutz genossen, ihm dafür aber Dienste leisten mussten. Die nur halbfreien "Hörigen" waren an ihren Besitz gebunden und ihm zu Diensten verpflichtet. Noch tiefer standen die auch persönlich abhängigen Bauern des Grundherrn, denen nur ihr “Leib eigen” war. Sie blieben über Jahrhunderte die geschundenen Lasttiere der Gesellschaft.


Der Adelige wird, da er Land hat und deshalb Pferde halten kann, Reiter - Ritter. Er erhebt sich mindestens um die Höhe eines Pferderückens über das Fußvolk. Für die nächsten tausend Jahre sicherte ihm das den weiteren Blick. Er fühlte sich überlegen, aber auch verpflichtet, sich nicht nur für sich, sondern auch für die unter und über ihm - für die Allgemeinheit, den Staat - zu schlagen.

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