das Buch

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Schon ein flüchtiger Rückblick auf unsere Geschichte lässt uns befürchten, sie sei eine 1200jährige Fahrt auf einer Achterbahn gewesen. Waren die Schicksale unserer Vorfahren, mit denen Geschichte gemacht wurde, wechselhafter als die anderer Völker? Und wenn es so war, was waren die Ursachen? In jedem Fall bleibt die Frage "wie es eigentlich gewesen ist." Dieses Buch will sie beantworten.

 

Dabei folgt es dem Gebot „Du sollst nicht langweilen!“ Es will die Geschehnisse, die die Geschichte machten, kurzweilig darstellen. Es ist deshalb „locker“ geschrieben. Damit befindet sich diese Schilderung in der achtbaren Gesellschaft Eduard Vehses, dem man für seine Hofgeschichten bescheinigte, er habe gelernt, "in den vielfältigen Erscheinungen nicht nur den gewichtigen Ernst der hohen Historie, sondern auch den Humor der kleinen Menschlichkeiten zu erkennen und so das Geschichtsbild statt nur in Schwarz und Weiß farbig zu sehen." Im übrigen habe ich mich an Johann Gottfried Seume gehalten: "Ich weiß, dass man beim Übermaße gähnt. So habe ich im Lied nicht alles eingefangen, nicht jeden Punkt hab ich genau erwähnt. Doch wurde nie aus Bosheit manches übergangen."

 

Verglichen mit anderen Darstellungen lässt diese mehr Handelnde, mehr Zeitzeugen und mehr andere Beurteiler sprechen. Damit wird die Forderung „Zitate sind die Pflicht des Historikers“ stärker berücksichtigt als sonst üblich.
Da nach Stendhal die Wahrheit in den Einzelheiten liegt, werden viele geboten. Auch wird vieles erst durch Zahlen- und Größenangaben klar. Deshalb wird beispielsweise mitgeteilt, wie viele „Führungskräfte“ das Reich Karls des Großen beherrschten, wie viele SED-Mitglieder, Stasi-Bedienstete und Bewaffnete das DDR-Regime stabilisieren sollten, wie kostbar Eisen und wie gering der Landwirtschaftsertrag im Mittelalter war, wie viel ein Arbeiter verdiente und wie lange er arbeiten musste, wie hoch die Zahl der Opfer von Kriegen, Seuchen und Vertreibungen und wie niedrig die Lebenserwartung war und wieviel Schulden, Arbeitslose, Millionäre, Alkoholiker, Analphabeten, Asylanten, Obdachlose, Drogen- und Verbrechenstote wir haben und manches mehr. So enthält dieses Buch auch Sozial-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichtliches. Angestrebt wurde ein hoher Unterhaltungswert trotz eines Maximums an Information bei einem Minimum an Umfang.
Diese Darstellung bemüht sich, die seit Bismarck vorherrschende propreußische Geschichtsschreibung zu vermeiden, weil Macht nicht nur geschichtsbildend, sondern auch geschichtsverfälschend gewirkt hat. Deshalb musste Geschichte ja so oft „umgeschrieben“ werden. Diese Geschichte ist auch weniger zeitgenössisch-„stromlinienförmig“ als andere. Das heißt, dass Tabus, politisch opportune Verbiegungen und ideologische Ausdeutungen, die unser Bild von dem, „wie es eigentlich gewesen ist“ trügen, versachlicht werden. Es bedeutet auch, dass die „Verseuchung der Vergangenheit durch die Gegenwart“ vermieden wird. Wir besserwissende Nachgeborene sollten nämlich bedenken, dass wir mit Abstand und mit dem dann bekannten Hintergrundwissen viel zielsicherer urteilen können.

 

Es wird nicht verschwiegen, dass auch Unwissenheit, Überheblichkeit, Fehleinschätzungen und/oder schlichte Dummheit der Mächtigen und Befehlenden viele Handlungsabläufe bestimmten. Da diese Einflüsse meist von gegeneinander stehenden Seiten wirken, die voneinander nichts wissen, ergibt sich, dass Geschichte weder „geradlinig“ verläuft, noch immer vorhersehbar ist.

 

Selbst wenn man Napoleons Ansicht „Der Zufall ist der einzig wirkliche Beherrscher des Weltalls“ nicht teilt, muss seine geschichtsbestimmende Potenz real gewichtet werden. Beispielsweise ermöglichte nur fürstlicher Opportunismus Aufkommen und Ausbreitung der Reformation. Hätte Preußens junger Fritz seine erste Schlacht verloren, hätte es weder Bismarck noch Hitler gegeben. Hätte ein junger Korse namens Napoleone Buonaparte nicht durch Robespierres Protektion vor Toulon kommandieren dürfen, wäre Deutschland noch lange unverändert geblieben. Und wäre von den 42 Attentatsplänen auf Hitler nur einer erfolgreich gewesen, hätte eine der größten Katastrophen unserer Geschichte nicht stattgefunden. In jedem dieser Fälle, die sich beliebig vermehren ließen, wäre unser Sein und Bewusstsein ein ganz anderes. Taten wie Unterlassungen wirken fort – bis heute.

 

Freilich müssen wir uns zur Einsicht bequemen, dass sich uns nur "ein vermeintlich reales ... Bild der Vergangenheit enthüllt. Nur ein bestimmter Geschichtsstrom hat sich durchgesetzt, auf ihm treiben wir zur Gegenwart."

 

Für Bismarck gab es zwei Arten von Historikern: "Die einen machen die Wasser der Vergangenheit klar, so dass man auf den Grund sehen kann, die anderen machen diese Wasser trübe." Ich hoffe, dass diese Darstellung der Geschehnisse der ersten Art zugezählt werden kann.
Um den Lesefluss nicht durch eine Flut von Quellenangaben zu stören, wurde in aller Regel darauf verzichtet. Nur dem SPIEGEL entstammende Zitate und Fakten sind mit * bezeichnet. In Anführungszeichen gesetzte Wörter sind (zeit)typisch oder sie sind ironisch gemeint. Zitate in Gänsefüßchen stammen von anderen Autoren.



Helmut Dittrich 2011