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Überraschend erschien Heinrich mitten im Winter, der so kalt war, dass man noch Anfang April mit Ochsenkarren über den Rhein fahren konnte, in Italien. Von der Kästenburg bei Hambach an der Haardt zog er nach Besancon, dann über den Mont Cenis. Schwiegermütterchen machte es möglich, denn der Pass lag auf ihrem Gebiet. Die Ehe mit der ungeliebten Berta von Savoyen-Turin hatte sich nun doch gelohnt. Diese Frau ertrug mit ihm, den zweijährigen Kronprinzen im Arm, die unvorstellbaren Strapazen dieser Alpenüberquerung.


Gregor war schon in Mantua gewesen. Von einem Heer der Fürsten sollte er nach Augsburg gebracht werden. Jetzt floh er vor dem König in die Burg von Canossa am Nordhang des Apennin. Wie Heine ulkte, tat der König vor dem Papst im Vorhof der Burg Buße nach Vorschrift: “Barfuß und im Büßerhemde ...” Canossa wurde zum Reizwort für Nationalisten. In der wilhelminischen Kaiserzeit war es das Synonym für “Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung”, gleichzeitig Anklage gegen ein nationales Verbrechen, das dem König angelastet wurde. Man zitierte dann Bismarck: “Nein, nach Canossa gehen wir nicht!”


Heinrich IV. wusste, dass er um jeden Preis vom Papst die Lossprechung vom Kirchenbann erreichen musste. Nur so konnte er seinen Feinden den Vorwand für seine Absetzung nehmen. Nur dann würde er die bisher Treuen wieder auf seine Seite ziehen können. Denn für den damaligen Menschen waren Himmel und Hölle, Fegefeuer und Teufel Realitäten. Sicher nagte auch in ihm selbst die Verzweiflung über die Verdammnis, in die er gestürzt worden war. All das zwang ihn, dem Papst die Waffe zu entwinden, die ihn sonst vernichten würde. Jetzt setzte er ihn unter moralischen Druck, indem er als reuiger Büßer vor ihm erschien.


Die Szene um die beiden Hauptakteure war mehr als eigenartig. Dem Königspaar hatte sich die Schwiegermutter angeschlossen. Zu Füßen des Papstes saß, ihm in religiöser Hörigkeit verfallen, Mathilde, die Markgräfin von „Tuszien“ - der Toskana -, mit dem König verwandt. Pendelnd zwischen ihnen das damalige Weltgewissen, Abt Hugo von Cluny, Berater des Papstes und Taufpate des Königs. Alles Verwandte und Bekannte!


Der Papst wusste, dass er nachgeben musste, wenn er nicht unglaubhaft werden wollte. Er hätte dann auch als Komplize der deutschen Fürsten gegolten. Mit diesen Aufrührern konnte er jetzt nicht gemeinsame Sache machen. Nach drei Tagen erhielt Heinrich IV. die Lösung vom Bann. Der Geniestreich war gelungen. Der König war gerettet und mit ihm das Erbkaisertum. Gesiegt aber hatte die Kirche: Canossa bewies der Welt, dass der König gebannt werden konnte und sich dem Papst unterwerfen musste.


Heinrich durfte keine Zeit mehr verlieren, denn in kaum mehr als zwei Wochen lief die Gnadenfrist ab, die ihm seine Fürsten gelassen hatten. Es war trotzdem schon zu spät. Auf einem sofort einberufenen Fürstentag riefen sie in der Forchheimer Pfalz den Schwabenherzog Rudolf zu ihrem König aus. Er hatte dem Papst Gehorsam geloben und seinen Wählern versprechen müssen, für seinen Sohn auf das Königtum zu verzichten. Diese Macht sollte sich nicht in einer Familie sammeln.


Heinrich setzte die drei rebellierenden süddeutschen Herzöge ab, doch die Opposition musste besiegt werden. Sachsen stand ganz hinter Rudolf, und in seinen Besitzungen am Oberrhein hatte der Gegenkönig weitere Machtpositionen. Die der Welfen lagen nördlich des Bodensees, um Altdorf - heute Weingarten bei Ravensburg -, die des Berthold von Zähringen beiderseits des Schwarzwaldes. Heinrich musste deshalb annehmen, dass das feindliche Trio die Verbindung dieser Gebiete mit Sachsen erzwingen würde. Der König machte diesen Plan zunichte: Er gab das eingezogene Herzogtum Schwaben dem Mann, dessen geringer Besitz an der Straße lag, die von Oberschwaben über Ulm und die Geislinger Steige nach Franken und weiter nach Sachsen führte. Die neue Burg der Familie auf dem Staufen bei Göppingen kontrollierte diesen wichtigen Weg. Der Ort der Burg gab - wie so oft - den Besitzern ihren Namen. Die Staufer waren in die Geschichte eingetreten. In dieser Lage, in die ihn der König durch die Erhebung zum Herzog gebracht hatte, würde sich der Staufer für Heinrich tapfer schlagen müssen. Da der wusste, was er dem kleinen Dynasten zumutete, gab er ihm noch seine einzige Tochter Agnes als Draufgeld.
Die Verhältnisse verwirrten sich. Zwei Könige - daraus folgte, dass jeder seinen Herzog ernannte, auf einen für ihn freien Bischofssitz seinen Bischof setzte. Klar, dass danach jeder der beiden wiederum einen Lehensmann ernannte und dass sich das die hierarchische Stufenleiter nach unten fortsetzte. So kam es, dass um Ländereien, Abteien, Burgen, Felder jeweils zwei kämpften. Das ergab einen kriegerischen Flächenbrand, der den kleinen Mann wieder quälte und ihm alles nahm.- Schwaben, wo drei Dynastien herzogliche Rechte ausübten, zeigt, dass die Zeit der Stammesherzogtümer vorbei war. Auch in Sachsen hatte neben dem Billunger-Herzog der Erzbischof von Bremen Herzogsrechte. Und außerdem war da ja noch Otto von Nordheim.


Heinrich kämpfte um sein Königtum. Er erkannte den Papst als Schiedsrichter im Thronstreit nicht an. Gregor bannte ihn deshalb zum zweitenmal. Doch alle hatten den Geiferer satt. So konnte der König auf seiner Synode in Brixen Gregor ab- und den Erzbischof von Ravenna als Clemens III. einsetzen. Aber Gregor blieb hart. Mathilde von der Toskana hatte ihm ihren Privatbesitz geschenkt, ihn allerdings als päpstliches Lehen zurückerhalten.


Heinrichs Gegenkönig wurde in einem Gefecht an der weißen Elster die rechte Hand, die Schwurhand, abgehauen, ein Zeichen, dass Gott den Treubrüchigen gestraft hatte. Erst ein Jahr nach diesem Gottesurteil wurde in Ochsenfurt ein neuer Gegenkönig gewählt: Graf Hermann von Salm-Luxemburg. Heinrich zog trotzdem nach Rom, um endlich Kaiser zu werden. Nur die Stadt hielt noch zu Papst Gregor. So machte Heinrich einen “Umritt” durch bella Italia, warb für sich, brachte alten Reichsbesitz wieder an sich, kassierte auch die mathildischen Güter  wieder ein und tat die Markgräfin in die Reichsacht. Während Gregor seine Bannflüche um sich schleuderte, versuchte Heinrich die Römer zum Abfall vom Papst zu bewegen. Schließlich gelang es einem Stoßtrupp von zehn Mann, über die Mauer zu klettern und das Heer einzulassen. Es war höchste Zeit gewesen. Die Malaria ließ “des Nordens Krieger dahinschmelzen, wie den Schnee des Landes, aus dem sie gekommen.”

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