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Die große Politik machte jetzt Papst Urban. Er hielt in Clermont-Ferrand eine französische Synode und auf der heutigen Place Delille eine weltbewegende Rede. Er berichtete, “die Türken und Araber” seien “in das Gebiet von Romanien vorgestoßen ... in das Land dieser Christen ..., haben eine große Anzahl von ihnen getötet und gefangengenommen, haben die Kirchen zerstört und das Land verwüstet. Wenn ihr ihnen jetzt keinen Widerstand entgegensetzt, werden die Diener Gottes im Orient ihrem Ansturm nicht länger gewachsen sein. ... Der Herr bittet euch ..., dass ihr euch beeilt, dieses gemeine Gezücht aus den von euren Brüdern bewohnten Gebieten zu verjagen und den Anbetern Christi rasch Hilfe zu bringen ... Wenn die, die dort hinunterziehen, ihre Leben verlieren, ... werden ihnen in jener Stunde ihre Sünden vergeben werden. ... Mögen die, die bisher Söldlinge waren um schnöden Lohn, jetzt ewige Belohnung gewinnen;… Wenn ... der Frühling kommt, sollen sie sich fröhlich auf den Weg machen unter Führung des Herrn.” Der Papst gibt als Kennzeichen für die Teilnahme an diesen Zügen ins Heilige Land das Kreuz aus. Die Menge schreit: “Gott will es”. Keiner ahnte, dass er gerade mitgeholfen hatte, das Jahrtausendunternehmen des “Abendlandes” in Gang zu setzen. Schon Gregor VII. hatte einen Kriegszug in den Orient geplant. Er wollte die Wiedervereinigung beider Kirchen, eigentlich: die Unterwerfung der Ostkirche. Die Eroberung der heiligen Stätten war für ihn Nebensache gewesen.


Die Kämpfer des Papstes sind im Nu zur Stelle. Europas Adel nimmt den Bauern immer mehr Land weg, was bleibt, wird oft in Fehden und Jagden verwüstet. Diese Bedrücker sitzen in engen, kalten “festen Häusern”. Erben und bleiben kann nur der Erstgeborene. Die Nachgeborenen müssen sich woanders “Land” suchen, denn Land allein schafft “êre unde guot”. Das Heilige Land versprach nun beides: Land in dieser, Lohn in der jenseitigen Welt.


Selbst die kühnsten Erwartungen wurden überboten. In Niederlothringen und Flandern strömten 10.000  Ritter und 30.000 Kriegsknechte zusammen. Die kleinen Leute wollten es den großen Herren gleich tun. Sie spannten ihre Ochsen vor ihre Karren, luden Frau, Kinder und ihre Habseligkeiten darauf und machten sich auf den Weg. “Und sobald die Kinder ein Schloss oder eine Stadt erblickten, fragten sie eifrig, ob das jenes Jerusalem sei, zu dem sie auf dem Weg waren.” Der Einsiedler Peter von Amiens, klein, mager, düster, ritt barfuß auf einem Esel voran. Emotionsgeladen wälzten sich die Volkshaufen gegen den Rhein. In den Gettos der südfranzösischen und der rheinischen Städte wohnten seit 700 Jahren Juden. Von diesen “Mördern Christi” erschlug man hier wie dort so viele, wie man greifen konnte.


Papst Urban und nach ihm Bernhard von Clairvaux  haben mit ihren Kreuzzug-Aufrufen ungeheure Kräfte mobilisiert. Doch ihre zündenden Worte können es allein nicht bewirkt haben. Wallfahrt zu heiligen Stätten hatte es immer gegeben. Sie gewährte “Ablass” der Sünden. Jetzt wurde der “Kreuzfahrer” nach seinem Gelübde von seinen Schulden und Verpflichtungen befreit. Er und seine Familie unterstanden nicht mehr der weltlichen Gerichtsbarkeit, sondern der kirchlichen. Wer ihn oder seine Habe angriff, griff die Kirche und damit Gott an. Der, der “das Kreuz nahm” , übernahm also nicht nur Verpflichtungen, er bekam große Rechte. Dem Ritter versprach der Kreuzzug außerdem die Erfüllung eines Ritterideals, das zu Hause nicht mehr auszuleben war: das “Abenteuer”. Doch selbst Bauern, ja sogar Habenichtse des städtischen Proletariats, Frauen wie Männer, fühlten sich aufgerufen. Erst ihre Gleichheit vor dem Kirchenrecht machte die Kreuzzüge zur Massenbewegung. Es war nicht nur die Not der Überbevölkerung, die sie alle Verheißungen glauben ließ, es war auch das Bewusstsein der Kreuzfahrer, auserwählt zu sein. Doch diese Auserwähltheits-Ideologie wird sie ins Massengrab führen: Schätzungsweise waren es über eine Million Ritter, die im Laufe von zwei Jahrhunderten auf sieben Kreuzzügen ins Heilige Land zogen. Nur die Hälfte kam am Ziel an, nur ein Zehntel kam wieder heim.


Die den Kaiser gefährdende bayerisch-toskanische Ehe-Allianz war bald auseinandergegangen, der alte Bayernherzog wieder eingesetzt. Der Kaiser konnte über die bayerischen Berge wieder nach Hause. Auch in Schwaben kehrte Ruhe ein: Der gegen den Staufer Friedrich erhobene zähringische Gegenherzog durfte sich zwar weiter Herzog nennen, wurde aber in die Schweiz verwiesen. Der ungetreue Kaisersohn Konrad wurde abgesetzt, der jüngere Kaisersohn Heinrich zum König gewählt. Der Kaiser verkündete 1103 ein vierjähriges Fehdeverbot, den ersten Reichslandfrieden.


Nur der Papst gab keinen Frieden. Er erneuerte sogar das Investiturverbot und den Bann. Und wieder benutzten die Fürsten die Rechtlosigkeit des Kaisers, um ihre Separatpolitik zu betreiben. Wieder Meuterei, wieder Aufstand. Gegen den Kaiser stellte sich sein Sohn an die Spitze der Fürstenopposition. Nach der Verleumdung durch die geile Praxedis und dem Verrat seines Ältesten nun auch noch der Treuebruch des letzten Familienmitglieds.

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