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Jetzt regierte Heinrich IV. selbst. Da er den Adel kennengelernt hatte, stützte er sich stärker auf das Volk. Bereits sein Vater und dessen Vater hatten Helfer aus diesen Schichten der zu Fuhr- und Vorspanndiensten verpflichteten Halbfreien, ihren fron- und abgabepflichtigen Hörigen, ja sogar Knechte ihrer Fronhöfe in ihren Dienst genommen. Sie waren gut mit ihnen gefahren. Diese “Ministerialen” blieben auch weiter unfrei, sie bekamen nur ein kündbares Dienstgut zugewiesen. Ein großer Teil des heutigen Adels stammt aus dieser Schicht, die für den damaligen Adel noch Unterschicht war.


Beim Regierungsantritt stellten die Räte die königlichen Einnahmen und Güter fest. Danach musste der König erkennen, dass er so arm war wie eine Kirchenmaus. Er versuchte daher, das Königsgut wieder in seinen Besitz zu bekommen. Dem Adel verordnete er “Landfrieden”. Seit Urzeiten hatte sich der Adel angemaßt, selbst aus nichtigsten Gründen einander zu bekämpfen. Dabei wurde auch die “Wirtschaftsbasis” des Gegners zerstört: Man zertrampelte die Felder, brannte die Hütten nieder, erschlug die Bäuerlein, wenn sie sich nicht rechtzeitig mit ihrem Vieh in die Wälder hatten retten können. Der Adel hielt das für sein Fehderecht. Das Landfriedensgebot drückte ihn in die Gleichheit aller Untertanen. Ein Meer adeligen Hasses brandete gegen den König.


Die Sachsenkaiser hatten vor allem gegen das widerborstige Bayern kämpfen müssen. Jetzt hatten die Salier ihre Gegner in Norddeutschland und Sachsen, wo sie die Ottonen beerbt hatten. Nach dem Tode Adalberts von Bremen zerfiel sein kleines Reich. Jenseits der Elbe brach das slawische Heidentum wieder durch, die Obotriten brannten Hamburg nieder. In Sachsen hatte sich der Adel Reichsgut und Reichseinkünfte genommen. Die Silberminen im Harz waren äußerst wichtig. Heinrich versuchte, das Verlorene zurückzubekommen. Er stieß auf erbitterten Widerstand. Er baute Burgen, um seine Rechte zu sichern. Er besetzte sie mit Landfremden, die nicht mit den Einheimischen fraternisieren konnten. Ein Sachsenaufstand brach los. Die Aufständischen schleiften die Zwingburgen, sie zerstörten bei dieser Gelegenheit auch dazugehörige Kirchen. Der heidnische Geist revoltierte. Heinrichs Rettung war die Trennung der sächsischen Bauern von ihrem Adel. Nun konnte er die Mächtigen beugen. Die meisten verloren ihren Besitz, schwäbische und rheinische Ministeriale zogen in sächsische Burgen ein. Otto von Nordheim verlor zwar sein Herzogtum Bayern an die Welfen, behielt aber seine Macht in Sachsen. Er blieb bis zu seinem Tode der Führer der Königsfeinde.


Im Sachsenkrieg und in späteren sorgenvollen Tagen waren für Heinrich IV. die Städte das Netz unter dem Seil, auf dem er balancieren musste. Die Bürger von Worms, Speyer, Mainz, Köln und Würzburg fühlten sich von ihren Bischöfen getreten. Handel und Gewerbe hatten ihnen Wohlstand gebracht. Nun wollten sie ihr Joch abschütteln. Für die Wormser kam dieser Augenblick, als Heinrich, geschlagen und krank, aus Sachsen an den Rhein geflohen war. Sie jagten ihren Bischof fort und holten den König feierlich ein. Für ihr Wohlverhalten erhielten sie an allen königlichen Orten den Zoll geschenkt, weil sie “in der größten Erschütterung des Reiches in größter und besonderer Treue zu Uns gehalten haben.” Da folgten auch die Bischöfe dem König wieder, um sich in ihren Städten halten zu können.


In Mailand setzte Heinrich einen Erzbischof ein, der Oberitalien für ihn regieren sollte. In der Stadt gärte es. Der Kleinkrieg der Pataria, die der Bischof ‘Lumpengesindel’ hieß, war eine klassenkämpferische Reformbewegung  gegen den hohen Klerus,  den Adel und das deutsche Königtum. Grund genug für den Papst, die Volksbewegung zu fördern. Denn wer Mailand hatte, hatte das reiche Oberitalien. Mailand war darüberhinaus die Basis für die Beherrschung Italiens und Burgunds. Ging es verloren, wackelten auf dem Kopf des Kaisers zwei seiner drei Kronen.


Im Januar 1076 erregten sich die in Worms versammelten deutschen Fürsten darüber, dass wegen der Mailänder Sache die Räte des Königs von Papst Gregor VII.  gebannt worden waren. Eine Provokation. Der König konnte sie nicht entlassen, wenn er nicht sein Gesicht verlieren wollte. Am Neujahrstag hatte er gar ein Ultimatum des Papstes erhalten. Er solle Buße tun für seine “Verbrechen”, für die er die Absetzung verdient habe. In diese Atmosphäre platzte der in päpstliche Ungnade gefallene Kardinal Hugo “der Weiße”. Er war der Geheimdienstchef des Papstes gewesen, hatte ihm zur Macht verholfen. Als der Papst drei Jahre zuvor an der Leiche seines Vorgängers stand, hatte sich “das Volk von Rom” - gekaufte Schreier - “spontan” erhoben und “diesen Mönch Hildebrand” zum Papst ausgerufen. Das war gerade das Gegenteil von dem, was das neue Papstwahlgesetz vorschrieb. Nach diesem Gesetz durften nur die Kardinäle den Papst wählen. Der Kardinal berichtete zudem über Amtsstubenpraktiken der Kurie und die Verliese des Lateran. Der Weg Hildebrands zum Heiligen Stuhl sei mit Lüge und Gewalt gepflastert. Alarmiert sein mussten vor allem die Bischöfe, als der Kardinal die päpstlichen Ansichten zur Simonie beschrieb. Schließlich waren sie ja alle durch Simonie zu ihren Pfründen gekommen. Dieser Papst war gefährlich.