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Otto I. wird mit 24 Jahren in Aachen zum König gewählt. Das Volk schrie Heil, er war damit zum König erhoben. Von nun an blieb das Königtum in der jeweils herrschenden Familie. Aber im Unterschied zum Erbkönigtum der Karolinger wurde das Reich nicht mehr geteilt; ein Sohn übernimmt das ganze Reich, die Brüder müssen verzichten.
Der König war mit 17 Jahren mit einer angelsächsischen Prinzessin verheiratet worden, hatte einen Sohn und eine Tochter und einen jüngeren Bruder – Heinrich –, der “purpurgeboren” war, also erst geboren, als der Vater schon König war. Nach damaligem Verständnis ist er der Kronprinz.


Die Thronerhebung in der Kaiserpfalz zu Aachen ist Programm. Otto sitzt auf dem Thron Karls des Großen, zu dem  sieben Stufen führen wie zum Thron König Salomons und wie einst auf den Hochtempel von Babylon, dem “Turm zu Babel”. Damit nimmt er die Herrschaft über die Welt ein, er “besitzt” die Weltherrschaft. Der Sternenmantel, der einst zum Amtskleid der Hohen Priester gehörte, umhüllt ihn als Symbol des bergenden Glaubens, das Schwert, das ihm der Erzbischof von Mainz vor dem Altar überreicht, verpflichtet ihn zur Verteidigung dieses Glaubens.


Schon bald musste Otto kämpfen; zunächst gegen die slawischen Redarier, gegen Böhmen und Ungarn. Ab 938 muss er gegen die Stammesherzöge ziehen, die ihm bei seiner Krönung noch als Marschall, Kämmerer und Truchsess gedient hatten, die nun aber nicht mehr “treu, hold und gewärtig” waren, wie sie ihm das geschworen hatten. Mit dem Wegreiten war auch ihre Loyalität weg. Die nun nicht abreißenden Aufstände begann Bayern, Franken und Lothringen folgten. Die lothringischen Händel verstricken Otto in westfränkische Querelen, und Bruder Heinrich, der Purpurgeborene, scheute auch vor Verrat nicht zurück. Zwei Jahre Bürgerkrieg folgen. Während Otto Breisach belagerte, löschte sein zweites Heer bei Andernach die Revolte aus. Ein herzoglicher Empörer wurde erschlagen, der zweite ertrinkt im Rhein, Bruder Heinrich wird begnadigt. Zur Vermeidung weiterer Aufstände wechselte der König einige Amtsträger gegen Angehörige seiner Familie aus. Wieder revoltierten ein Bruder, ein Sohn und ein Schwiegersohn. Er konnte nur einen schuldigen Amtsträger entfernen, die Institution des Stammesherzogs musste er bestehen lassen.


Das Reich hätte nicht auf Dauer bestehen können, hätte nicht die Kirche diesem Partikularismus entgegengewirkt. Sie war noch Reichskirche wie zu Karls Zeiten. Sie wehrte sich gegen ein Eingehen in die Herzogtümer. Sie war gewohnt, dem König zu dienen, ihn zu beraten und, wenn möglich, ihn auch zu  beherrschen. Unter seinem Schutz konnte sie auch das Volk beherrschen. Diese Erzbischöfe, Bischöfe und Reichsäbte waren im Gegensatz zu ihren bekrönten Brüdern und Vettern keine Analphabeten. Sie waren imstande, die Idee dieses Staates zu begreifen und danach zu handeln. Eigenes Interesse und Ideal machte sie zu Trägern politischer Gesinnung, und das hieß: wenn nicht zu Anhängern, so doch zu Parteigängern des Königs.


Umgekehrt war der König auf die Kirche angewiesen: Sie verwaltete das Reich und seine Machtmittel direkt und indirekt. Wenn auch die großen Vasallen König und Reich in Frieden und Krieg zu stützen hatten, und wenn auch das Königsgut gewaltigen Landbesitz und riesige Forste umfasste, von deren Erträgen der Haushalt des Reiches bestritten und im Kriege das Heer unterhalten wurde, die Kirche war viel reicher. Der Besitz der Reichsklöster wie Lorsch, Fulda, Corvey, Reichenau, St. Gallen, Weißenburg war unermesslich. Die Mönche, die auch noch bedürfnislos zu leben hatten, verbrauchten fast nichts. Den großen Rest zog der König als Herr der Klöster an sich. Bischöfe und Klöster  stellten meist auch die größere Masse des Heeres als die weltlichen Großen. Diese Heere schlugen sich auch deshalb so tapfer für König und Reich, weil die Kirche für die geistige Aufrüstung sorgte - nicht nur für das Heer, sondern auch für den Kaiser: Die Gebete der Mönche in den Klöstern waren für das religiöse Gefühl des Mittelalters eine äußerst wirksame Hilfe in Krieg und Frieden. Sie waren ebenso real wie Waffen und Geld.


"Die einzigartige Funktion der Klöster als Einrichtungen der Seelsorge und des Gebets, des Totengedenkens, der Wissenschaft und der Wirtschaft machte sie im Mittelalter zu einem der dynamischsten Elemente der Entwicklung. Ihr außerordentlicher Reichtum, ihre Wirtschaftsführung und Verwaltungsorganisation waren so überragend, dass mancher Landesstaat der Neuzeit überhaupt erst eine bemerkenswerte wirtschaftliche und administrative Grundlage bekam, nachdem die Klöster in der Reformation des 16. Jahrhunderts säkularisiert worden waren. Selbst mit ihrer Aufhebung und Enteignung wurden sie noch zur Basis moderner Staatlichkeit."


Italien war ein chaotisches Gemenge wechselnder Mächte. Die Königswürde errang schließlich Berengar von Friaul. Er okkupierte sogar den vakanten Kaiser-Titel. Als er erschlagen wurde, wollte sein Sohn Berengar II. König werden. König aber wurde der Herzog der Provence, nach ihm sein Sohn Lothar, der jedoch bald starb. Italien gehörte nun doch dem zweiten Berengar. Die Witwe des Königs wehrte sich. Berengar lochte sie ein. Doch der kleveren Frau gelang es, Otto aus dem Kerker über den Papst um Hilfe zu bitten. Ob wegen der im Kerker schmachtenden Witwe, ihrem Reich Burgund oder wegen Italien, jedenfalls brach Otto 951 mit starkem Heer dorthin auf. Die aktive und attraktive Adelheid von Burgund heiratete den Witwer Otto. Der hatte mit ihr Burgund und Italien dazu. Um diese Heirat und Italien mit seinen Problemen gab es Familienkrach. Diesmal stand auch der Kanzler, der Erzbischof von Mainz, gegen Otto. Die Heere der feindlichen Verwandten zogen heran, das eigene Heer fing an zu meutern. Doch Otto wird gerettet - durch die Feinde, die Ungarn.


Diese wilden, fremd aussehenden “teuflischen Missbildungen des Menschengeschlechts”, so ein Zeitgenosse, nutzten wie Wikinger und Sarazenen ihre kriegerische Überlegenheit. Was der Bauer dem Boden abrang, gewannen sie durch  Raub. Ihre Beutezüge entsprachen dem Einholen der Ernte. “Raub, Mord und Verwüstung waren kein Selbstzweck, kein zügelloses Abreagieren wilder Instinkte, sondern ein Mittel des Vermögenserwerbs”, belehrt uns ein heutiger Ungar.


Schon 954 waren ihre Reitermassen durch Bayern, Franken, Böhmen und Schwaben bis über den Rhein gezogen. Sie hatten geprahlt, dass ihre Pferde die Flüsse Deutschlands aussaufen und seine Städte zu Staub zerstampfen würden. Kein Herzog hatte ihre Raubzüge auch nur stören können. Herzog Luitolf, ein rebellierender Sohn Ottos, stellte ihnen sogar Führer. Der Schock war heilsam. Die Verwandten unterwarfen sich wieder, Otto bekommt sein Heer wieder in den Griff. Die Sachsen müssen zwar gerade wieder mit den Elbslawen kämpfen, aber Franken, Schwaben und Bayern gehorchen ihm wieder. Und auch die Tschechen stellen ein stattliches Kontingent gegen ihre Todfeinde. In dieser “Abwehrschlacht des Abendlandes” tragen sie das Banner des Heeres mit dem Erzengel Michael, der später zum deutschen Michel degenerieren wird. Die Ungarn belagern Augsburg, das von seinem Bischof Udalrich verzweifelt verteidigt wird. Ein Großer des Reiches verrät den “Reichsfeinden” Ottos Aufmarsch. So können sie sein Heer - acht- bis zehntausend Krieger vielleicht - auf dem Marsch von hinten überfallen.


Otto muss in dieser Schlacht beweisen, ob er den Kriegern Ruhm, dem Volk Frieden, dem Land Fruchtbarkeit erringen kann, ob er das Königsheil hat. Diese sakrale Strahlkraft war in den Sippen- und Stammesfehden der letzten Jahre verdunkelt worden. Der sonnige Augustmorgen gibt dem “Volk Gottes” Vertrauen und Hoffnung.

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