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Die Synode der deutschen Bischöfe - 26 von rund 40 - beschloss, den “Bruder Hildebrand”, den “falschen Mönch”, abzusetzen. In Piacenza schlossen sich die oberitalienischen Bischöfe dem Beschluss an. Auch Heinrich tat es: “Du also, durch den Urteilsspruch aller Unserer Bischöfe und den Unsrigen verdammt, steige herab, verlasse den angemaßten Apostolischen Sitz. Ein anderer besteige den Thron des seligen Petrus, ... Wir Heinrich, König von Gottes Gnaden, mit allen Unseren Bischöfen sagen Dir: Steige herab, steige herab.” Sofort erklärte Gregor den König wegen Rebellion gegen die Kirche für abgesetzt, wegen geistlichen Ungehorsams für gebannt . Er entband die Untertanen vom Treueid.
Schon öfter waren unfähige oder den Kaisern feindliche Päpste abgesetzt worden, vom Vater des jungen Heinrich gleich vier. Jetzt war sein Sohn für nicht mehr regierungsfähig und sogar für vogelfrei erklärt worden. So etwas war bisher nicht einmal denkbar gewesen. Gregor beteuerte sofort, sein Bann habe sich nur gegen Heinrich, den Unwürdigen, gerichtet, nicht gegen das Königtum. Worauf Heinrich erwiderte, dass er nur den anmaßenden Amtsinhaber angegriffen habe, nicht das Papsttum. In Wahrheit forderten beide das Regiment über die damalige Welt für sich.


Wie meist bei solchen Umbrüchen, war auch dieser nur der Abschluss einer langen Entwicklung: Die Kirche war zu einer moralischen Streitmacht geworden. Die Reform war größtenteils von Mönchen des burgundischen Klosters Cluny bewirkt worden. Es war unter erstklassigen Äbten Vorbild für das gesamte Klosterwesen geworden. Mit dem geistlichen Ernst kam der politische Einfluss. Diese Mönche waren klug und gebildet, sie wurden zu Ratgebern von Fürsten und Päpsten. Sie waren gute Propagandisten und fanatische Kämpfer für ihre Ziele. Ihr Hauptziel war die Befreiung der Kirche aus weltlicher Herrschaft, darüberhinaus die Reinigung der Kirche von weltlichen Einflüssen. Das war der Gegensatz zur Reichskirche. Die war eine Institution der weltlichen Macht, mehr noch: Sie war der Träger der kaiserlichen Macht. Ihre Bischöfe fühlten sich als Fürsten, erst nachrangig als geistliche Hirten. Sie kamen ja meist aus gräflichen oder fürstlichen Familien. Die burgundischen Mönche hatten kein Verständnis dafür, dass sich geistliche Würdenträger zu Vollstreckern weltlicher Politik machen ließen. Auch Gregor war über diese reiche und mächtige Reichskirche erschrocken, als er mit einem der von Heinrichs Vater abgesetzten Päpste nach Köln in die Verbannung kam. Seit damals waren in ihm die Begriffe weltlich, deutsch, böse, zu einer Dreiheit verklammert.


Dazu kam der soziale Gegensatz. Die Mönche mussten arm sein, der niedere Klerus war es ebenfalls. Das macht neidisch. Obendrein litten die abgerissenen Hirten und ihre bäuerliche Herde unter Willkür und endlosen Fehden mit Schlächtereien, Plünderungen, Brandschatzungen, an denen oft genug ihre eigenen Oberhirten beteiligt waren. Die erste Forderung von Cluny, die nach “Gottesfrieden”, erschien daher den Geknechteten und Verelendeten wie die Verheißung des Paradieses. Cluny war zum Wahrer der Moral des Christentums geworden.


Ein wunder Punkt war die Weiberwirtschaft der Kleriker. Hohe und niedere Geistlichkeit freuten sich allerorts ihrer Frauen und Kinder. Das von Cluny geforderte und von den Päpsten erlassene Eheverbot wurde als “schweres und nicht zu ertragendes Joch” bezeichnet. Aber die Asketen von Cluny, die nur ihr stacheliges Haferstrohlager zu beschlafen hatten, ließen nicht locker. Die an die Frau verschwendete Aktivität sollte in religiöse Aktivität umgesetzt werden. Weder Frau, noch Kinder, noch Besitz durften den Gottesmann von seiner Kirche ablenken. Alle Priester sollten vermöncht werden.


Die Lösung vom Weibe war für den Papst und seine kluniazensischen Ideologen nur eine Voraussetzung für die Lösung vom weltlichen Einfluss. Diesen Einfluss auf die Kirche übten die Kaiser aus durch die Einsetzung von Bischöfen und Äbten. Die Beherrschung der Kirche durch die kaiserliche Ämtervergabe sollte deshalb beendet werden. Die Einsetzung in ein priesterliches Amt dürfe nur durch einen Mann Gottes erfolgen, diktierte der Papst, so wie er selbst von Gott eingesetzt sei. Simonie war jetzt auch nicht mehr nur der Kauf eines Amtes, sondern schon die Annahme eines Amtes vom Kaiser, einem Laien. Gregor diktierte weiter: Nur der Papst dürfe die kaiserlichen Abzeichen tragen. Alle Fürsten hätten seine Füße zu küssen. Er dürfe den Kaiser absetzen. Der Papst sei heilig, sobald er geweiht sei. Die Kirche habe nie geirrt und werde nie irren.


Schon das angedrohte Verbot der kaiserlichen Investitur der Bischöfe war für das Reich eine Bedrohung. Ebenso gefährlich war die Bedrohung des bisher heiligen Kaisertums. Gregor, der “heilige Satan”, stellte die Welt und ihre bislang nie angezweifelte Rangordnung auf den Kopf. Der klein und mickrig Geratene wollte zur Verwirklichung seiner Ideen äußerst weltliche Wege gehen. Gleich am Anfang seiner Herrschaft steigerte er die augustinische Idee des “gerechten Krieges” zum “heiligen Krieg”, den die Kirche, wenn nötig, führen sollte. Er, der gern in rasselnder Rüstung einem Heerhaufen voranritt, wollte selbst ein Ritterheer gegen die Seldschuken führen, die gerade Byzanz besiegt und Jerusalem erobert hatten. Der kriegerische Papst kam nur nicht zur Ausführung seines Kreuzzugsplanes. Er hatte Hugo „den Weißen“ nach Südfrankreich geschickt, um die Mauren in Spanien zu bekriegen. Doch Hugo scheiterte, fiel in Ungnade und erschien prompt beim Wormser Fürstentag, um diesen Nachfolger Petri anzuschwärzen.


Schon hatten sich die deutschen Fürsten in Tribur versammelt. Schnell waren auch zwei päpstliche Legaten da. Heinrich versicherte, dass er zur Unterwerfung bereit sei. Zu spät! Die Fürsten beschlossen, dass sich Heinrich bis zum Jahrestag der Exkommunizierung vom Bann befreit haben müsse, wenn sie ihn weiter als König anerkennen sollten. Außerdem wurde der Papst gebeten, nach Deutschland zu kommen, um über den König zu richten.


Heinrich wusste, dass er verloren war, wenn der Papst nach Deutschland kam. Der Schauprozess, der mit seiner Absetzung enden sollte, durfte nicht stattfinden. Man wird dem König sicher geraten haben, mit einem Heer nach Rom zu ziehen und den giftigen Tiaraträger einzusperren. Doch die Herzöge von Bayern, Kärnten und Schwaben und der Erzbischof von Salzburg waren seine Feinde, und sie kontrollierten die Alpenpässe.

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