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Gleichzeitig erwarteten die Kriegsknechte des Bayernherzogs Heinrich den Trauerzug auf dem Brenner, um die Reichskleinodien - “das Reich” - an sich zu bringen. Der Erzbischof von Köln, der die heilige Lanze nicht herausgeben wollte, wurde gefangengesetzt, bis er das Kleinod herausrückte. Heinrich II. , Urenkel Heinrichs I., Sohn Heinrichs „des Zänkers“, war der Onkel des toten Kaisers, dessen Leiche er jetzt in Polling südlich von Weilburg traf, nachdem sich der bewaffnete Leichenzug über den steilen Zirler Berg aus dem Inntal hochgequält hatte. Mit seinem toten Vorgänger zog der letzte aus dem Mannesstamm Heinrichs I. über Mainz nach Aachen zur Krönung.


Zunächst bekämpfte Heinrich die Gewalttätigkeiten großer und kleiner Machthaber, er gab Deutschland durch die Einschränkung des Fehdewesens etwas Ruhe und Stabilität.


Für das Jahr 1000 hatte man den Weltuntergang erwartet. “Da der Weltabend nahe ist”, wie es oft in den Schenkungsurkunden hieß, hatte Arm und Reich reichlich der Kirche gespendet. Kirchen und Klöster, schon bisher reich, wurden unschätzbar reich. In Deutschland besaß die Kirche ein Drittel des Bodens. Die Reichsabtei Lorsch etwa besaß 2.000 Güter, Fulda 15.000  Parzellen, St. Maximin bei Trier hatte Grundbesitz im heutigen Wert von über einer viertel Milliarde Euro. Dazu kassierte die Kirche noch den Zehnten.


Heinrich reformierte die Klöster, indem er sie zur Ader ließ. Er bestand auf den dem König zustehenden Sachsteuern mit der Begründung: Wem viel gegeben wird, von dem kann viel gefordert werden. Manche verteidigten ihren Besitz mit der Waffe, wie Stablo bei Malmedy. Heinrich erinnerte die unfrommen Brüder durch seine Besitzabschöpfung nachdrücklich daran, dass ihr Leben nach den Regeln des heiligen Benedikt in Gehorsam, Keuschheit und Armut zu erfolgen habe. Auf diese Weise machte er das Reich wieder liquide, und er rettete das Klosterwesen und die Kirche vor dem Infarkt. Freilich führten diese Reformen schnurstracks nach Canossa . Doch noch stand Odilo, der mächtige Abt des vorbildlichen burgundischen Klosters Cluny, der “König der Mönche”, neben ihm, als er sich 1014 in Rom zum Kaiser krönen ließ.


Heinrich II. hatte Otto III. zweimal nach Italien begleitet, er selbst zog dreimal hin, zumindest einmal hat er dort “gewaltige Gelder tüchtig eingestrichen”, sagt ein Chronist. Zum letzten Italienzug ließ er sich vom Papst förmlich bitten. Byzanz versuchte nämlich, von seinen süditalienischen Gebieten nach Norden vorzudringen. Die Gefahr war so groß, dass der Papst eigens nach Bamberg zum Kaiser kam. Da auch die Interessen des Reiches auf dem Spiel standen, bereitete man die “Operation Süditalien” besser vor als Otto II. Es gelang zwar, die Herzogtümer Benevent, Capua und Salerno zu sichern, doch die Malaria sicherte den Besitz der Byzantiner: Das Heer verröchelte in Fieberschauern. Deshalb wird Heinrichs Nachfolger in den Sommern Süditalien möglichst meiden, er wird sein Heer in Norditalien „übersommern“. Die Bedeutung dieser Bedrohung wird klar, wenn man bedenkt, dass noch heute trotz guter Heilmittel Jahr für Jahr weltweit 1,5 bis 2,7 Millionen dieser Seuche zum Opfer fallen.


Der Polenfürst Boleslaw zwang den Kaiser in den Zweifrontenkrieg. Der verbündete sich notgedrungen mit den ebenfalls von Polen bekriegten Liutizen, die in Ost-Mecklenburg, in Vorpommern und an der Havel saßen. Nun war Boleslaw Christ, die Liutizen aber Heiden. Den Zeitgenossen galt deshalb dieses Bündnis als ein Pakt mit Teufeln. Doch es erfüllte seinen Zweck. Die deutsche Ostgrenze konnte gehalten werden. Aber Polen musste aus der “Vasallität” entlassen werden, und nach Heinrichs Tod ließ sich Boleslaw in seinem Gnesen mit päpstlicher Zustimmung zum König krönen.


Auch in Flandern musste Heinrich mit dem Schwert rasseln. Seit je hatten die Friesen - wie die Niederländer damals hießen - am Handel gut verdient. Die Waren kamen aus Byzanz über Marseille, Lyon und die Champagne ins Land. Nun kamen auch Metall- und Textilwaren aus Mittelitalien und der Lombardei über die mittleren Alpenpässe und Süddeutschland. Die Holländer verhandelten diese Waren in den Nord- und Ostseeländern. Flandern war daher nicht nur das volkreichste, sondern auch das reichste Gebiet des Reiches. Seine Grafen trugen infolgedessen die Nase zu hoch, meinte Heinrich.

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