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Otto hielt in Quedlinburg noch einen glänzenden Hoftag. Sogar der Kaiser von Byzanz und die Fatimiden-Herrscher  in Nord-Afrika und Sizilien hatten Gesandtschaften geschickt. Von hier zog der ewig Unbehauste auf nur andeutungsweise vorhandenen Wegen nach Merseburg, von dort in die Pfalz Memleben an der Unstrut. Dort war sein Vater Heinrich gestorben, dort starb auch der große Otto während des Gebets.


Der Kaiser von Byzanz fühlte sich noch immer als der einzig rechtmäßige. Der römische Kaiser war für ihn ein Usurpator, der sich das Kaisertum nur anmaßte, obendrein ein Barbar. Auch der Papst und Rom galten nichts in Byzanz. Dort wurde der Bischof Luidprand von Cremona, der als Gesandter Ottos kam, unmissverständlich aufgeklärt: “Höre also! Der dumme, ungebildete Papst weiß wohl gar nicht, dass der heilige Konstantin die Herrschaft der Kaiser ... hierher überführt, in Rom aber nur gemeine Knechte, nämlich Fischer, Trödler, Vogelsteller, Hurenkinder, Pöbel und Sklaven zurückgelassen hat.”


Der Kaiser in Byzanz war zwar weit weg, aber da ihm Unteritalien gehörte, waren Spannungen unvermeidlich. Schon Karl der Große hatte sie durch eine Heirat beseitigen wollen. Auch jetzt galt: Wenn man eine Familie wäre, würde sich alles bessern. So bejubelte man die Braut, bis man merkte, dass es die falsche war. Man wollte Anna, die Tochter des Kaisers Romanos II., bekommen hatte man Theophano, die Nichte des Thronräubers Tzimiskes. Da sie nicht erbberechtigt war, war man angeschmiert. Doch Zurückschicken ging nicht. Irritiert bestaunten die grimmig-behäbigen Sachsen den Paradiesvogel aus einer ihnen unbekannten Welt. Die verwöhnte Kleine "musste sich fühlen wie eine Debütantin der besten englischen Gesellschaft, die einen Kanibalenhäuptling ehelichen soll." Byzanz - das war Zivilisation und Luxus. Deutschland dagegen wird für sie nur Urwald und Sumpf gewesen sein. Ein Zeitgenosse im Bagdad Harun al Raschids  hatte über die Franken die Nase gerümpft: “Du siehst nichts Schmutzigeres als sie. Sie waschen sich nur ein- oder zweimal im Jahr mit kaltem Wasser. Ihre Kleider aber waschen sie nie, .. bis sie in Lumpen zerfallen.” Bei Ottos Sachsen hatte sich die Ansicht, Wasser sei zum Waschen da, noch nicht durchgesetzt.

 

Mit ihren fünfzehn Jahren muss das Luxusweibchen aus dem fernen Byzanz ein hinreißender Fratz gewesen sein. Kurz vor seinem Tode verheiratete Otto I. seinen von Kanzler Wilhelm erzogenen, sehr gebildeten Sohn und Nachfolger Otto II. mit der ebenso gebildeten, willensstarken Theophano. Wie ihre aristokratischen Geschlechtsgenossinnen war sie zunächst eine Ware zur Begleichung eines politischen Handels, die, wenn nicht ein Reich, so doch Provinzen oder zumindest eine reiche Mitgift einzubringen hatten, die Thronerben zu gebären hatten oder mindestens Prinzessinnen, die wieder gegen Erbansprüche oder Provinzen getauscht werden konnten und die dort meist ihrer verlorenen Jugend nachweinten und schließlich zu Zeremonien-Statuen verdorrten, wenn sie nicht schon vorher an Kindbettfieber, heimwehkrankem Herzen oder gar durch Gift endeten.


Der junge Kaiser hatte Schwierigkeiten. Der Bayernherzog Heinrich “der Zänker”, dessen Vater schon Ottos Vater bekämpft hatte, paktierte mit Böhmen und Polen. Der Kaiser wehrte sich: Er teilte das riesige Herzogtum, um es zu schwächen: Kärnten, Steiermark, Krain und die Marken Verona und Aquileja wurden ein eigenes Herzogtum. Auch die bayerische Ostmark wurde abgetrennt. Die Babenberger, die der Stadt Bamberg ihren Namen hinterließen, wurden dorthin “versetzt”. Ober- und mehr noch Niederösterreich entwickelten sich seitdem zur Keimzelle Österreichs.


Auch im Norden musste Otto Ruhe schaffen. Die Taufe hatte die Dänen keineswegs dazu gebracht, ihre Schwerter an den Nagel zu hängen. Sie fielen in Norddeutschland ein “und … sättigten die Adler mit den Leichen der Sachsen und Franken”, schrieb ihr Kriegsberichterstatter. Otto warf sie zurück.


Danach zog sich Otto mit Frau und Hofstaat nach Aachen zurück, um die Last des Regierens durch die Lust des Badens auszugleichen. Plötzlich wurde ihm gemeldet, dass König Lothar von Frankreich mit seinem Heer Aachen schon beinahe erreicht habe. Der Kaiser sollte mitsamt allen Großen des Reiches, die ihn begleiteten, gefangen und nur gegen die Abtretung von Lothringen freigelassen werden. Das damals ganz epileptische Frankreich wollte durch ein simples Kidnapping dem Reich Ottos II. das reichste Herzogtum, die zivilisierteste Provinz, abnehmen.


Erst nachdem er sich innen wie außen durchgesetzt hatte, konnte Otto II. eigene Pläne aufnehmen. Da war wieder das Italien-Problem. Oberitalien und Mittelitalien hatte er. Aber Süditalien gehörte Byzanz. Jetzt schienen es die Araber zu erobern. Was würde sein, wenn sie bis zum Papst nach Rom kämen? Er würde sofort dem Kaiser in den Rücken fallen und seine deutschen Bischöfe wären dann auch nicht mehr loyal. Es ging also um eine Lebensfrage, denn ohne die Bischöfe und ihre Kirche war Deutschland nicht zu regieren.


Also auf nach Italien! Theophano und der eben geborene Thronerbe müssen mit - aus Angst vor Entführung. Das Heer ist wie alle Heere der Zeit für uns nur ein Häuflein: Die Bischöfe von Mainz, Köln, Straßburg und Augsburg stellten je 100 Ritter, jeder mit zwei bis fünf Fußknechten, der Herzog des Elsass - damals Teilherzogtum Schwabens - führte mit 70 Rittern das stärkste weltliche Kontingent. Die Äbte der Klöster Reichenau und Fulda schickten 60, Lorsch und Weißenburg je 50 Ritter, die anderen weltlichen Kontingente waren 40, 30 und weniger Ritter stark. Jeder Fürst schickt soviel Truppen, wie ihm der Kaiser wert ist. Die Größe der Kontingente zeigt auch, wo Macht und Besitz war; nämlich hauptsächlich bei der Kirche. Dieses Heer wird von den verbündeten Arabern und Byzantinern am Golf von Tarent vernichtet. Der Kaiser wird zufällig von einem Juden und einem Slawen vor der byzantinischen Gefangenschaft gerettet.


Katastrophen sind gebärfreudig. Eine Folge dieser war ein Slawenaufstand. Die Abodriten ,  Heveller  und die Liutizen  jagten die Deutschen “wie Hirsche” über die Elbe zurück. Brandenburg, Havelberg, Hamburg wurden überrannt, sogar Magdeburg bedroht, nur die Mark Meißen hielt stand. Deutschland endete wieder an der Elbe.


Das Reich war in einer Krise. Was war die Ursache? Der Italienzug! Waren die vielen Opfer nötig? So wurde schon damals räsoniert, so und ähnlich wurde es auch tausend Jahre später missdeutet. Die deutschen Kaiser wären mit ihrem ständigen Drang nach Italien einer Verirrung erlegen. Sie seien dem mystischen Glanz der Kaiserkrone und dem Traum einer theokratischen Weltherrschaft und natürlich auch bella Italia zum Opfer gefallen. Darüber hätten sie die Stärkung ihrer Macht in Deutschland durch die Beseitigung des Partikularismus vertan und es versäumt, die Ostgebiete zu kolonisieren. Sie hätten mit ihren Romzügen gerade das wertvollste “Menschenmaterial” des deutschen Volkes unverantwortlich dezimiert, sie hätten die nationale Einheit nicht hergestellt, und sie hätten auch nichts getan, um den Deutschen den im nächsten Jahrtausend so dringend benötigten “Lebensraum” im Osten zu erobern.


Die deutschen Kaiser wären also wie Mücken dem Licht entgegengetaumelt, um in ihm zu verbrennen? Komisch nur, dass diese Verirrung alle Könige des Hochmittelalters befallen hatte. Ein volles Vierteljahrtausend dauerte dieser “Unsinn”, der auch von allen Großen mitgemacht wurde. Kaum möglich also, dass diese Politik für das Bewusstsein der damaligen Eliten keine realen Inhalte hatte. Politische Fieberanfälle hat es immer und überall gegeben, aber 250 Jahre hat keiner gedauert. Wer hier von Unsinn sprechen wollte, müsste acht aufeinanderfolgende Generationen zu Narren erklären. Gab es Gründe, warum Deutschland sich weder nach Osten noch nach Westen - was beides leichter möglich gewesen wäre -, sondern nach Süden orientierte, obwohl dazu die damals stärkste Grenze, nämlich ein Hochgebirge, zu überwinden war?


Was das bedeutete, kann man sich gar nicht mehr vorstellen. Damals war eine “Reise” keine touristische Veranstaltung, sondern ein Kriegszug - deshalb hießen die Kriegsknechte “Reisige”. Unsägliche Strapazen waren zu überstehen, kaum je hatte man ein Dach über dem Kopf, man war Kälte, Regen und Schnee ausgesetzt. Das alles nicht auf Straßen, sondern höchstens auf überwachsenen Pfaden, die oft grundlos waren, so dass sie erst mit Knüppeln oder Reisig bedeckt, Ross und Wagen oder nur Karren trugen. Im Gebirge gab es nur noch Saumpfade, manchmal nur Trittstellen. Die Ritter mussten oft absitzen und ihre Rösser behutsam führen. Zu solchen Reisen brauchten auch die Kaiser eine eiserne Gesundheit. Sicher wären sie lieber in ihrer Lieblingspfalz bei ihrer Berta oder Adelheid geblieben und hätten sich die Beine am Kaminfeuer gewärmt, obwohl auch dort der Wind durch die nur zugehängten Fensterhöhlen pfiff.


Das Risiko der Romzüge war auch deshalb hoch, weil es eigentlich nur zwei Wege nach Italien gab: über den Brenner und - viel weniger gut - über den Septimer . Der Gotthard ist vor dem 13. Jahrhundert noch nicht bekannt gewesen. So wurde vor allem der Weg über den Brenner, durch die Salurner Klause die Etsch entlang nach Verona zur “Kaiserstraße”, 66mal von deutschen Herrschern begangen, leider leicht zu sperren.


Nein, die Deutschen und ihre Kaiser wollten nicht nur das Land, wo die Zitronen blühen, kennenlernen, im Gegenteil: Sie fanden es mörderisch. Jeder konnte ja sehen, dass mehr Krieger am Fieber oder an der Ruhr starben, als im Kampf. Man mochte sich auch nicht. Kirchliche Aspekte spielten mit. Wenn die Kaiser durch die Kirche herrschen wollten, musste ihre Politik mit kirchlichen Interessen übereinstimmen. Bereits hier beginnt die Realpolitik. Auch das Erbe wirkte nach: Das Kaisertum und seine Reichsidee entsprach der Überlieferung, es war institutionalisiert. Und wie der große Karl all das beherrscht hatte, um was es jetzt ging, war Otto I. unbestritten der mächtigste König rundum. Auch in Frankreich, in Burgund, in der Lombardei übte er bestimmenden Einfluss aus. In Rom wie in der Lombardei hatte man ihm die Herrschaft sogar angetragen. Hätte er darauf verzichten sollen? Die Einigung Italiens wäre dann schon damals geglückt. Südlich der Alpen wäre eine zweite Großmacht entstanden, die Deutschland aufgrund ihrer besseren Möglichkeiten bald klein gemacht hätte. Auch die Regierung des Reiches mit Hilfe der “Reichskirche” wäre dann schnell vorbei gewesen, da dann der Papst von einem italienischen Kaiser abhängig geworden wäre. Deutschland wäre unregierbar und unbedeutend geworden.


Die Kaiser aus Deutschland dachten ganz nüchtern, auch in einer anderen Hinsicht: Deutschland lag abseits vom Weltverkehr. Der lief von Vorderasien über Konstantinopel und das Mittelmeer durch Italien nach Frankreich. Handel bringt Geld. Deutschland war im Vergleich mit Italien ein Entwicklungsland. Fürsten, die die Zivilisation ihres Landes heben wollten, mussten also versuchen, an die Ost-West-Handelsströme heranzukommen. Der Punkt, wo dies am effektivsten war, war Venedig. Nominell zwar immer noch zu Byzanz gehörig, aber eine freie, aufblühende Stadt, unerhört reich. So ging es Otto I. außer um Rom und die Kaiserkrone auch um das Hinterland von Venedig. Deshalb wurde die Lombardei anfangs nur zur Anerkennung der deutschen Oberhoheit und zur Abtretung der Zugangswege nach Venedig genötigt. Erst nach zehn Jahren - 962 - annektierte man die Lombardei, da der bisherige Schwebezustand zu unsicher war. Ein Vertrag mit der Königin der Adria beseitigte alle Unsicherheiten.


So betrachtet, war der dreijährige Zug Ottos II. nach Süditalien gar nicht exzentrisch. Süditalien mit seinen Griechen-Städten war ebenfalls reich. Und wenn man ganz Italien hatte, konnte man auch den ganzen Mittelmeerhandel kontrollieren. Dann wäre man fast so reich wie Ostrom. Aber der Erfolg hat viele Väter, die Niederlage ist immer Waise.


Otto II. strickte also an Vaters Faden weiter: Auch er festigte vor allem seine Macht im Nordosten Oberitaliens. Auch deshalb machte er Verona, Aquileja und Kärnten stärker. Der Kirchenstaat war eine Flankendeckung. Die Kaiser griffen nur ein, wenn ihre Interessen gefährdet waren. Diese Politik trug Früchte. Italien war das reichste und zivilisierteste Land im Westen. Deshalb waren die Italienzüge weder neu noch ein kaiserliches Privileg. Der schwäbische und bayerische Adel war schon früher manchmal südwärts gezogen, um Beute zu machen. Nur wurde jetzt in dieses Vakuum ganz Deutschland hineingezogen. Außerdem hatte das Reich in Italien fette Weiden. Einträgliche Zölle und Steuern leiteten einen nicht kleinen Teil des oberitalienischen Reichtums in des Kaisers Kassen - und das in Form von klingendem Bargeld, das es dort schon gab. In Deutschland beglich man Schulden noch mit Naturalien, die verderblich und kaum transportabel waren. Außerdem gab es Rechte, die indirekt den Reichtum dessen mehrten, der sie beanspruchen konnte. Aber nutzen konnte sie der Kaiser nur, wenn er präsent war. Sogar eine Heeressteuer stand ihm zu. Davon konnte er in Deutschland nur träumen.


Wo gab es sonst noch solche Quellen des Reichtums? Etwa im Osten, in den Weiten des Slawenlandes, die ohne strapazenreiche, ja gefahrvolle Hochgebirgsüberschreitung so nah vor den Deutschen lagen? Der Drang nach dem Osten war deshalb begrenzt.

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